{"id":16620,"date":"2004-05-19T17:53:19","date_gmt":"2004-05-19T15:53:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ankegroener.de\/?p=16620"},"modified":"2015-08-10T17:20:56","modified_gmt":"2015-08-10T15:20:56","slug":"16620","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/?p=16620","title":{"rendered":"Real American Targets"},"content":{"rendered":"<p>Schon komisch, wie schnell man von Hamburg nach Indiana kommt. Jedenfalls per Geruch, Ger\u00e4usch oder Gef\u00fchl.<\/p>\n<p>Manchmal reicht der Geruch von Chlor, und ich muss an <a href=\"http:\/\/www.ankegroener.de\/?p=6093\">Karls<\/a> K\u00fcche denken und daran, dass ich mich immer vor einer Gasexplosion gef\u00fcrchtet habe, sobald er den Herd angemacht hat. Das Ger\u00e4usch von Pokerchips l\u00e4sst mich an die fiesen Abende denken, die wir mit seinem Freund Tom und seinem Bruder und viel zu viel Budweiser verbracht haben und an denen ich wirrste Varianten von <em>stud poker<\/em> gelernt und bis heute behalten habe. Und bei jedem Becher eiskaltem Ben &#038; Jerry&#8217;s in meiner Hand denke ich an meinen ersten Besuch in einem amerikanischen Supermarkt, bei dem ich fast in die K\u00fchlschr\u00e4nke gekrochen bin, so sehr hat mich die Gr\u00f6\u00dfe der Teile beeindruckt.<\/p>\n<p>Und manchmal bekommt man sogar alles auf einmal. Einen Geruch, ein Ger\u00e4usch, ein Gef\u00fchl.<\/p>\n<p>Wir hatten gestern in der Agentur unsere so genannte Unitrunde. Dabei wurde unser Team von den Cheffes an einen uns vorher nicht bekannten Ort gef\u00fchrt, wo wir dann uns vorher nicht bekannte Dinge tun w\u00fcrden. Wir trabten also gespannt durch die Hamburger Innenstadt \u2013 Thalia Theater? M\u00fcssen wir Text lernen? Kunsthalle? Malen? Oder gucken wir uns blo\u00df die Baustelle der Europa-Passage an? \u2013, bis wir vor einer unscheinbaren T\u00fcr stehenblieben, die, glaube ich, niemandem von uns jemals aufgefallen war. Aber die Aufschrift an der T\u00fcr war deutlich: Hanseatic Gun Club. <\/p>\n<p>Wir w\u00fcrden in der Gegend rumballern d\u00fcrfen. Mit echten Knarren und scharfer Munition. Der Alptraum jedes Zivildienstleistenden.<\/p>\n<p>Sobald ich das T\u00fcrschild gelesen hatte, hatte ich ein Grinsen im Gesicht, das den ganzen Nachmittag nicht wieder wegging. Und als ich die automatische Pistole in der Hand hatte, war alles wieder da: die Erinnerung an die Nachmittage mit Karl und Tom auf einer <em>shooting range<\/em>, drei Sandbahnen, die wie selbst geschaufelt aussahen und sich malerisch direkt hinter einen Campingplatz mitten in der Pampa schmiegten. Meine anf\u00e4ngliche Angst vor den Knarren, die Tom zu dutzenden aus seinem Waffenkoffer holte (stilecht mit NRA-Aufkleber und &#8220;Guns don&#8217;t kill people. People kill people&#8221;-Gl\u00fcckskeksweisheit). Meinen Respekt, den mir die beiden vermittelten, indem sie mir jeden Hebel an jeder Waffe erkl\u00e4rten, bevor ich sie \u00fcberhaupt anfassen geschweige denn laden durfte. Und dieses unglaubliche Gef\u00fchl, als ich zum ersten Mal eine Waffe abgefeuert habe.<\/p>\n<p>Als der Plan aufkam, mal auf die <em>shooting range<\/em> zu fahren, um mir das ultimative Touri-Erlebnis zu bescheren, hatte ich mich mit H\u00e4nden und F\u00fc\u00dfen gewehrt. Ich war wirklich nicht wild darauf, mit echter Munition in der Gegend rumzuknallen und hatte, ehrlich gesagt, auch ein bisschen Schiss. Die beiden haben locker gesagt, wenn du nicht willst, dann musst du nicht. Guck erstmal zu, und wenn du doch Bock hast, sag Bescheid.<\/p>\n<p>Also habe ich zugeguckt, wie die beiden Toms Arsenal scharf gemacht haben. Als ich fragte, worauf sie denn \u00fcberhaupt schie\u00dfen w\u00fcrden, grinste Tom nur, \u00f6ffnete den Kofferraum seines Autos und zerrte drei M\u00fclls\u00e4cke voll leerer Bierdosen heraus: &#8220;Real Americans aim at real American targets \u2013 Budweiser cans.&#8221; <\/p>\n<p>Karl und Tom best\u00fcckten die Sandd\u00fcne der 25 Yards-Bahn (die 50er und 100er waren zu meinem Blindfisch-Gl\u00fcck besetzt), stellten sich in Positur und begannen, die Dosen abzuschie\u00dfen. Nat\u00fcrlich dauerte es nur ungef\u00e4hr 30 Sekunden, bis ich es auch mal versuchen wollte. Und so habe ich meine erste Waffe in die Hand genommen: eine <a href=\"http:\/\/www.taurususa.com\/\">halbautomatische .40er<\/a>. Sie war schwerer als ich erwartet hatte, obwohl sie noch nicht geladen war. Ich muss gestehen, ich war von der Optik ziemlich beeindruckt. Innerhalb einer Sekunde war das Unbehagen, eine t\u00f6dliche Waffe in der Hand zu haben, der Faszination gewichen, ein St\u00fcck absolut pr\u00e4zise, k\u00fchle Mechanik zu erleben.<\/p>\n<p>Ich habe das Magazin mit den Kugeln best\u00fcckt, habe mir nochmal das Zielen erkl\u00e4ren lassen, das Entsichern, den Abzug, das Schie\u00dfen. Tom und Karl hatten mir auch erz\u00e4hlt, dass der R\u00fccksto\u00df sehr stark sei und dass ich mich nicht erschrecken solle. Hab ich nat\u00fcrlich trotzdem, denn auf dieses Gef\u00fchl, dass mir gleichzeitig beide H\u00e4nde hochgerissen und die Schultern zur\u00fcckgedr\u00fcckt wurden und es auch mit Ohrst\u00f6pseln noch h\u00f6llisch laut knallte, war ich trotz aller Erl\u00e4uterungen nicht vorbereitet. Aber nach dem ersten Schreck war ich angefixt. Ich habe wie Dirty Harry breitbeinig im Sand gestanden und wie bl\u00f6de Bierdosen weggeknallt. Und meine Fresse, hat das einen Heidenspa\u00df gemacht.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.ankegroener.de\/razza\/..\/Bilder\/budweiser_can1.jpg\" alt=\"\" title=\"budweiser_can\" width=\"360\" height=\"480\" class=\"alignnone size-full wp-image-16619\" \/><\/p>\n<p>Im Laufe meines Urlaubs waren wir noch mehrmals auf der <em>range<\/em>, teils mit noch mehr Bierdosen (selbst geleert, selbst abgeschossen), teils mit Zielscheiben, die wir in einem Anglerladen beim Campingplatz gekauft haben. Ich bin der .40er treu geblieben, habe aber auch noch mit einem <a href=\"http:\/\/www.smith-wesson.com\/webapp\/wcs\/stores\/servlet\/Category4_750001_750051_757767_-1_757751_757751_image\">.38er Revolver<\/a> rumgeballert und der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Desert_Eagle\">Desert Eagle<\/a>, eine .44er, die so schwer war, dass ich nach jedem Schuss die Arme runternehmen musste. Dieses Erlebnis und das Gef\u00fchl, das ich mitgenommen habe, waren einmalig: sehr intensiv, sehr besonders und sehr amerikanisch.<\/p>\n<p>Ich h\u00e4tte nicht gedacht, dass ich dieses Gef\u00fchl nochmal erleben w\u00fcrde, jetzt, wo Karl nicht mehr mit mir auf Bierdosen schie\u00dfen kann. Aber komischerweise hat es sich fast so angef\u00fchlt, als w\u00e4re er gestern dabei gewesen. Ich habe ihn gesp\u00fcrt, als ich zum ersten Mal die Pistole und danach den Revolver in die Hand genommen und erstaunt festgestellt habe, dass sich meine H\u00e4nde an das Gef\u00fchl sofort erinnern, eine Waffe zu halten. Ich hatte keine Angst mehr vor dem R\u00fccksto\u00df und dem Knall, weil ich wusste, was kommt. Und ich habe mich sofort wieder an den seltsamen metallischen Geruch erinnert, der danach an den H\u00e4nden klebt.<\/p>\n<p>Es war sch\u00f6n, mal wieder nach Indiana zu kommen, auch wenn der Klo\u00df im Hals im Laufe des Abends immer dicker wurde.<\/p>\n<p>Hab mir ne gute Agentur ausgesucht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schon komisch, wie schnell man von Hamburg nach Indiana kommt. Jedenfalls per Geruch, Ger\u00e4usch oder Gef\u00fchl. Manchmal reicht der Geruch von Chlor, und ich muss an Karls K\u00fcche denken und daran, dass ich mich immer vor einer Gasexplosion gef\u00fcrchtet habe, sobald er den Herd angemacht hat. Das Ger\u00e4usch von Pokerchips l\u00e4sst mich an die fiesen [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":10,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-16620","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-weblog"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/16620","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/10"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=16620"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/16620\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":22297,"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/16620\/revisions\/22297"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=16620"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=16620"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=16620"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}