{"id":15706,"date":"2012-02-21T08:41:49","date_gmt":"2012-02-21T06:41:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ankegroener.de\/?p=15706"},"modified":"2012-02-21T08:41:49","modified_gmt":"2012-02-21T06:41:49","slug":"newbies-entneuen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/?p=15706","title":{"rendered":"Newbies entneuen"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/derbe.blogger.de\/stories\/1436902\/\">Vor einiger Zeit<\/a> lud ich Frau Lu ein, mit mir in die Oper zu gehen. Nat\u00fcrlich in Puccinis <em><a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Turandot_(Oper)\">Turandot<\/a><\/em>, denn das ist die Oper, mit der ich alle und jeden \u00fcberzeugen will, dieser Kunstform eine Chance zu geben. <\/p>\n<p>Ich mag an <em>Turandot<\/em>, dass alles auf der B\u00fchne bzw. im Orchestergraben passiert, was ich pers\u00f6nlich so toll an Opern finde: Bombastkl\u00e4nge, die sich mit ganz zarten Stellen abwechseln. Massive Ch\u00f6re versus einzelne Arien, wovon die bekannteste nat\u00fcrlich <em>Nessun dorma<\/em> ist. Und obwohl ich sonst eine Aversion gegen diese Mitsinglieder habe (deswegen mag ich Wagner so gerne) \u2013 f\u00fcr Anf\u00e4nger_innen ist das ganz praktisch, wenigstens ein St\u00fcck zu haben, das sie vielleicht schon mal geh\u00f6rt haben. (Behaupte ich mal. Noch hat niemand widersprochen.) Au\u00dferdem im Angebot: komische Figuren wie Ping, Pang und Pong versus tragische wie Li\u00f9 und nat\u00fcrlich eine Story, die viel zu gro\u00df ist f\u00fcr das wahre Leben, weswegen sie auf eine Opernb\u00fchne geh\u00f6rt. Vom feministischen Standpunkt darf man sich so gut wie keine Oper angucken, daher blende ich die wahlweise kreuzdummen und\/oder opferbereiten Frauenfiguren immer aus und konzentriere mich auf ihre Melodien anstatt ihre Texte. Genau wie ich bei <em>Krieg und Frieden<\/em> n\u00f6lig \u00fcberlese, dass auch hier Frauen kleine Hohlbirnen sind, w\u00e4hrend die M\u00e4nnerwelt das gro\u00dfe Drama kriegt. Mein Mantra: Das waren andere Zeiten, da muss ich jetzt durch. W\u00e4re aber trotzdem mal sch\u00f6n, eine moderne Oper mit guten Frauenfiguren zu kriegen.<\/p>\n<p>(Zu diesem Thema gibt&#8217;s \u00fcbrigens ein <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Opera:_The_Undoing_of_Women\">Buch<\/a>, das ich aber noch nicht gelesen habe. Wahrscheinlich gibt&#8217;s sogar dutzende, aber das hier rennt mir immer \u00fcber den Weg, wenn ich in diese Richtung rumgoogele.)<\/p>\n<p>Zur\u00fcck zu Lu und ihrem ersten Opernbesuch. Wenn ich ihren Blogeintrag richtig deute, hat es ihr gefallen, was mich pers\u00f6nlich sehr gefreut hat. Nichts ist schlimmer als jemanden nach zwei, drei Stunden wieder ans Tageslicht zu zerren und zu h\u00f6ren: \u201eUh, da gehe ich nie wieder hin.\u201c Sowas hatte ich n\u00e4mlich auch mal, was ich aber sowohl auf die Starrk\u00f6pfigkeit meines damaligen Kumpels als auch auf die St\u00fcckauswahl zur\u00fcckf\u00fchre.<\/p>\n<p>Damals gab es den kompletten <em><a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ring_des_Nibelungen\">Ring<\/a><\/em> in Hannover, und ich bequietsche wieder Hinz und Kunz, doch mal mitzukommen. Heute wei\u00df ich: Wagner mag als Einstiegsdroge funktionieren (meine erste Oper war <em><a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Siegfried_(Oper)\">Siegfried<\/a><\/em>), aber nicht bei jedem. Besagter Kumpel meldete sich todesmutig f\u00fcrs <em><a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Das_Rheingold\">Rheingold<\/a><\/em>, und ich warnte sofort: \u201eDas ist die sperrigste Oper von den vieren, und es ist eher eine Exposition als ein abgeschlossenes St\u00fcck, und eigentlich guckt man das auch nur, weil man die anderen drei eben auch guckt, und au\u00dferdem hat es keine Pause, in der man notfalls gehen kann.\u201c Hat alles nichts genutzt, mein Kumpel kaufte sich eine Karte. Meine Warnungen gingen weiter: \u201eLies dir den Inhalt durch. Wagner kapiert kein Mensch ohne Sekund\u00e4rliteratur.\u201c Damals waren \u00dcbertitel noch nicht so gang und gebe, wie sie es heute gl\u00fccklicherweise sind, weswegen man eben schlicht wissen musste, wer diese seltsamen Wesen da vorne sind und \u00fcber was sie singen, denn den Text versteht man meist auch nicht. Das wei\u00df man alles, wenn man schon mal in der Oper war, weswegen ich auch nicht m\u00fcde wurde, es meinem Kumpel zu erz\u00e4hlen, aber er brachte den Krachersatz: \u201eIch m\u00f6chte das alles unvoreingenommen auf mich wirken lassen.\u201c<\/p>\n<p>Ich erz\u00e4hlte ihm immerhin vor der Vorstellung noch flugs den Inhalt, den ich mir mal wieder anlesen musste \u2013\u00a0ich habe den <em>Ring<\/em> mindestens schon f\u00fcnfmal komplett gesehen und vergesse trotzdem immer wieder, wer nun mit wem warum und was \u2013, aber nach zweieinhalb Stunden hatte ich ein H\u00e4ufchen genervtes Elend neben mir, das den zweiten Krachersatz brachte, den ich ihm bis heute \u00fcbel nehme: \u201eIch f\u00fchle mich wie vergewaltigt.\u201c<\/p>\n<p>UND ICH SAG NOCH, NIMM NE ANDERE OPER, ABER DU &#8230;<\/p>\n<p>*seufz*<\/p>\n<p>Ich habe mit dem Mann keinen Kontakt mehr, aber ich bin ziemlich sicher, dass er nicht unbedingt zu einem Opernfan wurde.<\/p>\n<p>Am Sonntag sa\u00df ich mit zwei charmanten Damen in der Laeiszhalle, wo die Hamburger Symphoniker neben Ausz\u00fcgen aus Strawinskys <em><a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Apollon_musag%C3%A8te\">Apollon musag\u00e8te<\/a><\/em> eine Runde <em>G\u00f6tterd\u00e4mmerung<\/em> gaben. Wenn ich richtig zugeh\u00f6rt habe, war es die Ouvert\u00fcre mit ein bisschen Krimskrams und dann als Rausschmei\u00dfer den Schlussgesang der Br\u00fcnnhilde, die 15 Minuten lang von der Welt Abschied nimmt, die dann auch brav in Flammen aufgeht. <\/p>\n<p>Das Tolle an der <em>G\u00f6tterd\u00e4mmerung<\/em> ist, dass sich in ihr all die vielen <a href=\"http:\/\/www.richard-wagner-werkstatt.com\/ring\/\">Leitmotive<\/a> wiederfinden, die man drei Opern lang gelernt hat. Das Rheingold, die Rheint\u00f6chter, Mime, Siegfried, dessen Schwert Nothung, Wotan, dessen Speer, die Walk\u00fcren nat\u00fcrlich (das Motiv sollte jeder erkennen), Walhall, der Walk\u00fcrenfelsen und so weiter und so sch\u00f6n. So hangelt sich das St\u00fcck gef\u00fchlt an all diesen Motiven entlang, die ich nat\u00fcrlich kannte \u2013\u00a0und ich habe mich die ganze Zeit gefragt, wie sich die Musik f\u00fcr jemanden anf\u00fchlt, der nichts davon erkennt (bis auf die Walk\u00fcren). Ich bin fast ein bisschen neidisch auf die Menschen, die noch nie in der Oper waren, weil sie noch so viel zu entdecken und zu erf\u00fchlen haben, was f\u00fcr mich schon fast normal ist. Wenn man sich auf diese \u00fcberkandidelte, hochemotionale Kunstform einlassen will, belohnt sie meiner Meinung nach mehr als jede Sinfonie. Deswegen war ich sehr auf das Urteil meiner Begleitung gespannt.<\/p>\n<p>Dame 1 meinte, Oper w\u00e4re schlicht nicht ihr Ding, Opernstimmen empf\u00e4nde sie als anstrengend (absolut berechtigte Kritik), und daher h\u00e4tte ihr Strawinsky besser gefallen. Dame 2 dagegen hatte diesen Gesichtsausdruck, den ich auch von mir kenne: dieses leicht fassungslos-faszinierte \u201eWas war das denn? Und wo war das mein ganzes Leben lang?\u201c Ich behaupte, die Welt ist ein bisschen anders, wenn einen ein Film mitnimmt oder eben eine Oper; man stolpert in die Realit\u00e4t, die sich ein bisschen zu grau anf\u00fchlt, w\u00e4hrend eben alles noch gold war. Und \u2013 ja, Fangirlgequatsche \u2013 Wagner ist f\u00fcr mich einfach der Meister im \u201eWas war das denn?\u201c-Erzeugen, denn seine Musik ist f\u00fcr mich schlicht einzigartig. Beim ersten Mal wahrscheinlich unbegreifbar, aber deshalb nicht weniger unwiderstehlich. Jedenfalls hat die Dame den bisher besten Satz gesagt, den ich mit Newbies hatte: \u201eDas w\u00fcrde ich mir auch f\u00fcnf Stunden lang anh\u00f6ren.\u201c<\/p>\n<p>Damit habe ich endlich eine Begleitung f\u00fcr Wagner in Hamburg gefunden. In dieser Spielzeit h\u00e4tten wir noch den <em><a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Der_Fliegende_Holl%C3%A4nder\">Holl\u00e4nder<\/a><\/em>, <em><a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Tristan_und_Isolde_(Oper)\">Tristan und Isolde<\/a><\/em>, <em><a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Parsifal\">Parsifal<\/a><\/em> und den kompletten <em>Ring<\/em> im Angebot.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor einiger Zeit lud ich Frau Lu ein, mit mir in die Oper zu gehen. Nat\u00fcrlich in Puccinis Turandot, denn das ist die Oper, mit der ich alle und jeden \u00fcberzeugen will, dieser Kunstform eine Chance zu geben. 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