{"id":14776,"date":"2011-11-29T08:31:15","date_gmt":"2011-11-29T06:31:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ankegroener.de\/?p=14776"},"modified":"2011-11-29T14:25:51","modified_gmt":"2011-11-29T12:25:51","slug":"neidische-lekture","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/?p=14776","title":{"rendered":"Neidische Lekt\u00fcre"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>\u201eGew\u00f6hnlich nahm man in M\u00e4hrisch-Ostrau pro Tag f\u00fcnf Mahlzeiten zu sich. Fr\u00fchst\u00fcck gab es um halb acht Uhr morgens. Um zehn Uhr bekamen die Kinder ihr Gabelfr\u00fchst\u00fcck: Butterbrot mit Wurst, hartgekochte Eier und Obst. Viele M\u00e4nner begaben sich um diese Zeit f\u00fcr eine halbe Stunde in ein Bierrestaurant, um ein kleines Gulasch oder \u201eSalonbeuschel\u201c zu essen und ein Glas Bier zu trinken. Zwischen zehn und halb elf wurde in den B\u00fcros und L\u00e4den wenig gearbeitet; alle waren mit dem Essen besch\u00e4ftigt. Zwei Stunden sp\u00e4ter ging man zum Mittagessen \u2013 nach Hause selbstverst\u00e4ndlich, denn es war nicht \u00fcblich, ins Restaurant zu gehen \u2013 und dann folgte ein kleiner Verdauungsschlaf. Daraufhin spazierte man ins Caf\u00e9, um eine Tasse Mokka zu trinken und eine Partie Tarock oder Bridge zu spielen und sich dann schlie\u00dflich noch f\u00fcr eine Stunde an die Fronarbeit zu begeben.<\/p>\n<p>Es war ein anstrengendes Leben, und gegen halb f\u00fcnf Uhr nachmittags waren die meisten wieder hungrig und mussten ihre Jause haben. Eine echt \u00f6sterreichische Jause aber besteht aus mehreren gro\u00dfen Tassen Kaffee mit \u201eSchlag\u201c, Torte, Guglhupf und Kleingeb\u00e4ck. Sie ist eine weibliche Institution; meiner Mutter zum Beispiel machte es nichts aus, das Mittagessen oder die Abendmahlzeit auszulassen, aber ihre Jause <em>musste<\/em> sie haben. Oft beklagte sie sich, dass sie zunahm, obgleich sie\u00a0\u201edoch eigentlich nichts a\u00df\u201c. An der Jause konnte es nicht liegen, sagte sie, denn \u201evon der Jause nimmt kein Mensch zu\u201c. <\/p>\n<p>Diese asketische Di\u00e4t, zu der noch Ap\u00e9ritifs, Vorspeisen und ein \u00fcppiges Abendessen hinzugerechnet werden m\u00fcssen, zwang viele B\u00fcrger unserer Stadt, einmal j\u00e4hrlich nach Karlsbad zu fahren, strenge Kur zu machen, f\u00fcnfzehn Pfund abzunehmen, um auf diese Weise f\u00fcr ein weiteres Jahr ihrer Di\u00e4t ger\u00fcstet zu sein.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Joseph Wechsberg (Gerda von Uslar, \u00dcbers.), <em>Forelle blau und schwarze Tr\u00fcffeln<\/em> (1953)<\/p>\n<p>Wie ich gestern schon auf G+ <a href=\"https:\/\/plus.google.com\/113607258134538450243\/posts\/CPG2z1cCu8M\">schrieb<\/a>:<\/p>\n<p>Wem Torbergs <em>Tante Jolesch<\/em> gefallen hat, sollte sich auch dieses Buch besorgen. Man darf es allerdings nur lesen, wenn man sich in der N\u00e4he einer gut gef\u00fcllten Speisekammer befindet. <\/p>\n<p>Hier die <em>Spiegel<\/em>&#8211;<a href=\"http:\/\/wissen.spiegel.de\/wissen\/image\/show.html?did=46169288&#038;aref=image036\/2006\/03\/06\/cqsp196504085-P2P-085.pdf&#038;thumb=false\">Kurzrezension<\/a> von 1965:<\/p>\n<p>\u201eEin Amerikaner aus M\u00e4hren, Kirchenrechtler und vor\u00fcbergehend Erster Geiger des Folies Berg\u00e8re, feiert in gediegenen Feuilletons die gro\u00dfen Wirte, Weinkenner und K\u00f6che, die er aufgesucht hat. Man lernt, dass Zuckerr\u00fcbenbrei das feinste Ochsenfutter darstellt; dass Ente und Orangen doch nicht recht zusammenpassen; dass Weine, gleich Kindern, nur bedingt erziehbar sind. Es spricht f\u00fcr Joseph Wechsberg, dass er, ohne anzusto\u00dfen, in einem Atemzug von Judenmorden und Tr\u00fcffelgewinnung zu schreiben versteht. (Rowohlt; 268 Seiten; 16,80 Mark.)\u201c<\/p>\n<p>In der Woche des Erscheinens war \u00fcbrigens Frischs <em>Mein Name sei Gantenbein<\/em> auf Platz 1 der Bestsellerliste.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eGew\u00f6hnlich nahm man in M\u00e4hrisch-Ostrau pro Tag f\u00fcnf Mahlzeiten zu sich. Fr\u00fchst\u00fcck gab es um halb acht Uhr morgens. Um zehn Uhr bekamen die Kinder ihr Gabelfr\u00fchst\u00fcck: Butterbrot mit Wurst, hartgekochte Eier und Obst. 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