{"id":14220,"date":"2011-09-20T07:37:46","date_gmt":"2011-09-20T05:37:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ankegroener.de\/?p=14220"},"modified":"2011-09-20T07:37:46","modified_gmt":"2011-09-20T05:37:46","slug":"konfettiwochenende","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/?p=14220","title":{"rendered":"Konfettiwochenende"},"content":{"rendered":"<p>Morgens in den Zug nach Dresden gestiegen. Die ganze Zeit aufs Elbpanorama gefreut, das mich bei der letzten <a href=\"http:\/\/www.ankegroener.de\/?p=1812\">Anfahrt<\/a> so begeistert hatte, nur um gut vier Stunden sp\u00e4ter festzustellen, dass entweder der Bahnhof oder die Elbe versetzt wurde oder dass ich beim letzten Mal aus einer anderen Richtung gekommen bin \u2013\u00a0kein Elbpanorama, keine Arme, keine Kekse.<\/p>\n<p>Es sind zehn Grad mehr als in Hamburg, es ist stickig, gelbliches Licht liegt \u00fcber der Stadt. Das Intercity-Hotel ist daf\u00fcr auf Hamburger Verh\u00e4ltnisse runtergek\u00fchlt, ich bekomme ein \u00d6ffiticket in die Hand gedr\u00fcckt, freue mich dar\u00fcber und nutze es sofort, um mit der 8 oder der 9 in Richtung Zwinger\/Semperoper\/Gr\u00fcnes Gew\u00f6lbe und was da noch alles rumsteht zu fahren. Tramfahren! Jeder Tag ist ein guter, an dem man Tram fahren kann.<\/p>\n<p>Der Zwinger ist, im Gegensatz zum letzten Mal, sch\u00f6n voll. Zehn Euro zahlen, nur um zwei Raffaels anzugucken: ich. Im Stechschritt durch die fl\u00e4mischen Meister, ein hilfloser Blick an den W\u00e4nden entlang, schlie\u00dflich frage ich: die italienische Renaissance? und werde freundlich in die richtige Richtung geschickt. <\/p>\n<p>Ein kleiner abgetrennter Bereich weist auf die Sonderausstellung \u201e<a href=\"http:\/\/www.skd.museum\/de\/sonderausstellungen\/vorschau\/himmlischer-glanz\/index.html\">Himmlischer Glanz<\/a>\u201c hin: \u201eRaffael malte die gro\u00dfe, mehr als drei Meter hohe Altartafel der \u201e<a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Madonna_di_Foligno\">Madonna di Foligno<\/a>\u201c 1512, bevor er im gleichen Jahr von Papst Julius II. den Auftrag zur \u201e<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Sixtinische_Madonna\">Sixtinischen Madonna<\/a>\u201c erhielt. Beide Gem\u00e4lde standen also vor circa f\u00fcnf Jahrhunderten mutma\u00dflich zeitgleich in Raffaels Atelier und werden jetzt erstmalig wieder vereint.\u201c Ich bin verz\u00fcckt von den Engelchen der Sixtinischen Madonna, obwohl ich damit gerechnet habe, sie eher belanglos zu finden, weil ich sie von Keksdosen und Kitsch kenne, und verzaubert von den Farben der Madonna di Foligno. Alles ist erleuchtet.<\/p>\n<p>Ein kleiner Bummel an den restlichen Exponaten vorbei, nichts, was mich f\u00e4ngt au\u00dfer dem <a href=\"http:\/\/twitpic.com\/6m8lmy\">Heiligen Sebastian<\/a> von Regnier, der ein st\u00e4ndiger Gast in Dresden ist. Wieder raus, ein dickes L\u00e4cheln im Gesicht, Zwinger, Semperoper, Gr\u00fcnes Gew\u00f6lbe, wundersch\u00f6n, das Licht, die Luft, nur gut gelaunte Menschen, und in 90 Minuten bin ich schon wieder hier, um mir Dvoraks <em><a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Rusalka_(Oper)\">Rusalka<\/a><\/em> in der <a href=\"http:\/\/www.semperoper.de\/oper\/repertoire\/spielzeit-201011\/detailansicht\/details\/54887\/besetzung\/1273.html\">Inszenierung<\/a> von Stefan Herheim anzuschauen.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck ins Hotel und opernfein machen. Theoretisch. Die schwarzen Schuhe vergessen, weswegen ich zu schwarzem Hemd und Hose meine wei\u00dfblaupinken Nikes trage. Der Dresscode der restlichen Besucher ist allerdings teilweise noch legerer, was mich erstaunt und erleichtert. Ein kurzer Einf\u00fchrungsvortrag erkl\u00e4rt mir, dass heute abend nicht Rusalka die Hauptperson ist, sondern der Wassermann: Er steht stellvertretend f\u00fcr \u201eden Mann\u201c, der sich mit \u201eden Frauen\u201c auseinandersetzt, mit den Vorstellungen, die er von ihnen hat und damit, wie sie ihn damit kleinkriegen. Ich bin ein bisschen quengelig, weil ich mit dem \u00fcblichen Aufmarsch von Huren und Heiligen rechne, aber schauen wir mal.<\/p>\n<p>Huren und Heilige habe ich dann auch bekommen, und so ganz \u00fcberzeugt hat mich die Deutung nicht, aber schei\u00dfegal. Denn was ich noch bekommen habe: wieder einiges, was ich so noch nie in der Oper gesehen hatte. Schon der Anfang hat mich erwischt. Sonst so: Das Saallicht erlischt, die\/der Dirigent_in kommt in den Orchestergraben, freundliches Klatschen, Stille, Ouvert\u00fcre, Vorhang hoch, los geht&#8217;s. Hier so: Das Saallicht wird gedimmt, bleibt aber an, der Vorhang geht auf, und die Handlung beginnt einfach mal ohne Musik. Und mittendrin geht sie dann los, ohne dass ich mitbekommen h\u00e4tte, dass der Dirigent reingekommen ist. Und wie in Herheims <em><a href=\"http:\/\/www.ankegroener.de\/?p=13764\">Parsifal<\/a><\/em>, der mich v\u00f6llig fertiggemacht hat, passieren auch hier wieder lauter Dinge, die ich erst mitbekomme, wenn sie passiert sind. Au\u00dferdem tanzen Gummipuppen und Barhocker, Spiegel schieben sich vor Geb\u00e4ude, eine U-Bahnstation ist ein Blumenladen, der F\u00f6rster ist ein Kiffer, die Nixen schweben anstatt zu schwimmen, irgendwann tauchen Wasserwesen im Saal auf, und pl\u00f6tzlich regnet es rotes Glitzerkonfetti auf das Publikum. Ich muss mich beherrschen, nicht zwischendurch zu klatschen oder kurz mal \u201eIhr seid alle irre, aber meine G\u00fcte, macht das alles Spa\u00df!&#8221; in Richtung Akteure und Akteurinnen zu br\u00fcllen, weil es so herrlich ist, so frisch und aufregend und \u00fcberhaupt nicht m\u00e4rchenhaft-schnarchig, und gleichzeitig so poetisch und tieftraurig. Wundervolle Stimmen, tolle Inszenierung. In der Pause stehe ich mit Sektglas und Zur-Feier-des-Tages-Zigarette zwischen Oper und Zwinger, die nachts beleuchtet sind, gucke um mich rum auf die ganze Historie vor und hinter mir, atme tief ein und aus und ein und aus und bin gl\u00fccklich.<\/p>\n<p>Beim Rausgehen ein bisschen Glitzerkonfetti aufgehoben und ins Portemonnaie gesteckt.<\/p>\n<p>Im Hotel Twitter nachlesen; viele Menschen haben die <em>Nudeldicke Deern<\/em> in der Post und freuen sich oder sie schon durchgelesen und freuen sich. Ich lese Tweets und freue mich noch mehr und poste die bekannteste <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=a1PMzQ8PuCo\">Arie<\/a> aus <em>Rusalka<\/em>.<\/p>\n<p>Der n\u00e4chste Morgen wirft mich fr\u00fch aus dem Bett, ein Taxi bringt mich zum Flughafen. Der Taxifahrer weist mich auf das Elbpanorama hin, und ich bin vers\u00f6hnt. Au\u00dferdem erz\u00e4hlt er mir, dass Dresden die h\u00f6chste Geburtenrate Deutschlands habe. Kein Wunder. Hier scheint sich&#8217;s aushalten zu lassen.<\/p>\n<p>Eine gute Stunde sp\u00e4ter bin ich in M\u00fcnchen, wo die Lufthansa uns launig ein \u201ez\u00fcnftiges G&#8217;suffa\u201c w\u00fcnscht. Mein charmanter Begleiter und ich telefonieren erstmal 20 Minuten, bis wir uns gefunden haben. \u201eDu musst links rausgehen!\u201c &#8211; \u201eWelches links?\u201c Dann fahren wir in die \u00e4lteste Brauerei der Welt, um zu fr\u00fchst\u00fccken. Ich esse das erste Mal im Leben K\u00e4sesp\u00e4tzle zum Fr\u00fchst\u00fcck, verstehe den Kellner nicht, weil er eine Mischung aus kroatisch und bayerisch spricht, bin aber sowieso weichgekocht, weil wir die ganze Zeit mit Humtata aus dem Lautsprecher begleitet werden.<\/p>\n<p>Der Spaziergang im botanischen Garten f\u00fchrt zur ersten Niederlage meiner Nordischkeit, als ich zugeben muss, dem b\u00f6sen M\u00fcnchener Regen nichts Ad\u00e4quates entegegenzusetzen zu haben. Meine schnuffige Kapuzenjacke ist eine Memme, aber mein Begleiter hat nicht nur zwei Regenjacken, sondern auch noch einen Schirm dabei. Ich lerne erstaunt, dass es einen <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Lebkuchenbaum\">Lebkuchenbaum<\/a> gibt, wir am\u00fcsieren uns \u00fcber Zier\u00e4pfel in der Gr\u00f6\u00dfe von Mirabellen und verstehen nicht, warum Rosen nicht immer Rosen hei\u00dfen. <\/p>\n<p>Auf der Autobahn beginne ich Musik zu sch\u00e4tzen, von der ich nie gedacht h\u00e4tte, dass ich sie mag, was daran liegen k\u00f6nnte, dass sie herrlich laut ist, und Musik kann ja nie laut genug sein. Wir br\u00fcllen uns bis nach M\u00fcnchen an, ich bekomme eine Quasi-Stadtf\u00fchrung aus dem Auto heraus, die an der S\u00e4bener Stra\u00dfe endet, beim Trainingsgel\u00e4nde von Bayern M\u00fcnchen. Der Begleiter ignoriert die geschlossene Schranke, ich <em>peer-pressure<\/em>-K\u00fcken stolpere hinterher, und wir werden beide zu Recht von irgendeinem Aufpasser angeschnauzt. Der Verein ist mir sofort unsympathisch, aber das h\u00e4lt nur 30 Sekunden, bis ich durchs Fenster drei fette Europapokale ersp\u00e4he. <\/p>\n<p>Bei Kaffee und K\u00e4sekuchen werden dann bei ihm Stoppuhren ignoriert und M\u00fcnchener Reisef\u00fchrer gew\u00e4lzt, wir diskutieren die Theorie, dass Frauen immer frieren (\u201eFrauen frieren nur, wenn sie nichts essen, und au\u00dferdem zieht dein Backofen.\u201c \u2013 \u201eJa, der ist ein bisschen psychotisch drauf.\u201c), die gr\u00f6\u00dften kulturellen Errungenschaften, auf die wir nicht verzichten wollen (\u201eBayreuth\u201c \u2013 \u201eChampions League\u201c), und dann ist es schon Zeit, um sich zur Kneipe aufzumachen, wo das Spiel Schalke-Bayern \u00fcbertragen wird. Wir verteidigen tapfer unsere Pl\u00e4tze gegen allzu zutrauliche Menschen,  Currywurst und Bier f\u00fcr ihn, Bier und Bier f\u00fcr mich, zweimal Torjubel, und ich verleihe Petersen den Ehrentitel Schnucki 2.<\/p>\n<p>Die Zeit reicht kaum noch f\u00fcr einen anst\u00e4ndigen Abschied, aber ich hysterische Zu-fr\u00fch-am-Gate-Seierin habe Angst, den letzten Flug zu verpassen. Wieder alles richtig gemacht, denn die Gep\u00e4ckschlange ist ziemlich lang, und ich bin zehn Minuten vor Boarding am Gate, wo gerade die Aufschrift blinkt, dass der Flieger eine halbe Stunde Versp\u00e4tung habe. <\/p>\n<p>Ich bin voll mit Eindr\u00fccken, Stimmen, Melodien (und Bier) und gucke nur noch still nach drau\u00dfen ins nasse Dunkel. Ohne Musik auf den Ohren. Ohne Twitter zu checken. Ohne alles. Nur da sein und satt sein und gl\u00fccklich sein. <\/p>\n<p>Und ich habe jetzt immer Konfetti dabei.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Morgens in den Zug nach Dresden gestiegen. 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