{"id":1023,"date":"2005-08-04T08:07:56","date_gmt":"2005-08-04T06:07:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ankegroener.de\/?p=1023"},"modified":"2005-08-04T08:15:38","modified_gmt":"2005-08-04T06:15:38","slug":"%e2%80%9eerosion-der-inneren-wertorientierung%e2%80%9c","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ankegroener.de\/blog\/?p=1023","title":{"rendered":"\u201eErosion der inneren Wertorientierung\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Die <em>FAZ<\/em> bzw. der von ihr befragte Chefarzt der Klinik f\u00fcr Psychotherapie und Psychosomatik im Diakoniewerk Halle (puh), Hans-Joachim Maaz, versteigt sich zu einer gewagten Theorie: Man k\u00f6nne es der DDR anlasten, dass die zurzeit in den <a href=\"http:\/\/tinyurl.com\/dm6fa\">Schlagzeilen<\/a> vorkommende Mutter aus Brandenburg neun ihrer Kinder direkt nach der Geburt umgebracht habe.<\/p>\n<p>Zwar kann man keine H\u00e4ufung an Kindst\u00f6tungen in den neuen Bundesl\u00e4ndern im Vergleich zu den alten feststellen, aber anscheinend reicht schon eine DDR-Biografie, um potenziell zur Kindsm\u00f6rderin bzw. zum Komplizen zu werden. Zitat aus dem Artikel aus der gestrigen <em>FAZ<\/em>, leider nicht online:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eWir erleben sehr oft, dass strukturschwache Menschen, die im strikt strukturierten DDR-Staat weitgehend unauff\u00e4llig waren, mit der Wende und der Notwendigkeit, selbst aktiv zu sein, in eine tiefe Krise mit Panik, Angst, Depressionen und Resignation gest\u00fcrzt sind.\u201c F\u00fcr diese Leute sei Pluralismus eine Bedrohung. Hinzu komme die von der SED mit gro\u00dfem Erfolg vorangetriebene Entkirchlichung und Entchristlichung der DDR-Gesellschaft. Wer eine innere Wertorientierung aufgrund famili\u00e4rer oder sozialer Bedingungen nicht habe, brauche ein Leben lang \u00e4u\u00dfere Wertvermittlung. \u201eDas Problem des Autoritarismus im Osten ist l\u00e4ngst noch nicht \u00fcberwunden. Nein, wir haben noch nicht einmal erfasst, wie viele Menschen das Bed\u00fcrfnis haben, gef\u00fchrt zu werden.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Mal abgesehen davon, dass ich es f\u00fcr eine recht billige Ausrede halten w\u00fcrde, vor Gericht als Verteidigung anzuf\u00fchren: Ich habe vom Pluralismus Depressionen bekommen und musste daher meine Kinder umbringen, finde ich die These ziemlich an den Haaren herbeigezogen. Problematische Umfelder gibt es nicht nur im Osten Deutschlands; ich muss mich ja nur in der reichen Stadt Hamburg umgucken, um strukturschwache Stadtviertel zu entdecken, in denen Kinder zu Tode kommen, wie gerade erst vor einigen Monaten <a href=\"http:\/\/www.abendblatt.de\/daten\/2005\/03\/02\/405304.html\">zu lesen war<\/a>. <\/p>\n<p>Ich versuche mir mal vorzustellen, wie es sich anf\u00fchlt, wenn das Heimatland pl\u00f6tzlich nicht mehr existiert. Im besten Falle f\u00fchlt es sich vielleicht an wie ein Umzug in ein anderes Land, in dem man niemanden kennt und in dem man sich selbst zurechtfinden muss. Es f\u00e4ngt bei Kleinigkeiten an wie: die elektrischen Anschl\u00fcsse haben eine andere Spannung, und wieviel Porto kommt hier eigentlich auf einen Brief, und geht bei pers\u00f6nlichen Erinnerungen weiter: Was haben die Kinder hier im Fernsehen gesehen, wor\u00fcber sie noch nach 20 Jahren lachen k\u00f6nnen, was oder wer ist hier im kollektiven Ged\u00e4chtnis verankert, was macht dieses Land aus, wie kleiden sich die Menschen, was muss ich tun, um mich zu integrieren? Ich ahne, dass dieses neue Land teilweise sehr spannend ist, teilweise aber auch be\u00e4ngstigend in seiner Neuigkeit. Es liegt an mir und meiner pers\u00f6nlichen Grundkonstitution, was ich daraus mache. Wie gehe ich sonst mit Neuerungen um? Mit neuen Kollegen, unbekannten Orten, technischen Ger\u00e4ten, die ich nicht kenne? Hat es etwas damit zu tun, ob ich in einem autorit\u00e4ren Staat aufgewachsen bin, wie ich mit neuen Kollegen umgehe? Ist es jetzt typisch Wessi, wenn ich hoffe, dass dem nicht so ist? War man in der DDR generell misstrauisch, wenn unbekannte Gesichter in der Mittagspause auftauchten? Stand erstmal jedem \u201eStasi?\u201c auf der Stirn geschrieben? Traue ich mich nicht, in einem fremden Lokal nach dem Kellner zu rufen, weil die SED meine Regierungspartei war? Lasse ich per se die Finger von einem neuen Radio, bei dem die Bedienungsanleitung fehlt, wenn ich ein Pionier-Halstuch getragen habe? Bin ich bei jedem Aspekt meines privaten Lebens auf jemanden angewiesen, der mir sagt, was ich tun oder denken soll, \u201enur\u201c weil es in der politischen \u00d6ffentlichkeit meines Landes so ist? Wird man zwangsl\u00e4ufig unselbst\u00e4ndig, weil der Staat einen gerne so h\u00e4tte?<\/p>\n<p>Ich muss gestehen, ich kann diese Fragen nicht beantworten, weil ich in der Bundesrepublik aufgewachsen bin. Ich behaupte aber mal, dass die im Artikel angesprochene \u201eEntkirchlichung\u201c und \u201eEntchristlichung\u201c im Westen \u00e4hnlich verlaufen ist wie im Osten Deutschlands. Nat\u00fcrlich schreiben sich hier die meisten Politiker noch auf die Fahne, christliche Werte zu vermitteln, und wir haben in der Schule (noch?) Religionsunterricht, aber mal ehrlich: Gehen im Westen wirklich signifikant mehr Menschen in die Kirche als im Osten? Glauben im Osten so viel weniger Menschen an Gott als im Westen? Und selbst, wenn ja: Bedeutet das automatisch eine h\u00f6here Akzeptanz von Gewalt, vielleicht sogar Mord, in der Gesellschaft? Wohl kaum. Und soweit ich mich erinnere, ging die Demokratiebewegung in der DDR auch von den Kirchen aus (nicht nur, aber auch), was f\u00fcr mich hei\u00dft, dass es durchaus eine Menge Menschen gab, die um gewisse Werte wussten. Au\u00dferdem glaube ich, dass, auch wenn die DDR keine offensichtlich christlichen Normen vermitteln wollte, der Staat doch durchaus das Ideal eines halbwegs friedlichen Miteinanders transportiert hat \u2013 zumindest \u00f6ffentlich. <\/p>\n<p>Ich kann mir vorstellen, dass eine offen aggressive oder menschenverachtende Staatsform bzw. Politik sicher Spuren bei seinen B\u00fcrgern hinterl\u00e4sst, die eine derartige seelische Verrohung, die f\u00fcr einen neunfachen Mord n\u00f6tig ist, fast verst\u00e4ndlich machen. Aber kann man die DDR in eine Reihe stellen mit (jetzt ganz vorsichtig) z.B. Nazi-Deutschland, das ja offen den Krieg mit den \u201eUntermenschen\u201c propagiert hat oder der Sowjetunion unter Stalin, Ruanda zurzeit des Hutu-Genozids usw.? Ich meine nicht. <\/p>\n<p>Auch zur Mitwisserschaft der Kindst\u00f6tungen bzw. zum Leugnen derselben hat Maaz \u00fcbrigens eine Theorie:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eWir kennen das Wegschauen oder Bagatellisieren als weitverbreiteten seelischen Abwehrvorgang von Leuten, die Dinge in sich tragen, die sie selbst nicht mehr wahrhaben wollen.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Ja, kann ich nachvollziehen. Aber den folgenden Absatz nicht mehr:<\/p>\n<blockquote><p>Diese Personen seien sozusagen konditioniert aufs Verleugnen. Maaz sieht wiederum gesellschaftlichen Einfluss: \u201eDas muss man der DDR anlasten. Die ganze Wahrheit \u00fcber das Regime oder \u00fcber Andersdenkende war tabuisiert oder bei Strafe verboten. Von daher ist die Verleugnung auch eine gesellschaftlich unterst\u00fctzte und einge\u00fcbte Abwehr.\u201c<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die FAZ bzw. der von ihr befragte Chefarzt der Klinik f\u00fcr Psychotherapie und Psychosomatik im Diakoniewerk Halle (puh), Hans-Joachim Maaz, versteigt sich zu einer gewagten Theorie: Man k\u00f6nne es der DDR anlasten, dass die zurzeit in den Schlagzeilen vorkommende Mutter aus Brandenburg neun ihrer Kinder direkt nach der Geburt umgebracht habe. 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