Frage:

Sehr geehrter Herr (Dr. an der Berliner UdK),

dies ist ein Werbetext. Wir möchten Sie als Dozenten nämlich überreden, schreibenden Talenten zu einem Praktikum bei (schönste Werbeagentur der Welt) zu raten. Zu einem Text-Praktikum, um genau zu sein.

Ein Text-Praktikum in einer Werbeagentur ist der erste Schritt auf dem Weg zum Werbetexter. Es ist die günstige Gelegenheit, in eine faszinierende Zukunftsbranche hineinzuschnuppern. Es gibt viele schreibende Talente. Und viele von ihnen kommen gar nicht auf die Idee, dass sie statt Drehbücher zu schreiben oder Journalist zu werden, auch sehr gut in der Werbung aufgehoben wären.

Ein Werbetexter beschriftet bei uns nicht die Rückseite einer Prilflasche. Er (oder sie) entwickelt Schlagzeilen für Anzeigen, Scripts für Werbefilme, Konzepte für Werbekampagnen, Slogans und Funkspots. Für Kunden wie (Kunde 1), (Kunde 2) oder (Kunde 3).

Wer sich für die Karriere als Werbetexter entscheidet, wird wohl nie einen Pulitzer-Preis gewinnen. Dafür kann er sich aber mit Glück beim jährlichen Werbefilmfestival in Cannes einen goldenen Löwen abholen. Das ist doch auch was!

Kennen Sie talentierte Schreiber für ein Praktikum bei (schönste Werbeagentur der Welt)? Wir würden uns über Ihre Hilfe sehr freuen. Im Anhang finden Sie alles noch einmal in Kurzform zum Verteilen an Interessierte.

Mit den besten Grüßen & freudiger Erwartung Ihrer Antwort
(Mitarbeiterin der schönsten Werbeagentur der Welt)

Antwort:

Sehr geehrte Frau (Mitarbeiterin der schönsten Werbeagentur der Welt),

ich fürchte, Sie haben unrecht: Es kommen leider immer noch viel zu viele Schreiber auf die Idee, ihr Talent in der „faszinierenden Zukunftsbranche“ der Reklame zu vergeuden, anstatt einen anständigen Beruf zu ergreifen. Ich verstehe es daher als Teil meines Bildungsauftrags, meinen Studenten ein Gefühl dafür zu vermitteln, daß das Verfassen von Reklametexten zu den unwürdigsten und nichtsnutzigsten Tätigkeiten auf Erden zählt. Insbesondere die Kampagne für den (Branche)halunken (Kunde 2) ist ein hirnzersetzender Scheißdreck historischen Ausmaßes, für dessen Urheber es dermaleinst keine adäquate Höllenstrafe geben wird.

Ich bitte also um Ihr Verständnis dafür, daß ich mich als kostenloses Bindeglied zwischen der unabhängigen Bildungseinrichtung Universität und Ihren Profitinteressen nicht zur Verfügung stellen kann.

Mit freundlichen Grüßen,

Dr. (Labernase)

(Und jetzt bring deinen Haschis bei, dass man auch als (unabhängiger, wahnsinnig wichtiger) Journalist ab und zu Scheiße schreiben muss und man als (freier und total künstlerischer) Schriftsteller auch mal vom Hartz IV leben könnte (eventuell, vielleicht, kann vorkommen), während die (okay, die Formulierung ist wirklich eklig) „faszinierende Zukunftsbranche“ Werbung immer und dauernd und wirklich ganz in echt gute Texter sucht. Andererseits: Wenn du ihnen das (in deinem charmant-vulgären Tonfall) nicht sagst, hab ich wenigstens immer was zu tun.)

57 Antworten:

  1. @ Thomas: … Ein Student, der Kunst/Kultur-Zeux studiert (bin im übrigen selbst so einer), und nicht selbst Ausschau hält, hat einfach mal Pech gehabt… (und dieser gesamte Kommentar): Das unterschreibe ich gerne.

    Im übrigen hat nicht dieser Dozent den Gegensatz “Reklametexter vs. Journalist” in die Diskussion eingeführt. Wer weiß, was er über Journalisten zu sagen hätte. Frau Gröner, mit Verlaub, aber da hat die Agentur ganz schlechte Reklame für sich gemacht.

    Mal ein anderer Ansatz: Ich persönlich glaube nicht, daß es nur ideologische Vorbehalte sind, die talentierte Menschen einen Bogen um die Reklamebranche machen läßt. Es ist – neben der anfänglich absurden Bezahlung – möglicherweise auch diese gewisse nervtötente Art der exaltierten Selbstbeweihräucherung, die diese Welt zusammenhält (unter Fernsehmachern erlebt man ähnliches). Dafür ist nicht jeder gemacht.

    Wenn man mal erlebt hat, wie Werber ihre eigenen Claims und Pointen nicht verstehen – oder das Subversive darin, was ja ab und an vorkommt – mag sich schon ein gewisses Gefühl der Leere einstellen. Ich möchte aber mein Ennui darüber nicht zum Maßstab machen; meine Anekdoten aus der Hamburger Reklameszene behalte ich hier lieber für mich. ;-)

  2. Nee, den Topf mit „Werbung vs. Journalismus“ habe ich aufgemacht, weil Herr Doktor „andere Schreiber“ in die Runde geworfen hat.

    Ich merke an dieser Kommentarschlacht mal wieder, wie wenig ich Reaktionen von Lesern vorausberechnen kann. Ich dachte in meiner Unschuld, wir lästern ein bisschen über das niedliche Anschreiben, lachen über den vulgären Prof und kehren nach vier, fünf Kommentaren wieder zur Normalität zurück. Ich hätte nicht damit gerechnet, dass die meisten Kommentatoren ihren mühsam gezügelten Aversionen gegen DAS BÖSE REKLAMEMONSTER freien Lauf lassen. Aber wie gesagt, ich betrachte mich inzwischen als völlig befangen und sage dazu lieber gar nichts mehr.

    (Ich will jetzt sofort ihre Hamburger Anekdoten hören. Oder lesen.)

  3. Hihi, “Reklamemonster vs. Gutmechajournaille”, den kenn’ ich, das ist so ein japanischer Monsterhorrorflick aus den 60ern.
    2 Action-, 1 Spannung-, einen Humorpunkt.

    (Die Anekdoten muß ich vortragen, wegen Augenrollen, imitierten Ham-Acting “Oh, geili-geil, das machen wir genauuuuuso!” und dem übrigen Mutschi-Putschi-Gutschi-Gehabe. Geschrieben klingt das gleich immer so bösartig bei mir.)

  4. Entwarnung, DAS BÖSE REKLAMEMONSTER lebt in Holland.

    Um Ankes Erwartungen nicht ganz zu entäuschen, jetzt alle im Chor: Dr. Labernase hat bestimmt auch ganz “skubberige modderpote”.

  5. Ich kenn das. Leute, die was erleben, es anderen mitteilen und dann hoffen/denken (?), die anderen empfänden das gleiche. Wenn dem dann aber nicht so ist … huiuiui! Siehe hier:

    http://www.tutorials.de/tutorials203572.html

    Und Anke: Niemand hat was gegen die Werbung. Ohne Werbung wäre die deutsche (und auch die schweizerische ;)) Medienlandschaft um einiges ärmer. Nur weil du einmal nicht den Puls deiner Leser getroffen hast, heisst das doch nicht, dass hier ohne Grund einfach so drauflosgewettert wird. Die meisten Kommentare waren doch mehr oder weniger vernünftig argumentiert, was an sich schon ‘ne erstaunliche Tatsache ist.

  6. > Niemand hat was gegen die Werbung

    I beg to differ.

    Werbung ist ein ekelerregendes Geschäft, in dem der lauteste Zyniker der größte Hengst ist. Wer’s nicht glaubt, lese mit offenen Augen ein Dutzend beliebiger ganzseitiger Anzeigen – laut und in Gesellschaft, soweit möglich. Wer da kein Ekelgefühl empfindet, ist für das Projekt Zivilisation ohnehin nicht mehr zu erreichen.

    Wenn ein Journalist seine Leser einseift, verarscht, manipuliert und belügt, ist das ein – zugegebenermaßen viel zu häufig vorkommender – Betriebsunfall.

    Wenn ein Werbetexter dasselbe tut, macht er einfach nur seinen Job.

    Bessere Werbetexte einfordern; das ist wie für bessere Handtellerminen plädieren. Es ist ebenso dreist wie unanständig, sich mit so etwas an eine Universität zu wenden (wiewohl diese Erkenntnis weder Werbeagenturen noch Waffenhersteller davon abhalten wird, es auch in Zukunft zu versuchen).

    Im Ãœbrigen denke ich: Einem Studenten, der nicht von selber auf die Idee kommt, sich an die Werbung zu verhuren, hilft auch der Fingerzeig des Professors nicht. Man muss sich sein Niveau schon selber suchen.

    Full Disclosure:

    Mit der Alma Mater habe ich nichts zu tun, und natürlich ließe sich auch über professorale Selbstgerechtigkeit manch böses Wort sagen. Aber ich habe vor langer Zeit mal für die Werbebranche gearbeitet – und danke dem Himmel jeden Tag, dass ich es nicht mehr nötig habe. Aus heutiger Sicht quält mich die Erinnerung an meine damalige Naivität und Selbstverliebtheit, die vermutlich auch heute noch den besten Köder für all die kleinen Narzissten abgibt: Zeig, was für ein toller Hecht Du bist, iss unser Sushi, trink unser Red Bull, besauf Dich an Deinem gemeinten Talent und der vermeintlichen Wirkung Deiner Arbeit. Und wunder Dich nicht, wenn wir Dich nach ein paar Jahren – ausgelutscht und desillusioniert – wieder auf die Straße setzen, um das nächste Bataillon Nachwuchszyniker zu verheizen.

    Bäh.

  7. So, ich glaube, wir haben jetzt genug Leuten die Gelegenheit gegeben, ihrem Unmut über Werbung Luft zu machen. Ich habe verstanden, dass mein Job nicht besser als ist der eines Kinderpornoproduzenten. Das sehe ich zwar anders, aber vielleicht werde ich auch in einigen Jahren, wenn ich ausgelutscht und desillusioniert auf der Straße stehe, auch so darüber denken. Bis dahin mache ich die Kommentare mal zu, liebe Pseudo-Moralapostel, und schreibe weiter schöne Copys, die armen Menschen Produkte aufzwängen, die sie noch nie haben wollten. Whatever.