„Und, Anke, wie war so dein elftes Semester?“

(Erstes, zweites, drittes, viertes, fünftes, sechstes, siebtes, achtes, neuntes, zehntes Semester.)

In der Abrechnung zum zehnten Semester beantwortete ich die Frage in der Überschrift gleich im ersten Satz: „Es war das letzte, und das war mir immer bewusst.“ Da hatte ich natürlich vergessen, dass ich auch als Doktorandin Studentin bin und damit die lustige Semesterzählerei weitergeht, auch wenn auf meinem Studiausweis jetzt wieder eine 1 steht, wie beim BA- und nochmal bei MA-Anfang.

Ich habe gelernt, dass man Fehler durchaus mehrfach machen kann. Das ist der Punkt, über den ich mich immer noch und immer wieder ärgere. Bei der Bachelorarbeit hatte ich mir theoretisch ein tolles Thema überlegt, stellte das dem Prüfer vor, er nickte es ab, ich reichte es ein – und merkte beim ersten Bearbeiten, dass es totaler Quatsch war. Damals schwor ich mir, nie wieder so dusselig vorzupreschen, sondern anständig Vorarbeit zu leisten, bevor ich mich auf etwas festlege. Ich gewöhnte mir an, ergebnisoffen an Referate und Hausarbeiten heranzugehen; ich hatte zwar meist eine wolkige Frage im Hinterkopf oder eine Ahnung, wo es hinging, aber die genaue Fragestellung ergab sich erst aus dem gesichteten Material bzw. verfestigte sich oder änderte sich total.

Mit einer wolkigen Frage ging ich auch dieses Mal los, merkte aber, dass mir genau das gleiche passiert war wie in der Bachelorarbeit. Ich dachte, durch meine Vorarbeit in diesem speziellen Thema (Kunst im Nationalsozialismus) würde sich einfach wieder irgendwas ergeben, sobald ich anfing, Literatur und Quellen zu sichten, wobei mir die Literatur ja größtenteils bekannt war. Hier hatte ich mich von meiner Quellenidee aber total einlullen lassen und musste sehr schnell zugeben, dass meine Idee Mist war. Auch mit leichten Veränderungen an der Frage oder dem zu besprechenden Zeitraum. Und damit mache ich in der Diss genau das gleiche noch einmal, was ich schon in der BA-Arbeit machen musste: von vorne anfangen.

Ich habe gelernt, dass mir die Struktur und die Deadlines eines Seminars mehr fehlen als ich dachte. In der Masterarbeit hatte ich auch schon kein begleitendes Seminar mehr, aber immerhin an drei Terminen ein Kolloquium, wo man selbst seine Arbeit vortanzen musste und zuhören konnte, was die anderen so machen und womit sie Schwierigkeiten haben (oder auch nicht). Das fand ich spannend und abwechslungsreich, und es gab eben eine Deadline vor dem Abgabetermin, zu dem ich mir darüber klar sein musste, wohin die Reise geht. Gut, in diesem Semester fing die Reise schon mit einem völlig falschen Ziel an, aber irgendwie bin ich danach auch nicht wirklich wieder in den Tritt gekommen.

Ich habe mich bisher darum gedrückt, genauer zu beschreiben, was ich eigentlich in der Diss mache. Ich will das auch immer noch nicht komplett im Blog ausplaudern, aber die zweite Richtung, in die ich ging – nach der ersten, die ich nie ausplaudern werde –, ähnelte der Herangehensweise an Leo von Welden. Ich nahm mir zwei Künstler vor: einen neusachlichen Maler, den ich schlicht faszinierend finde und bei dem es zur NS-Zeit noch ein paar Forschungslücken gibt, und einen zweiten, mit dem sich niemand mehr beschäftigt, weil er als reiner NS-Maler angesehen wird: Carl Grossberg und Carl Theodor Protzen. Irgendwo im Hinterkopf hatte ich eine erneute Nachlassauswertung bei Grossberg, dessen schriftliches Erbe bisher nur von einer seiner Töchter für einen Katalog aus den 1990er Jahren erforscht wurde, sowie das Rumstöbern in Protzens Nachlass, der in Nürnberg im Kunstarchiv liegt. Wo genau ich hinwollte, wusste ich noch nicht, aber ich knabbere generell seit Monaten am Thema Industrie- und Technikdarstellungen herum. Das ist kunsthistorisch recht stiefmütterlich behandelt worden, und gerade die NS-Zeit liegt relativ brach (wobei es da durchaus schon Arbeiten gibt). Ich erwähnte bereits die Dissertation von 1987, die in der DDR erstellt wurde und die sich mit Industriemotiven in der deutschen Malerei und Grafik befasst. In ihr findet sich ein schöner Forschungsstand, bei dem ich es spannend zu sehen fand, wieviel Platz die Verfasserin den einzelnen Zeitabschnitten widmet, um zu den Themenkreisen der Bilder zu kommen: Die Zeit zwischen 1914 und 1933 hat acht Seiten, die Bundesrepublik 38, die DDR 20 – und die NS-Zeit eine.

Nach dem letzten Gespräch mit meinem Doktorvater habe ich eine leicht veränderte Richtung meines bisher wilden Rumlesens – ich weiß jetzt echt viel über die Darstellung der Reichsautobahn, obwohl ich mit der gar nichts anfangen will, denn darüber gibt’s schon genug –, bin ein bisschen von Grossberg und Protzen als tragende Figuren weg, aber am generellen Sujet Industriemalerei zur NS-Zeit näher dran. Mal sehen, wo es noch hingeht. Jedenfalls habe ich zum ersten Mal das Gefühl, das Ziel fassen und beschreiben zu können, was ich bisher eher blumig-wolkig-mal-sehen-was-die-Quellen-hergeben vermieden habe.

Ich habe (mal wieder, schon gut) gelernt, dass es manchmal sinnvoll ist, einen Schritt zurückzugehen, sich hinzusetzen und durchzuatmen und über alles nachzudenken anstatt in der üblichen Anke-Hektik weiterzurödeln. Im Nachhinein glaube ich, es wäre besser gewesen, ein Urlaubssemester einzulegen, sich also nicht sofort als Doktorandin einzuschreiben, sondern mal eine Pause zu machen. Erstmal die eigenen Ansprüche ordnen: Wo und wie will ich in den nächsten Jahren leben, was muss ich dafür tun, um dieses Ziel zu erreichen, auf was kann ich verzichten, auf was nicht?

Die letzten fünf Jahre des Studiums waren eine kleine Blase der Glückseligkeit, finanziert durch Ersparnisse und getragen von einer stets wachsenden Begeisterung für die Wissenschaft. Nach einigen Bewerbungsrunden und diversen akademischen Tweets bin ich mir inzwischen sicher, dass eine wissenschaftliche Karriere für mich nicht mehr machbar ist. An der Uni ist meine Karriere nie so recht in Schwung gekommen; ich wurde zwar mehrfach eingeladen, mich als wissenschaftliche Hilfskraft zu bewerben, aber es ist nie etwas daraus geworden, was ich schlicht aufs Alter schiebe. Das ist jetzt keine Koketterie, aber ich weiß, dass ich jünger aussehe als ich bin, und mitten in einem Seminar falle ich vielleicht nicht so auf, aber gegen mein Geburtsdatum schwarz auf weiß in einer Bewerbung kann ich leider nichts machen. Ähnlich ist es bei Museen, die werden zugeballert mit irrwitzig qualifizierten Bewerberinnen, und wenn ich gegen 25-Jährige anstinken soll, habe ich mit 48 schlicht verloren. Mir ist bei diesen Bewerbungen allerdings auch klar geworden, dass ich gar keine Lust habe, für einen Hungerlohn an den Rand der Republik zu ziehen, um nach den zwei Jahren eines Volontariats wieder auf Jobsuche zu gehen, die mit 50 vermutlich noch schwieriger wird.

Was mir in diesem Semester erstmals zu schaffen gemacht hat, war, dass ich das Ende meines Kontos sehen konnte. Ich jammere zwar seit Jahren, dass ich kein Geld mehr habe, aber allmählich habe ich wirklich keins mehr. Im Vergleich zu Festangestelltengehalt und der sprudelnden Quelle der fünfjährigen Dauerbuchung habe ich in den letzten fünf Jahren quasi nichts verdient, und langsam wird das sichtbar. Auf einmal hatte München ein Verfallsdatum und in ganz schlechten Momenten habe ich mich schon wieder in meinem Kinderzimmer in der Nähe von Hannover gesehen, weil ich mir diese Stadt schlicht nicht mehr leisten kann. Auch deswegen war klar, dass ich wieder in die Werbung gehen wollte, so fern mir diese Branche und ihr Gebaren inzwischen auch geworden war. Ich habe netterweise aber auch gemerkt, dass ich, sobald ich wieder als Texterin unterwegs war, das gerne war – und bin. Ich bin seit dem 2. Januar gebucht bis mindestens Anfang März mit der Option auf den ganzen März. Damit sind die nächsten Monate München entspannt finanziert, und schon fällt das Nachdenken über die Doktorarbeit wieder sehr viel leichter. Innerlich habe ich mir allerdings die Devise gegeben: Bis Juni wird jeder Job angenommen, der reinkommt, danach sehen wir weiter. Insofern wird es vielleicht vorerst beim Nachdenken bleiben, weil ich bei einer 40-stündigen Arbeitswoche schlicht nicht ins ZI komme, das sehr unfreundliche Öffnungszeiten hat. (Wochenendgeöffnete Lesesäle der Stabi, here I come! Nee, Moment, wann soll ich dann jemals wieder Fußball gucken? PROBLEME!)

Ich habe gelernt, dass es egal ist, ob man mit 48 oder mit 25 sein Studium beendet – die Panik „OH GOTT WAS JETZT?!?“ ist vermutlich in jeder Altersklasse gleich.

Ich habe gelernt, dass mir die letzten fünf Jahre genügend wissenschaftliches Rüstzeug mitgegeben habe, um mein Interesse an der Kunstgeschichte wachzuhalten, auch wenn ich damit beruflich vermutlich nichts mehr anfangen kann. Alleine die ganzen Bände im ZI, die es noch durchzulesen gilt! Ich bin beschäftigt.

Wenn ein Studium bedeutet, ein Interesse zu wecken und den Kopf aufzumachen für Neues, Anderes, Ungewohntes, dann hat es funktioniert. Wenn ein Studium bedeutet, mich zielgenau auf einen Job vorzubereiten, hat es total versagt. Aber ehrlich gesagt finde ich die erste Variante eh sinnvoller. Irgendeinen Job gibt’s immer. Aber diese Neugier auf Wissen, die Lust am Lernen, die habe ich neu entdecken dürfen. Und dafür bin ich sehr dankbar.