Was schön war, Donnerstag,
15. September 2016 – Dinge verorten

Ich habe ein Buch gelesen.

Ja, das ist seit Beginn des Studiums einen Blogeintrag wert, weil ich längst nicht mehr so viele Romane lese wie früher. Meine Nase steckt neuerdings dauernd in Sachbüchern für die Uni und ich genieße das sehr, aber ich erwischte mich schon vor längerer Zeit dabei, kaum noch in der Sofaecke zu hocken und stundenlang eine Geschichte zu lesen. Vor Kurzem hatte ich bei Harry Potter wieder dieses Gefühl, und gestern las ich in einem Rutsch Gertrud Fusseneggers autobiografische Erinnerungen Ein Spiegelbild mit Feuersäule durch (Stuttgart 1979). Okay, die Dame war mit Leo von Welden befreundet, okay, OKAY!

Die Erkenntnis meiner Hausarbeit zu von Welden lautet, dass er seine wenigen ideologisch geprägten Werke (die wir kennen) eher aus ökonomischen denn aus politischen Gründen angefertigt hatte. Ich hatte bei meinen Recherchen zu von Welden ein Foto vom Anfang der 1930er Jahre gefunden, das ihn zusammen mit Oskar Maria Graf und Fritz Kahn, einem Anwalt der Roten Hilfe München, zeigt und mich darüber gefreut, dass der Herr anscheinend auch Umgang mit politisch eher linksstehenden Menschen pflegte. Ich wusste aber auch, dass er gut mit Frau Fussenegger befreundet war – er illustrierte eins ihrer Bücher –, die zur NS-Zeit, soweit ich das überblicken kann, schön auf Parteilinie war. In ihrer Autobiografie klingt das natürlich alles etwas anders, man habe ja nichts gewusst und nichts gesehen blablabla. Leo wird dreimal erwähnt, einmal im Zuge vieler Eheschließungen in Fusseneggers Umkreis Mitte der 30er Jahre:

„Auch andere Freunde und Bekannte rückten in den Stand der Ehe ein, nicht immer mit reiner Freude. Der Spaßmacher Leo von Welden, ein begabter Maler, wollte sich ausschütten vor Gelächter, – daß es ihn jetzt erwischt habe – und dabei schaute ihm die nackte Verzweiflung aus den Augen.“ (S. 280)

Eine weitere Erwähnung findet sich auf S. 303, wo Fussenegger die Spitznamen ihrer Freunde und ihres Ehemannes Elmar Dietz beschreibt (der im Buch immer nur E.D. heißt):

Äbtissin. Das war mein Spitzname in jenen Jahren. Auch Alois Dorn hatte einen Spitznamen: der Prälat. E.D. hieß der Kaplan und der Maler Leo von Welden Bruder Vigilius.“

Ich ahne, dass eine Clique, die Spitznamen füreinander hat, eine andere Art von Umgang belegt als ein einziges Foto, deswegen bin ich froh, die Graf-Sache doch aus der Arbeit gekippt zu haben. Ich mag dieses Ranpuzzeln an jemanden aber sehr gern.

„Dabei war ich von guten Freunden umgeben. Ich merkte es nur nicht. […] Und dann waren E’s Freunde da. Ich nannte sie schon. Maler Welden (Leo Vigilius) und Alois Dorn (der Herr Prälat). Sie waren in jenen Monaten oft bei uns zu Gast, Alois Dorn beinahe täglich. Er brachte sein Abendessen mit, ein Viertel Leberkäse, eine Flasche Bier, manchmal auch eine Flasche Wein. Er kam mit E. und ging um zehn oder elf, manchmal noch später. Wenn er da war, war ich guter Laune. Auch E. war guter Laune. Wir waren ein munteres lachlustiges Trio, nie um ein Gesprächsthema verlegen, immer eines Sinnes, fast immer.“ (S. 306/307)

Von Dietz trennte sich Fussenegger schließlich und heiratete 1950 Alois Dorn. Das ist übrigens jener Herr, der in einem Katalogtext zu einer Ausstellung von Weldens 1979 in München das fatale Wörtchen „entartet“ in die Forschungsliteratur einbrachte:

„Die Zeit spielte von Welden übel mit. In den Jahren öder Gleichschaltung wurde er als „Entarteter“ empfunden. Man verweigerte ihm sogar die Mitgliedschaft der Kulturkammer, die doch für jeden, der künstlerisch tätig sein wollte, obligatorisch war.“

(Kat. Ausst. Leo von Welden 1899–1967, Pavillon Alter Botanischer Garten, München, 3.–26. Oktober 1979, Rosenheim 1979, o. S.)

Genau an diesem Zitat – entartet, RKK-Mitgliedschaft – arbeitete ich mich an der Hausarbeit 20 Seiten lang ab und widerlegte es gnadenlos. Hulk Smash!

Was für mich auch spannend war: die autobiografische Erzählung mit den Briefen zu vergleichen, die ich von der Tochter von Weldens zur Einsicht bekommen hatte. Die stammten alle aus diesem Jahrtausend und waren an die Tochter gerichtet, und ich stolperte beim Lesen über eine eher unwirsche Beurteilung von zeitgenössischer Kunst und Ausstellungspolitik. Das deckte sich mit dem, was die Dame auch schon in den 1930ern empfunden hatte, als sie Kunstgeschichte in München studierte und Dietz sie ansprach, um sie zu porträtieren:

„Von der modernen Kunst hatte ich – trotz Pinders Vorlesungen – einen nur sehr nebulösen Begriff. Da waren doch in letzter Zeit lächerliche Gebilde aufgetaucht, die sich für Kunst ausgaben, Drahtgestrüppe etwa oder zusammengeklitterte Monstren aus Würfeln und Kugeln. Man nannte das dann abstrakt, und wenn nun solch ein junger Künstler behauptete, ein Portrait von mir herstellen zu wollen, so würde es womöglich ein solches abstraktes Ungeheuer …? Aber der junge Mann wehrte meine Unterstellung ab und versicherte mir – mit weiterhin lebhaft glänzenden Blicken –, keineswegs sei er ein Abstrakter, sondern konkret, ganz konkret, wenn auch wieder kein Naturalist.“ (S. 226)

Was ich erst durch die Wikipedia gelernt habe: dass Fusseneggers erste Tochter Ricarda (im Buch Richarda) Künstlerin wurde und einige U-Bahnhöfe in München gestaltete. Die gucke ich mir jetzt an.