Was schön war, 26./27. Dezember 2015

„Ich male, wenn es nötig ist“

Das Interview mit Anselm Kiefer las ich zwar schon vor den Weihnachtsferien, aber den einen Satz, den ich bereits vertwitterte, trage ich seitdem mit mir herum: „Warum hat man solche Angst, sich überwältigen zu lassen durch Kunst?“ Hier die ganze Passage:

Als wir darüber sprachen, ob die kommende retrospektive Ausstellung im Centre Pompidou auch nach Deutschland wandern könnte, sagten Sie, Deutschland sei nicht so relevant.

Na ja, meine Erfahrungen haben gezeigt, dass Deutschland nicht mein erster Resonanzboden ist.

Hat das auch damit zu tun, dass Sie den Betrachtern immer sehr großen Spielraum lassen, großen Interpretationsraum? Sie sind ja auch missverstanden worden, etwa in den 70er Jahren, als Sie in Deutschland weniger verstanden wurden als in anderen Ländern.

Vor allem bei den Juden, die ausgewandert waren, die haben ja meine Karriere gemacht. Der Ärmelkanal ist immer noch eine Grenze.

Woher kommt denn diese abstoßende Reaktion? Schlagen Sie irgendeine Saite an, die man in Deutschland nicht hören kann?

Ich glaube, es ist auch Faulheit der Journalisten. Die schauen die Bilder nicht wirklich an.

Hat es – neben der Thematik vor allem der frühen Jahre – auch mit dem Monumentalen zu tun, auf das die Deutschen immer allergisch reagieren, mit der Überwältigungsästhetik?

Ich bin andauernd überwältigt, von einem Musikstück oder einem Gedicht oder von einem Kunstwerk. Warum hat man solche Angst, sich überwältigen zu lassen durch Kunst? Und dann das Monumentale, das hat ja nichts mit der Größe der Leinwand zu tun.

Bleibt die Überwältigungs-Ästhetik. Neben dem Monumentalen sind große Emotionen in der zeitgenössischen Kunst schwierig zu vermitteln.

Und das ist verkehrt, denn Emotion kommt sowieso immer wieder durch. Es gibt ja diesen Dreiklang: Wille, Emotion und Intellekt. Die wirken zusammen, in Harmonie, und dann ist es richtig. Man kann Emotion nicht ausschalten. Ein Beispiel, an dem man das gut sehen kann, bei Mondrian. Die Mondrian-Bilder scheinen abstrakt, aber sie sind es nicht wirklich. Man sieht ihnen den intellektuellen Kampf an. Was danach kam, De Stijl, das ist dann tot, für mich ist es tot, das ist ohne Emotion. Wenn die Emotion nicht da ist, dann fehlt was, dann ist es nicht vollständig.“

In meinem Fach muss ich natürlich aufpassen, mich nicht von den Bildern vereinnahmen zu lassen – ich brauche nach der ersten, bei mir meist emotionalen Reaktion, den intellektuellen Abstand, um über das Werk nachdenken zu können. Aber genau diese erste Reaktion ist für mich einer der Schlüssel zum Bild oder zur Skulptur: Wie reagiert mein Bauch auf das Gesehene? Ist er begeistert, verstört, angewidert? Weiß er gerade nicht, was passiert? Oder passiert gar nichts und ich habe nur ein Fragezeichen über dem Kopf? Jede dieser Reaktionen ist eine erste Richtung, in die ich denken kann: Bin ich die einzige, die so reagiert? Ist es gewollt, dass ich so reagiere? Reagiere ich auf andere Werke des oder der Künstler*in ähnlich oder ist das hier ein singuläres Erlebnis? Natürlich ist das nicht die einzige Grundlage, auf der ich ein Bild bespreche, aber es ist eine, die ich nicht vernachlässigen darf. Kunst will schließlich immer etwas von mir – würde sie das nicht wollen, wäre eine Skulptur nur ein Gegenstand und ein Bild nur ein bunter Fleck auf der Wand. Ich muss also überprüfen, ob bei mir ankommt, was die Kunst von mir will, und das tue ich in meinem Fall mit einer ersten emotionalen Reaktion.

Ein Buchgeschenk vom ehemaligen Mitbewohner.

Ich habe erst 30 Seiten von Navid Kermanis Ungläubiges Staunen: Über das Christentum gelesen, kann also zum gesamten Buch noch nichts sagen außer dass die Bilder, mit denen Kermani sich auseinandersetzt, in einer sehr anständigen Qualität gedruckt sind, was ja schon mal die halbe Miete ist bei einem Buch über Kunstwerke. Mit einem Satz hatte das Buch mich aber schon in der Hand:

„Kann sein, gibt die Kunstgeschichte dazu eine sympathische Auskunft, kann aber auch nicht sein.“ (S. 24)

Ich glaube, Kermani hat mein Fach sehr gut verstanden.

Meine kleine Höhle.

Die letzten beiden Tage verbrachte ich komplett auf dem Sofa, nur unterbrochen von kurzen Gängen in die Küche, um den Keksteller und die Teekanne wieder aufzufüllen. Dazu schaute ich vier Star-Wars-Filme, Ex Machina (große Empfehlung), While You Were Sleeping und Home Alone, weil Weihnachten erst dann zu Ende ist, wenn ich will, dass es zu Ende ist.