Tagebuch, Montag, 30. Juli 2018 – Hitzematt

Mich morgens vor die Tür gewagt, um mich dann über eine kaputte Packstation aufzuregen. Danach aber doch irgendwie gute Laune gehabt, weil ich spazierengehen konnte und immer ein leichter Wind wehte, so dass es nicht unerträglich heiß wurde. Trotzdem war ich, auch wegen der unruhigen Nacht, etwas matschig, verschob den Stabibesuch auf heute, schrieb eine Rechnung und hielt lange Siesta. Das Halbfinale von Masterchef Australia guckte ich schon nur noch mit halbem Auge, diese Staffel ist nicht meine, und gestern schied mein allerletzter Liebling aus, so dass ich das Finale heute vermutlich eher nur mitlaufen lassen werde, während ich abwasche oder so.

Ein fast unproduktiver Tag (hallo, Kapitalismus!), aber ich las immerhin Michel Decars Tausend deutsche Diskotheken durch und fand es okay, aber nicht umwerfend (schöne Sprache, noch weniger Handlung, als ich erwartet hatte, müdes Ende, aber trotzdem: gern gelesen) und las dann Joshua Groß’ Flauschkontraste, um es nach 29 Seiten ins Altpapier zu werfen. Eine Story, die noch weniger ihren Namen verdient als die in Decars Buch, ständig Metaphern und Vergleiche, die nur mies und nicht irgendwie doppelbödig waren und sowieso immer ein Hinweis darauf, dass der Herr selbst nicht so genau wusste, was er mir eigentlich sagen will, und dann eine derartig dämliche halbpornografische Stelle, dass ich schlicht keine Lust mehr hatte, auch nur noch eine weitere Seite zu lesen.

Abends F. verabschiedet, der sich heute auf dieses laute Festival im Norden aufmacht. Eigentlich wollten wir noch zusammen essen, aber sein Tagesplan hatte sich immer weiter nach hinten verschoben, so dass es zu spät für alles Vernünftige wurde und wir so total unvernünftig, aber dann doch sehr lecker bei McDonald’s am Stachus landeten. Das habe ich auch schon lange nicht mehr gemacht.

The Queer Art of Failing Better

Ein interessanter Artikel von Laurie Penny, der sehr gut beschreibt, warum vielen heterosexuellen Frauen Queer Eye so gut gefällt. Ich weiß nicht, ob alles auf mich zutrifft – ich gucke es als gnadenlosen Eskapismus und weil die Herren alle so adrett aussehen und ich Bobby gerne mal auf einen Eiskaffee einladen wollen würde –, aber ich denke seit gestern darüber nach, ob eben doch alles auf mich zutrifft.

Das wird ein längeres Zitat, weil so viele Gedanken im Artikel stecken – und noch ein paar mehr, bitte mal kurz rüberhuschen und lesen, wenn ihr diese Show mögt:

„It’s not about queerness at all. It’s actually about the disaster of heterosexuality—and what, if anything, can be salvaged from its ruins. […]

People on this show are extremely sweet to one another. That is rare enough within the reality TV genre, where “reality” is usually flattened into an exaggerated Hobbesian melee of shark-eyed competition and high-stakes back-stabbing. Most reality shows replicate the ruthless dogma of the age whereby life is made up of winners and losers and the trick is to hammer the other guy into the ground before he can do the same to you. On this show, men do not compete with each other. They touch each other, a lot, and seeing that brings home just how horrifyingly rare that is in untelevised reality. They cry and admit to one other how much it hurts to be alive while a handsome stranger teaches them how to make guacamole. There are no winners on Queer Eye—just better losers. […]

Unfortunately, when offered the chance to do literally anything else with the years they’ve been given, an alarming number of women now choose not to spend them servicing and polishing the silverware and tarnished self-esteem of the more privileged half of the human race. Women and queer people have one advantage in the adulthood stakes: they have never been raised to believe that at some point someone would come along and clean under the sofas. Now, apparently, straight guys have to learn how to do that, too. Enter, stage left: the Male Gays. […]

One curious repeating bridge of the show’s format is that there’s almost always a woman the hapless straight-dude subjects have to shape up for: a female friend, a potential love interest, a parent or another family member who is involved in this man’s life whose approval of the transformation must be courted and won. Sometimes it’ll be the wife, but most often these men are single. This canny reversal of cultural power is cathartic to watch if you’re a woman who dates men: here are men gleefully doing for one another what some women and girls have spent our lives being pressured or cajoled into doing for them. Here, at last, are a corps of men going through the rigors of top-to-bottom self-invention for our approval. We still have to do it for them, of course, and we don’t get a fanfare and a free kitchen remodel out of it, but hey, every little bit helps. […]

The work that the Fab Five are doing for the luckless, loveless men of Georgia is girlfriend work. It is emotional labor, domestic labor, the work that anyone who has ever dated a straight man will recognize.

Inevitably, when men take on work traditionally performed by women thanklessly and for free—from cooking to prizing open the calcified clamshell of the male heterosexual emotional mindscape—it is regarded as art, rather than duty. The trajectory of Queer Eye would be almost identical if you substituted the Twink Upgrade Action Team for any five randomly selected women on the street, but it wouldn’t work as entertainment; that’s just life. That’s just what women do; we don’t get a cookie for it, let alone our own show. I’m happy to let that go, though, because it’s just so damn satisfying watching men sort one another out for once.“

Via Retweet von @emilynussbaum, einer meiner liebsten TV- und Filmkriterinnen. Und als Rausschmeißer noch einen Tweet eines meiner liebsten Architekturkritiker:

Was schön war, Sonntag, 29. Juli 2018 – Was tun und nix tun

Den ganzen Vormittag am Blogeintrag zum Fehlfarbenpodcast gesessen. Ich bin diejenige von uns, die sich das ganze Ding noch mal anhört, um die Zeiten rauszukriegen, wir stoppen nie mit oder achten schon beim Reden darauf, wann wir über was sprechen; wir haben zwar die Uhr im Blick, damit wir keine fünf Stunden quatschen, aber das war’s. Außerdem höre ich uns gerne noch einmal zu, um rauszukriegen, ob wir Quatsch erzählen (falls ich das im Nachhinein noch mitkriege).

Die neue Ausgabe vom Podcast gefällt mir sehr gut, weil sie hoffentlich dazu animiert, in irgendein Museum vor der Haustür zu gehen und alten Bildern eine neue Chance zu geben. Oder sich mal wirklich konzentriert zehn Minuten vor ein Werk zu stellen und sich selbst zu erzählen, was man sieht. Dabei entwickeln sich meist gute Gedanken oder schlaue Fragen, und wenn man dann noch richtig Lust und Zeit hat, kann man sich auf die Suche nach Antworten dazu machen.

Am Blogeintrag zu sitzen war nett, weil ich ungefähr anderthalb Liter Wasser in mich reinkippen konnte und mein kleiner schraddeliger USB-Ventilator auf dem Schreibtisch mich angenehm kühlte.

Den Rest des Tages verbrachte ich dann möglichst bewegungslos auf der Couch, wo ich ab und zu den großen Standventilator bemühte. Jede Bewegung war zuviel, und gestern nacht konnte ich erstmals nicht neben F. schlafen, weil es schlicht zu warm war. Ich schleppte meine Matratze auf den Küchenfußboden und schlief deutlich besser, wenn ich es auch vermisst habe, mal rüberzulangen und jemanden streicheln zu können.

Fehlfarben 16: Wiedereröffnung der Alten Pinakothek

Nach vier Jahren Bauzeit ist die Alte Pinakothek in München wieder (fast) komplett begehbar, im Erdgeschoss wird noch gewerkelt, aber der erste Stock ist baustellenfrei und alles hängt da, wo es hingehört und nicht, wie in den letzten vier Jahren, irgendwo in der Gegend rum. Grund genug für uns, das Museum neu für uns zu entdecken, alte Lieblinge erneut zu begrüßen und vielleicht andere zu finden.

Unsere gestrige Aufnahme war daher etwas anders als sonst, wo wir über aktuelle Ausstellungen sprechen. Dieses Mal stellt jeder von uns drei Werke vor, die sich auch die anderen im Vorfeld angeschaut haben. Und weil in der Alten Pinakothek nur gemeinfreie Bilder hängen, könnt ihr dieses Mal sogar quasi mit uns bummeln; die jeweiligen Bilder sind unten verlinkt und ihr könnt sie euch anschauen, während ihr uns zuhört.

Nebenbei gab’s auch bei 30 Grad Wein, ja, so ernst nehmen wir unsere Aufgabe, und wenn dann gleich richtig: Es gab Rotwein aus der Pfalz, Jahrgang 2014, als im Museum die Bauarbeiten begonnen hatten.


Ich habe vergessen, vor der Aufnahme ein Bild zu machen und das nach der Aufnahme nervt mich heute, daher gibt’s hier eine Ansicht des schönsten Museumstreppenhauses ever, das nach den Bauarbeiten auch wieder in beiden Aufgängen begehbar ist. Es stammt aus der Nachkriegszeit, wurde von Hans Döllgast entworfen und gilt, mit dem Rest des von einer Bombe getroffenen Hauses, heute als Musterbeispiel eines Wiederaufbaus, der alte Wunden nicht einfach überdeckt.

Podcast herunterladen (MP3-Direktlink, 79 MB, 100 min), abonnieren (RSS-Feed für den Podcatcher eurer Wahl), via iTunes anhören.

00.00:00. Begrüßung und Vorstellung.

00.04:45. Der erste Rotwein. Nur echt mit Klagen über die Temperaturen.

00.05:50. Bevor wir über das erste Bild sprechen, weise ich auf die Online-Sammlung der Pinakotheken hin; ich hatte mal darüber gebloggt. Aber dann:

00.08:20. Ich beginne mit einem Diptychon von Hans Memling: links Maria im Rosenhag, recht Der hl. Georg mit Stifter. Ich erwähne meine Hausarbeit aus dem ersten Semester, die ich netterweise nicht online gestellt hatte (puh), aber ich habe meine Referatsnotizen zu einem weiteren Diptychon von Memling wiedergefunden, das ich auch erwähne. Die kann man auch noch rumzeigen, die sind nicht so peinlich wie die Hausarbeit. (WIR MUSSTEN ALLE MAL IRGENDWO ANFANGEN!) Ich erwähne außerdem des Öfteren den Paumgartner-Altar von Albrecht Dürer. (Links, Mitte, rechts.) Ich hatte allerdings keine Zeit, auf das Säureattentat auf dieses Werk hinzuweisen, das daher erst seit 2010 nach 21 Jahren Restauration wieder gezeigt wird.

00.18:15. Felix spricht über einen der Greatest Hits des Museums, den Columba-Altar von Rogier van der Weyden. (Links, Mitte, rechts.) Ich erzähle übrigens Quatsch über die Architektur im Bild, was mir beim Nachhören sehr peinlich war. Dafür erwähnt Felix ein Begleitheft zur Ausstellung „Das Alte Testament – Geschichten und Gestalten“, das heute noch erhältlich und sehr hilfreich ist. Das Heft sowie andere kleine Einführungsbücher in die christliche Ikonografie gibt’s praktischerweise im Museumsshop.

00.28:50. Albrecht Dürer hatten wir schon erwähnt; nun spricht Florian über ein weiteres, sehr bekanntes Meisterwerk aus der Sammlung: sein Selbstbildnis im Pelzrock. Wir erwähnen, dass Pinsel aus Eichhörnchenhaar gefertigt werden und eine Kopie des Bildes – es ist aber vermutlich nicht dieses Bild.

00.36:40. Der zweite Rotwein wird getestet.

00.39:00. Zweite Runde alte Bilder: Ich schwärme von meinem Lieblingsbild in der Alten Pinakothek, bei dem ich nie begründen kann, warum es mein Lieblingsbild ist, aber ihr müsst euch das einfach alle mal anschauen: Lorenzo Lottos Mystische Vermählung der hl. Katharina.

00.45:30. Felix macht uns auf den Tresenjesus im Italienersaal aufmerksam (danke dafür): Luca Signorellis Madonna mit dem Kind. Wir erwähnen den Dornauszieher aus den Kapitolinischen Museen (nicht aus den Vatikanischen, wie ich rumblubbere).

00.54:10. Florian stellt Die Flucht nach Ägypten von Adam Elsheimer vor und belegt, dass es sich auch immer lohnt, in den Seitenkabinetten rumzulaufen und nicht nur in den großen Sälen.

01.01:00. Der letzte Rotwein.

01.05:20. Und die letzte Runde Bilder: Ich mache euch auf Werke aufmerksam, die nicht auf Augenhöhe hängen, und beschreibe ein Bild, das vier Teile hat, von Melchior d’Hondecoeter. (Von links: eins, zwei, drei, vier.)

01.13:00. Florian stellt eins der Bilder im Erdgeschoss vor (bisher waren wir nur in den oberen Sälen): Das Schlaraffenland von Pieter Bruegel dem Älteren.

01.20:00. Auch Felix bleibt unten und erzählt etwas über den Johannesaltar (Links, Mitte, rechts) von Hans Burgmair dem Älteren. Wir erwähnen den „Dürer-Hasen“ auf der Mitteltafel – der ist aber, wie wir nach der Aufnahme festgestellt haben, nur online in der Abbildung zu sehen und nicht im Original; dort wird er fieserweise vom Rahmen verdeckt. Armes Häschen.

01.27:45. Unser Bonusbild ist eine Leihgabe aus dem Rijksmuseum: Die Briefleserin in Blau von Johannes Vermeer.

01.33:33. Wir lösen die Weine auf:

Wein 1: Roter Fitz, ein Cuvee aus Cabernet Sauvignon, St. Laurent und Cabernet Franc vom Weingut Fitz-Ritter, 2014, 13%, direkt beim Winzer für 10 Euro.

Wein 2: ein Schwarzriesling vom Weingut Wageck, 2014, 13%, für 15 Euro bei wirwinzer.de.

Wein 3: ein Schwarzriesling vom Weingut Benderhof, 2014, 13%, für 9 Euro bei wirwinzer.de.

Was schön war, Freitag, 27. Juli 2018 – Theatermond

Vormittags saß ich im ZI, um mich gebührend auf unseren neuen Podcast vorzubereiten (und weil die Bibliothek so perfekt klimatisiert ist). Wir nehmen heute auf, das heißt, vermutlich gibt es hier morgen schon was zu hören.

Ich hatte mir schon zuhause in der hauseigenen Suchmaschine ein paar Bücher rausgepickt und die Signaturen im Moleskine notiert, sammelte nun entspannt fünf, sechs Wälzer ein, ließ andere einfach stehen und las drei Stunden lang zum Spaß in der Gegend rum. Hat alles nichts mit der Dissertation zu tun, was auch mal ganz schön war.

Gegen 12 war ich fertig und hatte genug zusätzliche Infos zu den Bildern, die ich besprechen möchte; ich bummelte über den Königsplatz zum Kunstbau des Lenbachhauses. Ich staunte darüber, dass das Gras auf dem Platz sich schon weitestgehend von den 25.000 Menschen erholt hat, die es letzten Sonntag bei der #ausgehetzt-Demo plattgetreten hatten, und bewunderte wie immer die Propyläen. Danach ging ich in den Kunstbau und schlenderte durch Dan Flavins Neonlichter, die übrigens umsonst zu sehen sind.

Ich buk das zweite Brot in dieser Woche, weil das letzte nicht so richtig aufgegangen war. Das gestrige war auch nicht ganz so hübsch wie die bisherigen, vermutlich weil es der Hefe gerade zu warm ist. I feel you, Hefe!

Abends war ich mit F. in den Kammerspielen verabredet. Wir sahen No Sex von Toshiki Okada. Im Stück treffen sich vier junge Männer in einer Karaokebar und singen Liebeslieder, um sie danach zu sezieren und zu überprüfen, ob diese Songs über Liebe etwas in ihnen hervorgerufen haben. Ich wollte das Stück gar nicht so lustig finden wie ich es dann doch fand, denn zwischen den absurden und gleichzeitig anrührenden Dialogen wurden Themen wie Lieblosigkeit, Selbstentfremdung, Zukunftsangst angerissen; bei einigen Sätzen musste ich an die Mistkerle der Incel-Bewegung denken. Ich haderte im Nachhinein damit, dass mal wieder nur Jungs über ihre Sexualität – oder was sie sich darunter vorstellen – reden dürfen. F. meinte im Nachhinein, dass eine Rolle der vier eigentlich mit einer Schauspielerin hätte besetzt werden sollen, die aber wegen Überarbeitung abgesagt hatte. Warum es dann doch vier Kerle auf der Bühne wurden, verstehe ich dann nicht. Die damit einzige Frau im Stück ist dann auch diejenige, die Sex und Körperkontakt deutlicher verbalisiert als die Herren: Sie sagt „vögeln“, wo die Jungs von „Inter-Treatment“ sprechen. Sie scheint auch ein deutlich gesünderes Verhältnis zu ihren Bedürfnissen zu haben, und das stieß mir ein bisschen auf, dass die Frau für die triebhafte Körperlichkeit und die Männer für die geistige Auseinandersetzung stehen.

Während des Stücks singen alle sechs Personen irgendwann mal Karaoke (mit deutschen Texten). Bei Benjamin Radjaipour und seiner „Wie ne Jungfrau“ von Madonna merkte man recht deutlich, dass er sich anstrengend musste, eher durchschnittlich zu singen; den Mann würde ich gerne mal hören, wenn er zeigt, was er kann. Und bei Franz Rogowskis „Eventuell“ musste ich konstant gackern, zu schön war die Übersetzung von „Maybe“ von Janis Joplin.

Normalerweise kehren F. und ich nach Theater- oder anderen Veranstaltungsabenden irgendwo auf einen Wein oder ein Helles ein, aber gestern wollten wir natürlich die Mondfinsternis bestaunen. Auf dem Weg von den Kammerspielen durch den kühleren Hofgarten (Bäume my love!) bis zum Odeonsplatz konnten wir nirgends einen Mond entdeckten, und auch meine Timeline meckerte geschlossen, dass nichts zu sehen war. Von F.s Zauberbalkon runter konnten wir ihn aber sehen: direkt über dem Heizkraftwerk in der Maxvorstadt stand eine staubigrote Kugel im Himmel rum und rechts unter ihr ein sehr heller Planet, der Mars, wie ich im Vorfeld gelesen hatte. Ich winkte Spirit, Sojourner und Curiosity zu, wir köpften einen Prosecco, und wo wir eigentlich nur kurz mal hatten gucken wollen, blieben wir dann über zwei Stunden auf dem Balkon sitzen und starrten zu unserem Trabanten hoch.

Ich fand es spannend zu sehen, dass der Erdschatten den Mond anders aussehen ließ als wenn er teilweise von der Sonne angestrahlt wird; die Sichelform war die gleiche, aber er kam mir kugeliger vor als sonst. Irgendwann fand ich es sehr unheimlich, auf den Schatten eines Planeten zu gucken, auf dem ich gerade selber sitze. Das sind die Momente in der Astronomie, wo ich mit einem Teddybär unter mein Bett klettern will, dieses Merken, wie winzig man ist und wie irrwitzig, unbeschreiblich und für mich schlicht unverständlich groß alles andere.

In meinem Kopf stießen dann Sätze zusammen wie „Wow, wie großartig, es ist so toll, das zu erleben, what a time to be alive“ und „MeTwo in der Timeline, AfuckingD im Bundestag, Trump, Putin, Orban, die polnische Justiz, die Angst um Europa“. Genau deswegen versuche ich meine Zeit auf Twitter etwas einzudämmen, um nicht ständig daran zu erinnert werden, die scheiße wir als Menschheit uns derzeit mal wieder aufführen. Aber gleichzeitig fand ich es schön, mit meiner Timeline gemeinsam dieses Naturwunder zu bestaunen.

Fisch mit Romescosauce und Zucchinipüree

Eigentlich wollte ich mir bloß das aus diversen Anleitungen zusammengegoogelte Rezept für Romescosauce notieren, damit ich es beim nächsten Jieper nicht wieder zusammengoogeln muss, aber ich verblogge das Püree einfach mal mit.

Für zwei Personen.

Fisch: mit Öl und Butter bei niedriger Hitze in die Pfanne, ewig warten, ab und zu mit der Butter begießen, vorsichtig wenden, nicht mehr ganz so lange warten, fertig.

Für das Zucchinipüree
zwei kleinere Zucchini schälen. Die Schale kurz in kochendem Wasser blanchieren und sofort in Eiswasser werfen. Beiseite stellen.
Die Zucchini halbieren und in grobe Stücke schneiden. In Olivenöl kräftig anbraten, bis sie weich geworden sind.
Mit der abgetropften Schale und
einer kleinen Handvoll Petersilie pürieren, bis die gewünschte Konsistenz – und die satte grüne Farbe – erreicht ist. Notfalls mehr Petersilie reinhauen, damit es nicht so blass ist.
Mit Salz und Pfeffer abschmecken.

Für die Romescosauce
4 Tomaten vom Stielansatz befreien und vierteln.
1 rote Paprika entkernen, in grobe Stücke schneiden.
4 Knoblauchzehen pellen.
1 kleine Chilischote entkernen.
1 Scheibe Toastbrot (bei mir Weizenbrot) in grobe Stücke schneiden.
Alles auf ein mit Alufolie oder Backpapier ausgelegtes Blech legen, mit
1 TL Rosenpaprika bestreuen und großzügig mit
Olivenöl begießen. Alles für 10 bis 15 Minuten im auf 230 Grad vorgeheizten Ofen backen und danach etwas abkühlen lassen.
Mit 20 bis 30 g gemahlenen Mandeln (bei mir frei nach Schnauze),
2 EL Rotweinessig (oder nach Geschmack) und Olivenöl zu einer Sauce pürieren. (Auch hier: Ich mag’s gröber.)
Mit Salz und Pfeffer abschmecken.

Das war mein Mittagessen aka die erste Mahlzeit des Tages, weswegen ich nur so halb glücklich mit dem Foto bin; ich war zu hungrig, um die Butter fürs Bild zu dosieren. Wie ich dann abends noch feststellen konnte, schmeckt Romescosauce auch kalt richtig gut, zum Beispiel als Brotaufstrich. Ich mochte die körnige Konsistenz gerne, die durch Brot und Mandeln entsteht, sowie das Zusammenspiel der süßen Tomaten mit dem kleinen säuerlichen Essig-Kick.

Was schön war, Mittwoch, 25. Juli 2018 – Lesung

Am Dienstag abend meldete sich die Lieblingsagentur und fragte mich für zwei total spontane Tage an, die ich natürlich gerne zusagte. Statt im ZI zu sitzen und mich auf den nächsten Podcast vorzubereiten, saß ich daher am Schreibtisch und arbeitete für Geld. Auch schön. Das tat ich auch schon recht früh, denn die Kundin hatte am Dienstag gegen 23 Uhr noch ein paar Vorabinfos zu unserem Telefontermin um 9 geschickt, die ich nicht mehr mitbekommen hatte, weil ich mit F. am Küchentisch über schöne Dinge sprach. Daher ging ich gestern direkt nach dem Duschen zum Schreibtisch und fing meinen Arbeitstag ausnahmsweise schon um 7.30 Uhr an, um um 9 vorbereitet zu sein. Normalerweise ist das die Uhrzeit, an der ich zu werben beginne.

Abends war ich mit F. außerhäusig verabredet, was mich in fiese innere Konflikte stürzte. Nach dem kühlen Wochenende konnte ich diese Temperaturen seit Dienstag halbwegs in meiner Wohnung halten, indem ich die gute alte Taktik „morgens durchlüften, dann Rolläden runter und Fenster zu“ beherzigte. Deswegen war ich auch seit zwei Tagen recht entspannt, weil nicht verschwitzt, aber gestern musste ich – ausgerechnet nach einem dicken Schauer, der die Maxvorstadt noch schwüler machte – dann doch vor die Tür, um erstmal zu schwitzen.

Aber das Ziel lohnte sich: Wir hörten eine Lesung von Michel Decar, dessen Stück Philipp Lahm mir bekanntlich gut gefallen hatte. Gestern stellte er seinen ersten Roman Tausend deutsche Diskotheken im Marstallcafé vor. Bevor die Beteiligten auf die Bühne kamen, wurden Hits aus den 1980er Jahren gespielt, die ich alle hätte mitsingen können, und damit hatte die Veranstaltung schon gewonnen.

Neben dem Autor saßen noch die Dramaturgin des Stücks, Angela Obst, als eine Art Moderatorin sowie der Darsteller des Philipp Lahm, Gunther Eckes, auf der Bühne; letzter übernahm netterweise auch ein paar Teile der Lesung. Im Buch geht um einen Privatermittler im Jahr 1988, der erstmal einer bestimmten Diskothek nachspürt und dafür in tausend andere gehen muss, aber dann eventuell auch noch um eine riesige Verschwörung in der alte Bundesrepublik. Oder auch nicht. Gerade Obst erging sich für meinen Geschmack deutlich zu oft in Andeutungen, die schon zu viel der Handlung vorwegnahmen, aber vielleicht kam mir das nur so vor, ich habe das Buch seit gestern noch nicht durchgelesen. Sie hatte auch die interessante Angewohnheit, Fragen an Decar immer so zu formulieren, dass er quasi nur noch mit Ja oder Nein antworten oder alles wiederholen konnte, was sie in ihrer Frage schon vorweggenommen hatte. Dafür waren die gelesenen Ausschnitte sehr gut; mir gefielen sie vor allem sprachlich sehr. Ich meinte, viele 80er-Jahre-Ausdrücke zu hören, die ich selbst mal benutzt hatte und die einem heute total peinlich sind; der Klang des Buchs war für mich richtig, wobei die Handlung vermutlich eher egal sein wird, so sehr, wie sich der Text an Nebensächlichkeiten aufhängt. Decar nannte sein Buch „BRD noir“.

Das Buch hatte ich erst im Café erworben. Ich las zwar dort kurz rein, bevor ich den Geldschein zückte, meinte dann aber zur Dame, die das Geld einsammelte, was les ich denn überhaupt rein, ich kauf’s ja eh. Nach der Lesung ließ ich es mir natürlich auch signieren. Decar fragte, was er denn reinschreiben solle, woraufhin ich meinte, „Für Anke“ reiche völlig. Dann sprachen wir noch kurz über seine Bühnenarbeit, und er meinte, er hoffe, dass mir der Roman auch gefalle, denn der sei ja schon etwas anderes als das Stück. Schon klar, aber seine Behandlung von Sprache wird vermutlich ähnlich sein, und genau die mochte ich ja bei Philipp Lahm so gerne. Ich bin gespannt. Vor allem auf die Stelle, die Eckes gestern vorlas, weil er meinte, dass das eine seiner Lieblingsstellen sei: Es geht dabei um einen Sexakt in Frankfurt, bei dem die Bücher von Thomas Mann eine große Rolle spielen. Ich habe sehr gelacht.

Was schön war, Montag/Dienstag, 23./24. Juli 2018 – Wetter, Futter, Kunst

Montag war es noch herrlich kühl, gerade so kurz vor „Vielleicht doch ne Jacke mitnehmen?“, also genau meins. Damit ist es jetzt erstmal wieder ein paar Tage vorbei, aber den Montag genoss ich doch sehr, fast ständig mit weit geöffneten Fenstern. (Ich habe noch Urlaub.)

F. und ich waren abends beim Vizeweltmeister essen. Ich trug mein geliebtes WM-74-Shirt mit Tip und Tap und kam mir etwas unhöflich vor, aber es hat mich niemand mit Zwiebeln beworfen. Das Essen war wie immer bodenständig-großartig. Wir saßen draußen; als es zu nieseln begann, kurbelte der freundliche Service einfach die Markise etwas weiter vor, und so blieben wir trocken, während direkt neben uns ein wunderbarer Wolkenbruch niederging.

Das Pärchen am Nebentisch bekam ein Tatar frisch angemischt; die kleine Tochter war nur halbwegs beeindruckt, mochte ihre Nudeln mit Tomatensauce aber augenscheinlich gern. Als Spielzeug diente ihr ein Smartphone, und irgendwann schlief sie im Sitzen ein, vor sich einen halbaufgegessenen Teller, in der Hand das Handy. Ich habe ein neues Idol gefunden.

Dienstag morgen holte ich mir die Ergebnisse meiner Blutwerte bei der Hausärztin ab und freute mich wie immer über eine hervorragend arbeitende Leber (bring on the wines!). Selbst meine olle Schilddrüse schien besser gelaunt zu sein, was mich ebenfalls freute.

Sehr gut gelaunt wanderte ich dann durch ein Museum, über das wir in der nächsten Fehlfarben-Ausgabe sprechen werden. Ich erfreute mich an meinen Lieblingen, entdeckte andere Bilder neu, fand wiederum andere eher so meh, die ich früher mal toll gefunden hatte und war im Kopf angenehm beschäftigt.

Zuhause buk ich Brot, telefonierte lange mit dem Mütterchen – „ich muss dich mal kurz weglegen, mein Brot muss aus dem Ofen“ –, guckte Masterchef und uralte New-Girl-Folgen. Ich kann mich seit Tagen nicht zum Zeitunglesen aufraffen und habe nach der #ausgehetzt- und der Özil-Aufregung auch Twitter weitestgehend geschlossen gelassen. Tut der Seele sehr gut.

„… while the Daughters Benkletter murmured in uniswoon: Golforgilhisjurylegs!“

(Finnegans Wake, obviously.)

Ringe seit Tagen mit einem Blogeintrag, in dem ich zugebe, dass ich den Hashtag #KunstGeschichtealsBrotbelag eher doof finde und begründe, warum ich das tue, will aber niemandem den Spaß verderben.

(Jetzt hab ich’s zugegeben, jetzt muss ich ihn nicht mehr schreiben.)

Nach dem Balkangeschlemme am Montag gestern eher viel Wassermelone und Pfirsiche sowie Pepsi light auf Eis.

Tagebuch, Sonntag, 22. Juli 2018 – #ausgehetzt

Zu herrlichem Regen aufgewacht. Einfach noch ein Stündchen bei offenem Fenster im Bett rumgelungert und dem Wetter zugehört.

Angela Leinens Wie man den Bachmannpreis gewinnt ausgelesen. Das war sehr amüsant, vielen Dank für die Zusammenstellung und die Hinweise auf gute (und miese) Texte und warum sie gut (oder mies) sind. Ich arbeite mich langsam rückwärts durchs Bachmannarchiv (Texte online seit 1999) und kann daher jetzt gezielt nach den Perlen schauen. Das Büchlein gibt’s übrigens gerade für fast kein Geld, nur so als Tipp für den Urlaubsstrand.

Gegen 13 Uhr machte ich mich dann auf einen Weg, den ich schon lange nicht mehr gegangen war.

Ein breites Bündnis hatte zur Demo #ausgehetzt aufgerufen, die sich unter anderem gegen die Verrohrung der politischen Sprache bzw. dem Umgang miteinander wandte. Gerade die CSU hatte sich in den letzten Wochen mit grauenhaften Wortschöpfungen wie „Asyltourismus“ hervorgetan; auf dem Demoplakat waren daher auch Söder, Seehofer und Dobrindt abgebildet. Der CSU scheint ein bisschen der Arsch auf Grundeis zu gehen, denn sonst hätten sie das Ganze einfach an sich vorbeiziehen lassen anstatt die ganze Demostrecke mit Plakaten oder fahrbaren Werbewänden vollzuknallen und ihr beknacktes Motiv auch noch zu inserieren.

Einige Plakate an der Strecke wurden dann „optimiert.“

Ich meine mich daran zu erinnern, dass es im Vorfeld hieße, wenn 10.000 zur Demo kämen, wäre das schon ein Erfolg. Ich ging nicht von Anfang an vom Goetheplatz mit, sondern reihte mich erst am Hauptbahnhof ein. Bis dahin hatte der Regen auch fast aufgehört, aber trotzdem waren schon am Anfang der Strecke bei strömendem Regen 18.000 Leute gezählt worden, wie jemand auf der Abschlusskundgebung am Königsplatz von der Bühne rief. Wir gingen über die Luisen- und dann die Katharina-von-Bora-Straße, wo ich mein geliebtes Zentralinstitut mal aus anderer Perspektive sehen durfte. Auf der Straße stehe ich dort nämlich nie.

Irgendjemand twitterte, sein Teil des Demozuges stünde noch an der Theresienwiese, während der vorderste Zug, in dem ich anscheinend mitgelaufen war, schon am Endpunkt wäre. Der Zug hatte so mal eben die halbe Innenstadt lahmgelegt. Die Begleitung durch die Polizei fiel mir übrigens, wenn überhaupt, nur sehr positiv auf. Da waren zwar durchaus Menschen in voller Sturmmontur zu sehen, aber sie hielten sich sehr zurück und standen eher am Rand. Um mich herum marschierten viele Leute in meinem Alter und darüber, was ich teilweise sehr putzig fand. Eine ältere Dame dengelte des Öfteren von hinten in mich rein, bis ich mich umdrehte und sie fragte, ob sie vielleicht vorbeiwollte, woraufhin sie meinte: „Ja, Entschuldigung, ich muss doch zu meinem Plakat.“ Sprach’s und wuselte sich weiter nach vorne, wo vermutlich Freund*innen mit Postern gingen.

Durch die Menschenmengen mussten die Sightseeingbusse am Hauptbahnhof stehenbleiben. Die Touris nutzten dieses hübsche Fotomotiv und knipsten aus den Bussen heraus. Einige winkten uns zu, warum auch immer. Wir winkten zurück.

In meiner Ecke verstummten Gesänge, die sich explizit gegen die CSU richteten bzw. von der Wortwahl eher Fußballstadionqualität hatten, sehr schnell, weil niemand sie singen wollte, ich auch nicht. Generell fand ich es sehr ruhig, obwohl ich auf dem Königsplatz schließlich in der Nähe einer Vuvuzela stand. Daran hätte ich natürlich auch denken können, F. hat mehrere zuhause rumstehen.

Weil ich mich so früh eingereiht hatte, war ich mit den ersten auf dem Königsplatz. Die Stufen von Glyptothek und Antikensammlung waren natürlich schon vollbesetzt, weil viele nicht mitgelaufen waren, sondern sich gleich zur Abschlusskundgebung begeben hatten; das war auch F.s Plan. Ich schickte eine DM, dass ich an der Antikensammlung lehnte, Nähe U-Bahn-Abgang (man musste ja auch irgendwann wieder wegkommen). Ich hörte mir einen Teil der Musik und der Reden an, ging dann aber nach einer guten Stunde nach Hause und meinte, meine Aufgabe erledigt zu haben: Ich war da, ich hatte Präsenz gezeigt, ich war hoffentlich mitgezählt worden.

Die Polizei spricht von 25.000 Leuten, die Veranstalter sogar von 50.000, weil längst nicht alle auf den Königsplatz gepasst hatten.

F. schrieb irgendwann, dass er und sein Bekannter jetzt in der Nähe der Antikensammlung seien (das ist das Ding rechts im Bild), aber da kletterte ich gerade in die U-Bahn. Später twitterte er auch ein Foto von seinem Standpunkt, woraufhin ich eine DM schrieb:

Den Abend verbrachten wir gemeinsam und bekamen so auch den dritten Teil der Twitterbotschaften von Mesut Özil mit, bei dem ich nur noch „Oh wow“ sagen konnte. Eine derart scharfe Auseinandersetzung mit dem DFB, dem Umgang mit ihm und dem Alltagsrassismus in Deutschland hatte ich nicht erwartet, war aber begeistert davon, dass endlich mal jemand Klartext redete.

Wir sprachen auch noch einmal über das Foto von ihm und Erdogan, mit dem die Hetze auf ihn begann. Sicher kann man ihm politische Unbedarftheit vorwerfen, aber dass es ausgerechnet der DFB tut, der selber in Länden wie Russland (gerade eben) und Katar (2022) lustig mitspielt, ist eben schon kaum noch Doppelmoral, sondern bescheuert. Ich nehme Özil sein Statement auch durchaus ab, dass ihm beigebracht wurde, nie zu vergessen, wo seine Wurzeln lägen und dass es auch längst nicht das erste Treffen mit Erdogan war (das wusste ich zum Beispiel nicht). Über seine Vorstellung, dass Politik und Fußball schön sauber voneinander zu trennen sind, müssten wir allerdings noch mal reden. Wenn dem so wäre, wäre der Shitstorm nämlich ausgeblieben.

Dass er seinen vorläufigen Rücktritt erklärt („whilst I have this feeling of racism and disrespect“), war daher nachvollziehbar. Wir sprachen über Alternativen, sahen aber selbst auch keine. Mein bockiges „Aber jetzt doch erst recht“, konnte F. sinngemäß entkräften: „Der wird aus Feigheit nicht mehr aufgestellt und dann heißt es, so richtig gut sei er halt nicht mehr, anstatt dass sich der DFB mit den Vorwürfen und auch den Pfiffen von den Rängen auseinandersetzt. Jetzt kann er den Zeitpunkt seines Abschieds selbst bestimmen.“

Wir tranken übrigens den vierten Wein vom Weingut Wechsler, von dem ich jetzt einfach mal alles bestelle. Ich war für unseren Podcast, in dem wir Weine von Winzerinnen trinken wollten, zufällig auf dieses Weingut gestoßen. Der Riesling, den ich hatte, gefiel mir sehr gut, woraufhin ich noch einen Rosé und einen Schaumwein probierte, die auch alle wirklich gut waren. Der Sauvignon blanc von gestern war jetzt eher unaufregend, aber ordentlich. Ich glaube, ich habe nach zehn Jahren Rumsüppeln endlich ein Weingut gefunden, von dem ich blind ordern kann; das wird schon alles schmecken.

Links vom Sonntag, 22. Juli 2018

Blutiger Boden. Die Tatorte des NSU

Ein Ausstellungshinweis für München: In der Rathausgalerie sind seit ein paar Tagen und noch bis zum 14. Oktober Fotos von Regina Schmeken zu sehen.

„Als Regina Schmeken im Frühjahr 2013 damit begann, die Tatorte des NSU zu fotografieren, wurde ihr das Ausmaß dieser Verbrechen des rechten Terrors inmitten deutscher Städte erst bewusst. In ihrem Ausstellungsprojekt geht es Regina Schmeken um das Gedenken an die Ermordeten sowie um die Auseinandersetzung mit Orten, die auf den ersten Blick keinerlei Spuren einer Gewalttat aufweisen. Zwischen 2013 und 2016 besuchte sie mehrmals die zwölf Tatorte in Deutschland. Es entstand ein Zyklus großformatiger Schwarzweißfotografien, die verstörend eindrücklich wirken und die Geschehnisse gleichsam mit bildnerischen Mitteln aufarbeiten.

Die Propagandaformel „Blut und Boden“ wurde als begrifflicher Zusammenhang erstmals von Oswald Spengler in „Der Untergang des Abendlandes“ eingeführt und von den Nationalsozialisten in ihrer Überzeugung, dass ein „gesunder Staat“ nur aus der Einheit von „eigenem Volk und Boden“ bestehen kann, aufgegriffen. Auch den Morden des NSU liegt diese Idee zu Grunde. Fast alle Opfer waren türkischer Herkunft, sie wurden auf dem Boden liegend in ihrem Blut gefunden, brutal hingerichtet von rechten Terroristen.“

Hetze, Hass und Haltung

Der Journalist und Dozent für u. a. Kommunikationswissenschaft Dirk Hansen über die neue Unsicherheit des Journalismus, die sich auch in vielen Artikeln, Kolumnen und Twitterdebatten übereinander anstatt zur Sache niederschlägt.

„Wir sollten also die zunehmend heftigen Medienmeta-Debatten anders deuten: Als Ausdruck einer großen Verunsicherung der Journalistinnen und Journalisten in der Trump-Gauland-Ära. Zwei Prinzipien – Urformeln geradezu – im Rollenverständnis stehen sich einmal mehr schroff gegenüber: Das Konzept der Haltung und die Norm der Objektivität. […]

In „Wahrheit“ handelt es sich um ein Paradoxon des Journalismus: Die (berechtigte) Erwartung der Gesellschaft, von den Medien eine möglichst zutreffende Beobachtung geliefert zu bekommen kollidiert massiv mit dem Umstand, dass es keinen neutralen, interessensfreien und zwanglosen Beobachterstandpunkt geben kann. Trotzdem ist es aber möglich, ja unausweichlich, in einer Gesellschaft bestimmte Standards zu entwickeln, um sich kollektiv zu verständigen. Diese ambivalente Aufgabe muss ein funktionstüchtiges Mediensystem, müssen seine Akteure bewältigen.

Haltung ist da sicher außerordentlich wichtig. Aber als verabsolutierte Subjektivität läuft sie Gefahr, zur Pose zu degenerieren. Berichterstattung und Meinung lassen sich durchaus trennen, selbst bei Trump. Wenig Chancen werden dagegen einseitige Versuche haben, dem Publikum die Augen zu verbinden. Es wird schon schwer genug, sie zu öffnen.“

(via @dvg)

Jüdische Antiquariate und Kunsthandlungen in der NS-Zeit

Am 19. Juli fand im Stadtarchiv München ein Kolloquium zu diesem Thema statt. Ich war leider nicht in der Stadt, weise aber trotzdem auf das Blog zum Thema hin, auch wegen der funky Adresse. Ich weiß leider nicht, ob es noch weitergeführt wird, aber vielleicht findet die eine oder andere Interessierte ein paar Namen und Texte zum Weiterlesen. Auf meinem Radar ist das Thema schon länger, sowohl durch ein Uniseminar als auch durch eine Mitpromovierende bei meinem Doktorvater.

(via @nsdoku)

Hamburger und Cola sind lukrativer

Das Drei-Sterne-Restaurant La Vie in Osnabrück wurde geschlossen. Der Artikel weist auf die geringen Gewinnmargen hin und fragt sich, warum es in einem Land, das nach Frankreich die meisten Sterne-Locations weltweit besitzt, immer noch so schwierig ist, Leute dazu zu bringen, für gutes Essen auch gutes Geld auszugeben.

„Offizielle Zahlen zum “La Vie” gibt es nicht. Das Restaurant galt allerdings als teures Liebhaberprojekt von GMH-Gesellschafter Jürgen Großmann; das Manager Magazin berichtete bereits im Jahr 2012 unter Berufung auf Großmann-Vertraute, das “La Vie” verbrenne jährlich einen Millionenbetrag.

Aber egal, ob es sich um ein Finanzdesaster, ein PR-Debakel oder um beides handelt, in jedem Fall zeigt das plötzliche Ende, wie schwer sich Geldgeber noch immer mit der hochkomplexen Spitzenküche tun. Wie stark dieses anspruchsvolle Geschäft vor allem in Deutschland unterschätzt wird. Eine Luxusnische, die Außenstehenden bis heute als Inbegriff des Reichtums gilt, als eine Art Gelddruckmaschine, obwohl die Margen wegen des Wareneinsatzes, der Personalkosten und der Mieten oft extrem gering sind. […]

Wer in Deutschland etwas über Spitzenküchen-Finanzierung lernen will, der sollte mit Familie Eichbauer in München sprechen. Der Bauunternehmer Fritz Eichbauer, 90, ist ein Pionier der deutschen Hochküche, seit er vor mehr als 45 Jahren das Restaurant “Tantris” eröffnen ließ und dafür eigens das österreichische Großtalent Eckart Witzigmann bei den Kennedys in Washington abwarb. Eichbauers einzige Motivation: sein Faible für gutes Essen. In den Anfängen wurde der Betonbau als Autobahnkapelle eines Größenwahnsinnigen verhöhnt, heute steht das “Tantris” unter Denkmalschutz und ist eine Ikone der Restaurantkultur. Doch bis dahin brauchte es langen Atem, sagt Eichbauers Sohn Felix, der das “Tantris” heute führt. 18 Jahre habe es gedauert, bis das Restaurant keine Verluste mehr machte. Seit Jahren wirft es nun kleine Gewinne ab, aber “wer ein reines Investment will, kriegt sein Geld in der deutschen Sterneküche kaum verzinst”, sagt der Unternehmer.“

Die SZ macht auch den Vergleich zwischen Champions-League- oder Opernkarten für ähnlich viel Geld auf, die man locker bezahlt, beim Essen aber darüber nachdenkt. Ich ahne, dass das generell etwas damit zu tun haben könnte, dasss in Deutschland vergleichsweise wenig für Essen ausgegeben wird und es schlicht nicht den Stellenwert hat, den es meiner Meinung nach haben sollte. Ich glaube, dass Menschen, die ohne mit der Wimper zu zucken 200 Euro für eine Opernkarte ausgeben, das theoretisch auch fürs Essen tun würden, aber sie kommen meist gar nicht auf die Idee. Dazu kommt auch, dass Spitzengastronomie Zeit kostet (genau wie eine Wagner-Oper). Im Tantris saßen wir für acht Gänge fast fünf Stunden, wenn ich mich richtig erinnere; in Lindau im Villino war ich über drei Stunden mit sieben Gängen beschäftigt. Zur Ganganzahl kommt immer noch das Amuse Bouche und hinter noch eine Runde Rauswerferchen, dann muss noch dringend ein Espresso her und so weiter, das läppert sich halt. Oper und Sterneessen an einem Abend wird daher vermutlich kaum möglich sein, jedenfalls wenn man nicht à la carte ordert.

Im einem anderen Artikel (2016) wird angesprochen, dass weniger gut verdienende Menschen mehr für Nahrungsmittel ausgeben, einfach weil es lebensnotwendiger ist als Fußball- oder Kinokarten. Auch die soziale Ungleichheit, die größer statt kleiner wird, hat sicher etwas damit zu tun, dass viele Menschen sich diese Preise schlicht nicht leisten können oder wollen.

Trotzdem ist es meiner Meinung nach falsch, Spitzengastronomie als Snobkram oder Luxus abzutun, um den es nicht schade ist, aber das ist natürlich eine persönliche Meinung einer Ganz-okay-Verdienenden. Während des Studiums, als meine finanzielle Situation etwas unklarer war und ich hauptsächlich vom Ersparten gelebt habe, habe ich mir das richtig teure Essen auch verkniffen. Umso mehr hat es mich aber glücklich gemacht, in Lindau nicht auf den Euro schauen zu müssen, weil mein bisheriges Arbeitsjahr ziemlich gut war. Wenn wir schon dabei sind: sieben Gänge, Weinbegleitung, Schampus vorweg, Flasche Wasser dazu, Espresso, Absacker = 255 Euro, mit Trinkgeld 280. Dafür hätte ich auch in Bayreuth sitzen können, wäre aber nicht so satt gewesen. Im Vergleich zum Tantris war das übrigens ein Schnäppchen; was wir da bezahlt haben, erzähle ich nur hinter vorgehaltener Hand. Ich weiß nicht, was für Preise das La Vie aufgerufen hat, aber ich hatte bisher noch in keinem Sterneladen – bei mir waren das zu den beiden genannten noch die Terrine (M), Küchenwerkstatt (HH), beide inzwischen auch leider geschlossen, sowie das Reinstoff (B), das Ende des Jahres schließt – das Gefühl, über den Tisch gezogen zu werden. Ganz im Gegenteil. Das waren jedesmal unvergessliche Abende, an die ich persönlich mich länger erinnere als an Champions-League-Spiele oder Opern. (Den Bayreuther Parsifal mal ausgenommen.)

Was schön war, Mitte Juli – Sommerferien

Die ganze letzte Woche durfte mein Kopf sich schon ausruhen bis auf die kleine Referat-Insel für die geschätzte Korrekturleserin. Das hat mir viel Freude gemacht, meine Dissertationspläne auszubreiten, Bilder zu zeigen und Dinge gefragt zu werden.

Ansonsten ließ ich Bücher in Bibliotheken liegen, sagte Verabredungen ab, gab Theaterkarten weiter und machte: gar nichts. Außer mich auszuruhen, spazierenzugehen, zu backen, zu kochen und einen kurzen Urlaub auf Lindau am Bodensee für diese Woche zu buchen. Jetzt wo ich wieder in München bin, weiß ich: Ich habe einen viel zu kurzen Urlaub gebucht.

Ich kam bei leichtem Regen an, also genau bei meinem Wetter, rollkofferte ins Hotel und verließ es sofort wieder, um ans Wasser zu rennen, Meer, See, alles egal, hauptsache Wasser. Und so saß ich auf einer nassen Bank unter meinem Schirm, guckte auf den Bodensee und atmete ein und aus und wieder ein und wieder aus und war nach zehn Minuten schon entspannter als alle letzten Wochen zusammen.


Das Wetter wurde schnell wieder besser, ich bummelte und guckte und hatte nichts zu tun außer zu bummeln und zu gucken. Und weil die Lindauer Insel so winzig ist, war ich dauernd wieder am Wasser. Das ist da aber auch echt überall. Ich trank einen Latte Macchiato und eine Johannisbeerschorle, ich Stadtkind, und guckte dabei aufs Wasser. Ich kaufte Wasser und Schokolade im Supermarkt, ging fünf Minuten und guckte aufs Wasser. Ich durchquerte quasi die ganze Insel und guckte danach aufs Wasser. Abends setzte ich mich in das hauseigene Restaurant, verspeiste Schweinemedaillons mit Spätzle (aka „Schwabenteller“), trank ein Helles, ging dann nochmal raus und guckte aufs Wasser. Wenn ich gekonnt hätte, hätte ich den Bodensee mit ins Bett genommen, um auf ihn raufzugucken.

Am nächsten Morgen erfreute mich das Hotelbuffet mit eintausend Müsli- und Cerealsorten und dazu frischen Erdbeeren. Außerdem wurde das Rührei frisch für mich gemacht und der Kaffee kam im Silberkännchen.

Dann begann ich mein Tagwerk: Rumlaufen und aufs Wasser gucken. Zunächst kamen natürlich die beiden Kirchlein dran, die so niedlich im 20-Meter-Abstand parallel nebeneinander stehen. Raten Sie, welche meine evangelische ist. Mpf.


Vor dieser Kirche stand der Hinweis auf die sogenannte Mittagsinsel, eine winzige Andacht mit Gebet und Orgelmusik um 12 Uhr. Das merkte ich mir, musste aber erstmal weiter rumlaufen und aufs Wasser gucken. Dazu wagte ich mich sogar von der Insel runter aufs Festland und fand einen wunderbaren Platz zum Lesen. Und um aufs Wasser zu gucken. Tach, Ente!

Außerdem merkte ich, dass ich unwissentlich einen winzigen Abschnitt des Jakobswegs gegangen war. Wo bekomme ich ein Pilgerbuch, in dem ich das vermerken lassen kann?

Um 12 saß ich wieder in der Kirche und wurde andächtig. Dermaßen gestärkt wagte ich mich in die August-Macke-Ausstellung, die gegenüber der Kirchen im wunderschönen Stadtmuseum lief. Macke ist mir wie die meisten Expressionisten inzwischen ein bisschen egal, ich gucke sie pflichtschuldig, und so blieb ich auch hier nur eine gute halbe Stunde vor den 40 Bildern – ich musste ja auch wieder aufs Wasser gucken –, aber ein paar waren doch dabei, die mir sehr gefielen. Mein liebstes finde ich allen Ernstes weder bei den schönen Unidatenbanken noch bei Google; wenn euch „Gelbe Frau mit Kind“ von 1913 über den Weg läuft oder vor euch vom Laster fällt, schickt mir das Bild doch bitte mal. Ich mochte schon den Titel, und die wenigen, geometrischen bunten Flächen schienen mir klarer, sinnstiftender als das übliche bunte Gewusel. Generell mochte ich in der Ausstellung die Ecke mit den flanierenden Stadtmenschen am liebsten. Vielleicht auch, weil auf der kleinen Insel davon so wenig zu spüren war. Klar, es war alles voller Tourist*innen, aber weil die Altstadt komplett denkmalgeschützt ist, gibt es gefühlt nur fünf Parkplätze und fast nur einspurige Straßen. Das sieht man auf meinen Häuserbildern ganz gut; ab und zu fährt ein Auto an einem vorbei, aber man muss mehr auf Pedelecs achten und auf überall rumstehende Postkartenständer. Auch das war für mich als Großstadtmensch äußerst entspannend.

Und dann war ich abends ein bisschen essen. Nur sieben Gänge mit Kleinkram vorneweg und hintendran und Weinbegleitung und einem Rosé-Champagner als Auftakt, denn wenn es Rosé-Champagner gibt, dann trinke ich den auch.

Als Reinkommer gab’s eine Forelle mit Bärlauch und, ich glaube, Bärlauchknospen. Darüber winzige Gurkenscheibchen, alles spannend süßsauer. Ich fing an, wohlig zu seufzen und hörte den ganzen Abend nicht mehr auf.

Als die überaus freundliche Bedienung mir diesen Teller hinstellte, entfleuchte mir ein „Oh wow“, weil OH SO PRETTY! Gänseleber mit Räucheraal darüber und Rhabarber. Und der Riesling im Glas war das goldigste Gold, das ich je hatte. Schmeckte zunächst nach bitterem Honig und Kieselsteinen, aber mit der Gänseleber zusammen – natürlich – perfekt. Dazu gab’s eine Brioche, die ich kaum anfassen konnte, so hauchzart fluffte sie unter meinen Fingerchen dahin. Aber in der Not schmeckt Gänseleber ja auch ohne Brot.

Zum Hummer mit Gurken-Mandel-Kaltschale gab es einen spanischen Weißen, ich habe mir keine Weine notiert und wollte das auch nicht, aber hier musste ich schnell in mein iPhone die Notiz tippen: „SHERRYKAUGUMMI!“ Ich weiß nicht, ob diese wunderschönen gelben Blüten zwischen den gerösteten Zwiebeln Fenchel sind. Vielleicht stammen sie sogar aus dem hauseigenen Garten; während ich auf die Gänge wartete und nicht im iPad lesen wollte, guckte ich in der Gegend herum und sah manchmal einen Koch im Garten winziges Grünzeug abschneiden.

Der Keta-Lachs kam mit Kalamansi und Ponzu-Sauce, die schon gefühlt einen halben Meter vom Tisch entfernt in meine Richtung duftete. Ich roch diesen Duft noch öfter am Abend, wenn Teller an mir vorbeigetragen wurden. Dazu gab’s eine meiner liebsten Rebsorten, Sauvignon blanc, der erwartungsgemäß frisch und säuerlich war, aber vor dem Lachs einen Kotau machte und nur noch rumschmeichelte. Ich seufzte weiterhin wohlig vor mich hin.

Mein liebster Gang des Abends: Steinbutt mit Zwiebeln und geröstetem Gemüsejus. Wieder einmal hielt ich gefühlt minutenlang die Nase dicht über den Teller, bevor ich anfing zu essen. Meist wollte ich gar nicht, weil alle Teller so wunderschön aussahen! Aber: Sie rochen halt alle gut, und das war ihr Verderben. Dazu gab’s einen Chardonnay, der wie einer meiner Hassrotweine roch, bei denen ich immer an schwefeligen Pferdemist denken muss. Ich notierte mir leicht angeheitert „PFIRSICHPFERD!“ und ließ es mir schmecken.

Lammrücken mit Erbsen und Salzzitronen, dazu den einzigen Rotwein des Abends. Ein Bordeaux, der schmeckte, als ob man auf Kirschkernen rumkaute, die in einem schweren Aschenbecher gelegen haben. Also: Rauch, Tannine, Holz, wenig Frucht. Aber dann kamen das Lamm reingehüpft und die Sauce und die Erbsen und zack, war da die Kirsche. Ich kapiere bis heute nicht, dass ein Rotwein mit Salzzitronen klarkommt, aber kam er natürlich. Ich wollte mehr.

„War das Lamm so recht?“
„Ich kann mich nicht von ihm trennen!“
„Wir machen Ihnen das gerne nochmal!“
*wimmer*
*Service schenkt einfach nochmal Rotwein nach*
*wohligseufz*

Ich ging zwischendurch aufs Klo und stellte danach fest: Das Tantris ist nicht das einzige Lokal, das die Serviette neu faltet, wenn man mal vom Tisch weg ist. Mir wurde natürlich auch der Stuhl zurechtgerückt, der übrigens eine halbe Sitzbank war. Ich habe selten so bequem und auch so angenehm gesessen. Ich saß zwischen Loggia und Innenraum und hatte immer einen leichten Luftzug, um mich herum auf allen Tischen standen kleine Blumengebinde und Kerzen, alles unterschiedlich, aber alles passte. Als ich um 19 Uhr kam, war ich erst der vierte Tisch, der besetzt wurde, aber als ich nach 22 Uhr ging, war der Laden voll. Trotzdem war alles ruhig, und obwohl ich auf kein einziges Wasser gucken konnte außer auf das in meinem Glas, war ich so entspannt wie schon den ganzen Tag über. Alleine essen gehen. Kann man machen. Auch stundenlang. Davor war ich ein bisschen nervös gewesen, auch weil ich F. gerne als Gesprächspartner für Weinnotizen dabei habe. Aber ich merkte immer mehr, wie angenehm das war, nicht alles zu zerreden. Ich konnte mich ganz aufs Essen und die Weine konzentrieren. Irgendwann habe ich zwischen den Gängen auch nicht mehr zur Lektüre gegriffen, sondern saß einfach nur noch da und guckte vor mich hin und das fühlte sich völlig in Ordnung an.

Aber wir waren ja noch nicht fertig. Statt des üblichen kalten Sorbets zum Magenaufräumen vor den Süßspeisen wurde mir ein heißer Tee gereicht. Ich habe mir nicht gemerkt, was das für ein Tee war, aber er war herrlich. Und, kaum zu glauben, ich war wirklich wieder wach.

Deswegen konnte ich auch die Waldheidelbeeren würdigen, die sich unter den Shards, wie ich dauernd bei Masterchef Australia hörte, verbargen. Irgendwo war auch noch, laut Speisekarte, Verbene verbaut – vielleicht war das sogar der Tee. Wie ich lustigerweise gerade vor ein paar Tagen bei Masterchef gelernt hatte, soll das erste Dessert frisch und leicht sein, bevor das letzte Dessert dann seinen großen süßen Auftritt hat. Das hat hier hervorragend geklappt. Eigentlich ist mir Blumenfirlefanz am Teller eher lästig, genau wie Steine, auf denen irgendwas liegt – ich möchte nur Zeug auf dem Teller haben, das ich auch essen kann. Aber hier kam man nicht darum herum, mit dem Handgelenk die kühlen, glatten Blüten zu berühren, wenn man die Beeren löffelte, und das war ein sehr sinnliches Erlebnis.

Und da ist der große süße Auftritt. Kirschsorbet, meine ich mich zu erinnern, Tonkabohnencreme, Schokolade, die kleinen rosa Nupsis waren baiserähnlich, der Turm irritierte mich zunächst als Dekoidee aus den 90ern, aber es war äußerst befriedigend, sich sein dekonstruiertes Dessert nicht vom Teller zusammensammeln zu müssen, sondern einfach mit dem Löffel durch siebzehn Schichten zu schlemmen. Der Kracher war allerdings die Getränkebegleitung: Statt des üblichen Süßweins gab’s einen Shot Kirschlikör – „vom [Hersteller Irgendwas Irgendwer] gleich hier die Straße rauf“ – auf Eis. So möchte ich meine Liköre ab jetzt nur noch trinken.

Dann gab’s noch Mangojogurt oder so als Rauswerfer, konfektähnlichen Kleinkram, einen Espresso, meinen üblichen Nussgeist – das ist quasi die Klammer zum Rosé-Champagner, das muss beides immer sein – und dann war ich so glücklich wie selten. Das Villino hat einen Stern und ich würde ihm gerne noch 50 dazugeben. Ich habe mich äußerst wohlgefühlt, nie irgendwie komisch, so alleine und wie immer bei 28 Grad leicht transpirierend, das Essen war genauso entspannend wie mein ganzer Urlaub und trotzdem hatte jeder Gang eine kleine Überraschung, die mich innerlich freudig aufhorchen ließ, und jeder Wein konnte mich faszinieren. Das war endlich mal eine Kombi, die ich bisher auch nur aus dem Tantris kannte: nicht nur großartiges Essen oder herausfordernde Weine, sondern beides. Ich habe wirklich bei jedem Gang wohlig geseufzt und mich vermutlich total zum Klops gemacht. Das war’s wert. Ganz große Empfehlung.

(Ja, das ist eine Peniswolke. Ja, das ist die offizielle wissenschaftliche Bezeichnung.)

Bis 9 Uhr geschlafen, mich wieder über die Erdbeeren auf dem Buffet und das frische Rührei gefreut. Ganz anderes Kochlevel, aber ähnliches Glückslevel. Gutes Futter halt. F. per DM: „Dass du überhaupt schon wieder was essen kannst!“ Ich zurück: „Ich habe jahrzehntelang trainiert!“

Den Vormittag verbrachte ich mit einem Buch auf meiner am Vortag entdeckten Lieblingsbank bei den Enten im Toskanapark, dann schlenderte ich zu einem der Anbieter für Bootsrundfahrten und ließ mich über den See schippern. Auf Twitter lernte ich, dass man auf dem Bodensee gleichzeitig in Deutschland, Österreich und der Schweiz ist; die Grenzen hören an Land auf. Europa, du tolles Ding!



Nach einer guten Stunde und einem Eiskaffee an Bord ging es wieder nach Deutschland zurück. Ich bummelte zum achtzigsten Mal durch die historische Altstadt und konnte mich immer noch über jedes bunte Haus freuen, suchte per Smartphone nach einem Laden, der Briefmarken hat, fand ihn, kaufte eine Postkarte für Mama und Papa und ging ins Hotel zurück. Natürlich mit Umweg über den Uferweg. Wasser gucken. Nie langweilig.

Abends saß ich dann wieder bei den Evangelen. Die Kirche hat im vorderen Teil ziemlich lustige Bänke, bei denen man die Rückenlehnen so nach vorne klappen kann, dass man nicht in Richtung Chor, sondern in Richtung Orgel guckt. Sehr praktisch, denn ich war zu einem Orgelkonzert da. Die, ähem, Lichtorgel (ba-dum tss) belustigte mich im stillen Zustand, aber als sich die Lichtfarben veränderten, als auf ihr gespielt wurde, irritierte mich das doch sehr. Ich verstehe zu wenig vom Orgelaufbau, um sagen zu können, ob eine Lichtfarbe einem Register zugeordnet war, und ich konnte auch nicht ausmachen, ob es an irgendwelchen Akkorden lag – irgendwann schaute ich eh nur noch zu Boden, weil es mir dort oben zu bunt war. Obwohl zwischenzeitig mal ein Tableau aus verschiedenen Blau- oder Violetttönen sehr hübsch aussah.

Das Programm selbst war für meinen Geschmack etwas eigenwillig, aber auch hier: Ich habe keine Ahnung von Orgelliteratur. Mehr als Bach und Kirchenlieder kenne ich nicht. Das erste Stück von Walter Glück fand ich fad, das zweite von Oskar Lindberg hingegen sehr reizvoll. Dann kam der vermutlich langweiligste Händel der Welt, ich wusste gar nicht, dass Händel langweilig sein kann, und ich merkte, wie ich immer öfter ans Essen dachte. Als der Satie dann auch sehr melancholisch dahinschlich (und ich im Geiste die Minuten bis zum Küchenschluss meines Hotels runterzählte), ging ich dann doch leise aus der Kirche, warf aber einen Schein in das Sammelkörbchen zur Orgelrestaurierung, wie sich’s gehört, und sprintete in den Biergarten. Dort bestellte ich ein Helles und einen Backhendlsalat, und gerade als ich das Bier ansetzte, erklang aus dem Nachbarhaus ein vielstimmiger Chor. Auch der Rest vom Biergarten horchte auf, aber leider nicht lange genug, um mich wirklich erkennen zu lassen, was die (hörbar mehr) Damen und Herren genau sangen. Ein Lied erkannte ich, aber das war’s dann auch. Jedenfalls saß ich nun wieder genau in dem Zustand da, der mich auf Lindau seit Tagen begleitete, vom ersten Durchatmen an: äußerst entspannt, sehr zufrieden, glücklich, ruhig, gelassen. Und mit Chorbegleitung.

Ich habe wirklich erst hier auf der Insel gemerkt, wie angespannt ich vorher war und wie dringend es nötig war, aufs Wasser zu gucken. Auch das Alleinsein tat sehr gut, und dass ich mich wirklich um nichts kümmern musste, ich musste nur spazierengehen und essen und gucken, und ich hätte auch einfach im Zimmer rumliegen können und es wäre in Ordnung gewesen, niemand will was von mir, ich will von niemandem was, ich mache einfach mal nichts und denke auch ungefähr so viel. Es warteten keine 50 Museen vor der Tür, die mir ein schlechtes Gewissen machen, es wartete nur der See und der ist hoffentlich noch lange da, denn ich möchte jetzt schon wieder zu ihm zurück.

Das war der erste Urlaub, der von mir aus noch länger hätte gehen können. Ich mag mein Zuhause, wo auch immer es ist, ich bin da gerne und ich komme immer gerne dahin zurück, aber ja, der See hat schon sehr gut getan. Wieder was gelernt, ohne dass ich es mal darauf angelegt habe.

Croissants

Das Gute an Sommerferien ist: Man hat so richtig Zeit für Hefeteig. Wobei sich der hier auch entspannt über einen Abend verteilt anfertigen lässt, dann legt man die Hörnchen über Nacht in den Kühlschrank, holt sie raus, bevor man morgens unter die Dusche geht, und wenn man sich ein bisschen länger als gewohnt im Bad aufhält, kann man danach quasi sofort backen.

Ja, es ist vermutlich weniger zeitaufwendig, einfach zur Bäckerin nebenan zu gehen, aber ich freue mich trotzdem, endlich mal die Herausforderung Blätterteig bezwungen zu haben. Bei meinen Franzbrötchen war ich nie so richtig glücklich mit Aussehen und Luftigkeit des fertigen Gebäcks, wobei der Geschmack schon ziemlich perfekt war. Ich ahne inzwischen, womit das zusammenhängen könnte: mit der kürzeren Ruhezeit im Kühlschrank vor der nächsten Tour (dem erneuten Bearbeiten des Teiges). Bei den Franzbrötchen habe ich den Teiglingen immer nur 15 Minuten Ruhe gegönnt, den Croissants allerdings 30. Das sorgt für weitaus mehr Fluffigkeit.

Daher hier nun ein gut funktionierendes Croissant-Rezept, natürlich von Aurélie, durch deren Video ich auch das Macaronbacken hingekriegt habe.

Für sechs bis acht Croissants, je nachdem, wie gut ihr beim Teigabschneiden seid. Bei mir sind es sechs Monstercroissants geworden.

In einer Schüssel
500 g Mehl, Type 405, mit
1 TL Salz und
50 g Zucker mischen.

30 g frische Hefe in
310 g Wasser auflösen. Das Hefewasser zur Mehlmischung geben und kurz zu einem weichen, klebrigen Teig verkneten. Die Schüssel mit einem feuchten Tuch abdecken und für 30 Minuten in den Kühlschrank stellen.

250 g Butter zu einem Quadrat ausrollen, circa 15 mal 15 cm. (Bitte keine streichzarte Butter oder irgendwas, dem Wasser zugesetzt wurde, verwenden, das läuft sonst alles einfach aus den Teiglingen heraus. Stinknormale Butter, gerne Bio. Eh klar.) Das Ausrollen geht am besten, indem man die Butter auf ein Stück Backpapier legt und um sie herum das Papier zu einem Quadrat faltet, in dem die Butter nun eingepackt ist; bei Aurélie ist das im Video bzw. auf ihren Phasenfotos gut zu sehen. Mit einem Nudelholz auf die Butter klopfen, bis sie sich im Papierquadrat ausgebreitet hat. In den Kühlschrank legen.

Nach der Ruhezeit den Teig auf die ordentlich bemehlte Arbeitsfläche kippen bzw. ihn vorsichtig aus der Schüssel holen. Nicht nochmal kneten, er soll seine Fluffigkeit behalten. Vorsichtig zu einem Rechteck ausrollen, das etwas mehr als doppelt so groß wie das Butterquadrat ist. Die Butter auf die eine Hälfte des Teigs legen, die andere darüberlegen.

Nun den Teig um ein Viertel drehen und ihn wieder zu einem Rechteck wie eben ausrollen. (Diese Drehung war die erste Tour.) Dann das obere Drittel des ausgerollten Teigs nach unten schlagen und das untere darüber, so dass der Teig nun wie ein fast quadratischer Briefumschlag aussieht. In Backpapier einschlagen und für 30 Minuten im Kühlschrank ruhen lassen.

(Einschub: Aurélie bürstet immer das Mehl vom Teig. Ich hatte kein passendes Werkzeug im Haus und habe das daher nur oberflächlich mit der Hand erledigt. Ging auch, aber ich werde mir jetzt trotzdem diesen tollen Mehlbesen zulegen, einfach weil es so aussieht, als würde es irre Spaß machen, damit Mehl von Teigen zu fegen.)

Das Tournieren noch zweimal machen: aus dem Kühlschrank holen, um ein Viertel drehen, ausrollen, Briefumschlag basteln, 30 Minuten Ruhezeit.

Und dann noch ein insgesamt viertes Mal drehen, ausrollen, falten, aber jetzt verarbeiten wir den Teig weiter. Nachdem ihr den Briefumschlag gebastelt habt, rollt ihr den Teig ein letztes Mal zu einem langen Rechteck aus. Ich habe den Teig vermutlich nicht dünn genug ausgerollt; bei mir war es gefühlt noch ein knapper Zentimeter, weswegen meine Croissants recht muskulös daherkommen und es auch nur sechs waren. Die ungeraden Enden des Teigrechtecks könnt ihr übrigens abschneiden und einfach so mitbacken. Aus dem hoffentlich nun halbwegs ordentlichen Rechteck sechs bis acht Dreiecke schneiden und zu Croissants aufrollen. Auf ein mit Backpapier ausgelegtes Backblech legen und ein wirklich allerletztes Mal unter einem Tuch bei Zimmertemperatur 30 Minuten lang gehen lassen.

(Wahlweise auch über Nacht in den Kühlschrank legen oder gleich einfrieren. Meine lagen gestern Nacht rum und wurden heute morgen gebacken. Dazu habe ich sie erst einmal eine Stunde lang Zimmertemperatur annehmen lassen und sie dann noch 30 Minuten gehen lassen. Immer schön nach Aurélie richten.)

Mit einer Mischung aus
1 Eigelb und
3 EL Milch bestreichen und im auf 190° vorgeheizten Ofen mit Umluft für 25 Minuten backen. (180° Ober- und Unterhitze gehen auch.)

Et voilà! Croissants! Man sagt übrigens dauernd „et voilà“ beim Tournieren, ich glaube, das muss so. Anders kann man kein französisches Backwerk zubereiten.

Tagebuch, Dienstag, 10. Juli 2018 – Sommerferienbeginn

Ich erwähnte neulich schon einmal, dass mein Kopf sich anscheinend gerade eine Auszeit nimmt. Das habe ich natürlich nur zwei, drei Tage ernstgenommen und schön weiter an der Diss gearbeitet, brav jede Minute nutzend, die ich nicht für Jobs brauche. Aber seitdem häuften sich Kleinigkeiten, die mich meine Strategie „Augen zu und durch“ überdenken ließen.

Als wir in der Puppenkiste waren, schaltete ich mein Handy ab – und in der Pause fiel mir meine PIN nicht mehr ein, die ich auf dem iPad täglich ungefähr 50mal eingebe. Letzte Woche saß ich in der Stabi und schrieb lustig Dinge aus Katalogen und Büchern in meine Stoffsammlung, und als mich F. abends danach fragte, konnte ich ihm keinen einzigen Text mehr nennen, den ich morgens noch so lesenswert gefunden hatte. Selbst als ich das Dokument auf dem Rechner öffnete und es überflog, wusste ich nicht mehr, warum ich genau diese Zeilen notiert hatte. Und Montag stieg ich gleich zweimal an der falschen U-Bahn-Station aus; das erste Mal schob ich es auf meine Unkonzentriertheit, weil ich gerade Finnegans Wake vor der Nase gehabt hatte, aber das zweite Mal konnte ich mir nicht mehr erklären. Ich kann in meiner eigenen Stadt nicht mehr U-Bahn fahren! Ehe ich meine eigene Haustür nicht mehr finde oder ich meinen Namen vergesse (ODER MEINE CAMPUS-E-MAIL, MIT DER ICH MICH ÜBERALL EINLOGGE OMG), mache ich jetzt Ferien. So. Basta.

Seit Montag überlegte ich daher pflichtschuldig, wo ich denn mal hinfahren könnte, um mich abzulenken. F. hatte mir Urlaub auf dem eigenen Sofa verboten – „das ist kein Urlaub! Du musst mal raus“ –, womit er vermutlich recht hat. Ich ging im Kopf meine üblichen Städte durch, in die ich mal wieder wollen würde, um in schönen Museen rumzulungern, Dresden, Berlin, Leipzsch, Madrid? Aber irgendwie stresste mich das mehr als dass es mich vorfreute.

Und dann kam gestern eine Mail (DANKESCHÖN) mit einem Link zu Literaturhotels. Das klang schon mal interessant, und eine Location sprach mich auch sofort an, weil sie nicht so irre weit weg war. Die ist für mich im Moment nicht bezahlbar, aber das erste Bild, das man auf der Site sieht, zeigt grüne Wiesen, viel Wald, ein Kirchlein und Berge. Und in dem Moment wusste ich, was ich dringend haben möchte: Natur zum Draufgucken. Keine Stadt, keine Museen, nicht so irre viele Leute, nur irgendwas Nichtmenschengemachtes zum Anglotzen.

Die erste Idee war natürlich MEER OMG MEER ICH WILL ANS MEER bis mir einfiel, dass ich nicht mehr im Norden wohne. Damit waren Sylt und Rügen raus, denn ich hatte keine Lust auf eine achtstündige Zugfahrt. Ich weiß seit kurzem, dass es ernsthaft einen Direktflug von München nach Westerland gibt, und seit ich das weiß, weiß ich, was ich an meinem nächsten Geburtstag machen werde, ha! So kurzfristig waren diese Flüge aber zu teuer und deswegen schwenkte ich um auf einen der vielen Seen, die hier in Bayern so rumliegen. Ich suchte nach Hotels mit Seeblick, die im Juli natürlich auch schon eher Mangelware waren, aber ich fand eine bezahlbare Pension, von der man in fünf Minuten am Wasser ist, wo der Biergarten auf der Website heimelig lockt, deren Küche einen Teller vom Guide Michelin hat und wo im Nachbarort ein Sternelokal ist, wo ich nächste Woche alleine essen gehen werde. F. bleibt brav zuhause, und ich werde vier Tage lang nur rumliegen, spazierengehen, aufs Wasser gucken, Bootfahren, wo-hoo!, viel Wein trinken und Zeug lesen, das nichts mit der Diss zu tun hat. Und wenn ich wieder in München bin, mache ich das noch ein paar Tage im Englischen Garten.

Das Referat morgen für die Korrekturfee ziehe ich noch durch, es wird aber etwas weniger professionell werden als geplant, denn wie gesagt, mein Kopf ist schon seit Tagen (oder Wochen) am See, während der Rest von mir das erstmal kapieren musste. Ob es im Blog auch eine Auszeit gibt, weiß ich noch nicht; aus Erfahrung weiß ich, dass man immer am meisten zu erzählen hat, wenn man eine Blogpause ankündigt, daher lasse ich das mal.

Ich war schon nach der Buchung gestern entspannter als vorher. Jetzt schreibe ich noch flugs ein paar Kundenmails, dass ich nächste Woche auf nichts reagieren werde, und dann schneide ich das gestern gebackene Brot an und beginne meine Sommerferien.

Tagebuch, Sonntag, 8. Juli 2018 – Back- und Schreibwerk

Den Morgen verbummelte ich neben F., was ich sehr genoss. Obwohl ich blöd von uns geträumt hatte. Im Traum hatte der Herr schon diverse Möbel zusammengeschraubt für unsere gemeinsame Wohnung, obwohl wir die doch noch gar nicht haben! Ich quengelte, wurde aber mit Schokolade ruhig gestellt. … Ich glaube, das beschreibt unsere Beziehung ganz gut: Der Mann kümmert sich, und ich esse Süßigkeiten.

Dann ging ich nach Hause und konnte mich nicht so recht entscheiden: Brioche backen? Oder gleich brav an den Schreibtisch? Twitter wusste die Lösung: Das geht doch beides, Kind! Also setzte ich einen schnuffigen Hefeteig an und ließ ihn vor sich hingehen, während ich an der Diss weiterwerkelte bzw. am Referat dazu, das ich Donnerstag meiner Korrekturfee halten werde.

Gestern habe ich endlich kapiert, warum mir dieses Referat solche Schwierigkeiten bereitet. In der Stoffsammlung für die Diss habe ich meinen Doktorvater bzw. meine Mitpromovierenden als Publikum im Hinterkopf, die sich auch alle in der Zeit der Neuen Sachlichkeit oder der NS-Zeit herumtreiben. Da muss ich also deutlich weniger erklären, wenn ich erzählen möchte, worum es mir geht. Bei der Korrekturfee muss ich viel früher ansetzen, damit sie überhaupt weiß, warum mir dieses kleine Nischenthema so am Herzen liegt und warum es wichtig ist, darin rumzubohren. Denn wenn ich schon den Ausgangspunkt nicht vermitteln kann, ist der Rest des Vortrags nur Rummeinen.

Das verstand ich erst gestern, dass ich zwei Vorträge vorbereiten muss. Aber obwohl das mehr Arbeit ist, klappt die Ausarbeitung des ersten nun endlich und ich werfe nicht mehr dauernd Folien hin und her.

Damit war ich dann den ganzen Tag beschäftigt. Zwischendurch schob ich die neue Folge Masterchef Australia dazwischen – diese Staffel begeistert mich nicht so recht, aber ich gucke sie natürlich trotzdem – und aß ein Brot mit Pastrami und Estragonsenf, wonach ich wieder an den Schreibtisch ging. Am späten Nachmittag formte ich ein paar Kugeln aus dem Hefeteig und legte sie in die Muffinform (ich habe keine Briocheförmchen), dann las und schrieb ich wieder, dann buk ich Brioches, dann las und schrieb ich wieder, dann aß ich ein Brioche, das leider nicht so der Bringer war, doofes ergoogeltes Rezept, dann las ich wieder, ärgerte mich über die Diss von 1990, weil sie mir wichtige Quellen vorenthielt und rumbehauptete, und dann war mein Tee alle und ich machte Feierabend.

Aus den doofen Brioche machte ich herzhaften French Toast, guckte zwei Folgen Suits und las zum Einschlafen Joyce.

Tagebuch, Samstag, 7. Juli 2018 – Lesen und lesen lassen

Da mir der Freitagnachmittag mit dem Bachmannpreis so gut gefallen hatte, saß ich am Samstagvormittag gespannt vor dem Rechner, um die letzten vier Texte anzuhören. Hier gibt’s einen kleinen Überblick, auch mit Links zu den Texten und den Jurydiskussionen.

Mir persönlich gefiel der Text von Özlem Özgül Dündar am besten; mich wunderte allerdings seine Schreibweise. Ich las nie mit, sondern ließ mir vorlesen, aber auf Twitter bekam ich mit, dass der Text anscheinend ohne Interpunktion und Großschreibung einfach so vor sich hinfließt. Beim Vortrag klang das nicht so, insofern bin ich ganz dankbar, eine Lesung mitbekommen zu haben. Obwohl mich seit dem letzten Kapitel des Ulysses, das genauso geschrieben ist, nichts mehr abschrecken kann. Wenn ich einen Text lesen will, dann lasse ich mich von fehlenden Kommata nicht mehr aufhalten. (Ich lese allerdings weiterhin keine Texte in weiß auf dunklem Grund im Internet.)

Ich fand es spannend, dass in der Jurydiskussion das Stichwort der Pietà fiel, denn das kam mir auch in den Sinn bei diesem Text über vier Mütter, von denen einige Opfer bzw. Opfermütter sind und eine Tätermutter ist. Ich mochte die sehr persönliche Herangehensweise an ein leider aktuelles Thema, gerade im Unterschied zu einem anderen Text, der sich auch mit der Geschichte der Bundesrepublik befasste und eitel scheiterte. Fand ich jedenfalls. Dündar wurde gerade mit dem KELAG-Preis ausgezeichnet, quasi der dritte Platz (weil die dritthöchste Preissumme). Bov Bjerg, dessen Text mich fast genauso begeistern konnte, erhielt den zweithöchst dotierten Preis, und der Bachmannpreis ging an Tanja Maljartschuk, die gefühlt den klassischsten Text vortrug, jedenfalls von denen, die ich mitbekommen hatte. Die anderen Texte werde ich jetzt brav nachlesen. Das hat mir alles sehr gut gefallen, und ich werde mir das für nächstes Jahr im Kalender eintragen, um Zeit zu haben, vor dem Livestream zu sitzen.

Den Rest des Tages verbrachte ich mit Fußballgucken und Referatformulieren. Letzteres ging zäher voran als mir lieb war. Jedesmal, wenn ich denke, jetzt weiß ich endlich, was ich sagen will, hinterfrage ich mich wieder. Ich hätte nicht gedacht, schon im Anfangsstadium der Diss – denn so fühlt es sich auch nach acht Monaten noch an – so rumzueiern. Praktischerweise hat F. immer einen guten Tipp, wie ich mein eigenes Gedankenknäuel auflösen kann, und damit werde ich mich heute befassen.

Ein paar weitere Seiten in Finnegans Wake bezwungen. Wenn man sich mal so richtig doof fühlen will, ist das Buch wirklich perfekt. Am Freitag twitterte ich noch launig, dass das Buch ein totales Wellnessbuch sei, denn man versteht halt nichts und muss sich mit nichts aufhalten. Aber so leicht will ich es dem Joyce ja auch nicht machen, ich will schon wissen, ob er nur Quatsch geschrieben oder sich wenigstens Mühe dabei gegeben hat. Daher suche ich immer einen Sinn, gebe meist auf, manchmal nicht, lese weiter, vergesse gerne, was ich eben gelesen habe und eiere quasi genauso rum wie bei der Diss. An manchen Sätzen knabbere ich rum, weil sie mir gefallen, an anderen, weil sie für mich überhaupt keinen Sinn ergeben, mich aber ein Wort oder ein Ausdruck daran hindern, einfach weiterzulesen. So was hier zum Beispiel:

„We can’t do without them. Wives, rush to the restyours! Ofman will toman while led is the lol.“

„The restyours“ bedeutet für mich schön patriarchalisch der Ehemann, der aus einer Frau ein Ganzes macht, ohne ihn ist sie unvollkommen. „Ofman“ ließ mich natürlich sofort an A Handmaid’s Tale denken, wo die Frauen keine eigenen Namen mehr haben, sondern als Besitz eines Mannes gekennzeichnet sind, wie die Hauptfigur Offred (Of Fred). Aber was heißt dann „toman“? Und woher zum Teufel kennt sich Joyce im Interweb aus LOL?

Aber der gute Mann versorgte mich ein paar Seiten weiter mit einem Begriff, den ich sofort in meinen Sprachschatz übernommen habe: Twitterlitter. Ihr kriegt jetzt den ganzen Satz, Moment:

„Gaping Gill, swift to mate errthors, stern to checkself, (diagnosing through eustacetube that it was to make with a markedly postpuberal hypertituitary type of Heidelberg mannleich cavern ethics) lufted his slopingforward, bad Sweatagore good murrough and dublnotch on to it as he was greedly obliged, and like a sensible ham, with infinite tact in the delicate situation seen the touchy nature of its perilous theme, thanked um for guilders received and time of day (not a little token abock allthe same that that was owl the God’s clock it was) and, upon humble duty to greet his Tyskminister and he shall gildthegap Gaper and thee his a mouldy voids, went about his business, whoever it was, saluting corpses, as a metter of corse (one could hound him out had one hart to for the monticules of scalp and dandruff droppings blaze his trail) accompanied by his trusty snorler and his permanent reflection verbigracious; I have met with you, bird, too late, or if not, too worm and early: and with tag for ildiot in his secondmouth language as many of the bigtimer’s verbaten words which he could balbly call to memory that same kveldeve, ere the hour of the twattering of bards in the twitterlitter between Druidia and the Deepsleep Sea, when suppertide and souvenir to Charlatan Mall jointly kem gently and along the quiet darkenings of Grand and Royal, ff, flitmansfluh, and, kk, ‘t crept i’ hedge whenas to many a softongue’s pawkytalk mude unswer u sufter poghyogh, Arvanda always aquiassent, while, studying castelles in the blowne and studding cowshots over the noran, he spat in careful convertedness a musaic dispensation about his hearthstone if you please, (Irish saliva, mawshe dho hole but would a respectable prominently connected fellow of Iro-European ascendances with welldressed ideas who knew the correct thing such as Mr. Shallwesigh or Mr. Shallwelaugh expectorate after such a callous fashion, no thank yous! when he had his belcher spuckertuck in his pucket, pthuck?) musefed with his thockits after having supped of the dish sot and pottage which he snobbishly dabbed Peach Bombay (it is rawly only Lukanpukan pilzenpie which she knows which senaffed and pibered him), a supreme of excelling peas, balled under minnshogue’s milk into whitemalt winesour, a proviant the littlebilker hoarsely relished, chaff it, in the snevel season, being as fain o’t as your rat wi’fennel; and on this celebrating occasion of the happy escape, for a crowning of pot valiance, this regional platter, benjamin of bouillis, with a spolish olive to middlepoint its zaynith, was marrying itself (porkograso !) erebusqued very deluxiously with a bottle of Phenice-Bruerie ’98, followed for second nuptials by a Piessporter, Grand Cur, of both of which cherished tablelights (though humble the bounquet ’tis a leaman*s farewell) he obdurately sniffed the cobwebcrusted corks.“

(James Joyce: Finnegans Wake, London 1992, S. 36–38.)

Was wollte ich sagen? Ach ja: Meine Liste von Nervensägen auf Twitter heißt jetzt Twitterlitter. Much obliged, James.

Was schön war, Freitag, 6. Juli 2018 – Fast alles

Bei Regen aufgewacht. Den Tagesplan Tagesplan sein gelassen und mich eine halbe Stunde an F. gekuschelt, der morgens immer ewig braucht, um in die Gänge zu kommen, während ich eigentlich mit dem ersten Weckerklingeln aufstehe (sonst schlafe ich bis Mittags durch. Snoozen ist mein Feind). Aber wenn da schon jemand neben dir liegt und rumdöst, kann man dabei ja einfach mal mitmachen, es drängte gerade nichts auf dem Zeitplan. Das war schon mal sehr schön.

Eine große Kanne Tee gekocht und jede Tasse genossen.

Dann eine Premiere. Die Kaltmamsell bloggt seit Jahren aufopferungsvoll aus Klagenfurt von den Tagen der deutschsprachigen Literatur (#tddl, #tddl18), so auch in diesem Jahr. Ich habe das immer interessiert gelesen, denn die Zusammenfassungen der vorgetragenen Geschichten waren so gut, dass ich eine Vorstellung von ihnen bekam, und von den Jury-Diskussionen hinterher ebenso. Manche der Geschichten habe ich online nachgelesen, die meisten allerdings nicht. Das liegt vielleicht auch daran, dass deutschsprachige Literatur ziemlich weit an mir vorbeigeht. Mal bekomme ich eine*n Buchpreisträger*in mit, die lese ich dann manchmal sogar, aber so richtig passe ich nicht auf dieses Genre, wenn man es so nennenn kann, auf.

Gestern kam ich aber schon so schön in den Tag rein, der Einkauf war schnell und angenehm (und bei Regen, yay! Endlich anständiges Wetter), ich hatte eine Schale Stachelbeeren erstanden, die ich für F. verarbeiten wollte, der sich selbst gerne als „Stachelbeerinfluencer“ bezeichnet, der kleine Irre. Ich googelte mir ein Rezept für Stachelbeerkompott zusammen, das ein bisschen mehr hermachte als einfach Früchte matschig zu kochen.

Einschub: 50 g Zucker mit 50 g Butter in einer Pfanne karamellisieren lassen, dann 500 Stachelbeeren, von Stielen und Blütenansätzen befreit, dazugeben. So lange köcheln lassen, bis die Früchte weich werden und aufzuplatzen beginnen; das hat bei mir keine zehn Minuten gedauert. Früchte vorsichtig zerdrücken, abkühlen lassen, ab ins Gläschen. Oder noch besser gleich mit Vanillepudding oder so genießen. Ich habe den Rest, der nicht in F.s Glas passte, mit Vanillejogurt gegessen und dachte mir, och, Stachelbeere, doch ganz okay. Muss ich aber auch nicht dauernd haben. Im Gegensatz zu anderen Leuten. Einschub Ende.

Ich ging also in die Küche, um mich ans Kompott zu machen, und wo ich sonst Spotify auf dem Laptop zum Kochen anklicke, wählte ich gestern spontan die Website des Bachmannpreises, wo auch gerade eine Geschichte begonnen hatte. Ich war mit dem Putzen der Früchte und dem Kochen längst fertig, als der Text endete, aber anstatt die Website zu schließen, hatte ich mich an den Küchentisch gesetzt und der Verfasserin Tanja Maljartschuk weiter zugehört. Nach der Pause lauschte ich dann Bov Bjerg, dessen Blog ich ewig gelesen und über dessen Bucherfolg ich mich sehr gefreut hatte, und war von seinem Text begeistert. Von der Geschichte Anselm Nefts war ich dann nicht mehr ganz so begeistert, fand aber auch hier die Jury-Diskussion erhellend und spannend.

Danach fragte ich mich, warum ich erst jetzt auf den Geschmack dieser Veranstaltung gekommen bin, aber ich ahne, dass es damit so ist wie mit allem: hat eben alles seine Zeit. Vor fünf Jahren dachte ich halt noch, ach, prätentiöse Literatur, und jetzt beschäftigte ich mich die ganze Zeit mit prätentiöser Kunst und rede genauso darüber und finde gar nichts Komisches oder Anstrengendes daran. Vermutlich, weil es eben nicht prätantiös ist, sondern ich einfach die Geduld finden musste, mich mit Dingen auseinanderzusetzen, die herausfordernder sind als amerikanische Popcornfilme.

Heute um 10 geht’s weiter.

In Finnegans Wake weitergelesen und die Stelle gefunden, von der Clay Shirky sich hat inspirieren lassen:

„The great fact emerges that after that historic date all holographs so far exhumed initialled by Haromphrey bear the sigla H.C.E. and while he was only and long and always good Dook Umphrey for the hunger-lean spalpeens of Lucalizod and Chimbers to his cronies it was equally certainly a pleasant turn of the populace which gave him as sense of those normative letters the nickname Here Comes Everybody.“

Ja, so liest sich das ganze Buch. Beziehungsweise noch komplizierter. Hätte ich vor fünf Jahren auch noch nicht lesen wollen. Bei mir steht das Zitat auf Seite 32, weiter bin ich noch nicht, das dauert alles irre lange.

Ulysses war übrigens ein total normales Buch. Finnegans Wake ist wie abstrakte Kunst lesen. Oder anders: Ich schaue auf Worte und warte immer, ob sich aus ihnen ein Sinn ergibt. Wenn ja, schön, wenn nicht, gehe ich weiter.

Die Curryreste von vorgestern gegessen. Stimmt also, Curry darf gerne noch eine Nacht durchziehen.

(Ich muss jetzt dem Bachmannpreis lauschen, ich stelle das jetzt online und ergänze nachher noch was. Ähem.)

Abends mit F. Belgien dabei zugeschaut, wie es Brasilien aus dem Turnier wirft. Das war endlich mal wieder ein richtig gutes Fußballspiel. Zuvor gab’s Brioche und Stachelbeerkompott, über das der Herr sich augenscheinlich gefreut hatte.

Nach Hause gegangen (das war das einige Nicht-Ganz-so-Schöne des Tages), denn F. musste heute früh raus und ich wollte ausschlafen. Das tat ich dann auch etwas länger als geplant, weswegen ich heute im Blogverzug bin. Gestern abend war ich zu faul zum Schreiben und heute kam halt der Bachmannpreis dazwischen. Aber dort ist eben jemand im Studio umgekippt, wenn ich das richtig gesehen habe, weswegen gerade Lesepause ist und ich diese wenigen Sätze noch unelegant einstreuen kann.