Was schön war, Freitag, 30. März 2018 – Ach was?!?

Morgens bei F. aufgewacht. Den rituellen Gang an sein riesiges Dachfenster gemacht und rausgeguckt, was der Tag so will. Ich erblickte das übliche Gewusel an Kirchtürmen, aber gestern war die Sicht besonders klar, weswegen ich gefühlt direkt hinter den ganzen Gebäuden die Alpen sah. Dutzende von schroffen, weißgrauen Bergspitzen mit kuscheligen Wattewölkchen drüber. Natürlich kann kein Berg jemals gegen das Meer anstinken, wimmerte meine Restnordishness, aber mei, das war schon schön.

Vormittags gnadenlos Urlaub gemacht. Gelesen aka das Buch in die Hand genommen, weggelegt, die Zeitung in die Hand genommen, weggelegt, drei Serienfolgen geguckt und dabei eingeschlafen. Auf meinem Sterbebett wird mir niemand nachsagen können, ich hätte mich zu wenig entspannt.

Nachmittags lockte dann aber wieder der Ulysses. Im Sirenen-Kapitel saß ich sehr lange fest, weil ich immer nur zwei Seiten geschafft hatte, bevor mir abends die Augen zufielen. Außerdem liege ich in den letzten Zügen von Fantasyland und habe in Hamburg Die zerrissenen Jahre: 1918 -1938 begonnen (wiegt nicht so viel wie das Hardcover von Fantasyland, kann ich besser rumschleppen), die beide sehr viel Spaß machen. Also Spaß im Sinne von „Ach was?!?“ und „viel gelernt, gerne wieder“.

Gestern wollte ich dieses Kapitel aber endlich abschließen. Nicht weil es so langweilig ist (haha, langweilig. Der Ulysses und langweilig. Ihr seid ja niedlich), sondern … ähm … ich weiß gar nicht, warum ich es so dringend abschließen wollte. Vielleicht einfach nur, um mich ins nächste Kapitel stürzen zu können, das wieder ganz anders klingt. Wobei mir bisher Sirens am besten gefallen hat, denn es liest sich irre musikalisch. Die nachträglich aufgeschlagene Sekundärliteratur verriet mir, dass Joyce 150 Stücke oder Lieder irgendwie anreißt, aber das war mir alles wurst. Dieses Kapitel klingt durch seine vielen Alliterationen, abgekürzte Wörter, Sätze ohne Kommata, wildes Wortgewusel teilweise so, als ob man es singen könnte, was total toll zu den Sirenen passt. (Ach was?!?)

Nebenbei lernte ich neulich auf Twitter, dass Sirenen nicht sexy sind. Das wusste Joyce mit seiner englischen Übersetzung vermutlich nicht; auch darauf weist jemand im Thread hin. Denn das Kapitel kam mir neben seiner Musikalität sehr sinnlich vor, teilweise schon fast niedlich-platt auf die Zwölf, teilweise verführerisch, tastend, langsam, mal sehen, was geht. Und außerdem fand ich in diesem Kapitel meinen Künstlernamen, falls ich jemals einen brauche.

(Hier hätte ich jetzt gerne einen längeren Abschnitt eingefügt, aber ich bin zu faul zum Tippen und das Projekt Gutenberg ist neuerdings in Deutschland geblockt, danke, Urheberrechtsdeppen.)

Jedenfalls geht es in diesem Kapitel um zwei Bardamen, Lydia und Mina. Den beiden werden Bronze und Gold zugeordnet, warum, steht bei der Wikipedia, und zum Schluss verkürzt Joyce mal wieder wild, weil er’s halt kann, auch Namen, und dann kommen Sätze dabei heraus wie: „Blind he was she told George Lidwell second I saw. And played so exquisitely, treat to hear. Exquisite contrast, bronzelid, minagold.“

Mina Gold. Super Name. Die Idee hatte allerdings schon jemand. Und eine Mine ist es auch. Aber bis zum Googeln war ich der Meinung, ich hätte einen schönen Künstlernamen gefunden.

Den Abend verbrachte ich bei F. und wir öffneten einen schönen italienischen Weißwein zum Fisch und danach noch einen serbischen Rosé, weil der Abend wirklich nett war und alles so gut schmeckte. Der Rosé war der Kracher; hätte ich nicht gewusst, was im Glas war, hätte ich auf einen Rotwein getippt. Rosé ist ja gerne fies süß oder fies sauer, aber der hier war perfekt. Großer Mund, erst Himbeere, dann eine kleine schraddelige Vanilleschote, irgendwo am Gaumen hat sich eine Kirsche festgesetzt und alles hat Körper und Kraft.

Wir sprachen über Kunst und die Welt, regten uns mal nicht über Politik oder Twitter auf, sondern hatten wirklich angenehme Gesprächsthemen, unter anderem Ulysses. Mir fiel gestern erstmals auf, warum dieses Buch so ist wie kein anderes, das ich bisher gelesen habe. Ich war noch nie so nah an irgendwelchen Figuren dran, und durch ihren ständigen Stream of Consciousness kann man ihnen auch nicht entkommen. Man kann Ulysses, jedenfalls beim ersten Mal, meiner Meinung nach nicht distanziert lesen oder pflichtschuldig. Man kann sich nur besinnungslos hineinfallen und mitnehmen lassen. Oder eben auch nicht. Proust, den Joyce bewunderte, hat die Tür weit aufgestoßen für irrwitzig subjektive Literatur, und Joyce dreht die Schraube gefühlt noch eine Ecke weiter: „3500 Seiten Monolog von Swann, ja gut, aber wie wär’s mit diversen Figuren, die alle gleichzeitig monologisieren, und zwischendurch werfe ich ein paar lautmalerische Beschreibungen von Örtlichkeiten, Dingen und Gefühlen rein? Challenge accepted!“ Wir sprachen darüber, ob man eine gewisse Lese-Reife haben müsse, um sich an Ulysses ranzuwagen, also ob man vorher hundert, tausend, wasweißichwieviele andere Bücher gelesen haben muss, um die Andersartigkeit, nein, die Einzigartigkeit von Ulysses würdigen zu können? Gestern waren wir der Meinung ja, aber heute denke ich: Vielleicht ist Ulysses auch ein grandioses Einsteigerbuch für ein Lektüreleben. Danach kann man, glaube ich, jedes weitere Buch äußerst entspannt runterlesen, nachdem man sich hier so ausliefern musste.

Wir sprachen auch über meine Diss. Das Doktorandenkolloquium und mein Archivtag haben mich nicht nur motiviert, sondern mich auch davon überzeugt, dass meine Grundidee eine gute ist, an der ich weiter forschen sollte. Seit ich wieder werbe, merke ich aber, dass es – natürlich – viel langsamer vor sich geht als früher die Hausarbeiten und Referate. Ich muss mir Zeit freischaufeln für die Wissenschaft und ich habe ein bisschen Angst davor, dass der Lockruf des Geldes oder aber schlicht die lange Strecke, die vor mir liegt, mich vielleicht doch überwältigen. Ich weiß manchmal selbst nicht, ob mein Atem lang genug ist. Wir sprachen über die Motivation für wissenschaftliche Arbeit und dass ich die Angst vor der Langstrecke jetzt erst recht habe, weil ich inzwischen weiß, dass aus der Diss keine Karriere mehr wird, sondern sie nur ein exzentrisches Hobby ist. Vielleicht lasse ich das auch irgendwann einfach sein wie Golf oder Singen, wenn was Spannenderes um die Ecke kommt? Woraufhin F. meinte: „Wenn du kein Geld verdienen müsstest, was würdest du ab morgen machen? Urlaub, Verreisen, Golf, Singen?“ Ich: „Acht Stunden am Tag an der Diss sitzen.“ F.: „And there you go.“

War mir auch noch nie so aufgefallen, dass meine Motivation schlicht die ist: weil ich Lust darauf habe. Und nicht: weil mir ein Doktorhut gut steht und meine Vistenkarte cooler wird. (Ach was?!?)

Was schön war, Donnerstag, 29. März 2018 – Stabi, OMG endlich wieder Stabi

Da alle eiligen Jobs seit Mittwoch abend den Status „liegt beim Kunden, wartet auf Feedback, kommt vor Ostern garantiert eh nicht mehr“ hatten, fuhr im gestern morgen sehr entspannt in die Stabi, wo ich einen Job erledigen wollte, der nicht ganz so eilig ist und für den ich mir ein paar Bücher in den Lesesaal geliehen hatte. Auf diesem Bücherstapel lag außerdem noch ein kunsthistorisches Werk, auf das ich mich sehr freute. Das hob ich mir als Belohnung für erledigte Textarbeit auf.

Die war dann aber auch lehrreich und spannend. In den letzten fünf Jahren habe ich vor allem gelernt, dass Bibliotheken mehr wissen als das Internet (oder mir zumindest belegen können, woher sie jetzt was haben), daher wollte ich meine Google-Recherche noch durch Literatur absichern. Ich las mich in ein Thema ein, was mich sowieso gerade beschäftigt und konnte so beruflich und privat davon profitieren, dass mir fleißige Elfen dicke Bücher in große Regale legen. Für lau. (Hier mal wieder ein paar Bib-Herzchen denken.)

Außerdem erwischte ich endlich mal einen der größeren Tische im Lesesaal. Seit fünf Jahren kauere ich an den normalen Tischen, bei denen der Laptop von einem großen Bildband schon sehr eingeklemmt wird. An der rechten Seite des Lesesaal befinden sich neben diesen Normtischen, von denen gefühlt 400 im Raum stehen, wenige breitere Tische. Sie liegen direkt unter der Treppe, die zu den riesigen Regalen mit den Standardwerken führt, die auf einer Empore über dem Lesesaal stehen, welche ihn zu einem Teil überspannt. Ich freute mich sehr über den vielen Platz, merkte aber, dass ich das Licht komisch fand – eben weil ich unter der Empore saß. Das nächste Mal werde ich also freudiger an den Normtischchen sitzen, zwar den Platz vermissen, aber das schöne Tageslicht genießen. (Das klingt gerade so, als wäre ich in einen Schacht eingefahren zum Texten.)

Zwischendurch kamen doch ein paar berufliche Mails zu einem Job, aber die konnte ich gut wegarbeiten. Meine Buchung bei der betreffenden Agentur endet eigentlich am Samstag – mal gucken, ob ich die allerletzten Textabläufe auch noch erledigen darf. Der Broschürentext ist bis auf winzige Baustellen fertig, aber jetzt guckt noch die Rechtsabteilung rüber und die hat immer irgendwas. Daher kann ich den Job im Kopf noch nicht ganz abhaken, weil ich ahne – oder hoffe –, dass ich da noch ein paar Stündchen drauf rumschreiben darf. Ich freue mich immer, wenn ich als Freie einen Job wirklich fertig machen kann und nicht nur einen Berg abarbeite und den dann übergebe.

Zum Abschluss wie geplant durch das kunsthistorische Werk gestöbert und auch schlaue Dinge gefunden, die ich noch nicht wusste und die ich gleich in eins meiner Stoffsammlungsdokumente für die Diss schreiben konnte. Das war ein sehr schöner Tag.

Nachmittags FAZ gelesen und Turandot gehört (mir war danach). Den Leitartikel „Der Karfreitag gehört zu Deutschland“ von Reinhard Bingener fand ich interessant:

„Umstandslos verwirklichen lässt sich diese Ethik natürlich nicht. Selbstloses Dienen lässt sich selbst im Privatleben nur annäherungsweise erreichen. Ihre dicken Abhandlungen über die Sünde schleppen die Kirchen auch deshalb mit sich herum, weil sie sich recht rasch über die Unmöglichkeit ihres eigenen Anspruchs klargeworden sind. Auf dem Feld der Politik gilt diese Einsicht unter nochmals verschärften Bedingungen: Mehr als ein Kompromiss zwischen den Zwängen dieser Welt und dem christlichen Ethos ist dort erst recht nicht möglich.

Das macht aber auch die Behauptung der eigenen Christlichkeit zumindest problematisch. Zugespitzt formuliert: Wer behauptet, eine christliche Politik zu betreiben, lügt. Denn das Christliche kann gerade in der Politik immer nur ein Anspruch sein, niemals aber dessen Verwirklichung. Da hilft es auch wenig, die eigene Christlichkeit ins Historische zurückzuverlegen und zu erklären, es gehe nur darum, eine „christliche Prägung“ zu verteidigen. Dass das Abendland bis heute ganz maßgeblich vom Christentum geprägt ist, lässt sich nicht bestreiten. Nur wäre es in jenem Augenblick um diese Prägung geschehen, in dem man sie nur noch als bloße Vergangenheit begreift und nicht mehr als eine Verpflichtung für die Gegenwart.“

Außerdem gelesen, dass die erste Kaserne in Deutschland nach einem Bundeswehrsoldaten umbenannt wurde – die ehemalige Emmich-Cambrai-Kaserne in Hannover, an der ich ewig vorbeigefahren bin. Der Artikel, den ich zitiere, ist nicht online, aber ich fand einen Ausschnitt interessant:

„Kommandeur Oberst Dirk Waldau erläuterte am Mittwoch bei der Zeremonie die Gründe für die Umbenennung. In vielen Lehrgängen habe er versucht, jungen Soldaten die militärischen Leistungen des Generals von Emmich und die Bedeutsamkeit der ersten Panzerschlacht der Geschichte bei Cambrai im November 1917 nahezubringen. Er habe jedoch die Erfahrung gemacht, dass sich „nahezu niemand“ mit von Emmich oder Cambrai identifizieren wolle. Das ganze sei nicht nur zeitlich, sondern auch inhaltlich „zu weit weg“. Darum sei die Idee aufgekommen, die Kaserne nach Tobias Lagenstein zu benennen.“

Wenn man nach der „Emmich-Cambrai-Kaserne Hannover“ in Google Maps sucht, erscheint übrigens schon das neue Eingangsschild der „Hauptfeldwebel-Lagenstein-Kaserne“.

Abends mit F. Whisky getrunken. Zu viele Schoko-Ostereier gegessen, wie ich heute feststelle. Vielleicht vertragen die sich auch nicht so gut mit Whisky.

Was schön war, Mittwoch, 28. März 2018 – Huch?

Den Dienstagnachmittag nach der Leberkässemmel hatte ich mit Texten verbracht; diese Texte las ich gestern morgen nochmal durch, war größtenteils zufrieden, korrigierte kurz und schickte sie dann an einen Kunden. Im gleichen Moment kamen Korrekturen eines anderen Kunden, die halbwegs überschaubar aussahen. Ich kochte meine übliche Kanne Home-Office-Tee und begann zu tippen.

In der Mittagspause kaufte ich ein, unter anderem einen kleinen Armvoll Puschelzweige und Narzissen für einen Osterstrauß. Das stellte ich zuhause alles in eine Vase und behängte die Zweige mit den ersten kleinen Holzeiern, die ich aus Hannover von meinen Eltern mitgebracht hatte. Bei den anderen musste ich erst aus Zwirn und Klebstoff Anhänger basteln, wobei mir mal wieder klar wurde, wie ungeeignet ich zum Basteln bin. Nachdem ich mich und meine Umgebung von Klebstoff befreit hatte, freute ich mich aber sehr über den Strauß, der mir jetzt beim Arbeiten zuschaut.

Auch nach der Mittagspause wollte der zweite Textjob nicht kleiner werden, so dass ich ihn erst um kurz nach drei zurückschicken konnte. Dann begann ich mit Job Nummer 3, musste aber bei 2 nochmal nachlegen, und eine unerwartete 4 tauchte auch noch auf, so dass ich irgendwann um 19 Uhr „Huch?“ sagte, als ich auf die Uhr schaute. Ich legte Job 5 für heute an und machte Feierabend.

Der reichte nur noch für eine halbe Folge Kitchen Impossible, eine Runde Candy Crush und drei Seiten Ulysses, bevor mir die Augen zufielen.

Im Laufe des Tages haben mich neben der recht flüssig laufenden Arbeit und den Eierchen zwei weitere Dinge sehr gefreut. Zum einen schrieb mir eine der Schülerinnen vom Montag eine sehr schöne Mail, in der sie meinen Vortrag als „ansprechend und spannend“ bezeichnete und meinte, dass nicht nur sie viel davon mitgenommen hätte, sondern auch andere. Ein bisschen später meldete sich die Texterschmiede auf Twitter und berichtete vom guten Feedback der Klasse. (Eigentlich wollte ich hier „Eleven“ schreiben, schlug das Wort aber lieber noch mal nach und lernte, dass heute nicht mehr alle Schüler*innen so bezeichnet werden, sondern nur noch bestimmte. Danke, Internet.) Die wenigen Reaktionen direkt am Montag haben mich doch sehr beschäftigt, und ich dachte Montagabend und Dienstagvormittag auf dem blöden Flug recht lange über meinen Auftritt nach. Ich wollte aber kein großes Befindlichkeitsbloggen daraus machen (hier lachen wir alle mal kurz herzlich) und sortiere auch immer noch, warum genau ich den Abend so herausfordernd fand. Daher freut es mich wirklich, dass es anscheinend nicht so schlimm war wie ich dachte. Was mich am meisten fuchsig gemacht hat, war, dass ich meine Begeisterung gefühlt nicht rüberbringen konnte. Aber vielleicht habe ich insgeheim Jubelarien und rituelles Stechpalmenverbrennen erwartet, wo die Schüler*innen sich eventuell erstmal durch meine Linkliste klicken wollten, bevor sie Gesänge auf Weblogs (und mich) anstimmen.

Ich ahne allmählich, dass die Dozent*innen an der Uni, bei denen ich mich für ein spannendes Seminar/Semester bedankte, sich wirklich über gutes Feedback gefreut haben müssen. Hätte ich noch öfter machen sollen.

Was schön war, Dienstag, 27. März 2018 – Wedder to hus

Was nicht so schön war: Ich war viel zu früh wach und hatte Hummeln im Hintern, weswegen ich viel zu früh am Gate war wie so eine Laienfliegerin. Außerdem nicht schön: einige kaputte Rolltreppen auf dem Weg zum Flughafen, weswegen ich meinen Koffer öfter schleppen musste als ich wollte. Andererseits wollte ich auch nicht mit einem Taxi im Berufsverkehr stecken, daher fuhr ich U- und S-Bahn und zu denen führen halt gerne Treppen.

Auch nicht schön: der Sitz im Flieger. Ich sitze gerne ganz hinten, da kriegt man sein Getränk als erstes, und wenn man Glück hat, bleiben die Sitze neben einem frei, weil keiner gerne hinten sitzt. Außer mir. Gestern blieb immerhin der Mittelsitz frei, was dringend nötig war, denn so eng hatte ich noch nie gesessen, nicht mal bei Iberia. Ich wunderte mich schon beim Online-Check-in über die Reihe – Reihe 32? Ich kannte 30 und 36, aber 32? Na gut. Als ich dann an meinen Fensterplatz kletterte, stellte ich fest, dass ich kein Fenster neben mir hatte, sondern nur Wand und dass diese sich auch schon nach hinten verengte. Der Platz neben der Armlehne, den ich immer gerne nutze, um dem Mittelmenschen wenigstens nach rechts ausweichen zu können, war nicht vorhanden. Und der Sitz selbst stand nicht direkt hinter dem Vordersitz, sondern schon ganz leicht mittig versetzt. Anders ausgedrückt: Er war noch enger als die blöden normalen Flugzeugsitze eh schon sind. Ich konnte erstmals den Tisch nicht herunterklappen, weil auch der Sitzabstand kleiner war und spürte auch die Armlehne recht unangenehm in meiner linken Seite. Da der Mittelplatz aber wie gesagt frei blieb, konnte ich sie immerhin hochklappen. Das wäre aber äußerst unangenehm gewesen, falls er besetzt gewesen wäre. Vielleicht in Zukunft doch immer zwei Reihen vor der letzten buchen, damit mir sowas nicht noch einmal passiert.

Außerdem habe ich mir am Tee die Zunge verbrannt, aber das geht auf meine Kappe.

Neuerdings landen die Hamburg-Flüge ganz außen am Terminal, weswegen man ewig zum Ausgang geht. Immerhin wartet man dafür nicht mehr so lange am Gepäckband. Auch gut.

Flug und S-Bahn-Fahrt nach Hause wurden durch Noise Cancelling wieder deutlich besser als ohne. Bin immer noch fasziniert davon, die Welt mit einem Klick fast ausschalten zu können. Gestern spielte Brahms an Bord für mich auf, und nach München rein lief Spotifys Mix der Woche.

Ich musste mich dringend akklimatisieren und kaufte noch am Flughafen Brezn, damit ich beim Bäcker vor meiner Haustür den Koffer nicht in den Laden zerren musste. Als ich direkt neben dem Bäcker aber meinen Metzger sah, spürte ich einen Heißhunger auf lokale Spezialitäten und erwarb eine heiße Leberkässemmel mit süßem Senf. Endlich wieder zu Hause.

Was interessant war, 26. März 2018 – Tough Crowd

Am Sonntag sah ich beim Frühstück aus dem Hotelfenster drei Hasen über den Rasen hoppeln. Gestern rumpelte nur ein Bagger in der Gegend rum. Ich prangere das an.

Den Vormittag verbrachte ich im Betahaus. Ich hatte zwar die letzten Tage im Hotel gearbeitet, aber so nett (und günstig) das Motel One auch ist – der lächerliche Hocker vor dem kleinen Beistelltischchen ist zum Arbeiten dann doch eher suboptimal. Also fragte ich auf Twitter, wo ich denn co-worken könne, denn alles, was ich beim Googeln fand, überzeugte mich nicht. Das Betahaus kannte ich sogar, aber als ich Samstag auf deren Website rumklickte, reagierte die Seite nicht, weswegen ich überlegte, ob es den Laden überhaupt noch gab. Gibt es. Er sitzt jetzt in der verranzten Schanze (missing tidy Munich!), im Erdgeschoss gibt’s Kaffee und Lärm, aber im ersten Stock kann man überraschend ruhig arbeiten, surfen, drucken und meeten. Letzteres brauchte ich nicht, den Rest ja, und ich war um kurz vor 13 Uhr schon mit allem durch. Für den halben Tag zahlte ich lässige neun Euro, und alleine die gut gepflegten, blumig-duftigen Klos waren das wert.

Danach wollte ich mir die Schmidt-Rottluff-Ausstellung im Bucerius-Kunstforum anschauen, denn die meisten anderen Museen haben ja leider Montags zu. Den Gainsborough in der Kunsthalle hätte ich mir immerhin pflichtschuldig angucken wollen, aber irgendwie konnte ich mich an den letzten Tagen nicht zu ihm aufraffen. Google verriet mir, dass die historischen Museen Hamburgs neuerdings Montags offen haben, nur so als Tipp nebenbei. Aber ich wollte ins Kunstforum, denn da gehe ich immer gerne hin und vor allem komme ich als Kunstgeschichtsstudi umsonst rein.

Die HVV-App zeigte mir eine Verbindung mit dem 15er und dem 5er Bus zum Rathaus an. In einigen der vergangenen Blogeinträge der letzten Monate schrieb ich, dass ich Hamburg jetzt als Touristin wahrnehme. Das stimmt, wenn ich mich irgendwo rumtreibe, wo ich vorher selten oder nie war, aber gestern kam ich gefährlich in die Nähe von Orten, an denen ich tausendmal gewesen bin, als ich noch hier gewohnt habe. Da merkte ich doch einen winzigen Kloß im Hals. Ich fuhr mit dem Bus an der Galerie vorbei, in der ich Luise gekauft hatte, am Haus, in dem meine Gesangslehrerin wohnt (wohnte?), und benutzte eben den 5er, der mein Leib- und Magenbus war. Ich war froh, als ich aussteigen und wieder Touri sein konnte. Und ich weiß jetzt auch wieder, dass die Überlegung, nicht mehr in „unsere“ alte Wohnung zu fahren, die richtige war.

Die Ausstellung durchschritt ich ziemlich zügig, aber interessiert. Sie haben anscheinend das halbe Brücke-Museum leergeräumt und hier aufgehängt, was mir sehr recht war, denn so bekam ich einen schnellen Überblick über Schmidt-Rottluffs Schaffen von den Zehnerjahren bis in die späten Sechziger; auch für mein Diss-Thema nicht uninteressant. Danach blätterte ich wie immer den Katalog durch und fand ein Bild, bei dem ich dachte, dass Mike Mignola es gemalt haben könnte. Toll.

Und abends fand dann endlich die Veranstaltung statt, für die ich überhaupt eingeflogen war: mein Workshop bei der Texterschmiede zum Thema Weblogs. Ich bin im Nachhinein nicht ganz so glücklich mit meinem Auftritt, frage mich inzwischen aber auch, ob diese Unterrichtseinheit überhaupt was im Curriculum für angehende Texter*innen zu suchen hat.

Als ich vor zwei Wochen launig twitterte „Titel steht [Weblogs. They’re awesome.], Rest schreibt sich von alleine“, meinte ich das auch so. Aber: Im Hinterkopf hatte ich das Publikum der republica. Oder von mir aus die Studis in meinem Heimatseminar, die immerhin irgendwie interessiert waren, wenn sie auch nicht recht wussten, warum. Oder generell Leute, die sich selbstverständlich online bewegen. Hier hatte ich 35 gestresste Textpraktis vor mir, von denen kaum welche Blogs lasen, die acht Stunden Agentur in den Knochen hatten und vermutlich einfach nur nach Hause wollten. Mit diesem Stresslevel müssen die anderen Dozent*innen natürlich auch klarkommen. Aber von denen lernen sie, wie man gute Headlines schreibt oder schöne Copys. Da würde ich als zukünftiges Texterlein auch zuhören, denn das ist elementar. Ob ich ein Weblog schreibe, ist im Vergleich dazu scheißegal. Und so kam mir die Stimmung im Raum leider auch vor.

Ich erspare euch meinen ganzen Vortrag, aber ein paar Punkte will ich doch notieren, notfalls für mich, damit das beim nächsten Mal besser läuft. Ich begann bei Adam und Eva: Was sind Blogs, seit wann gibt’s die, Entwicklung von Techie- zu Tagebuchblogs – hier konnte ich mir natürlich nicht verkneifen, auf Jean-Remy von Matts „Klowände des Internets“ hinzuweisen, aber damit konnte niemand was anfangen –, sind Blogs der neue Journalismus, darf man mit Blogs Geld verdienen, der ganze alte Quatsch halt. Ich dachte, ich müsste erläutern, wo wir herkommen, um zu würdigen, wo wir sind, aber ich glaube, das war eine überflüssige Idee. Ich muss ja auch nicht wissen, wie der Buchdruck funktioniert, um mich über meinen Amazon-Wunschzettel zu freuen.

Danach ballerte ich die Armen mit 40 Folien voll, auf denen ich Screenshots diverser Blogs abbildete, um die Vielfalt und Funktionen von Blogs klarzumachen: unterhalten, informieren, zu Diskussionen einladen, rummeinen, Einblicke in Leben geben, die man sonst nicht bekommt – was für uns Werber*innen, die gerne ihre Zielgruppe kennt, nicht ganz unwichtig ist. Ich hoffe, ich konnte wenigstens meinen wichtigsten Punkt machen: Jeder hat eine Stimme, jede wird gelesen, Blogs geben Menschen Raum, den sie sich außerhalb des Netzes vielleicht nicht nehmen (z. B. dicke Frauen).

Dann gab’s Gruppenarbeit und ich wollte darüber diskutieren lassen, warum man Kunden Blogs empfehlen sollte oder warum nicht und warum Texterinnen bloggen sollten oder etwa nicht. Ich hatte mir natürlich auch Antworten überlegt, die auch alle kamen und noch ein paar Gedanken darüber hinaus; eine Diskussion wurde aber nicht daraus. Was mir zudem ernsthaft erst auf der Bahnfahrt zurück ins Hotel eingefallen ist, war das Kracher-Gegenargument für Kundenblogs: Sie haben eben keine eigene Stimme. Eine Firma klingt immer wie eine Firma und nicht wie ein Mensch, über dessen Leben ich lesen will. Deswegen lese selbst ich keine Firmenblogs, auch keine von den Autoherstellern, für die ich arbeite (oder gearbeitet habe).

Als Abschluss wurde ich etwas persönlicher. Ich erklärte ein bisschen meine eigene Blog-Biografie und wie die Rubrik „Was schön war“ entstanden ist. Dann bat ich die Rotte, selbst mal fünf Minuten zu überlegen und einen Blogeintrag vorzuformulieren: Was hat dich an deinem Tag inspiriert? Was hälst du für mitteilenswert? Über was würdest du gerne schreiben? Ganz simpel.

Bevor die Jungs und Mädels die Stifte spitzten, kamen aber endlich mal Fragen. Unter anderem das Killerding, auf das ich überhaupt nicht vorbereitet war, weil ich darüber seit zehn Jahren nicht mehr nachdenke: „Warum macht man das öffentlich?“ Mir fiel wieder auf, dass ich mein Bloggen schlicht nicht mehr hinterfrage, ich mache das einfach, das ist wie Zähneputzen. Aber genau das kann man natürlich niemandem erklären, der wissen will, warum er oder sie jetzt mit Bloggen anfangen sollte. Ich erwähnte im Vortrag natürlich die vielen tollen Vorteile, die Einblicke in fremde Leben, die vielen Dinge, die man lernen kann, die Reise zu sich selbst blablabla. Aber ich merkte bei jedem Satz, dass ungefähr 20 Leute innerlich mit den Augen rollten oder übers Abendessen nachdachten. Und ich ärgere mich, dass ich sie nicht gekriegt habe, dass ich die Faszination dieses Mediums nicht vermitteln konnte.

Immerhin ist aus der letzten Übung noch was Spannendes rausgekommen. Ich ließ nicht alle 35 erzählen, worüber sie schreiben wollten, das kam mir doch zu klippschulig vor, aber selbst die zehn, fünfzehn Leute, die was vortrugen, hatten alle tolle Ideen: ein Spieleblog war dabei, eins über Kollegen in der Agentur, die zu spät kommen, eins, das eventuell Probleme des Alltags lösen würde (oder sie zumindest mal erwähnt und auseinanderklamüsert), ein bestimmtes Modeblog. Außerdem verstrickte ich mich noch in eine Diskussion mit jemandem aus der ersten Reihe, der partout meinte, er hätte der Welt nichts mitzuteilen. Ich: „Dann schreib doch das langweiligste Blog der Welt. Übers Wetter oder so.“ Er: „Oder Rauhfasertapeten.“ Seitdem denke ich über genau dieses Blog nach und verdammt nochmal, ich würde es lesen wollen.

Ich hatte von Anfang an das Gefühl, dass nur wenige mir wirklich gerne zuhörten und deswegen beendete ich alles auch nach 90 Minuten, obwohl ich theoretisch die doppelte Zeitmenge zur Verfügung gehabt hätte. Das frühe Ende lag aber auch an mir; mein Probedurchgang mit den ganzen Blogfolien bis zur Diskussion dauerte 45 Minuten, und gestern vor Ort hetzte ich in 30 durch sie durch. Ich ahne, dass ich schwer verständlich war – sorry, Kinnings! Das hab ich verkackt.

Aber da ich oft genug erwähnt habe, dass ich alle Links, die ich gestern vorgetanzt habe, ins Blog stellen werde, sind jetzt hoffentlich trotzdem alle da und klicken die folgende Liste durch. Und bloggen bitte. Nur mal so zum Ausprobieren. Für mich. Bussi!

https://wordpress.org/
https://www.blogger.com/blogger.g#welcome
https://antville.org/
https://www.twoday.net/
https://feedly.com/i/welcome
https://maedchenmannschaft.net/
http://www.dirkvongehlen.de/blog/

https://medium.com/smk-open/might-the-past-be-the-future-for-digital-museum-communication-81554dcb0fad

http://scripting.com/
http://fraunessy.vanessagiese.de/
https://vanessagiese.de/blog/
http://www.thesartorialist.com/
http://www.advanced.style/
http://www.leblogdebigbeauty.com/
https://danceswithfat.wordpress.com/blog/
http://deern.ankegroener.de/
raul.de/blog/
https://narkosearzt.wordpress.com/
https://vierpluseins.wtf/
dooce.com/
http://blog.beetlebum.de/
http://katiakelm.de/blog/
http://www.chestnutandsage.de/

http://www.zeit.de/campus/2017-12/reiseblog-verdienst-blogger-lifestyle

https://www.theverge.com/tldr/2018/2/2/16963698/instagram-video-photos-homogenous-photogenic-mass-tourism-experience

https://nevigeser.blogspot.de/
https://runfurther.de/
https://rhoenradblog.wordpress.com/blog/
https://wassergarten.wordpress.com/
http://apfel.kulturnation.de/
https://www.moritz-hoffmann.de/tag/blog/
https://de.hypotheses.org/
http://www.openedition.org/catalogue-notebooks?page=catalogue&pubtype=carnet&lang=en

http://www.lenbachhaus.de/blog/
https://www.pinakothek.de/blog
https://ideenfreiheit.wordpress.com/
https://blog.daimler.com/
https://blog.audi.de/
text-macht.de/
http://www.carolinegibson.co.uk/blog/
https://exportweltmeister.de/
vimeo.com/226777557
http://www.ineshaeufler.com/blog/
https://kottke.org/18/03/twenty

Was schön war, Samstag/Sonntag, 24./25. März 2018 – Herzmenschen

Der Abend in der Whiskybar hatte Konsequenzen: Ich hasste mein iPhone inständig, als es morgens um 7 begann, widerliche Geräusche von sich zu geben. Aber ich Hirn hatte mich ja um 9 verabredet. Das konnte ich immerhin auf halb 10 verschieben, aber wach war ich trotzdem. Ich duschte, bloggte vor mich hin und ging dann zum Frühstück in die Hotellobby, schaufelte mir mein Müslischälchen mit Obstsalat zu, ließ das Zaubermaschinchen einen Milchkaffee sprotzen und setzte mich mit meinem üblichen morgendlichen Tunnelblick an einen langen Tisch in Fensternähe. Ich zückte mein Handy, las und aß – als plötzlich jemand neben mir sagte: „Anke?“ Und da saß die Frau Franziskript neben mir, die ich persönlich das letzte Mal vor zehn Jahren getroffen habe, schätze ich. Wir klönten zehn Minuten, bis sie zum Zug musste und twitterten natürlich beide darüber. Internetpeople, ey.

Nach einem kurzen Aufhübschen auf dem Zimmer wurde ich auch schon abgeholt: von Kai, mit dem ich mir sein neues Häuschen anschaute, damit er endlich aus unser ehemals gemeinsamen Wohnung ausziehen kann. Da halte ich mich etwas bedeckt, das soll der Mann mal schön selbst verbloggen, aber ich habe mich sehr über seine Butze gefreut und kann ihn mir da auch gut schnurrend auf dem Sofa vorstellen. Überhaupt war das ein sehr entspannter Vormittag mit ihm und wir waren beide erleichtert darüber, dass unser Treffen nicht mehr so seltsam angespannt war wie im Januar. Es fühlt sich an, als hätte ich einen sehr guten Freund wiedergefunden und das macht mich sehr glücklich.

Nach dem langen Fußmarsch zum Haus und der ausführlichen Begutachtung wollte ich noch einen Kaffee oder ähnliches mit ihm trinken. „Habt ihr hier irgendwas in der Nähe?“ – „Wir hätten hier einen McDonald’s um die Ecke.“ – „Wir könnten natürlich auch wieder in die Innenstadt fahren …“ – „Wir hätten hier einen McDonald’s um die Ecke.“ Aus dem Kaffee wurde also ein Cheeseburger, was mir auch sehr recht war, und wir schnackten noch ein bisschen weiter. Erst um kurz vor 3 ließ ich mich wieder vom Bus ins Hotel shutteln und hatte das Gefühl, einen guten Tag gehabt zu haben. Ich war allerdings von der kurzen, verkaterten Nacht etwas mitgenommen (das Alter) und döste den Rest des Tages nur noch vor mich hin, las, arbeitete, döste wieder und ging schließlich schon um 21 Uhr ins Bett. Meinen geplanten Restaurantbesuch im Trific verschob ich aufs nächste Mal Hamburg.

Am Sonntag nervte das iPhone schon wieder so früh, denn ich Hirn hatte einen halbwegs frühen Zug nach Hannover gebucht, um meine Eltern zu besuchen, aber dabei die Zeitumstellung vergessen. Egal. Duschen, Müsli, Kaffee, ab zum Bahnhof. Ich fühlte mich schon wieder so, als würde ich eine Erkältung ausbrüten und holte mir noch Zink- und Halsschmerztabletten aus der Bahnhofsapotheke.

Im Zug wurde ich dann einer dieser doofen Menschen, die ich nie sein wollte. Ich ging mit meinem bereits erwähnten morgendlichen Tunnelblick in den Waggon, in dem sich mein reservierter Platz befand (1. Klasse, schöner Sparpreis). An meinem Einzelsitz stand ein riesiger Koffer; am Vierertisch schräg vor mir saß eine Mutter mit ihrer kleinen Tochter, die den Koffer auch sofort wegräumte, als ich vorsichtig nachfragte. Ich setzte mich, klappte den Rechner auf, setzte meine Noise-Cancelling-Kopfhörer ein und begann zu arbeiten. Erst als ich nach einer guten halben Stunde damit fertig war, guckte ich mich im Rest des Wagens mal um – der natürlich fast völlig leer war. Da der Zug zwischen Hamburg und Hannover nicht hält, hätte ich sehr entspannt einfach einen anderen Platz einnehmen können. Aber jetzt bin ich halt einer der Deppen, die auf ihrem Platz bestehen, obwohl noch 30 andere frei sind. (Hier bitte augenrollendes Emoji hindenken.)

Außerdem stellte ich fest, dass ich mit Opern auf den Ohren und ohne jede weitere Geräuschkulisse nicht vernünftig arbeiten kann. Oper wühlt mich weitaus mehr auf als textlose klassische Musik und Turandot sowieso. Ich wollte ständig wildfremden Männern komplizierte Fragen entgegenschmettern.

In Hannover stieg ich in den Erixx, den Heidesprinter, auch wenn mir der Name Schmerzen verursachte. Papa holte mich mit dem Auto vom Bahnhof ab, wir fuhren nach Hause und plauderten mit Mama fünf Stunden lang über alles und jenes. Irgendwann um die Mittagszeit wurde kurz über Essen diskutiert, und Mama rief kurzerhand beim griechischen Lokal im Dorf an, um zweimal Gyros mit Pommes und einen Salat zu bestellen, was Papa dann 30 Minuten später abholte. Ich glaube, ich habe meine Eltern noch nie Essen bestellen gehört und war sehr beeindruckt. Auch davon, dass Papa die Nummer vom Restaurant auswendig konnte. Ich kann nicht mal F.s Nummer auswendig.

Im Flur stand schon der Osterstrauß, den Mama anscheinend in Etappen schmückt, jedenfalls lagen noch viele Kartons mit bunten Eiern zu seinen Füßen. Ich erinnerte mich an die kleinen Holzeier, die ich als Kind immer so gerne mochte. Die gab Mama mir kurzerhand mit, ich trug sie im Zug nach Hamburg und sie werden morgen mit mir nach München fliegen, die kleinen Globetrotter. Den Birnenschnaps, den mir mein Papa noch mitgeben wollte, verschob ich aufs nächste Mal. Die beiden mussten sich, wie ich mich auch, des Öfteren daran erinnern, dass ich mit dem Zug nicht nach Hause fuhr, sondern nur in ein Hotel.

Nach der entspannten Rückfahrt holte ich mir bei Starbucks noch einen Milchkaffee. Das war der erste Starbucks-Kaffee, den ich ohne Zucker und Sirup trank.

Den Abend verbrachte ich wieder mit Arbeit. Irgendwer muss es ja machen. Aber ich hatte ja Kaffee, und die Halsschmerzen waren auch weg.

Was schön war, Freitag, 23. März 2018 – Servus in Hamburg

Ich bin für ein paar Tage in der alten Heimat … anscheinend habe ich neben dem Ort, an dem ich groß geworden bin, noch eine zweite alte Heimat – also eine Zweimat. Sorry. Restalkohol.

Die ganze Zeit auf dem Weg zum Flughafen dachte ich, ich hab irgendwas vergessen. Hatte ich auch – meine blöde kleine Tüte, in die man Flüssigkeiten packt, wenn man durch die Sicherheitskontrolle geht. Das sind bei mir Streberin meine Handcreme, ein Labello und mein Asthmaspray, wobei ich weiß, dass Medikamente irgendwie immer okay sind, aber ich packe sie trotzdem ins Tütchen. Labello ist eigentlich keine Flüssigkeit, daher ignorierte ich den einfach und ließ ihn, genau wie das Spray, im Rucksack. Blieb also nur die kleine Tube Handcreme. Ich erwähnte sie bei der Dame am Band, die meinte, ich solle sie einfach ohne Tüte neben den Rucksack legen. Geht also anscheinend auch. Trotzdem danke. Ich hatte mich seelisch darauf eingestellt, dass sie weggeschmissen wird.

In München gibt es neuerdings nicht mehr viele einzelne Schlangen, in die man sich stellt, um durch die Kontrolle zu gehen. Die fand ich immer praktisch, weil man relativ schnell sehen konnte, wo die Businessmenschen sind, die dauernd fliegen und deshalb die Handgriffe drauf haben, und wo die Familie mit drei Kindern ist, die nicht wissen, wie die Security geht und die außerdem zwei Buggys dabeihaben. Vulgo: Wo stelle ich mich an, um schnellstmöglich durchzukommen? Neuerdings – aka irgendwann seit meinem letzten Flug im Januar – gibt es nur noch drei dieser blöden Absperrungen, bei denen man sinnlos von rechts nach links und wieder zurück geht, immer in einer Schlange von Menschen, die dasselbe tun. Irgendwann öffnet sich die Absperrung, und man hat nur noch zwei Eingänge zur Kontrolle zur Auswahl. Immerhin. Außerdem hat München schon etwas länger nur noch Kontrollen mit Körperscanner, die mir persönlich deutlich lieber sind als das blöde Abtasten. Ich lasse mich ungern anfassen, wenn ich nicht zurückanfassen darf, daher kann ich mit den Dingern sehr gut leben. Ich war recht zügig durch – nicht so zügig wie mit den vielen einzelnen Eingängen, möchte ich behaupten – und ging auf meine Stammtoilette, um den Gürtel wieder anzulegen, ohne dass mir alle Menschen hinter der Kontrolle dabei zusehen.

Ans Gate gegangen, wieder darüber nölig gewesen, dass der Kaffee jetzt Geld kostet, aber dafür immerhin von Nespresso kommt. Ignoriert, rumgeguckt, und dann ging auch schon das Boarding los. Wir sind ja Profis. Beim Einsteigen fiel mir auf, dass ich schon im neuen Lufthansa-Design flog. Das Gelb am Heck fehlte mir doch ein bisschen, vor allem, als wir an der Startbahn standen und warteten und eine Maschine der Star Alliance einschwebte, die dem neuen Design doch sehr ähnelt. Immerhin haben die Flugbegleiter*innen noch gelbe Akzente an ihrer Kleidung. Ich mag die Halstücher so gerne, warum auch immer.

Ich saß wie immer ganz hinten und hoffte auf kleine, stille Menschen neben mir, aber stattdessen setzte sich eine Fünfergruppe Jungs Mitte 20 mit mir in die letzte Reihe. Immerhin nicht breitbeinig – ja, das kriegen einige Herren sogar in der Economy hin. Sie waren nett und etwas laut, aber ich konnte trotzdem lesen. Meine tollen neuen In-Ears mit Noise Cancelling wollte ich erst aufsetzen, wenn ich mein Getränk hatte. Ich bestellte, ohne nachzudenken, eins meiner beiden üblichen Getränke an Bord, Tee oder Kaffee, gestern Kaffee und auch, ohne nachzudenken, „mit Milch und Zucker“. Erst als ich das Becherchen vor mir hatte, dachte ich, bist du irre? Du trinkst seit Wochen richtig guten Kaffee und jetzt bestellst du dir diese Brühe? Ich testete ihn schwarz – und fand ihn gar nicht so schlecht! Tat keinem weh, man schmeckte eine leichte Fruchtigkeit, und er war schön mainstreamig angenehm. Ich warf trotzdem Milch und Zucker dazu, denn hey, das schmeckt mir auch.

Und dann setzte ich meine Kopfhörer ein, woraufhin das Flugzeug schon deutlich stiller wurde. Ich aktivierte das Noise Cancelling – und saß nicht mehr in einem Flugzeug. Ich hörte die Leute noch – das kriegen die Kopfhörer nicht ganz weg –, aber sobald ich die Musik anschaltete, wurden sie leiser und vor allem unverständlicher und waberten nur noch irgendwo im Hintergrund herum. Ich hörte das zweite Klavierkonzert von Rachmaninow, was mit meinen Apple-In-Ears nie über den Wolken funktioniert, weil die Flugzeuggeräusche viel zu laut sind und ich die Musik immer bis zum Anschlag aufdrehen muss, um sie überhaupt zu hören. Mit den Boses im Ohr plinkerte der Pianist in Normallautstärke vor sich hin und ich formulierte im Kopf schon die Antwort zum Jahresendfragebogen zur teuersten Anschaffung, die sich auch als die beste herausgestellt hat.

Wie ungewohnt, aber effektiv die gedämpfte Welt um mich herum war, merkte ich erst bei der Landung. Ich bin an Bord eines Flugzeugs grundsätzlich gestresst; es ist eng, vor allem für mich, ich sitze sehr unentspannt, weil ich dem Mensch auf dem Mittelplatz nicht so auf die Pelle rücken will, und es ist laut. Als wir gestern in Hamburg landeten und der Satz, den ich gerade hörte, genau 30 Sekunden nach der Landung endete, also quasi perfektes Timing, fühlte ich mich anders als sonst an Bord. Ich merkte, dass mein Blutdruck deutlich weiter unten war als sonst, ich war ernsthaft entspannt! In der Economy. Mit einer Junggesellenabschiedstruppe neben mir. Alleine dafür haben sich die Kopfhörer gelohnt.

Mit der S- und U-Bahn ins Hotel, dann zum nahegelegenen Supermarkt zum Getränkekauf, auf dem Weg dahin der Alster Hallo gesagt, und dann noch zum Bäcker, denn in Hamburg isst man Franzbrötchen. Ich sagte wie immer „Servus“, woraufhin der gute Mann hinter der Theke etwas verwirrt guckte und ich „ups, falsche Stadt“ hinterherschob. Meine Nordischkeit verabschiedet sich anscheinend gerade in Bruckstücken.

In Hamburg ist immer Dom.

Ein Beitrag geteilt von Anke Gröner (@ankegroener) am

Abends war ich mit den beiden besten, klügsten und lustigsten Frauen der Welt verabredet. Wir trafen uns auf St. Pauli. Dafür musste ich am Hauptbahnhof umsteigen, wo mir wieder auffiel: Du denkst, du wohnst in München in einer Großstadt, aber dann kommst du nach Hamburg und merkst, nee, du wohnst auf dem Dorf. Das ist schon alles größer, lauter, bunter und vielsprachiger hier. (Dafür stinken bei uns die U-Bahnen nicht so. Okay, Oktoberfestzeit ausgenommen.)

Wir hatten ab 19 Uhr einen Tisch im Brachmanns Galeron reserviert und tafelten und tranken so vor uns hin, als der freundliche Kellner uns darauf aufmerksam machte, dass der Tisch ab 20.30 Uhr wieder vergeben war. Neuerdings vergeben Läden ihre Tische anscheinend schichtweise, wie eine der beiden klugen Damen an meiner Seite meinte. Die andere protestierte zwar noch, dass uns das so nicht gesagt wurde, aber: Der Laden hat im Keller eine Whiskybar. Wir bekamen einen Schnaps aufs Haus und zogen nach anderthalb Stunden vom viel zu warmen Lokal in den kühlen Keller, wo man sogar in Sesseln rumlungern konnte. Perfekt!

Auch an Whisky hatte ich mich in den vergangenen Jahren rangetrunken, wie praktisch. Ich musste trotzdem kurz überlegen: Mochte ich jetzt die Highland-Whiskys lieber oder die Islays? Nee, die Islays waren torfig. Highlands it is! Der erste war ein zehnjähriger Edradour, der genau meins war. Danach verließ ich mich auf die Dame hinter der Theke, die mir im Laufe der nächsten drei Stunden noch drei weitere Whiskys servierte: einen Nikka from the Barrel aus Japan, der seidenweich runterging, auch wenn ich dauernd an Bill Murray denken musste. Der dritte war ein zwölfjähriger Kilkerran, der irrwitzig zitronig schmeckte. Der vierte ging dann leider unter in Zigarettenrauch und wohliger Angeschickertness, den habe ich nicht fotografiert und daher schon vergessen. War aber auch hervorragend.

Die Rückfahrt im Taxi ging an der nächtlichen Binnenalster vorbei, in der sich malerisch die Lichter spiegelten. Das ist schon schön hier. Aber es ist nicht mehr Zuhause. Ich bin jetzt Touristin und das ist auch okay so.

Tagebuch, Donnerstag, 22. März 2018 – Meh

Das Archiv-High vom Mittwoch verflog leider viel zu schnell. Gearbeitet (Werbung), mich über die fehlende FAZ im Briefkasten geärgert, der Kürbiskernbrötchen-Sucht nachgegeben, aber immerhin „Kürbiskernsemmel“ bei der Bäckerin gesagt. Erdbeermarmelade! Noch mehr gearbeitet (andere Werbung). Abends frustig den ungefähr fünfzehnten West-Wing-Rewatch begonnen, weil gerade keine Serie Spaß macht. (Oder nur wenige.) Keine Lust auf Lesen gehabt und mich deswegen nochmal geärgert. Irgendwie ein halbgarer Tag.

Aber dafür geht’s heute nach Hamburg. Bringt eure Franzbrötchen in Sicherheit, ich esse sie sonst alle.

Elf Freunde

Günter Bannas ist der erste Name, den ich mir bei der FAZ außerhalb des Feuilletons gemerkt habe. Weil ich erst seit Kurzem Abonnentin bin, habe ihn leider nicht lange gelesen, aber seine Schreibe ist mir anscheinend aufgefallen. War auch nicht schwer. Bei Spiegel Daily verabschieden sich die Kolleg*innen von der Hauptstadtpresse von ihm.

„1991, Grünen-Parteitag in Neumünster. Ganz großes Kino, was mir aber überhaupt nicht klar war. Jungreporter bei der Agentur Reuters mussten damals immer erst mal die Grünen als Partei betreuen, übungshalber, während die etablierten Kollegen sich die ernsthaften Parteien vorbehielten. […]

Es ergab sich aber noch vor diesen erschütternden Szenen, dass ganz hinten in der Parteitagshalle Joschka Fischer zu einem Häuflein Presseleuten hinschlenderte. Da stand er dann, grummselte und knarzte in Halbsätzen vor sich hin, ohne dass man so richtig wusste, was er eigentlich wollte.

Bis es aus ihm herausbrach: “Wo ist denn der Bannas?” Der Bannas war nicht da. Der stand etwas weiter vorne im Gespräch mit jemandem. Man gab ihm Zeichen. Der Bannas kam. Fischer grunzte zufrieden und hub an, die Welt zu erklären, wie er sie augenblicklich gesehen haben wollte.

Der Jungreporter hat damals drei Dinge gelernt:

Erstens, dass der Fischer die “Frankfurter Allgemeine Zeitung” wichtiger nahm als, sagen wir, die “taz” – in der kam er nämlich sowieso vor; das Kampfblatt des Bürgertums hingegen musste betreut werden auf dem Weg von der Bewegung zur Partei.

Zweitens, dass die meisten Informationen zu unsereinem weder zufällig kommen noch durch eifrige Recherche, sondern dadurch, dass man im richtigen Moment am richtigen Platz rumlungert.

Und drittens, dass es ohne den Bannas einfach nicht geht.“

From ‘Ferris Bueller’s Day Off’ to ‘Black Panther’: When the World’s Greatest Museums Become Movie Sets

Die Überschrift sagt schon alles.

„In the final installment of Night at the Museum, the crew was granted permission to film in London’s British Museum overnight, after the throngs of tourists cleared out. In an email to artnet News, members of the museum’s staff reminisced about the experience, which involved 200 crew members, a 40-foot crane to capture the interior galleries, and six helium-balloons. The logistics involved taking casts of the museum’s unique doorknobs to ensure continuity in off-site filming, along with measurements and color samples of marble plinths, sculptures, and the interior architecture.

All of the institutions associated with the franchise reported visitor increases of at least 20 percent, and 27 percent of visitors at the British Museum who had seen the film reported a positive experience visiting the collection.“

Was schön war, Mittwoch, 21. März 2018 – Archivanke

In der Nacht zum Mittwoch schlief ich sehr schlecht – vermutlich aus Vorfreude. Denn so nett es ist, wieder Geld zu verdienen, so viel netter ist es, sich kunsthistorisch zu betätigen (sorry, Werbung). Mit dem Gedanken setzte ich mich dann auch morgens um 8 in den Zug nach Nürnberg: endlich den ganzen Tag mal wieder was Vernünftiges machen!

Mein Ziel war das Deutsche Kunstarchiv, das, Zitat von der Website, „größte Archiv für schriftliche Vor- und Nachlässe im Bereich der bildenden Kunst im deutschsprachigen Raum. Es umfasst mehr als 1.390 Bestände, die sich über 2,8 Regalkilometer erstrecken.“ Ich hatte mir per Mail den Nachlass von Carl Theodor Protzen ausheben lassen, über den ich das wenige, was im Kubikat zu finden war (plus einen Kilometer Literatur über die Autobahnmalerei), bereits vor Wochen oder Monaten gelesen hatte, bevor ich wieder unsicher wurde, ob der Herr so eine gute Idee wäre, auch im Zusammenspiel mit anderen Malern. Das Doktorandenkolloquium erinnerte mich aber wieder daran, vielleicht erstmal in die Quellen zu gucken und sich danach zu überlegen, ob es sich lohnt, weiter auf dem Thema rumzuhühnern. Nach dem gestrigen Tag würde ich vorsichtig sagen: Da geht noch was.

Gestern war mein Ziel, den gesamten Nachlass überhaupt erst einmal zu sichten. Ich hatte noch keine direkte Frage, sondern wollte schlicht schauen, was in den zwei Regalmetern drin war. Das Archivgut ist völlig unerschlossen; es sieht aus, als hätten die fleißigen Archivar*innen den Kram liebevoll in die schicken Archivboxen gepackt und dann nie wieder reingeschaut. (Seit unserem Besuch im Stadtarchiv Rosenheim weiß ich, dass Archivboxen was anderes sind als Umzugskartons.)

Der Nachlass ist zudem auch gleich zwei Nachlässe, nämlich der von Protzen und seiner Frau Henny Protzen-Kundmüller, für die ich nach gestern eigentlich mal den noch fehlenden Wikipedia-Eintrag schreiben könnte. In den komplett ungeordneten Kisten liegen bergeweise Skizzenbücher von ihr, was ich insofern spannend fand, weil wir ja gerade Skizzenbücher in der Pinakothek der Moderne angeschaut und besprochen haben. Jetzt weiß ich erst recht, wie gut diese Ausstellung kuratiert war. Außerdem fand sich viel private Korrespondenz, von der ich besonders die passiv-aggressive Auseinandersetzung mit dem Herrn Papa des Künstlers fasziniert und leicht unangenehm berührt überflogen habe. Liebesbriefe ließ ich aus Zeitgründen links liegen. Was leider völlig fehlt, ist geschäftliche Korrespondenz. Die hat mir bei der Arbeit zu Leo von Welden sehr weitergeholfen, weil sich dort viele Verbindungen erfassen ließen. Wenn ein Verlag ihn schriftlich für eine Illustration anfragt und sich dabei auf eine Veröffentlichung von ihm in Zeitschrift XY bezieht, wusste ich so, ah, in Zeitschrift XY war auch noch was von ihm, danke, gleich mal in der Stabi bestellen.

Ebenfalls im Nachlass: bergeweise private Fotoalben, leider fast immer undatiert. Am Erscheinen der ersten Hakenkreuzflaggen an irgendwelchen Häusern im Hintergrund kann man zwar immerhin das Jahrzehnt festlegen, aber das war’s meistens. Das Oktoberfest konnte ich noch bildlich identifizieren, und ich stellte fest, dass selbst zu NS-Zeiten kaum Dirndl und Lederhosen unterwegs waren. Just sayin’. Außerdem: Bilder von der Grundsteinlegung des Hauses der Kunst 1933. Ich hatte gestern auf einen der Umzüge zum Tag der Deutschen Kunst getippt, die, wenn ich mich richtig erinnere, ab 1937 stattfanden, also mit Festwagen und Firlefanz, aber bei der spontanen Bildersuche fand ich Fotos, die denen von gestern sehr ähnlich sahen, und die zeigen die Grundsteinlegung.

Der Jackpot war sein fast vollständiges Werkverzeichnis. Also Werkverzeichnis in Anführungszeichen. Es gibt mehrere Fotoalben, in denen er von 1922 an bis zu seinem Tod 1956 alle seine Gemälde fotografisch festgehalten hat, nur schwarzweiß, aber brav nummeriert mit Maßangaben und Titel, teilweise mit Käufernamen. Was bräsigerweise fehlt, ist die Jahresangabe, du Horst! Manche lassen sich recht simpel identifizieren. An einigen steht zum Beispiel „Glaspalastbrand“, was bedeutet: 1931. Andere Bilder kenne ich aus der GDK. Und da es so aussieht, als hätte er halbwegs korrekt chronologisch gearbeitet, müssten sich die Bilder dazwischen auch einigermaßen datieren lassen. Alleine das müsste schon für eine hübsche Dissertation reichen: kurze Biografie, Werkverzeichnis, fertig. Aber das ist mir natürlich zu langweilig.

In den Kisten liegen nämlich noch andere Belege seines Schaffens und die unterstützen eine Theorie von mir, mit der ich seit ein paar Monaten kämpfe, weil sie eben noch sehr theoretisch war. Sie klingt jetzt deutlich praktischer, weswegen ich hier weiterforschen werde und dazu noch auf ein paar anderen Baustellen. Ich muss hier ein bisschen vage bleiben, weil es eben noch vage ist. Außerdem sollte ich vielleicht mal in meine Prüfungsordnung gucken, ob ich überhaupt über meine Diss so detailliert bloggen (im Sinne von „Dinge veröffentlichen“) darf, fällt mir gerade ein.

Ich fand zusätzlich bergeweise Ausstellungskataloge, die ich teilweise in den Regalen des ZI schmerzlich vermisst hatte, denn die meisten waren mir namentlich schon bei der Arbeit zu von Welden untergekommen. Überhaupt merkte ich gestern, wie wichtig meine diesbezügliche Forschung gewesen ist: Ich hatte Daten parat, Abläufe des NS-Kunstsystems, Preise, Namen, Bildthemen. Das fühlte sich sehr anders an als mein erster Kontakt mit einem Nachlass, nämlich mit dem von Weldens, den ich relativ ziellos erschlossen hatte. Auch gestern wühlte ich einfach mal durch, merkte aber schon bei den ersten Kisten, dass ich innerlich doch bewusster schaute.

Ich schaffte es, das gesamte Material, wenn auch teilweise nur sehr oberflächlich, in sechs Stunden einmal komplett durchzusehen. Abends diskutierte ich natürlich alles mit F., und in dieser Diskussion festigten sich meine nächsten Schritte. Mal sehen, wann ich für sie Zeit habe. Ins Kunstarchiv fahre ich auf jeden Fall noch mehrere Male, alleine um das Werkverzeichnis komplett abzufotografieren. Und dann quengele ich die Bayerische Staatsgemäldesammlung voll, dass ich gefälligst ihre über 100 Werke angucken will. Aber ich ahne, dass ich da lange vergeblich quengeln werde. Egal. Ich habe ja noch andere Baustellen.

Was schön war: endlich den ganzen Tag mal wieder was Vernünftiges gemacht!

Links von Mittwoch, 21. März 2018

Während ihr diese Zeilen lest, bin ich vermutlich auf dem Weg nach Nürnberg ins Kunstarchiv und wühle mich durch einen Nachlass. Wenn der Mann nicht Sütterlin geschrieben hat, vermutlich mit einem breiten, glücklichen Grinsen im Gesicht. Deswegen gibt’s heute Dinge zu lesen, die andere geschrieben haben. Gestern war ich zu vorfreudig, um groß was zu erleben. Aber lecker Kürbiskernbrötchen mit Putenbrust und Gurke gegessen. Und ewig am Mahlgrad meines Espressos rumgedreht, leider eher zum Schlechten. French Press ist irgendwie einfacher.

Und: KEINE ERKÄLTUNG! (Bis jetzt.)

She Was the Only Woman in a Photo of 38 Scientists, and Now She’s Been Identified

Die New York Times schreibt über den schönen Twitter-Thread, den ich vor ein paar Tagen erwähnte. Liest sich einfacher als die ganzen Twitter-Replys, daher hier noch mal hübsch im Blog.

„Candace Jean Andersen wanted to write a picture book about the Marine Mammal Protection Act of 1972, so she asked the National Oceanic and Atmospheric Administration for some information.

It sent her an article on the subject. There, buried in dozens of pages of dense text, was a photograph of attendees at the 1971 International Conference on the Biology of Whales in Virginia, a gathering of some of the most prominent experts in marine biology. The 38 people pictured appeared to be mostly white and all men, except for one: a young black woman wearing a bright headband, her face partly obscured by the man in front of her.

Ms. Andersen said the men were named in a caption but the woman was not. “My curiosity nagged at me, not knowing who the woman in the photo was, or perhaps what she may have contributed to the conference,” she said.

How do you identify a person when all you have is half of a smiling face in a 47-year-old black-and-white photo?

You turn to social media.“

Bonn – Berlin – Bannas

Günter Bannas hat 40 Jahre lang für die FAZ aus den Hauptstädten Deutschlands berichtet. Hier erzählt er ein paar Anekdoten zum Abschied. Man riecht teilweise fast die alte Bundesrepublik.

„Gewöhnlich sind Kanzlerreisen auf die Minute geplant. Landung um 22.15 Uhr heißt 22.15 Uhr und nicht etwa 22.35 Uhr. Eine Ausnahme: Merkels Tour an die amerikanische Westküste. Los Angeles, San Francisco, Arnold Schwarzenegger, Beverly Hills, Heidi Klum, Thomas Gottschalk. Für Freitag, den 16. April 2010, um 15.30 Uhr war die Landung in Berlin-Tegel annonciert. Ganz und gar anders sollte es kommen. In Island war der Vulkan Eyjafjallajökull ausgebrochen. Eine Aschewolke legte sich über Europa. Nicht in Berlin, sondern (vielleicht) in München, Nürnberg oder Mailand sei eine Landung noch möglich, hieß es bei Abflug. Vielleicht auch in Rom, hieß es bei der Zwischenlandung zwecks Kerosin-Aufnahme in Kanada. Als die Sonne aufging, war klar: Lissabon. Ein lauer Abend folgte. Niemand wusste so recht, wohin. „Wir bleiben beisammen“, versprach Merkel. Wider Erwarten ging es nach Rom. Sodann in einer Autokolonne hoch nach Bozen. Merkel vorne in einem Dienstwagen, den Michael Steiner, deutscher Botschafter in Rom und vormaliger Schröder-Berater, vom Fuhrpark des Vatikans überlassen bekam. Hinten in der Kolonne die Journalisten in einem Bus, einer ziemlichen Schrottmühle, weil in jenen Tagen die Busse in ganz Europa knapp geworden waren.

Reifenpanne auf der Autobahn nach Norden. Die BKA-Sicherheitsleute bestanden darauf, Merkel dürfe nicht am Standstreifen der Autostrada stehen bleiben. Ulrich Wilhelm, damals Sprecher Merkels und heute Intendant des Bayerischen Rundfunks, hatte den Leuten hinten mitzuteilen, Merkels „Keiner wird zurückgelassen“ sei nicht aufrechtzuerhalten. Dem AP-Reporter Stefan Lange gelang es, die eingerosteten Muttern an den Rädern zu lösen. Das Bus-Unternehmen musste versprechen, irgendwo bei Florenz einen Bus zu organisieren, der in Deutschland TÜV-tauglich war. Tief in der Nacht zum Sonntag Ankunft in Bozen. Sonntagnachmittag dann doch in Berlin, 48 Stunden später als geplant. Merkel schien es genossen zu haben: zwei Tage ohne die Mühen einer Kanzlerin und CDU-Vorsitzenden. In Nordrhein-Westfalen musste sie einen Wahlkampftermin mit dem Parteifreund Jürgen Rüttgers absagen. Rüttgers verlor die Landtagswahl.“

twenty

Jasons Kottkes Weblog ist am 14. März 20 Jahre alt geworden. Ich gratuliere – und freue mich über einen schönen Textschnipsel, den ich dem Texter*innennachwuchs am nächsten Montag in Hamburg auf Powerpoint vorlesen werde.

„I had a personal realization recently: kottke.org isn’t so much a thing I’m making but a process I’m going through. A journey. A journey towards knowledge, discovery, empathy, connection, and a better way of seeing the world. Along the way, I’ve found myself and all of you. I feel so so so lucky to have had this opportunity.“

von und mit Hartz 4 über.leben

Der bisher erfolgreichste Tweet, den ich in zehn Jahren abgesetzt habe, wenn man Retweets und Likes als Maßstab anlegt, besteht vollständig aus einem Text, der nicht von mir stammt. Scheint viele zu interessieren, dieser Text, daher kommt er auch nochmal ins Blog.

„Als mein Backofen kaputt ging, bot jemand bei Twitter an, mir einen neuen zu bezahlen. Die gleiche Person hat mir eine neue Matratze gekauft, als meine alte, die ich schon gebraucht hatte kaufen müssen, nach 8 Jahren nicht mehr nutzbar war. Ich vermeide es aktiv darüber nachzudenken, wie sich das für mich anfühlt. Weil ich weiß, dass es kein gutes Gefühl ist.

Wenn Freund_innen ihre Kleidung aussortieren, schicken sie mir das, was sie nicht mehr wollen. Seit Jahren sehe ich also überwiegend aus, wie andere Leute nicht mehr aussehen wollen und was würde besser zu einem Menschen passen, der so lebt, wie andere Leute nicht leben wollen?

Jens Spahn meint, mit Hartz 4 müsse man nicht hungern und ich kann ihm darin zustimmen. Mit Hartz 4 muss man nicht hungern. Man kann wählen, ob man hungern will oder lieber keinen Strom haben. Oder keinen Telefonanschluss. Oder keine Monatskarte für den ÖPNV. Oder keine Schulsachen. Oder keine kulturelle Teilhabe. Oder Möbel. Oder Kleidung.“

Was schön war, Sonntag/Montag, 18./19. März 2018 – Sonntag und Alltag

Am Sonntag nahmen wir unseren Fehlfarben-Podcast auf. Der jeweilige Gastgeber (w/m) kocht oder holt Essen von auswärts. Dieses Mal war F. Gastgeber und schleppte die übliche Lo-Studente-Pizza an, die mir wie immer sehr gut schmeckte. Da es keine Kunsthistorikerinnen-Pizza gibt, was ich stets anprangere, entschied ich mich für die allseits bewährte Christopher.

Ich mag unseren Aufnahmen sehr. Ich diskutiere zwar mit F. auch dauernd über Kunst, aber eine dritte Person bringt noch eine weitere Sichtweise an den Tisch. Wir drei unterscheiden uns auch sehr darin, wie wir Kunst wahrnehmen oder uns mit ihr auseinandersetzen, daher schätze ich unsere Gespräche immer sehr. Florian ist leider beruflich/zeitlich deutlich mehr eingespannt als wir zwei Hascherl, weswegen wir nicht ganz so oft aufnehmen können wie wir gerne würden, weil es für ihn schwieriger ist, sich die Ausstellungen anzuschauen. Zwei Stunden rumzuquatschen, kriegt man immer irgendwie hin, aber wir müssen schließlich ein bisschen Vorarbeit leisten, bevor wir reden können.

Bei diesem Podcast war ich nicht ganz so glücklich mit meiner Performance. Ich höre die ganze Aufnahme am Tag der Veröffentlichung einmal komplett durch, um für den Blogeintrag die Minutenangaben schreiben zu können. Klar könnte ich das auch während der Aufnahme schon so ungefähr notieren, aber währenddessen möchte ich mich auf andere Dinge konzentrieren. Außerdem höre ich gerne mit einem Tag Abstand nochmal nach, was wir so von uns gegeben haben und bin meistens zufrieden. Dieses Mal halt nur so halb. Ich fand mich manchmal arg uninformiert, was auch daran gelegen hat, dass ich nach den Ausstellungen nicht mehr im ZI war und Dinge nachgelesen habe, was ich sonst immer mache.

Dafür hatte ich doppelt Spaß an den Weinen. Das Thema „Rotwein vom Balkan“ war herausfordernder als „Riesling von der Mosel“, weswegen ich mehr rumgelesen und -gegoogelt habe als sonst. Außerdem hatten wir wirklich drei tolle Weine am Tisch.

Florian und ich hatten schlauerweise nicht die ganze Pizza vor dem Podcast vertilgt (wir schaffen immer gerne eine Grundlage für den Wein), sondern konnten noch eine paar Stücke nachher genießen, als das Mikro aus war und wir den Wein einfach so trinken konnten, ohne über ihn reden zu müssen. Wie immer beim Podcast ist mir aufgefallen, dass ich Ausstellungen anders anschaue, wenn ich weiß, dass ich danach noch etwas dazu sagen muss. Selbst fürs Blog gucke ich manches nur flüchtig oder lasse bewusst Dinge weg, wenn ich über eine Ausstellung schreibe. Beim Podcast kann es immer sein, dass einer der Jungs etwas anspricht, was mir egal war, also gucke ich auch das wenigstens halbwegs konzentriert an, damit ich immerhin sagen kann, warum es mir egal war. Der Podcast ist eine schöne Übung an Selbstdisziplin, die sich aber nie so anfühlt, denn ich kann Kunst anschauen, kriege gutes Essen und sogar noch drei Weine dazu.

Gestern hatte ich beruflich nicht ganz so viel zu tun, was mir auch recht war. Auf zwei Kunden Kleinkram erledigt, auf weitere Infos bzw. Briefings gewartet. Weiter am Texterschmieden-Workshop für Montag gebastelt.

Sowohl mein morgendlicher Espresso als auch mein Filterkaffee, den ich mir für den ersten Schwung Arbeit gekocht hatte, waren nicht gut. Ich kannte beide Sorten, ich hatte die bereits genauso mehrfach zubereitet, aber gestern schmeckte gar nichts.

Abends hatte ich ein bisschen Halsschmerzen, und jetzt bin ich panisch, dass schon wieder eine Erkältung in mir rumgrummelt. Dafür habe ich jetzt überhaupt keine Zeit, denn erstens wartet ein Hamburg-Wochenende und zweitens hebt mir das Kunstarchiv Nürnberg für morgen zwei Meter Archivmaterial aus. Geht weg, Bazillen, Viren und andere Mistviecher! NICHT JETZT! Ich muss über Kunstgeschichte und Werbung gleichzeitig nachdenken UND ich treffe nette Menschen. Ich habe jetzt wirklich keine Zeit!

Fehlfarben 13: A Good Neighbour, SkizzenBuchGeschichte(n), Fritz Winter, Germaine Krull

Keine Bange, wir reden nur über zwei der oben genannten vier Ausstellungen, die derzeit in der Pinakothek der Moderne laufen, ausführlicher. Aber wenn man schon mal da ist – und gerade am Sonntag kostet der Spaß nur einen Euro Eintritt –, kann man sich ja einfach alles angucken, was rumhängt.

Unser Weinthema war genauso vielfältig wie die Kunst: Rotweine vom Balkan.

Podcast herunterladen (MP3-Direktlink, 79 MB, 98 min), abonnieren (RSS-Feed für den Podcatcher eurer Wahl), via iTunes anhören.

00.00:00. Begrüßung und Vorstellung.

00.01:45. Blindverkostung Wein 1.

00.04:20. Los geht’s mit „A Good Neighbour“. Diese Ausstellung ist ein Extrakt der 15. Istanbul Biennale, die 2017 stattfand. Nicht vom schwammigen Text auf der Website irritieren lassen, sondern hingehen, bitte. Läuft noch bis zum 29. April.

00.34:40. Blindverkostung Wein 2.

00.46:50. Fazit der ersten Ausstellung: Wir waren begeistert, drei Daumen nach oben. Darauf gleich eine schöne Blindverkostung von Wein 3.

00.50:45. Die zweite Ausstellung: SkizzenBuchGeschichte(n). Macht doch bitte eure Titel nicht so kapriziös-kompliziert, Kinnings. Das hat die Ausstellung doch gar nicht nötig, die noch bis zum 21. Mai läuft. Ich erwähne am Anfang die digitale Sammlung der Pinakothek und sogar fast mit der richtigen Adresse.

01.14:15. Wir müssen zwischendurch nochmal über die spannenden Weine reden und wie sie sich verändern.

01.16:00. Fazit Ausstellung 2: auch hier drei gut gelaunte Daumen nach oben.

01.18:10. Als Bonus: ein paar Minuten zu Fritz Winter und Germaine Krull, die beide noch bis zum 10. Juni zu sehen sind.

01.29:00. Wir lösen die Weine auf und können uns nicht für einen Spitzenreiter entscheiden, weil alle toll waren.

Wein 1 von Anke: Modra Frankinja (Blaufränkisch) vom Weingut Dveri Pax aus Slowenien, 2010, 13%, für 13,50 Euro bei vinexus.de gekauft.

Wein 2 von Felix: Amanet (Vranac) vom Weingut Aleksić aus Serbien, 2012, 15%. Bei Samovino für 17,90 Euro erhältlich.

Wein 3 von Florian: Korlat (Cabernet Sauvignon) vom Weingut Benkovac aus Kroatien, 2014, 13,5%. Bei Koledar Feinkost in München für 12,90 Euro gekauft.

Was schön war, Samstag, 17. März 2018 – Alles drumrum

Gemeinsam aufwachen, kuscheln, gemeinsam wieder einschlafen. Es wird nie langweilig.

Neue Espressobohnen angetestet, nämlich diese hier mit einem kleinen Anteil an Kona-Kaffee, den ich bis dahin noch nicht kannte. Der Espresso hat einen deutlichen Nussgeschmack, der mit Milch etwas gemildert wird, aber immer noch da ist. Mich macht es allmählich irre, dass so viele Espresso- oder Kaffeesorten nach Schokolade oder Kakao schmecken sollen, aber ich schmecke immer nur Nuss. Wobei Nuss auch super ist. Nichts gegen Nuss.

Dann war die Zugfahrt nach Augsburg nett, weil der Zug leer und pünktlich war. Die Tram zum Stadion kam recht schnell. Wir trafen die charmante Kristaldo auf dem Weg. Die Kontrolle bei den Damen war die kürzeste ever, ich glaube, ich war in einer Minute durch. Auf meiner FCA-Bezahlkarte war noch genug Geld für eine Apfelschorle. Ich war perfekt angezogen mit meinen drei Lagen am Oberkörper und zwei untenrum, meinen zwei Paar Socken und den Springerstiefeln. Meine Decke wärmte auch sehr schön. Ich konnte über den Kaschperl lachen, mich wie immer am Kid’s Club erfreuen und dem Schiri bei sehr ausführlichen Aufwärmübungen zugucken, unter anderem einem perfekten Planking. Nach dem Spiel erwischten wir auch sehr schnell eine Tram und erreichten dadurch den frühen Zug zurück nach München. Und obwohl der einer von der kürzeren Sorte war, fanden wir beide einen Sitzplatz, wenn auch nicht nebeneinander. Ich saß neben einigen Werderfans, von denen einer seine Bierflasche nicht öffnen konnte, woraufhin ihm jemand mit einem Augsburg-Schal seinen Flaschenöffner lieh. Zwei mitfahrende Engländer konnten sich kaum darüber beruhigen, dass die zwei Fanlager sich halfen anstatt sich zu kloppen.

Über die 90 Minuten Fußballspiel dazwischen möchte ich wirklich, wirklich nicht reden, denn dazu müsste ich sehr undamenhafte Ausdrücke verwenden.

Einer der Gründe, warum ich trotz meiner derzeitigen Probleme mit Twitter nicht ganz von diesem Dienst lassen kann: Threads wie dieser hier der Historikerin Natasha Varner, die das Verhältnis von irischen Einwanderern zu schwarzen Amerikanern in der Zeit vor dem Bürgerkrieg beleuchtet. Mit Links zum Weiterlesen.

Oder dieser hier, den eine, soweit ich das erkennen kann, einfach interessierte Illustratorin startete, die sich fragte, warum auf einem Foto einer Marinebiologiekonferenz 1971 die einzige Person, die keine Bildunterschrift hatte, eine schwarze Frau war – und Twitter um Hilfe bat, um herauszufinden, wer die Dame ist. Mit Erfolg. (Wenn ihr den ersten Tweet direkt anklickt, also aufs Veröffentlichungsdatum geht, kommen die ersten Antworte und Hinweise, die ich auch sehr lesenswert fand.)

Frau Mullah et. Consorten

Der Link ging die letzten Tage schon rum, ich vertwitterte ihn auch schon, aber ich möchte ihn noch mal im Blog haben (via Vorspeisenplatte). Es geht um ein Ehepaar mit Tochter im Teenageralter, die vor zwei Jahren zwei unbegleitete afghanische Jungen aufgenommen hat. Nach dem Lesen des Artikels ist mir noch unklarer, wie jemand Afghanistan als sicheres Herkunftsland bezeichnen kann. Über Dinge wie einen teilweise völlig fehlenden Staat, in dem man sich als Bürger oder Bürgerin fühlen kann und weiß, dass man in vielen alltäglichen Kleinigkeiten auf ihn vertrauen kann sowie auf die gesellschaftliche Übereinkunft seiner Bürger und Bürgerinnen – dass also solche elementaren Dinge einfach nicht vorhanden sein können, darüber habe ich hier in Deutschland lebend schlicht noch nie nachdenken müssen.

„Die Familie war ohne Vater und damit ungeschützt. Die Mutter konnte froh sein, dass ein anderer Mann sie heiratete, denn eine Frau kann ohne einen Mann dort nicht leben. Der andere Mann jedoch wollte die Kinder aus der ersten Ehe nicht übernehmen. Es gibt außer Salman noch einen jüngeren Bruder. Und zu diesem Zeitpunkt auch noch eine ältere Schwester. Diese ist offenbar mittlerweile ebenfalls verstorben oder umgebracht worden. Er hat nicht einmal ein Bild von ihr auf seinem Handy. „Mädchen darf man nicht fotografieren, dann können sie nicht mehr heiraten…“, so würden die Leute denken, sagt er.

Salman gelang es, seinen Anteil am Elternhaus zu verkaufen. Mit diesen achttausend Dollar hat er sich seine Flucht finanziert. Er hätte kaum seinen Bruder und seine Mutter zurückgelassen, wenn es nicht ausreichend lebensbedrohliche Gründe für eine Flucht gegeben hätte. Sie, die Taliban, hätten es dann auch auf ihn abgesehen, auf die ganze Familie. Mit fünfzehn Jahren ist man erwachsen dort. Salman erzählte, dass ein örtlicher Mullah, oft die einzige Gerichtsbarkeit auf dem Land, schließlich einen Bann gesprochen hätte. Man solle den jüngsten Bruder, damals gerade einmal 8 Jahre alt, verschonen. Die Familie sei genug bestraft worden. Im Februar 2016 kam Salman in Rosenheim an. Das ist jetzt gerade einmal zwei Jahre her.

Immer wieder erzählt Salman von seinem Vater. Dieser war sicher sehr streng. Er gab ihm aber auch mit auf den Weg, er – Salman – habe zwei Hände zum Arbeiten und er solle deshalb niemals kriminell werden. Man merkt ihm an, wie wichtig ihm dieser einfache Satz ist.

Wenn er von seiner Heimat und dem Leben dort erzählt, ergibt sich das Bild eines sehr rohen Überlebens. Die Abwesenheit fast jeglicher staatlicher Strukturen ist für uns kaum vorstellbar. In einer solchen Umgebung war sein Vater Polizist. Und sicherlich daher, mitsamt seiner Familie, für Viele ein Dorn im Auge.“

Was schön war, Freitag, 16. März 2018 – Geburtstagsmenü

Vielen Dank für eure zahlreichen Tweets und Mails UND PRÄSENTE!EINSELF zu meinem Geburtstag, ich habe mich über alles gefreut. Auch F. beschenkte mich wie immer ausgezeichnet. Unter anderem bekam ich, ich muss allmählich anbauen, zwei Sorten Espressobohnen. „DIE HATTE ICH GEKAUFT, BEVOR DIE ANDEREN KAMEN!“ Und auch eine Blogleserin beschenkte mich mit einem Gutschein für eine Rösterei um die Ecke, nämlich in Aßling. Wo das liegt, weiß ich sogar, ansonsten ist Bayern für mich immer noch Terra Incognita und ich gucke auf Wetterkarten immer noch in den Norden und denke Dinge wie, ach mal eben rüber nach Amsterdam und nicht, ach mal eben runter nach Italien. Zurück zu Aßling: Das hatte ich mal nachgeschlagen, denn bis dahin gilt mein Semesterticket der Uni München. (Vielleicht sollte ich den Gutschein vor Ort einlösen!)

Abends ging es wie immer in mein Lieblingsrestaurant, das Broeding, wo wir, ebenfalls wie immer, ausgezeichnet tafelten.

Beim Champagner als Reinkommer und dem Gruß aus der Küche meinte ich noch so launig, nee, heute fotografiere ich mal nicht und notiere mir auch keine Weine, immer dieser Blogstress. Dann knabberte ich aber genussvoll am Thunfisch-Wantan auf ingwergewürztem Karottensalat herum und schon war das Vorhaben hinfällig, denn davon wollte ich natürlich im Blog schwärmen. Immer diese Blogliebe!

Der erste Gang: im Heu gegarter Mangalica-Schweinerücken mit Lauchzwiebeln und Orangensenf. Der Schweinerücken verbarg sich unter dem Schinken, daneben lagen noch Pecannüsse. Das war mein drittliebster Gang, weil er so schön rund war. Leicht scharfer, fruchtiger Senf, das kräftige Schwein, der milde Schinken, die fast süßen Zwiebeln und die knackig-dunklen Nüsse – da passte einfach alles. Dazu gab’s einen Grünen Veltliner von Ebner-Ebenauer, 2015. Der war recht fruchtig und hatte auch mit dem intensiven Essen noch einen schönen Biss. Wir hier unten sagen „resch“ dazu.

Schon kam der liebste Gang, der sich so schlicht liest: Mairüben-Suppe mit schwarzen Walnüssen und Stielmus-Pistou. Pistou ist ein Pesto ohne Käse, wie ich vom wie immer freundlichen Service lernte. Ich lernte allerdings auch, dass fermentierte Walnüsse nicht ganz so meins sind. Aber. Die Suppe. Es ist bloß eine Suppe, es sind bloß Mairübchen, aber davon hätte ich drei Liter essen können und dann nochmal fünf. Ein ganz klares, stimmiges Aroma, fertig. Aber wie ich von tausend Suppenversuchen weiß: Die einfachen Dinge sind immer die fiesesten. Der Wein dazu war ein 2015er Rotgipfler vom Weingut Biegler. Der war sehr süß in der Nase, dann aber recht trocken im Mund und brachte eine Kiste Äpfel mit.

Mit dem gebratenen Saibling auf Wirsing und Roter Bete haderte ich etwas. Fisch war gut, Wirsing ist immer gut, rote Bete gehen auch, aber auf dem Teller waren noch Weintrauben, die für mich den Gang viel zu süß gemacht haben. Auch das Mundgefühl war eher alles eins, kaum Kontraste oder mal was Eckiges, was aufweckt. Da hatte ich hier schon weitaus spannendere Gänge. Der Wein konnte mich dann aber wieder versöhnen, denn mit Riesling kriegt man mich ja immer zu allem rum. Das war einer vom Weingut Hirsch aus Gaisberg, 2010. Der roch zunächst ein bisschen nach muffigem Honigkeller, hatte dann im Mund aber plötzlich eine saure Kirsche (Kirsche? WTF?) und wurde mit dem Essen zusammen dann schön rieslingig honigbananig. Also genauso, wie ich Riesling mag. Schon waren die blöden Weintrauben vergessen.

Der Hauptgang bestand aus Lammfricandeau mit gebackenem Paraplui, weißem Bohnenpüree, Grünkohlchips und Fenchel. Den Paraplui hatte ich mir vor dem Essen ergoogelt – das Broeding schreibt netterweise das Menü immer im Laufe des Tages auf seine Website –, und daher wusste ich, dass das ein Pilz war. Der war auch nicht mein Favorit, aber das Püree war gut, Lamm geht ja eh immer und die Sauce tupfte ich mit viel Brot auf, bis der Teller sauber war. Dazu gab’s den einzigen Rotwein des Abends: ein Cuvée aus meinem allerliebsten Lieblingswein, dem Blaufränkisch, mit dem stinkigen Pferdestallwein St. Laurent, von Rosi Schuster, 2013 (Link zum 2014er). Der wurde ziemlich kühl serviert, was ich aber sehr gerne mag, und schmeckte wie Kirschschorle mit blaufränkischer Schnuffigkeit.

Dann kam der Käse, den ich vergessen habe zu fotografieren, weil wir so mit dem Wein dazu beschäftigt waren. F. twitterte gestern noch: „Wenn du denkst, du hast es alles schon gesehen, kriegste beim Broeding einen Amontillado zum Käsegang serviert.“ Eigentlich freue ich mich im Broeding immer auf herrlich schlotzigen Süßwein zum Käse, aber nein. Zum Morlacco di Grappa, einem sehr schmackhaften Kuhmilchweichkäse, mit Thymiangelee und Nussbrot, gab es einen Albala Marqués de Poley Amontillado, dessen ältestes Fass von 1922 war. Das Ding schmeckte erst nach saurer, total trockener Walnuss – und dann nach Salz. Außerdem blieb es irre lange am Gaumen. Mit dem Käse zusammen kam eine dicke Rosine in den Mund, der riesig groß wurde, und das Walnusssalz wollte immer noch nicht gehen. Das ging auch minutenlang nicht, auch als die Teller und Gläser schon abgeräumt waren. Ein tolles Zeug.

Auf einen Klecks Ananassorbet zum Magenaufräumen folgte dann das Dessert, mein zweitliebster Gang, der ein äußerst würdiger Abschluss des Festessens war. Auch Pandanus-Mousse mit Mango klingt wieder so harmlos, aber hier mochte ich, dass mein Mund dauernd mit anderen Texturen beschäftigt war. Die weichfeste Mousse lag auf spitzig-knackigem Ingwerstroh, die milde Mango kam in viel zähem Sirup, und auf den kleinen Schokobröckchen konnte man schön lange rumkauen, während die überraschend frische Mousse einem den Gaumen auskleidete. Die 2010er Beerenauslese von Lenkey Edes Kövek war dann ebenfalls eine Überraschung: sehr frisch und luftig für einen Süßwein. Der gefiel mir so gut, dass ich mir davon ein Fläschchen zum Geburtstag schenkte.

Den Espresso für mich und den Birnenschnaps für F. nahmen wir dann zuhause, weil wir total satt waren und erstmal ein bisschen rumlaufen mussten. Sehr entspannt und wohlig abgefüttert gemeinsam eingeschlafen.

Was schön war, Donnerstag, 15. März 2018 – Ein halber Tag frei

Seit dem 2. Januar war ich durchgebucht. Also so gebucht, dass ich von 9 bis 18 Uhr an irgendeinem Schreibtisch saß, ob nun in einer Agentur oder zuhause, so dass ich in dieser Zeit erreich- und ansprechbar war. Meine Erledigungen wie Einkaufen oder Bücher in Bibliotheken bringen tätigte ich wie andere Berufstätige auch: nach Feierabend, in der Mittagspause oder am Wochenende. Diese Buchungszeit endete letzten Freitag. Zurzeit bin ich auf verschiedenen Kunden eher stundenweise bzw. auf Zuruf gebucht, was mir weniger Geld, aber dafür ein bisschen mehr Freiheit bringt.

Mittwoch abend musste ich keinen Wecker stellen, schaltete das iPhone zusätzlich auf stumm und freute mich auf Ausschlafen mitten in der Woche. Es ist vermutlich klar, wann ich wach wurde? Genau. 6 Uhr 32.

Ich lungerte nur kurz im Bett rum, denn wenn ich wach bin, bin ich wach. Also begann ich meinen Tag früher als gedacht, aber dafür sehr entspannt. Nach der Körperpflege kam mein neues Lieblingsritual: Espresso kochen. Dazu mahle ich mir frische Bohnen in meiner Handmühle, fülle das Kaffeemehl in den Siebträger, drücke ihn mit einem schönen Edelstahltamper fest und lasse die Maschine ihr Wunderding verrichten. Währenddessen verräume ich Mühle und Bohnen und fülle einen guten Fingerbreit kalte Vollmilch in mein neues Edelstahlkännchen, die von der Maschine dann in wenigen Sekunden in schlotzigfesten Milchschaum verwandelt wird. Ich kann bis heute kein Herz auf meinen Espresso gießen, weil die Milch mehr Schaum als Schlotz ist, egal was ich tue, aber wurstegal. Dann säubere ich alle betreffenden Teile der Maschine und genieße meinen halbwegs flachen Flat White auf dem Sofa. Ohne Zucker und Sirup, weil er so toll schmeckt wie er ist.

Gestern beendete ich nach dem Aufklappen des Rechners als erstes mein Mailprogramm, damit mich niemand an meinem freien Vormittag stört. Auch Twitter wurde minimiert.

Mit Twitter hadere ich seit Wochen. Mir ist aufgefallen, dass die ganzen Themen, die mich persönlich aufregen oder anfressen oder traurig machen oder ängstigen, nicht mehr durch mein morgendliches B5-Duschradio oder die abonnierte FAZ an mich herangetragen werden. Nein, das erledigt meine eigentlich sorgfältig kuratierte Timeline. Meine Menschen machen mich auf Dinge aufmerksam wie die neueste Hetze der AfD, widerliche Kommentare über dicke Menschen auf allen Websites dieser Welt, eklige Werbung, hasserfüllte Diskussionen über Frauenrechte und so weiter und so fort. Alle meinen es gut, alle wollen, dass diese Dinge nicht unter den Teppich gekehrt werden, sondern dass sich Dinge dadurch ändern, dass man sie ans Tageslicht und in die Öffentlichkeit bringt. Ich habe durch meine Timeline in den vergangenen Jahren sehr viel gelernt. Aber momentan überfordert mich die ständige und allumfassende Empörung, Aufregung und das Entsetzen total.

Ich habe in den letzten Wochen viele Accounts entfolgt. Das ist so gut wie nie persönlich gemeint, aber ich mag im Moment einfach keine Aufregung mehr, keine schnippischen Kommentare, keine süffisant-überlegenen Anmerkungen, keine Urteile vom hohen und immer gut gemeinten Ross herab. Ich habe vermutlich selbst genau solche Tweets in Mengen abgesetzt, das ist mir durchaus klar. Ich habe auch dazu beigetragen, dass eklige Anmerkungen über Dicke Aufmerksamkeit bekommen haben, indem ich auf sie hingewiesen habe. Auch das habe ich versucht zu ändern, indem ich, wie hier im Blog, eher nur noch Dinge twittere, die mich freuen oder die schön waren. Das klappt nicht immer, weil Twitter halt eine Aufregemaschine ist, aber ich versuche, mir das abzugewöhnen. Und dazu gehört eben auch, vieles nicht mehr mitbekommen zu wollen. Exkurs Ende.

So startete ich meinen Tag nur durch die Radionachrichten informiert mit schönem Getränk und entspanntem Bloggen sowie Bloglesen. Dann ging ich ins Museum, denn wir nehmen Sonntag unsere neue Fehlfarben-Ausgabe auf und dafür wollten ein paar Ausstellungen weggeguckt werden. Ich ließ mir viel Zeit, guckte eine Ausstellung sehr gründlich, wobei ich immer vor einer Führung weglaufen musste. Dann ging ich in die zweite, die deutlich kleiner, aber ebenso spannend war. Ein paar weitere Räume des Museums durchschritt ich etwas schneller – um dann noch einmal in die zweite Ausstellung zu gehen, weil mich einige Werke nicht loslassen wollten. Das war wieder einer dieser Momente, in denen ich sehr glücklich war, Kunst gucken zu können, weil es den Kopf so schön aufmacht. Und gleichzeitig einer von den doofen, in denen man ahnt, dass man sich diese Kunst nie wird leisten können, weil bescheuerter Kunstmarkt und bla.

Nach dem Museumsbesuch ließ ich mich von einer Tram (TRAMFAHREN!) in die Innenstadt tragen. Also drei Stationen, du winzige kleine Schnuffelstadt, du. Im Kaufhof am Stachus kaufte ich einen altmodischen Kaffeefilter aus Porzellan, von dem mir nachträglich einfiel, dass meine Mama davon vermutlich zehn im Keller liegen hat. Meine derzeitige Begeisterung für das Produkt Kaffee eskaliert gerade ein bisschen; bitte haltet mich davon ab, mir auch noch einen zweiten Wasserkocher zu kaufen, nur weil das Internet mir das empfiehlt, ja?

Zuhause setzte ich dann einen der Filterkaffees an, die in meinem vorgestrigen Kaffeepaket gelegen hatten. Eine Runde kochte ich in der French Press und eine Runde schön mit dem neuen Handfilter, weil ich ausprobieren wollte, ob der gleiche Kaffee mit dem gleichen Wasser, aber eben mit einer anderen Zubereitungsart anders schmeckt. Und was soll ich sagen? Tut er. In der French Press schmeckte dieser Kaffee sehr klar und geradeaus, kräftig, aber nicht stark. Beim Handfilter kam ein bisschen mehr Fruchtsäure durch, aber nicht so stark, dass ich es als unangenehm empfand (ich mag die Säure im Kaffee nicht so gern). Ich habe ihn für mich als „etwas scharfkantiger“ definiert und suche noch nach einer genaueren Beschreibung.

Irgendwann öffnete ich mein Mailprogramm wieder und stellte fest, dass niemand was von mir wollte. Den Rest des Tages verbrachte ich mit viel Kaffee und Keksen und Serien auf dem Sofa. War also eigentlich ein ganzer freier Tag. Auch gut.