Was schön war, Samstag, 20. Januar 2018 – Samstags gehört Anke mir

Ewig geschlafen, erst um kurz vor 10 aus dem Bett geschält.

Äpfel und Nüsse zum Frühstück. Ich probiere seit einiger Zeit eine Alternative zu meinem gewohnten morgendlichen Milchkaffee und das gefällt mir bisher sehr gut. Ich frage mich jeden Morgen: Obst oder Käffchen? und neuerdings sagt mein Magen immer: Obst. Kriegst du alles, Hase.

Zum weiter entfernt gelegenen Supermarkt spaziert, um ein bisschen Bewegung zu kriegen – das Walking-Programm will im neuen Jahr noch nicht so recht in die Puschen kommen, ich schlafe derzeit lieber. Beim Spaziergang den Soundtrack zu Dear Evan Hansen gehört, aus dem mir Spotify Waving through a window in meinen Mix der Woche gespült hatte.

Ben & Jerry’s Peanut Butter Cup zur neuen Folge Grey’s Anatomy.

(Hier hätte jetzt so schön noch ein Sieg vom FC Augsburg in Gladbach stehen können, aber nein. Mpf.)

In Ruhe Zeitung gelesen, auch die von Freitag, die ich vorgestern nicht geschafft habe. Nach einer Rezension wieder mal ein Buch auf meine Merkliste gepackt, in das ich in der Bibliothek reinschauen möchte.

Weiter Ulysses gelesen, dazu belegte Brote gegessen.

Abends zu F. spaziert, noch ein Glas Riesling genossen, gemeinsam eingeschlafen.

Was schön war, Freitag, 19. Januar 2018 – Hach und Hojotoho

Den Vormittag verbrachte ich endlich mal wieder in der Bibliothek des ZI. Mitte Dezember war meine Laune auf einem Tiefpunkt angekommen, weil mich ausbleibende Jobs und eine immer chaotischere Verstrickung in meine Diss-Frage mich mürbe gemacht hatten; ich legte einen zweiwöchigen Urlaub von meinem eigenen Kopf ein und das hat sehr gut getan. Im Hintergrund arbeitete mein Hirn weiter und ich ahne wieder so langsam, wo ich hinwill, und eine Buchung ist netterweise auch dabei rausgekommen (was vermutlich nicht an meinem Urlaub lag, aber es bestätigt mein kindliches Wunschdenken, dass man das Universum auch einfach mal machen lassen darf).

Jedenfalls war ich gestern nach vierwöchiger Pause endlich mal wieder zwischen den Regalen unterwegs, weil ich für den Kunden, für den ich gerade arbeite, etwas nachschlagen wollte. Ich war also eigentlich als Werbetexterin da und fühlte mich ein bisschen schuldig, als ob ich mein eigentliches Herzblatt betrüge but a girl’s gotta eat! Trotzdem kam natürlich die Kunsthistorikerin durch, sobald ich den ersten Stapel an meinen Platz getragen hatte und las. Und beim Zusammensuchen des zweiten Stapels, als ich mit Büchern im Arm – bekanntlich eine meiner Lieblingsgesten – gemächlichen Schrittes durch die hohen Regale ging, holte mich auch dieses seltsame ZI-Gefühl wieder ein. Ich kann es vermutlich nur schwer vermitteln, aber immer wenn ich in Bibliotheken rumwühle, fühle ich mich, wie andere sich vielleicht in Fangopackungen oder bei einer Massage fühlen: unglaublich entspannt, ruhig und gleichzeitig hellwach, um alles zu genießen. Manchmal bleibe ich einfach zwischen den Regalen stehen, lege den Kopf schräg und lese ein paar Buchrücken durch, auch wenn ich dort gar nichts suche. Ich fasse die Bücher an, die im Regal stehen, umarme die, die ich mit mir herumtrage und fühle mich so unglaublich wohl, dass es mir fast peinlich ist. Es ist nicht nur das Gefühl von Papier, das ich gerne mag, oder die schiere Menge an Büchern. Es ist das Wissen, dass um mich herum noch irrwitzig viel mehr Wissen steht, und wenn ich nur lange genug hierbleibe, ich mir das alles erlesen kann.

(Ihr müsst euch jetzt vorstellen, wie ich auf dem Sofa sitze und tippe und gerade von meinen eigenen Worten und Erinnerungen so gerührt bin, dass ich jetzt dringend Peniswitze oder ähnliches einstreuen möchte, damit das hier nicht zu memmig wird. Ähem. Wir räuspern uns jetzt alle kurz und reden mit tiefer, starker Stimme weiter.)

Am frühen Nachmittag war dann für mich bereits Feierabend, denn F. und ich hatten Karten für die Walküre, die um 17 Uhr begann. Ich mochte es sehr, dass die Staatsoper den Klassiker von Monaco Franze selbst vertwitterte und warnte F. auch, dass er, wenn er nach der Aufführung irgendwas von „altmodisch bis provinziell“ twittern würde, was auf die Nase bekäme.

Ich mag die Kriegenburg-Inszenierung sehr gerne, aber anscheinend hat sich das Münchner Publikum immer noch nicht an die „Pferde“ am Beginn des dritten Aufzugs gewöhnt, die seit 2012 bekannt sein sollten. Eigentlich geht der dritte Akt mit dem Walkürenritt los, aber bei Kriegenburg dürfen erstmal zwölf (?) langhaarige Damen stampfend und schnaubend die Pferde der Walküren imitieren, bevor das Orchester einsetzt. Als ich vor fünf Jahren das Stück zum ersten Mal sah, wurde noch gepfiffen, gestern wurde mittendrin applaudiert, vermutlich um den Pfeifern die Lust zu nehmen, aber als die Damen mit ihrer Performance fertig waren, kamen die ersten Buhrufe, die natürlich niedergeklatscht werden mussten – und darüber versäumte man dann ganz toll die einsetzende Musik. Deppen.

(Ihr könnt euch die Pferde übrigens am Montag selbst angucken, die Staatsoper streamt live. Müsste so gegen 21 Uhr losgehen, der letzte Akt.)

Das Ende des Stücks, den Feuerzauber, ruinierten dann die üblichen „Bravo“-Brüller, die mir fast genauso auf die Nerven gehen wie die Buhrufer, jedenfalls wenn sie NICHT MAL EINE VERFICKTE ZEHNTELSEKUNDE WARTEN KÖNNEN, bis sie nach der letzten langen Note ihr individuelles Urteil zu den vergangenen fünf Stunden loswerden dürfen. Einmal, EINMAL möchte ich nach einer Aufführung kurz durchatmen und zu mir kommen können. Hmpf. Komischerweise ging das am Mittwoch bei den Symphonikern eher. Vielleicht liegt’s echt am Opernpublikum.

Wobei dieses Publikum mich auch durchaus versöhnen kann:

Ich sprach die Dame im Bus an: „Auch zur Walküre?“ Sie lachte und meinte, ja, sonst würde sie nicht so rumlaufen. Wir scherzten dann noch: „Ich geh sonst so zur Arbeit.“ „Ich putze sonst so – man kommt zwar nicht an alles ran, sieht aber super dabei aus.“

Dieser Ausblick fiel mir gestern auch zum ersten Mal auf. Wir haben übrigens für den ganzen Ring unfassbar gute Plätze im ersten Rang, erste Reihe, fast in der Mitte, in den Pausen gab’s den clever vorbestellten Sekt, ich bewunderte wie immer die Kronleuchter, und bis auf die eben bemängelten Schreier war das ein wunderschöner Abend. Ich freue mich schon auf Siegfried und die Götterdämmerung.

Links von Freitag, 19. Januar 2018

Raising a Social-Media Star

Über Eltern, deren Kinder auf YouTube oder Instagram plötzlich mehr verdienen als sie und deren Fans Selfies bei Familiengeburtstagen in der Öffentlichkeit verlangen.

„John Rivera, the father of Brent Rivera, a former Vine star with 6.6 million followers on Instagram and over 3 million on YouTube, says he didn’t think much of the time Brent was spending on social media until he attended a local hockey game with his two sons.

They were sitting on the bleachers when a fellow parent approached. The woman sat down next to them and said, “Are you Brent?” His son answered “yes” and she asked, “Can you look up there?” gesturing a few rows up behind them. “My daughters are having a birthday party.” Brent turned his head, looked at the girls, and they began screaming. His father gawked.“

Souring World Views of Trump Open Doors for China and Russia

Das ist neu.

„With 41 percent approval, Germany has replaced the United States as the top-rated global power. China at 30 percent has reached nearly even footing, and Russia is barely trailing with 27 percent.

The survey conflicts with Mr. Trump’s oft-stated assertion that the world is respecting the United States more under his leadership. Instead, the Gallup reported concluded, Mr. Trump’s foreign policy and his words “have sowed doubt about the U.S. commitment to its partners abroad and called its reliability into question.”

Ein völlig unauffälliges Gehirn und andere Geschenke

Judith Holofernes schreibt auf, was sie durch ihre Krankheit in den letzten Jahren gelernt hat.

„Ach so, und: ich hatte eine entzückende, innige, stille, furchteinflößende, liebevolle Zeit mit meinen Lieben. Ich möchte da hier gar nicht viel zu schreiben, aber: wer rausfinden möchte, mit was für einem geilen Typen er verheiratet ist, muss mal ein bisschen krank werden.“

Da muss man jetzt durch.

Der Blogeintrag ist schon älter, wurde mir aber gestern in die Timeline gespült (sorry, vergessen, von wem).

„45 Jahre sind sie zusammen, haben zwei Kinder groß gezogen und ein Haus gebaut. Es war nicht immer einfach.

Jetzt ist das Haus abbezahlt, die Kinder groß, beide sind in Rente.

Und sie sitzt allein abends auf der Terrasse und weiß, dass er nicht mehr heim kommt. Das es ab jetzt nur noch schlechter werden wird. Noch kann er sprechen und essen, laufen klappt schon lange nicht mehr. Sie sagt ihm nicht, wie ernst seine Werte wirklich sind, sie kennt den Arzt und gemeinsam tauschen sie ein paar Zahlen.

Es war nicht immer einfach und hätte jetzt alles so schön sein können.

Ist es aber nicht.

Da muss sie jetzt durch.“

Und dann habe ich wieder ein Kapitel vom Ulysses durchschritten. Hätte nicht gedacht, dass dieses Buch lustig sein kann. Dear dirty Dublin.

Was schön war, Mittwoch, 17. Januar 2018 – 100 Metronome

Gestern abend saß ich im Herkulessaal und lauschte den Münchner Symphonikern sowie ihrem Gast Alexej Gerassimez, einem Percussionisten.

Ich war noch nie im Herkulessaal und freute mich erstmal über die Nachkriegsarchitektur, die meiner Meinung nach nur haarscharf an der NS-Architektur vorbeigeschrammt war. Dann freute ich mich über die bequemen Stühle und die Beinfreiheit im Parkett, wo ich endlich mal wieder saß. Und dann freute ich mich über die Gelbe Couch, eine kleine viertelstündige Gesprächsrunde, die bei einigen Konzerten der Symphoniker angeboten wird. Dabei erzählt der Gast dann gerne was, jedenfalls war das gestern so. Gerassimez wurde gefragt, ob er ein bisschen was zeigen könnte, woraufhin der charmante und eloquente Herr sein Smartphone zückte und erzählte, dass er gerne Rhythmen oder Klänge aufnehme. Das erste, was er uns vorspielte, waren die klackenden Schaltungen an Fußgängerampeln. Dann kam ein Geräusch, was ich nicht identifizieren konnte, aber ich glaube, das ging allen im Saal so. Ich habe es mir vermutlich nicht ganz korrekt gemerkt, aber es war eine klickernde Schaltzeituhr im Bad eines Hotelzimmers. Das letzte hielt ich für einen nicht anspringenden Trabant, aber es war der Drucker seines Freundes.

Gut gelaunt wartete ich dann auf den Beginn des Konzerts. Am Bühnenrand standen bereits 100 Metronome für das erste Stück: Poème symphonique – Musikalisches Zeremoniell für 100 Metronome von György Ligeti. Auf YouTube gibt es mehrere Versionen, ich habe mal die hier genommen. Dort werden alle Metronome gleichzeitig in Gang gesetzt (oder halbwegs gleichzeitig), es gibt auch Versionen, in denen das nach und nach passiert. Die Dinger sind auf eine bestimmte Dauer eingestellt, irgendwann hört man 100, dann ganz allmählich nur noch eins, bis auch das verstummt. Mir wurde gestern erzählt, dass bei der Uraufführung 1962 eine Panne passierte und das verdammte letzte Metronom partout nicht aufhören wollte. You go, girl!

Bei uns traten gestern acht Menschen an den Bühnenrand und setzten die Metronome halbwegs gleichzeitig in Gang. Das Publikum verstummte leider nicht so schnell wie ich es mir gewünscht hätte, obwohl das stille Orchester, das hinter den Metronomen schon Platz genommen hatte, doch deutlich machte, dass das Konzert jetzt losgeht. Ich fand es sehr spannend, welche Dynamik 100 klackernde Kästchen entwickeln; ich musste an Vogelschwärme denken (murmurations), die sich zusammenfinden, scheinbar eine Formation bilden und sie sofort wieder verlassen. So ging es mir auch, mein Gehirn wollte immer eine Struktur im Geklacker finden, ich bildete mir auch ein, für einen winzigen Augenblick eine erfasst zu haben, aber da war sie schon wieder weg. Nach und nach klickten immer weniger Metronome, ich meinte, nur noch rechts etwas zu hören, aber da war plötzlich links wieder was, aber schließlich war es wirklich nur noch eins.

In diesem Moment kamen der Dirigent und Gerassimez auf die Bühne und letzterer schlug, wenn ich das aus der 23. Reihe richtig erkannt habe, mit einem Drumstick auf ein Klangholz ein, schön im Takt vom Metronom, gefühlt minutenlang. Ich fragte mich irgendwann, wie man aus dieser Nummer jemals wieder rauskommen könnte, als er plötzlich den Takt veränderte. Wo er eben noch synchron mit dem Metronom war, spiele er jetzt quasi dagegen an. Ein kleines Metronom und ein Klangholz und der ganze Saal war ruhig. Irre meditativ und gleichzeitig hochspannend.

Dann trug die Indendantin das arme kleine klackernde Metronom hinter die Bühne, während Gerassimez weiter den Takt hielt – und plötzlich begann das zweite Stück, Frozen in Time von Avner Dorman. Das war dann eine halbe Stunde, in der ich überhaupt nicht zum Denken kam, sondern nur staunte und zuhörte. Ich war überrascht davon, wie sehr Percussion den gewohnten Klang eines klassischen Orchesters verändern kann. Mittendrin konnte ich Instrumente gar nicht mehr erkennen; irgendwann kam eine Stelle, die für mich nach Morsezeichen klang, und ich hätte nicht sagen, wer diesen Klang gerade erzeugte.

In der Pause war mein Gehirn dann wieder da und ich dachte darüber nach, was Gerassimez auf der Gelben Couch noch gesagt hatte: dass er seinen Arbeitsplatz quasi für jedes Stück neu aufbauen müsse, je nachdem, ob nun mehr Schlagzeug, mehr Vibraphon oder mehr Cowbells darin vorkämen. (Bei „Cowbells“ ging bei mir kurzfristig nichts mehr, ist klar.) Ich fand es sehr spannend, ihm beim Arbeiten zuzusehen, denn natürlich war sein Bewegungsradius größer als der der anderen Musiker*innen hinter und neben ihm, konnte dem Stück aber nicht so folgen wie ich gewohnter klassischer Musik folge. Aber genau das fand ich so toll; ich wusste nie, was in der nächsten Sekunde passierte und konnte es auch nicht vorausahnen – im Gegensatz zum Haydn, der nach der Pause kam und wo man, wenn man ein paar klassische Stücke gehört hat, grundsätzlich ahnte, wie es weitergeht. Das hier war eine klingende Wundertüte und ich habe sie sehr genossen.

Auch die Zugabe, eine Eigenkomposition Gerassimez’, war spannend; ich wusste nicht, wieviele unterschiedliche Klänge man aus einer Snare Drum herausbekommen kann.

In der Pause las ich mein neues Buch, das sich als sehr pausenkompatibel herausstellte: Es hat perfektes Handtaschenformat, und weil in ihm einzelne Aufsätze sind, kann man es in Häppchen lesen. So erfuhr ich schlaue Dinge über Ulysses, die sogar zum Konzert passten. Genau wie das Klangmeer, in das ich eben unvorbereitet geworfen wurde, lese ich Ulysses: ahnungslos, aber neugierig. Und so wie Ligeti und Dorman aus bekannten Noten etwas völlig Neues bastelten, nutzte Joyce die Sprache. Das Buch ist „eine große Chance, das Lesen wieder einzuüben, schon weil darin die Sprache selber auch zum Gegenstand wird. Ulysses wandelt die Möglichkeiten der Sprache ab, die subjektiven Versuche, die Welt und sich selbst zu benennen und mitzuteilen.“ (Fritz Senn: Nichts gegen Joyce. Aufsätze 1959–1983, hrsg. von Franz Cavigelli, Zürich 1983, S. 33/34.)

Der zweite Teil des Konzerts war dann etwas blasser. Die Uhr von Haydn plüschte so vor sich hin, und ich konnte im Kopf den Blogeintrag vorformulieren, aber die Rosenkavalier-Suite von Richard Strauss konnte mich dann wieder fesseln.

Auf dem Weg nach Hause stand ich an einer Bushaltestelle, wo das City Light Poster knarzend durchwechselte. Mein erster Gedanke war: Meine Güte, machst du Krach. Mein zweiter war allerdings: Gerassimez würde jetzt vermutlich sein Smartphone zücken. Und so lauschte ich grinsend diesem neuen Klang, bis mein Bus kam.

Tagebuch, Dienstag, 16. Januar 2018 – Wärmflasche und Selbstkonditionierung

Gestern war ich für das Home Office sehr dankbar, denn ich konnte vom Schreibtisch aufs Sofa wechseln und dort tippen, mit einer Wärmflasche auf dem schmerzenden Bauch.

Ich trenne berufliches/universitäres Schreiben strikt vom persönlichen; nicht nur thematisch (natürlich), sondern unter anderem auch räumlich. Ich blogge gemütlich auf dem Sofa, gerne in Klamotten, in denen mich nicht mal F. zu sehen bekommt, neben mir eine stets gefüllte Wasserflasche, die an einem Kissen lehnt, vielleicht noch Kaffee oder Tee auf einem Tablett, sehr oft eine Tafel Schokolade in verschiedenen Verzehrstadien. Um mich herum ungeordnete Bücher und Zeitungen, das iPad für die Zwischendurchrunde Hay Day, das iPhone für Candy Crush. Genussvolles Rumlungern halt.

Wenn ich für Geld oder ECTS-Punkte schreibe, sitze ich am Schreibtisch und bis auf die bequeme Stoffhose in einem Outfit, in dem ich auch vor die Tür gehen würde; Stichwort BH, der eigentlich nach den Schuhen das erste Kleidungsstück ist, das ich ausziehe, sobald ich nach Hause komme. Neben mir steht ein Stövchen, auf dem meine Teekanne steht, davor meine Lieblingsteetasse. Links von mir, oben in der Tischecke, das Milchkännchen (statt der ollen Tüte aus dem Kühlschrank) und die Zuckerdose; je nachdem, welchen Tee ich trinke, bediene ich mich daraus. Solange ich noch für Klausuren gelernt habe, habe ich mir das mit einem Keksteller versüßt. Dabei habe ich nicht einfach die Kekse aus der Packung gegessen, sondern einen schönen Teller aus dem Schrank geholt und sie darauf drapiert. Im Moment steht auf meinem Küchentisch, der auch mein Schreibtisch ist, noch eine Blumenvase mit Tulpen. Um mich herum geordnete Unterlagen, mein Notizbuch, das iPhone, das iPad bleibt auf der Couch. Ich sitze vernünftig auf einem arschteuren und herrlich rückenfreundlichen Schreibtischstuhl anstatt mich auf Sofakissen zu fläzen und arbeite. Und so soll sich das auch anfühlen. Nach Arbeit, aber in einer angenehmen Umgebung.

Da ich kein Arbeitszimmer habe, bemühte ich mich von vornherein sehr, mir einen Teil meiner 1-Zimmer-Wohnung so einzurichten, dass er „Arbeit“ sagt und sich deutlich von dem Teil unterscheidet, der „Freizeit“ sagt. Ich finde es wichtig, nicht nur geistig irgendwann abzuschalten und Mittagspause oder Feierabend zu machen, sondern auch körperlich. Deswegen die räumliche Trennung, sofern sie möglich ist.

Ich mochte meine Wohnung schon in dem Moment, in dem ich sie das erste Mal sah, weil ich wusste, dass die Küche groß genug für einen anständigen Tisch ist, der nicht nur mein Ess-, sondern auch mein Arbeitsplatz ist. Ich finde kaum etwas ungemütlicher als einen Schreibtisch im Schlafzimmer haben zu müssen. Mein Zimmer ist mein Freizeitraum mit Bettsofa und 1000 Büchern und Kerzen und indirektem Licht, meine Küche ist mein Arbeitsplatz mit anständigem Bürostuhl und guter Schreibtischlampe. Unter dem Tisch liegt ein Teppich, der diesen Bereich damit gefühlt von der mit Linoleum ausgelegten Küche trennt. Auch die Wandfarbe ist eine andere, weiß für den Arbeitsbereich, grau für die Küche. Deswegen fühlt sich meine Wohnung für mich auch nach mehr als nach einer 1-Zimmer-Wohnung an. Alles richtig gemacht.

Seit Montag grummelt leider mein Bauch vor sich hin, was ich gestern aber halbwegs in den Griff bekommen habe. Trotzdem fiel es mir schwer, aufrecht am Tisch zu sitzen, weil ich meine geliebte Wärmflasche nicht vernünftig am Körper befestigen konnte, weswegen ich erstmals in dieser Wohnung die heilige Regel – hier wird gearbeitet, dort wird rumgelungert – brach. Das war irgendwie okay, aber ich hatte die ganze Zeit auf dem Sofa ein schlechtes Gewissen. Das habe ich ja schön hingekriegt mit meiner Selbstkonditionierung: den ganzen Tag gearbeitet, aber dauernd gedacht, ich arbeite ja gar nicht.

Ein total aktuelles Dankeschön …

… an eine/n anonyme/n Schenker oder Schenkerin, der oder die mich mit Fritz Senns Nichts gegen Joyce überrascht hat. Das „aktuell“ in der Überschrift bezieht sich natürlich darauf, dass ich gerade den Ulysses durchschreite, anders kann ich dieses Leseerlebnis nicht bezeichnen. Ich mag Geschenke, die auf irgendwas reagieren, was ich im Blog veranstalte. (Ich mag auch alle anderen Geschenke.)

Das Päckchen kam von Momox, bei denen man, soweit ich weiß, keine lustigen Grußbotschaften mitschicken kann, daher weiß ich nicht, wer es freundlicherweise für mich bestellt hat. Das Buch ist von 1983, sieht noch ziemlich gut aus, und was mich besonders gefreut hat, weil ich so was genauso gerne mag wie Geschenke, die auf irgendwas reagieren, was ich im Blog veranstalte: Es lag noch ein Zeitungsausschnitt im Buch, vermutlich mal als Lesezeichen benutzt. Der stammt übrigens vom gleichen Autoren wie der unter der Titelnennung verlinkte Zeit-Artikel. Ich musste sofort an meine Mutter denken, die auch bis heute wild Dinge aus Zeitungen ausschneidet, man weiß ja nie.

Der Artikel aus dem Buch stammt vom 28. August 1985 und es geht um die Gründung der Joyce-Stiftung in Zürich, die Fritz Senn bis heute leitet. Die Zeitung ist nicht erkennbar, aber wenn ich an meine Wühlaktionen in der Stabi in alten Zeitschriftenbänden denke, tippe ich vom Schriftbild her sehr auf die Süddeutsche. Auf der Rückseite des Artikels stehen Kleinanzeigen, die auch alle auf München hindeuten. Ich hoffe, der Leopold-Coiffeur hat seine Rezeptionistin gefunden, die „zentral gelegene internationale Reitsport-Boutique“ ihren „creativen Mitarbeiter“ und Herr Möges seine „gelernte Wurstverkäuferin“. Ich habe schon Spaß mit diesem Buch, ohne es überhaupt angefangen zu haben. Vielen Dank für das Geschenk, ich habe mich sehr gefreut.

Beef Wellington

Das untenstehende Rezept ist eine Mischung aus diesem hier von Buzzfeed und diesem hier von Essen & Trinken. Bitte entschuldigt die Fotoqualität; das sind Schnappschüsse aus der Hüfte, bevor F. und ich das Fleisch als Silvesterfestessen genossen haben, und mir war eine warme Mahlzeit wichtiger als ein tolles Bild. Da mir das Gericht aber prima gelungen ist, ahne ich, dass ich es noch mal zubereiten werde, und dann kommt eventuell auch ein Bild bei Tageslicht ins Blog.

Vorweg: Es ist einfacher als ich dachte, und sich die Videos bei Buzzfeed und das dort verlinkte zu Gordon Ramsay anzuschauen, hat mir sehr geholfen. Überhaupt liebe ich die ganzen Futtervideos auf Facebook. Eigentlich bin ich nur noch wegen denen da drüben.

Für drei bis vier Personen, die nicht mehr irre viel Nachschlag wollen.

700 g Rinderlende am Stück gründlich mit
Salz und
schwarzem Pfeffer würzen und in
Butterschmalz rundherum scharf anbraten, auch die Endstücke. Noch warm mit
englischem Senf bestreichen. Ich Memme habe deutschen mittelscharfen benutzt. Das Fleisch vollständig abkühlen lassen.

In der gleichen Pfanne wie eben die Duxelles herstellen, eine Farce aus Champignons, Schalotten und Knoblauch. Ich habe den Knoblauch weggelassen, mir war nicht danach.

350 g Champignons,
2 Schalotten und
5 Knoblauchzehen sehr fein hacken oder, wie Ramsay es macht, einfach in der Küchenmaschine pulverisieren. Mit Salz und Pfeffer würzen und in der Pfanne in
1 EL Butter so lange braten, bis die Masse nicht mehr feucht ist. Das hat mir bei ungefähr 20 Minuten gedauert.
3 EL gehackte Petersilie unterrühren. Die Duxelles ebenfalls abkühlen lassen.

Auf eine Lage Frischhaltefolie
8 bis 10 Scheiben rohen Schinken, je nach Fleischgröße, überlappend nebeneinander legen. Darauf die Duxelles geben und verstreichen, darauf das Fleisch legen. Alles möglichst fest zusammenrollen, so dass der Schinken sich vollständig um das Fleisch legt. Die Rolle danach für 15 Minuten im Kühlschrank parken.

Auf einer weiteren Lage Frischhaltefolie
400 g Tiefkühlblätterteig (bei mir haben 350 auch gereicht) zu einem Quadrat ausrollen. Das Fleisch aus der ersten Lage Folie befreien und auf den Blätterteig legen. Damit fest einwickeln, überschüssigen Blätterteig abschneiden. Darauf achten, dass die Enden gut eingepackt sind. Nochmal in Folie wickeln und weitere 15 Minuten im Kühlschrank parken. Oder – bis zu einem Tag. Bis hierhin kann man das Festessen nämlich schon am Vortag vorbereiten, wie praktisch.

Nach der Ruhezeit auf ein gefettetes Bachblech legen. Mit dem restlichen Blätterteig verzieren – ich habe einfach ein paar Streifen kreuz und quer über die Rolle gelegt und mit einem Messerrücken ein Muster geschnitzt –, alles mit
1 Eigelb, verquirlt, bestreichen, nochmal salzen und im vorgeheizten Backofen bei 220°C für 25 Minuten backen. Damit wird das Fleisch medium.

Vor dem Anschneiden mindestens zehn Minuten ruhen lassen.

Eine Sauce ist nicht nötig, das Fleisch ist saftig genug. Das wusste ich vorher aber nicht, deswegen steht sie da rum.

Was schön war, Samstag/Sonntag, 13./14. Januar 2018 – Gude Launeee

Samstag morgen holte ich ein Päckchen aus einem Hermes-Shop ab. Ich hatte es mir, wie ich dachte, clevererweise an einen Shop in der Nähe einer U-Bahn-Station liefern lassen, die ich ohne Umsteigen erreichen konnte. Als ich aber an meiner Startstation vor der Haustür ankam, erinnerte ich mich, dass seit Monaten am Wochenende die U2 nicht mehr weiter als Hauptbahnhof fährt, weil die Station direkt dahinter (aus meiner Richtung gesehen), das Sendlinger Tor, gerade großflächig umgebaut wird. Während der Woche läuft alles normal, am Wochenende gibt es einen Pendelverkehr zwischen Bahnhof und Kolumbusplatz (drei Stationen hinter dem Bahnhof) und wieder zurück, der auf einem Gleis stattfindet, damit am anderen gebastelt werden kann.

Wahlweise hätte ich für meine Weiterfahrt am Bahnhof auch in eine Tram umsteigen können, aber für den Hinweg nahm ich die Pendel-U-Bahn. (Aber für den Rückweg die Tram, wo-hoo, gude Laune!) Auch wenn es ein winziges bisschen umständlicher war als einfach durchzufahren, war ich doch – wie seit Monaten – davon beeindruckt, wie großflächig die MVG die Umstiegsmöglichkeiten plakatiert (neongelb, mit Pfeilen), wie oft sie an den betreffenden vier Bahnsteigen durchsagt, welche Bahn jetzt von wo nach wo fährt (gefühlt alle 30 Sekunden) und wieviele Menschen in leuchtenden Westen sie an den Bahnsteigen platziert, die Fahrpläne in der Hand haben und die man offensichtlich ansprechen kann. Ich finde das alles sehr gut organisiert.

Trotzdem landen natürlich manchmal Menschen in der falschen Bahn, weil sie gar nicht mehr auf die Schilder oder die digitalen Anzeigen gucken – meine Bahn fährt von Gleis dings, also gehe ich da hin –, und so konnte ich ein älteres Paar noch schnell zum anderen Bahnsteig schicken, als sie direkt neben mir in der Bahn meinten, sie müssten ja nur eine Station bis Königsplatz. Das war nämlich genau die andere Richtung. Schön Karmapunkte gesammelt.

Im abzuholenden Päckchen war ein schwarzes Top, das für mein Opernoutfit unverzichtbar ist.

Vor ungefähr 1000 Jahren hatte ich mir einen rubinroten Anzug gekauft, um mich in Bayreuth im Hochsommer nicht totzuschwitzen. Unter diesem trug ich nur ein schwarzes Trägertop, sonst war auch der Anzug nicht auszuhalten. Den Anzug packte ich beim Hamburg-Auszug in die Kisten für München, das Top bräsigerweise in die Kisten, die immer noch bei meinen Eltern auf dem Dachboden liegen. Da Oper aber in der letzten Zeit für mich eh zu teuer war bzw. ich mir sie mir schlicht nicht gestattete, war das egal.

Letztes Jahr kündigte die Staatsoper an, den Ring des Nibelungen zweimal komplett in der Spielzeit aufzuführen, und F., der sich ja seit Jahren wundert, was am ollen Wagner so dran ist, entschied sich: Wenn ich schon Wagner verstehen will, dann gleich in der richtigen Dosis. Er fragte mich also, ob wir uns den ganzen Ring geben könnten. Von mir aus gerne, die Walküre hatte ich hier schon live gesehen, die Götterdämmerung immerhin im Fernsehen (oder als Livestream, ich weiß es schon gar nicht mehr). Insofern: bring on Rheingold und Siegfried. Für die Bildung von F. musste mein Sparplan kurz ausgesetzt werden.

Je näher der Termin rückte, desto nöliger wurde ich aber innerlich, denn ich hatte nichts zum Drunterziehen für meinen Anzug und sah mich schon in Kundenklamotten (schwarze Hose, schwarzer Blazer, geht halt immer) in der Oper sitzen. Netterweise bin ich ja seit ein paar Tagen wieder gebucht und traute mich daher, mir ein Top für 23 Euro zu ordern. Wir ignorieren mal, dass der Ring 300 460 (OMG) gekostet hat. Milchmädchen Gröner at her best.

Das Päckchen wurde angeblich am Dienstag verschickt, aber ich bekam erst Freitag abend die Nachricht, dass es angekommen sei. Daher fuhr ich gleich Samstag früh zum Shop, holte es ab, probierte es an – und freute mich sehr, dass es passte und sich sehr gut anfühlte. Gude Laune!

Mich freut es außerdem, dass der Anzug noch passt, dass ich jetzt wieder ein anständiges Opernensemble habe und dass ich überhaupt mal wieder in der Oper bin. Und dass F. nach seinem Eingriff am Freitag fit genug war, um sich zweieinhalb Stunden lang Rheingold anzugucken. (Im Nachhinein denke ich, ich hätte ihn ins Bett zwingen sollen, er war doch noch recht wackelig. Aber wenn der Mann Kultur gebucht hat, hält ihn nichts auf. Einerseits bewundernswert, andererseits seufz. Aber hey, zurück zu mir:)

Ich hatte außerdem gude Laune, weil der FCA nachmittags mit einszunull gegen den ollen HSV gewonnen hatte (nicht zweizunull, Kasper). Ich saß zwar nicht im Stadion, aber ich konnte schön dem Laptop zujubeln bzw. ihn bei vergebenen Torchancen anbrüllen. Endlich wieder Bundesliga. Leider bin ich erst am 4. Februar wieder live in Augsburg, denn die nächsten beiden Spiele sind auswärts.

Nach der Oper gab’s für F. Schmerztabletten und Wasser, für mich Riesling und Chips. Auf den eigentlich standesgemäßen Sekt musste ich verzichten, denn Rheingold hat keine Pause.

F. lungerte dann vor Football rum, während ich weiter Ulysses niederrang. Beim 6. Kapitel habe ich mich erstmals ein wenig gelangweilt. Auch schön, dass ein komplexes Werk kurz mal schnarchig wird.

In diesem Zusammenhang lege ich euch diesen Blogartikel ans Herz, der zum Bloomsday 2017 erschienen ist und der meiner noch nicht ganz ausgereiften Meinung nach gut beschreibt, wie man damit anfängt, Ulysses zu lesen. (via @Julia_MUC)

Gemeinsam eingeschla … nee, warte. Ich bin eingeschlafen, während noch Football lief. Wie immer.

Der Sonntagmorgen war so, wie ich Sonntagmorgende gerne habe. Ohne Wecker aufwachen, möglichst nicht so spät, dass der halbe Tag schon rum ist (bei uns war es gegen 8), rumkuscheln, Bundesliga-Nachberichterstattung im Bett gucken und irgendwann was Französisches frühstücken. Leider hat F. immer noch nichts im Haus, mit dem man Kaffee zubereiten kann, also ging ich zur Boulangerie Dompierre und erstand Brioche, Pain au chocolat und für mich einen Milchkaffee, während der Herr sich derweilen einen Tee kochte. Und wenn man eh schon gude Laune hat, freut einen auch eine Brötchentüte.

Respekt für diese ‘eadline.

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Tagebuch, Freitag, 12. Januar 2018 – Kleine Momente

Mies geschlafen. F. hatte gestern einen kleinen medizinischen Eingriff, eigentlich Routine, dauerte auch nicht lange, aber anscheinend habe ich mir doch mehr Sorgen gemacht, als ich dachte. Ich träumte von jeder Agentur, in der ich bis jetzt gearbeitet hatte und mein Hirn dachte sich noch ein paar neue aus, was dazu führte, dass ich morgens vom Wecker aus gefühltem Tiefschlaf gerissen wurde und mein erster Gedanke war: Aber ich habe doch schon die ganze Nacht gearbeitet, wieso muss ich denn jetzt nochmal an den Schreibtisch?

Vormittags einen Textentwurf für Projekt 2 an die Agentur geschickt und vergeblich auf Feedback gewartet. Das Mail-Programm fünfmal neu gestartet, man weiß ja nie. Außerdem kein Feedback vom Kunden zu Projekt 1, was meinen Nachmittagstextplan etwas ruinierte. Stattdessen weiter Recherche gemacht anstatt sinnlos für die Tonne zu texten.

Eigentlich sollte Dienstag früh ein erster Entwurf zu Projekt 2 zum Kunden, für den ich gestern nach Agenturfeedback hätte schreiben wollen, damit der Text übers Wochenende ein bisschen rumliegen und ich am Montag nochmal drübergehen kann. Das klappt jetzt anscheinend nicht.

Es war jahrelang hier im Blog totale Pflicht, Texte immer abends zu schreiben, morgens nochmal drüberzulesen und sie erst dann zu verbloggen. In letzter Zeit hat sich hier ein wenig Sorglosigkeit eingeschlichen, meist schreibe ich erst morgens. Wenn ihr euch also wundert, dass abends ein leicht veränderter Text im Blog steht als morgens, dann liegt das daran, dass mir im Laufe des Tages meist noch irgendwas auffällt, was ich natürlich dringend korrigieren muss.

Ich muss wieder abends schreiben, es hilft ja nichts.

Aber abends lese ich ja neuerdings immer (okay, fast immer und auch erst seit fünf Tagen) Ulysses. Gestern war Kapitel 5 dran. Genau wie in Kapitel 4 folgen wir Herrn Bloom bei seinem Weg durch Dublin und kriegen wie aus den Augenwinkeln mit, was er tut, was er sieht und worüber er nachdenkt, gerne flüchtig und in schwer durchschaubaren Halbsätzen. Gestern fiel mir zum ersten Mal auf, dass einige dieser Halbsätze wie Bildbeschreibungen aussehen – und mit denen kann ich rein aus Erfahrung mehr anfangen als mit, ich nenne sie jetzt mal so, literarischen Halbsätzen. Sobald ich anfing, seine Worte nicht mehr als Gedankenstrom und Assoziationsgeklingel anzusehen, sondern als einen Bildeindruck, verstand ich sie gefühlt eher. Ich nahm Cluster war, die ich vorher nicht gesehen hatte, Symboliken, die auf einmal Sinn ergaben.

Ich merke, dass es mir schwerfällt, meine Leseeindrücke in Worte zu fassen. Vielleicht sind meine Gedanken genau die gleichen Assoziationen, die mir gerade beschrieben werden: Bloom blubbert innerlich vor sich hin und ich lege im Geist weitere Dinge an. Das ist ein sehr neues Leseerlebnis, was mir da gerade widerfährt. Es ist deutlich zeitaufwändiger als das meiste, was ich bisher gelesen habe, weil ich mich sehr konzentrieren muss – Ulysses ist kein Buch für die U-Bahn, am gestrigen dreizehnseitigen Kapitel saß ich eine Stunde –, aber es ist sehr lohnend.

Die Mittagspause nutzte ich, um zur Stabi zu fahren, aus der ich ein Buch abholen wollte, das ich für die Kundenrecherche brauche. Neuerdings höre ich Spotify anstatt zu lesen, und so saß ich still im Bus, es erklang Popmusik in Moll – Spotify hält mich neuerdings für eine weinerliche 16-Jährige, aber das ist okay –, ich erspähte in einem Café einen äußerst interessant aussehenden Kerl und glotzte … wie eine 16-Jährige. Dann schlenderte ich von der Bushaltestelle zur Bibliothek und freute mich wie immer über die Universalgeste, die man dort gehäuft antrifft.

Nebenbei freue ich mich seit vorgestern über diesen Thread.

Liam Stack ist übrigens ein Reporter für die New York Times und twitterte einen Tag später: „my little cousin became a twitter moment lol.“ Vermutlich brauchen wir gerade viele Twitter-Momente. Ich jedenfalls:

What are We Supposed to Do With This Shit? On Trump, His Racism, and Finding Hope for the Future

„And that’s the danger of Donald Trump—like the generations of racists who came before him and lazily supervised the making of this country, he will soon be gone but his fingerprints will be all over everything. We see it in our cities, where municipal buildings are named after people who championed red-lining, where monuments and parks are named after Confederate generals. We see it in our discourse, in which President Obama was forced to show his papers to prove his citizenship, but news anchor hedge and equivocate over calling Donald Trump a white supremacist, despite his long and well-documented history of saying and doing things a white supremacist would say or do.

Most maddeningly, we see it in ourselves, the gradual moving of the line of decency, the daily confirmation that we are in the Bad Place, the gaslighting, the loss of hope. And then, the disappearance. These news events happen, they take over the cycle, they nick us in our souls, and then they vanish. And we’re left with our damage and our rage and the sneaking suspicion that there’s something wrong with us because we’re angry all the time, we see racism and misogyny in places where others blithely don’t, we find it harder and harder to “get over it.”“

No One Is Coming to Save Us From Trump’s Racism

„There is a lot of trite rambling about how the president isn’t really reflecting American values when, in fact, he is reflecting the values of many Americans. And there are entreaties to educate the president about the truth of Haiti as if he simply suffers from ignorance.

But the president is not alone in thinking so poorly of the developing world. He didn’t reveal any new racism. He, once again, revealed racism that has been there all along. […]

What I’m supposed to do now is offer hope. I’m supposed to tell you that no president serves forever. I’m supposed to offer up words like “resist” and “fight” as if rebellious enthusiasm is enough to overcome federally, electorally sanctioned white supremacy. And I’m supposed to remind Americans, once more, of Haiti’s value, as if we deserve consideration and a modicum of respect from the president of the United States only because as a people we are virtuous enough.

But I am not going to do any of that. I am tired of comfortable lies. I have lost patience with the shock supposedly well-meaning people express every time Mr. Trump says or does something terrible but well in character. I don’t have any hope to offer.“

Tagebuch, Donnerstag, 11. Januar 2018 – Fragezeichen und Candy Crush

Wie nach dem doofen Schreibtag vorgestern zu erwarten war, folgte gestern auf ihn ein guter. Ich saß mit einer Kanne Earl Grey am Schreibtisch und tippte entspannt vor mich hin, immer mit der Nase in diversen Kundendokumenten oder der Website oder Google oder womit ich mir sonst Infos suche. Erstmals hatte ich auch in den Uni-Datenbanken nach Informationen gestöbert, was ich sehr lustig fand. Best of both worlds.

Abends eine Quiche gemacht, weil die grünen Bohnen wegmussten; die faule Variante mit fertigem Blätterteig allerdings, kein Mürbeteig. Danach kein Ulysses, weil ich schon bei der abendlichen Runde Candy Crush fast eingeschlafen wäre. Das schwere Buch wäre mir vermutlich auf die Nase gefallen beim Lesen, also Licht aus.

Nachmittags bekam ich einen seltsamen Anruf. (Keine Ahnung, ob die Anruferin hier mitliest, aber da muss sie jetzt durch.)

Wir sind in einem sozialen Netzwerk miteinander verbunden, ich kenne die Dame aber überhaupt nicht persönlich und sie mich vermutlich auch nicht. Sie arbeitet in der PR-Branche, was etwas anderes ist als Werbung. Ich selbst habe noch nie PR gemacht und will das auch nicht, daher weiß ich nicht, ob ihr Anliegen dort völlig normal ist – ich als Werbetante war ein bisschen verwirrt und irritiert.

Die Kurzfassung: Die Anruferin erkundigte sich, ob sie mich ihren Kontakten als Texterin weiterempfehlen sollte – gegen eine kleine Gebühr. Das hätte sich in ihrem Kolleg*innenkreis so eingebürgert, dass man sich gegenseitig weiterempfiehlt, aber eben gegen Geld. Wahrscheinlich habe ich im Telefonat sehr viele Geräusche à la „Hm? Was? Grmpf. Hä?“ von mir gegeben, weil ich noch nie auf die Idee gekommen bin, Geld dafür zu verlangen, dass ich jemanden weiterempfehle.

Vor dem Studium hatte ich immer wieder Anfragen, die ich ablehnen musste, weil ich ausgebucht war (ah, those were the days). Dann kam unweigerlich die Frage, ob ich jemanden empfehlen könnte, und ich hatte damals eine E-Mail als Vorlage griffbereit, die ich lustig copypastete. Darauf standen immer die selben fünf Namen von Texter*innen, die ich persönlich kannte und schätzte und mit denen ich vor allem schon mal zusammengearbeitet hatte. Ich empfahl nur Leute weiter, von denen ich wusste, dass sie a) nette Menschen sind und b) einen guten Job machen. Manchmal kam eine Mail zurück von den Leuten, die ich empfohlen hatte, in der sie sich für die Empfehlung bedankten, was mich immer freute. Und manchmal kamen Anfragen an mich, wo mich jemand empfohlen hatte, wofür ich mich dann bedankte. Für einen richtig großen Job bei einer Agentur, die mich noch nie gebucht hatte, orderte ich auch schon mal eine Flasche Schampus bei Amazon und schickte die an den Empfehlenden. Aber das war’s. Ich wollte nie Geld für eine Empfehlung und ich habe auch nie welches gegeben.

Daher war ich ehrlich verwirrt über diese seltsame Anfrage von einer Frau, die nicht viel von meiner Arbeit wusste und mich eben auch nicht persönlich kannte. Warum sollte die mich weiterempfehlen? Außer für Geld natürlich, aber das ist doch kompletter Quatsch. Das ist doch so, als ob ich Leuten Produkte empfehle, die ich selber nicht ausprobiert habe, nur weil ich Geld … oh wait.

Ich habe in meinem Werberleben bisher nur für Produkte Verkoofe gemacht, hinter denen ich moralisch stehen kann (mindestens halbwegs). Mit Alkohol habe ich kein Problem (dafür habe ich Werbung gemacht), mit Zigaretten schon eher (musste ich noch nie bewerben), mit Werbung, die sich speziell an Kinder richtet, hätte ich ein Problem (musste ich noch nicht), so langsam habe ich ein Problem mit Finanzdienstleistungen und auch der Automobilindustrie (zwei Dinge, die ich lang und breit beworben habe). Ich habe noch nie irgendein Springer-Produkt beworben, noch nie eine politische Partei und noch nie ein Frauenmagazin (oder wie ich die Dinger nenne: Anleitung zum Selbsthass). Ich habe schon vieles beworben, bei dem ich dachte, was soll der Scheiß, aber auch schon vieles, bei dem ich dachte, hätte ich gerne.

Das Schöne an der Arbeit in Agenturen ist, dass man sich hinter deren Namen verstecken kann. Mein Name steht unter keiner Kampagne, in keiner Broschüre, auf keinem Plakat. Aber wenn ich persönlich jemanden empfehle, also für ihn Werbung mache, dann ist das etwas ganz anderes. Dann bürge ich gefühlt persönlich für diesen Kollegen oder diese Kollegin. Und wenn dieser Kollege dann Mist baut, bleibt eventuell hängen, dass ich ihn empfohlen habe, was im Endeffekt heißt, dass ich Mist gebaut habe. Auch deswegen ist es mir schleierhaft, warum mich Menschen empfehlen wollen, die keine Ahnung davon haben, wie ich arbeite oder ob man es mit mir in einem Büro aushält. Geld, schon klar. Aber wegen einer luschigen Provision setze ich doch nicht meinen Namen aufs Spiel, der im Prinzip die einzige Visitenkarte ist, die in dieser Branche was taugt. Jeder von uns hat eine tolle Mappe, weil jeder von uns mit tollen Leuten zusammenarbeitet, das zeichnet mich nicht aus. Ich werde gebucht, weil andere mich als fähigen Menschen kennen und den Personaler*innen davon erzählen.

Jedenfalls glaube ich das. Oder möchte es weiterhin glauben. Ich werde weiterhin nur Schampus oder Mails verschicken und verdiene mein Geld lieber mit Texten als mit Empfehlen. Oder mit Bloggen: Ich habe meinen ersten Patreon-Förderer, yay! Dankeschön! (Eichhörnchen und so.)

Tagebuch, Mittwoch, 10. Januar 2018 – Hirntotes Rumstümpern

Jeder, der beruflich schreibt, weiß, dass es Tage gibt, an denen die schönsten Sätze wie von Zauberhand aus der Tastatur gleiten, man liest abends noch mal drüber, man liest einen Morgen später noch mal drüber, und alles ist immer noch so wundervoll wie es einem gestern beim Schreiben vorkam. Und dann gibt es die Tage, wo man gefühlt nur Wortfetzen und einzelne Buchstaben auf den Bildschirm bringt, und um sie muss man auch ringen, damit sie überhaupt da stehen, es klingt alles als ob ein Drittklässler das erste Mal eine Tastatur benutzt, und es klingt auch abends noch so und am nächsten Morgen.

So einen Tag hatte ich gestern. Netterweise bin ich gerade nicht in einer Agentur, wo man acht Stunden verzweifelt am Platz sitzen und so tun muss, als wäre man gerade irre produktiv. Ich konnte zwischendurch kochen, abwaschen, einkaufen und F. vom Arzt abholen, der eine Begleitperson brauchte (alles gut), und mich dazwischen immer wieder an den Rechner setzen, um zu gucken, ob ich weiterhin Bröckchen kotze oder endlich mal einen Satz raushaue, der nach einem Satz klingt. Tat ich leider nicht. Ich ging abends zu Bett im vollen Bewusstsein, dass ich heute alles wegschmeißen werde, was ich gestern getippt habe. Aber immerhin habe ich etwas getippt, ich konnte Dinge thematisch clustern, ich konnte mir Strukturen überlegen und Inhalte. Ich konnte sie halt nur nicht vernünftig formulieren. Mal sehen, wie das heute läuft.

Abends das vierte Kapitel von Ulysses gelesen. Die Taktik, sich wirklich immer nur ein Kapitel vorzunehmen, klappt ganz gut, ich werde nicht erschlagen von den vielen Fragen, die ich während des Lesens habe, kann aber schon Dinge einordnen, die mir bekannt vorkommen. Außerdem habe ich neben der Oxford-Studienausgabe mit den Endnotes noch ein weiteres Buch bei mir im Regal gefunden, das ich sehr hilfreich finde: The New Bloomsday Book: Guide Through “Ulysses”. Darin wird der Inhalt nacherzählt, aber es werden keine literarischen Anspielungen erklärt oder die vielen fremdsprachigen Einwürfe und Begriffe übersetzt. Diesen Satz aus einer Rezension fand ich sehr schön: „He guides the first-time reader carefully through Joyce’s (famously difficult) novel, but does not challenge the mystery that make[s] Ulysses a joy to read.“ Mit diesen beiden Sekundärliteraturen kann man sich das Buch ziemlich gut erarbeiten. Yay, ich lese Ulysses! Wenigstens ein Erfolgserlebnis.

Tagebuch, Dienstag, 9. Januar 2018 – Viel lesen

Den Tag verbrachte ich am Schreibtisch, mit einer kurzen Unterbrechung in der Mittagspause, die ich dazu nutzte, meine Gemüsevorräte wieder aufzufüllen. Samstag war in Bayern Feiertag, und wegen einer Kombi aus ewig lang am Gepäckband warten und zwei vor der Nase wegfahrenden Bahnen hätte ich es eh nicht mehr vor 20 Uhr vom Flughafen in den Supermarkt geschafft. Vorgestern futterte ich die letzte Paprikaschoten weg, die noch da waren (mit Zwiebeln und Tomaten und einem Stück Halloumi), aber gestern musste dringend Nachschub her. Es wurden Kartoffeln, Süßkartoffeln, Lauch, Möhren, Zucchini und Brokkoli, der gestern abend gleich zu einer schönen Suppe verarbeitet wurde. Der Rest des Kopfes kommt heute vermutlich zu Pasta. Vielleicht noch mit Erbsen dazu. Hmmm.

Am Schreibtisch bastelte ich weiter an einem Text über [Kunde] und wartete dann auf Infos aus Hamburg. Die kamen zur Mittagszeit geballt, weswegen ich den Rest des Tages mit Lesen beschäftigt war.

Abends las ich dann endlich die FAZ, tagsüber lenkte ich mich ein paarmal mit dem Internet ab, unter anderem mit diesem Artikel: „Oprah, Don’t Do It.

Nach ihrer leidenschaftlichen Rede bei den Golden Globes meinten viele, Oprah Winfrey sei die ideale Präsidentschaftskandidatin für das Jahr 2020. Irgendjemand twitterte, dass Trump sie vermutlich eher als jede/n andere/n als Konkurrenz ansehen würde, denn Fernsehen kapiere er. Warum das trotzdem eine beknackte Idee ist, schrieb die NYT:

„I am not immune to Oprah’s charms, but President Winfrey is a terrible idea. It also underscores the extent to which Trumpism — the kowtowing to celebrity and ratings, the repudiation of experience and expertise — has infected our civic life. The ideal post-Trump politician will, at the very least, be a deeply serious figure with a strong record of public service behind her. It would be a devastating, self-inflicted wound for the Democrats to settle for even benevolent mimicry of Mr. Trump’s hallucinatory circus act. […]

The idea that the presidency should become just another prize for celebrities — even the ones with whose politics we imagine we agree — is dangerous in the extreme. If the first year of the Trump administration has made anything clear, it’s that experience, knowledge, education and political wisdom matter tremendously. Governing is something else entirely from campaigning. And perhaps, most important, celebrities do not make excellent heads of state. The presidency is not a reality show, or for that matter, a talk show.“

Kurz vor dem Schlafengehen schaffte ich noch das dritte Kapitel von Ulysses, den ich vorgestern begonnen hatte. Ich glaube, die ersten zwei Kapitel hatten mich in falsche Sicherheit gewogen, denn sie waren zwar schwierig, aber irgendwie nachvollziehbar. Aber nach dem dritten dachte ich: „I have no idea what I’ve just read.“ Dass es ein Stream of Consciousness war, hatte ich immerhin kapiert, aber worum es genau ging, konnte ich nur erahnen.

Trotzdem war es eine Freude, den Text zu lesen, was mich die ganze Zeit selbst verwirrte. Bei Sachtexten schimpfe ich sofort los, wenn irgendwas unklar ist, und auch bei literarischen weiß ich gerne, was das Buch von mir will. Hier habe ich keine Ahnung, ich treibe einfach so durch die Worte und gucke, was sie mit mir machen. Mir fiel auf, dass ich genauso auch inzwischen an Kunst herangehe – ich versuche nicht mehr zu verstehen, ich gucke einfach nur und warte, was passiert. Meist lese ich danach schlaue Texte über die Bilder, vor denen ich gerade stand – und genauso wollte ich Ulysses lesen. Als ich aber gestern merkte, dass die Explanatory Notes länger waren als das eigentliche Kapitel, dachte ich mir, ach, Schnickschnack, ich lese einfach das Buch weiter und gucke mal, wo es mich hinwirft. Wie ich vorgestern schon schrieb: „Take the short cut, read the book.“ Den Satz verstand ich erst gestern abend so richtig.

Tagebuch, Montag, 8. Januar 2018 – Star Wars, Fire and Fury, Ulysses

Why so many men hate The Last Jedi but can’t agree on why

Schöne Zusammenfassung der Kritikpunkte an TLJ, die für mich so gut wie alle keine Kritikpunkte waren – weil ich sehr froh darüber war, genau das auf der Leinwand zu sehen, was ich gesehen habe.

„I don’t think every human who disliked The Last Jedi is an evil, evil misogynist. I do think that we have so deeply internalized sexist narrative tropes that we see them as “correct” and “good filmmaking” while seeing their absence as “flaws.” We read female characters differently than male characters, and we have internalized expectations for female character arcs. Instead of seeing this film for what it is, people are criticizing it for not conforming to the expectations they have of female characters.“

Ich finde den Tweet nicht mehr wieder, aber jemand zwitscherte neulich so schön, dass sie persönlich George Lucas dafür Geld geben würde, wenn der nächste Star-Wars-Film die Abkürzung SJW haben könnte. Ich würde hier gerne der Wikipedia widersprechen, dass der Begriff negativ besetzt sei; für mich ist er eine stolze Selbstbezeichnung, vielleicht auch gerade in Abgrenzung zu den Gamergate-Spacken, die ihn negativ benutzen.

“Fire and Fury” Is a Book All Too Worthy of the President

Ich bin mir immer noch nicht sicher, ob ich das Buch lesen möchte, aber diese Kritik fand ich gut, weil sie verdeutlicht, in welchem Zustand ich mich seit über einem Jahr befinde: fassungslose Ungläubigkeit.

„A year in, the Trump Presidency remains unimaginable. To think that a madman could be running the world’s most powerful country, to think that the Commander-in-Chief would use Twitter to mouth off about whose nuclear button is bigger or to call himself a “very stable genius,” verges on the impossible. If the word “unthinkable” had a literal meaning, this would be it. It also brings to mind the psychiatrist Judith Herman’s definition of a related word: “Certain violations of the social compact are too terrible to utter aloud,” she once wrote. “This is the meaning of the word unspeakable.” The Trump era is unimaginable, unthinkable, unspeakable. Yet it is waging a daily assault on the public’s sense of sanity, decency, and cohesion. It makes us feel crazy.“

Produzent*innen unterstützen

Da ich selber auch um Spenden für meine Arbeit bitte, habe ich mir vorgenommen, das auch für andere zu tun. In der Vergangenheit habe ich Ick in Japan unterstützt, und seit gestern gebe ich einem Fußball-Podcast eine Kleinigkeit, nämlich dem geschätzten Rasenfunk. Wenn ich für Journalismus Geld ausgebe (New York Times, Guardian, New Yorker, FAZ; die Washington Post habe ich vor einem Monat gekündigt, weil ich eh nur die Times lese), kann ich das auch für andere Inhalte tun, die meinen Horizont erweitern.

Ulysses die dritte

Für Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit habe ich drei Anläufe gebraucht, um über die ersten fünf Seiten hinauszukommen, aber dann habe ich einfach alle dreitausend gelesen. Mal sehen, ob das auch beim Ulysses klappt. Den lese ich nämlich seit gestern, und ich habe bereits zwei Kapitel bezwungen, nachdem ich bei den ersten Versuchen nach zwei Seiten aufgegeben hatte.

F. hat im letzten Jahr mehrere Monate Finnegans Wake vor der Nase gehabt, an das ich mich vermutlich nicht rantrauen werde, aber wir sprachen öfter darüber und über die Züricher James-Joyce-Stiftung, die F. mit einem seiner Freunde schon mehrfach besucht hat. Der Leiter der Stiftung Fritz Senn hat einen guten Tipp fürs Joyce-Lesen, wenn man eingeschüchtert vor dem Wälzer steht und gar nicht weiß, mit welcher Sekundärliteratur man anfangen soll, um die ganzen Anspielungen zu verstehen. Er meint: „Take the short cut. Read the book.“

Genau das habe ich gestern gemacht. Ich selbst besitze den Text der Erstausgabe von 1922, laut meiner Eintragung auf der ersten Buchseite seit 2004. Diese wurde aber von Joyce wieder und wieder überarbeitet – wenn ich dem Vorwort glauben darf, musste man ihm die Druckfahnen quasi aus der Hand reißen, und selbst dann hat er noch darauf rumgemalt, weswegen es diverse Textfassungen gibt. Seit Jahren gilt die Gabler-Edition von 1984 als der Text, der Joyces Vorstellung am nächsten kommt, auch wenn die Ausgabe große Kontroversen hervorrief. Die Editionsgeschichte in der englischen Wikipedia tut so, als wäre die Gabler-Edition Schrott, was, soweit ich weiß, selbst Schrott ist. Aber eigentlich weiß ich über das Thema noch viel zu wenig.

Wie dem auch sei: Ich lese seit gestern die Gabler-Edition von F., die keine Fußnoten hat, gucke aber nach jedem Kapitel in die Endnotes meiner Edition, um im Nachhinein zu verstehen, was ich da gerade gelesen habe. Es macht aber ziemlichen Spaß, sich einfach so in Joyce fallenzulassen, seine Sprache zu genießen, auch wenn ich bei manchen Zeilen nicht weiß, was die schönen Wörter mir sagen wollen. But look how pretty:

„Woodshadows floated silently by through the morning peace from the stairhead seaward where he gazed. Inshore and farther out the mirror of water whitened, spurned by lightshod hurrying feet. White breast of the dim sea. The twining stresses, two by two. A hand plucking the harpstrings, merging their twining chords. Wavewhite wedded words shimmering on the dim tide.“

Oder hier, als Dedalus an seine tote Mutter denkt:

„Folded away in the memory of nature with her toys. Memories beset his brooding brain. Her glass of water from the kitchen tap when she had approached the sacrament. A cored apple, filled with brown sugar, roasting for her at the hob on a dark autumn evening. Her shapely fingernails reddened by the blood of squashed lice from the children’s shirts.“

Oder so Nebenbeisätze, die mich kurz innehalten lassen – wenn Dedalus sich selbst im Spiegel sieht und denkt: „Who chose this face for me?“

Ich freue mich jetzt schon auf den Feierabend, wenn ich das dritte Kapitel beginnen werde.

Tagebuch, Freitag bis Sonntag, 5. bis 7. Januar 2018 – Take Me Home (Country Roads)

Freitag war mein zunächst letzter Tag im Texterflöz vor Ort in Hamburg, ab heute sitze ich am Münchner Schreibtisch und arbeite in der bequemen Hose (aber ansonsten korrekt gekleidet). Nachdem ich in den ersten Tagen vor allem Head- und Sublines für drei verschiedene Headline-Konzepte schrieb, bastelte ich Donnerstag und Freitag für ein Konzept auch gleich mal die komplette Copy. Das mache ich ja eh am liebsten; Headlines sind für mich immer die Pflicht, Copy – oder noch besser: Longcopy – die Kür. Je mehr Text, desto besser.

Meine Text-CDeuse war mit dem ersten Entwurf schon zufrieden, meinte aber zu Recht: „Das könnte noch werbischer klingen.“ Ich sollte vielleicht erwähnen, dass ich gerade ein Produkt betexte, das mit Architektur zu tun hat. Ich bin anscheinend mitten im Werben in meinen Uni-Tonfall gerutscht und habe es nicht einmal bemerkt. Bei einigen Details bin ich mir im Nachhinein auch nicht mehr so sicher, ob nur ich alleine die jetzt interessant fand – „OMG, der älteste Hersteller von [Produkt] weltweit und dessen über 100 Jahre alte Originale verarbeitet [unser Kunde] noch weiter?“ – oder ob unsere Zielgruppe mit diesem TOTAL SPANNENDEN FAKT wirklich etwas anfangen kann.

In mir tönte Status Quos resigniertes You’re in the army now, während ich aus wunderschönen kunsthistorischen Details Verkoofe machte, aber es klang auch nach der Überarbeitung noch gut. Ich hatte meinen aktivierenden Tonfall wiedergefunden statt im beschreibenden kunsthistorischen zu bleiben. Well played, CDeuse.

Abends brachte ich erstmal meinen Laptop ins Hotel, stieg in die U1 bis zum Hauptbahnhof, um von dort in die U3 zu klettern, die Linie, die überirdisch am Hafen entlangfährt – ich wollte endlich die fertige Elbphilharmonie sehen. Meinen Wegzug aus Hamburg hatte ich leider extrem doof getaktet, das Ding baute die Kräne ab, als ich quasi im Flieger saß, und auch die Kunsthalle hörte erst auf zu renovieren, als ich meinen Wohnungsschlüssel schon mit einer verheulten Notiz auf dem Küchentisch hatte liegen lassen. Das stand daher beides auf meinem Plan. Ich hätte die Elfie (ich weigere mich noch, Elphi zu schreiben) zwar schon gerne tagsüber gesehen, aber ich wusste nicht, ob ich dafür am Samstag Zeit haben würde. Dann wenigstens bei Dunkelheit.

Ich war um kurz vor 7 am Baumwall, stieg aus der U-Bahn, guckte in ihre Richtung – und dachte die ganze Zeit: Wo ist das Ding? Das da drüben am anderen Ufer sah alles nach Bürogebäuden aus. Erst als ich das geschwungene Dach erkennen konnte, wusste ich, dass ich auf das richtige Gebäude starrte, das nur aus hell erleuchteten Fenstern bestand – wie die ganzen Bürotürme um es herum halt auch. Hm. Ich überquerte die Straße und ging bis ans Gebäude heran. Okay: Es ist groß. Es ist echt groß. Kein Wunder, wenn man noch 15 Stockwerke auf einen Speicher ballert. Aber ich war, das muss ich leider zugeben, sehr unterwältigt. Ich hatte auch keine Lust, die schicke goldene Rolltreppe zur Plaza hochzufahren, denn wie der Hafen aussieht, weiß ich ja, ich wollte das Gebäude angucken und nicht die Umgebung des Gebäudes. Ich hatte ein bisschen Lightshow erwartet, aber es war wirklich nur ein riesiger Klotz, der von innen heraus leuchtete, mit einem zugegebenermaßen schicken Dach, von dem ich von unten allerdings auch nicht so irre viel sah.

Ich ging zum Baumwall zurück und fuhr eine Station weiter zu den Landungsbrücken, um vielleicht mit Abstand einen besseren Blick zu haben, aber auch von dort konnte mich das Haus nicht beeindrucken. Ich hatte auch keine Lust, jetzt noch auf eine Hafenfähre zu klettern, um vielleicht vom anderen Ufer, also vom Musicaltheater aus, mehr zu sehen. Etwas traurig fuhr ich wieder ins Hotel, wo ich immerhin ein nettes Telefonat mit Mama hatte und dann den Feierabend mit Bierchen und Netflix genoss sowie mein Köfferchen für den Heimflug packte.

Samstag morgen ließ ich eben dieses Köfferchen an der Rezeption und machte mich auf den Weg zur Kunsthalle. Mit der unrenovierten Version stand ich ein bisschen auf Kriegsfuß. Wenn ich mich richtig erinnere, waren die Böden größtenteils fieses graues Linoleum und irgendwann helles Laminat, die Wände sahen auch eher unmotiviert hellgrau aus, bevor sie in der Moderne weiß wurden, man ging nicht durch den prachtvollen Eingang in Richtung Alster, sondern durch einen kleinen Nebeneingang in Richtung Innenstadt, der immer so aussah wie ein Notausgang, durch den man jetzt eben rein- statt rausging. Es gab gefühlt drei Schließfächer, und man begann den Rundgang, indem man eine 50er-Jahre-Treppe hochkletterte. Die Werke waren natürlich toll, aber wenn man die edlen Stoffe aus der Alten Pinakothek kennt und die liebevollere Beleuchtung in anderen Häusern, dann litt man schon ein bisschen, während man auf grauem Plastik rumlief.

Während des Umbaus hatte man die Werke, die alle toll finden, in die Galerie der Gegenwart gebracht und da im Sockelgeschoss schon ein bisschen für den Umbau geübt: stimmungsvolleres, punktuelleres Licht, nicht alles so neonweiß ausgeleuchtet, mehr Platz zwischen den Werken, farbige Wände. Genau so sieht es jetzt auch im Haupthaus aus und vor allem: Man geht die schicke Prachttreppe hoch, wie sich’s gehört.

Ich ging allerdings erstmal ins Untergeschoss, um mir die erste Retrospektive zu Anita Rée anzuschauen, einer Künstlerin, die sehr mit Hamburg verbunden ist und deren Selbstporträt vor gelbgrünem Hintergrund von 1930 auch schon in der alten Sammlung hing. (F. so: „Das hätten die jetzt schön Réetrospektive nennen können.“ Ich so: „Immer wenn ich denke, ich habe den schlauesten Freund der Welt, kommt so was Schlimmes.“)

Ganz kurz: große Empfehlung. Ich fand die Ausstellung sehr schön gehängt, weil sie nicht stumpf chronologisch arbeitet, sondern in Werkgruppen, ich fand sie überraschend, weil sie mehr zeigt als nur Gemälde und Zeichnungen, und sie bekommt einen Bonuspunkt, weil die Wandtexte nicht nur interessant, sondern auch gut lesbar geschrieben waren. Im ersten Raum bei den frühen Menschenbildern dachte ich schon, oooh, den Katalog hätte ich gerne, aber der steht ja bei uns im ZI. Im zweiten Raum bei den Selbstporträts genauso. Und im dritten Raum bei den Sehnsuchtsorten, von denen ich mir gar nichts versprochen hatte und die dann im Endeffekt fast mein liebster Raum waren, dachte ich: Du hast gerade vier schöne Tagessätze eingefahren, der Katalog kostet vor Ort gerade mal 29 Euro, KAUF DAS DING. Hab ich dann auch gemacht.

Für mich war die Schau aufschlussreich, weil sie mal wieder mein Bild der Kunstszene in der Weimarer Republik erweitern konnte. Ich mochte auch den lokalen Bezug, den ich sehr spannend finde. Ich glaube, ich habe auch so gerne an Leo von Welden rumgedengelt, weil ich quasi täglich an seinem ehemaligen Atelier vorbeigefahren bin und die Stadt und das Haus der Kunst natürlich kenne.

Nach Frau Rée sprintete ich durch 500 Jahre Kunstgeschichte im Hauptgebäude. Ich begann bei den gotischen Altären und den Alten Meistern, die jetzt auf einem atemberaubenden dunklen Blau hängen; so prächtig habe ich noch keinen Goldgrund glänzen gesehen. Mein Liebling, Leibls Drei Frauen in der Kirche hängen jetzt alleine an einer Schrägwand, die das Bild leider etwas kleiner wirken lässt; vorher hing es mit anderen in einer längeren Reihe. Menzelns blöde Atelierwand hat jetzt sogar ein Handout bekommen, das an einer Tür bereitliegt und mit dem man vor dem Bild stehen kann (diese Art Angebot mochte ich schon im Kunsthistorischen Museum in Wien sehr gerne). Durch das gedämpfte Licht und die schicken Strahler fand ich auf einmal sogar Runges verquasten Morgen irgendwie reizvoll. Und auch der eigentlich totgesehende Wanderer über dem Nebelmeer wirkt auf edlem Taubenblaugrau wie neu (wobei mein liebster Friedrich in Hamburg ja das Eismeer ist). Ich fand leider Rachel Ruyschs Blumenstillleben nicht mehr wieder, aber ausgerechnet im Stilllebenkabinett drängte sich auch gerade eine Führung, der ich weiträumig auswich. In einem anderen Kabinett sah ich aber immerhin meine geliebten Interieurs von gotischen Kathedralen aus den Niederlanden, von denen ich mir nie die Malernamen merken kann, aber ich gucke bekanntermaßen halt gerne Räume und Häuserchen an.

Die bunten Wände reichten genau bis zur Moderne, ab da waren wir wieder im White Cube, und wenn ich richtig geguckt habe, war der Fußboden nicht mehr edeldunkelbraun, sondern ikeabirkenhell. Da ich wirklich kaum stehenblieb, sondern alle Räume nur durchschritt, war das ein ziemlicher Clash, aus dem ruhigen Bunt ins grelle Weiß zu kommen. Ich nahm mir hierfür noch weniger Zeit, merkte nur, dass die Brücke-Jungs auf mehrere Räume verteilt worden waren, wo sie vorher einen riesigen Saal hatten, der mich jedesmal überforderte. Ich grinste darüber, dass Dali, den ich überhaupt nicht mag, nur in einem kleinen Kabinett hing, und trauerte der schönen Blickachse von Lehmbrucks Denker hinterher; der stand vorher so, dass man, wenn man hinter ihm stand, in einen Saal schauen konnte, was ihm eine gewisse Aura verlieh; jetzt steht er etwas eingezwängter. (Hier ein Dankeschön an die Pinakothek der Moderne, die den Gestürzten ganz alleine stehen lässt.)

Nach knapp drei Stunden ging ich zum Rathausmarkt, um mir im Bucerius-Kunstforum noch Die Geburt des Kunstmarkts anzuschauen, für die diverse Bilder aus dem Goldenen Zeitalter nach Hamburg geschafft wurden, darunter auch ein paar Rembrandts. Ich hänge nicht so an Rembrandt, aber wenn er schon mal da ist und ich ins Kunstforum umsonst reinkomme (dankeschön!), dann sag ich halt Hallo.

Auch hier nur kurz: Ich merkte recht schnell, dass mir für dieses Thema ein bebilderter Aufsatz gereicht hätte. Ein paar Bildbeispiele fand ich aufschlussreich, ansonsten hätte ich über den Kunstmarkt auch einfach den Katalog durchlesen können. Da ich noch ein bisschen Zeit hatte, bis ich zum Flughafen musste, habe ich das dann auch getan. Im Kunstforum liegen im Obergeschoss grundsätzlich mehrere Kataloge aus, schön an beleuchteten Tischen mit bequemen Stühlen, worauf ich bisher bei jeder Ausstellung gerne zurückgekommen bin.

Für die Elbphilharmonie reichte die Zeit dann nicht mehr. Ich trank noch einen Kaffee, weil ich seit dem Frühstück, das auch nur aus Kaffee und Müsli mit Obst bestanden hatte, nichts mehr gegessen hatte, dann fuhr ich wieder ins Hotel, holte den Koffer, verstaute darin noch schnell den Rée-Katalog und rollerte wieder zur U-Bahn. Es war schön leer, wie auch die S-Bahn, in die ich in Ohlsdorf umstieg, und spätestens hier, wo ich während meiner Pendelzeit schon tausendmal umgestiegen war, erwischte mich dann auch der Satz: endlich nach Hause.

Ich hatte schon in den vergangenen Tagen gemerkt, dass ich mich eher wie eine Touristin als wie eine ehemalige Bewohnerin in Hamburg bewegte. Ich guckte mir vieles an wie ich Dinge in Wien und Madrid angeguckt hatte, während die Momente, vor denen ich im Vorfeld Angst gehabt hatte, recht selten waren. Ich hatte mich davor gefürchtet, alle fünf Minuten zu denken, ach da warst du mit Kai, da hast du dies und das gemacht, da haben wir dies und das gemacht. Das kam recht selten und wenn, dann war es ein bedauerndes, aber realistisches Wissen, dass die Entscheidung für den Umzug richtig gewesen war. Vielleicht haben ein paar Dinge die Tage einfacher gemacht: Ich kannte die Agentur noch nicht, ich war früher nicht oft in Winterhude oder St. Georg, wo mein Hotel war (war halt nicht meine Hood), die Kunsthalle sah neu aus, die Elfie, soweit ich das beurteilen kann, auch, ich aß nur in Läden, die ich noch nicht kannte und benutzte einen Bus, den ich früher auch kaum gefahren war. Bis auf das Treffen mit Kai war das alles nicht mein Hamburg, und als ich in der U-Bahn zum Flughafen saß, wusste ich, dass es das auch nicht mehr werden würde. Es war schön zu merken, dass München jetzt wirklich zuhause ist und nicht mehr dieses komische Ding, in dem ich nur wohne, weil ich halt nicht mehr in Hamburg wohnen kann. Ich wohne inzwischen hier, weil ich hier wohnen möchte und nicht, weil ich muss.

Am Münchner Flughafen drehte ich das iPhone auf und hörte die ganze S-Bahn- bzw. U-Bahn-Fahrt Musik. Und so peinlich es mir ist, es zuzugeben, weil ich mein ganzes wundervolles norddeutsches Erbe verrate, aber ich freute mich darüber, wieder bairisch zu hören. Ich mochte den Hamburger Slang eigentlich immer gerne, aber im Kunstforum hatte ich zwei typische Eisenten vor mir, die auch gerne im Weg standen und halt hamburgisch snakten. Das ging mir auf einmal fürchterlich auf den Zeiger, und als ich in der Münchner U-Bahn das gewohnte bayerische Geknödele hörte, dachte ich ernsthaft: endlich normale Leute.

Und dann spielte mein iPhone den Refrain dieses Liedes, als ich die U-Bahn-Treppe zu meiner Straße hochrollte. Der Text passt überhaupt nicht bis auf die Zeile „But I’m into it, I’m kinda into it“. Ich hatte die Lautstärke ganz weit oben und war the queen of the world.

Samstagabend bei F. Viel Rotwein, guter Käse, Brezn OMG BREZN, vier Tage lang nacherzählt und nacherzählen lassen. Noch mehr Rotwein, zu spät schlafen gehen, den Sonntag halb im Bett vergammeln und über Pynchon, Joyce und Rée reden. Normale Leute halt. Home is where my Bücherstapel is.

Tagebuch, Dienstag bis Donnerstag, 2. bis 4. Januar 2018 – Im Texterflöz

Ich bin für vier Tage in Hamburg gebucht, danach noch für eine Zeit vom Home Office aus (oder „remote“, wie wir Werbeschnacker neuerdings sagen). Eigentlich sollte ich nur für das Briefing hochkommen, aber ich finde es ganz nett, in einer neuen Agentur auf einem neuen Kunden und auf einem Produkt, von dem ich noch keine Ahnung habe, erstmal in Rufweite von Kreativdirektorin und Arterin zu sitzen, um dumme Fragen stellen zu können. Also packte ich am Montag mein kleines Köfferchen, stand Dienstag sehr nölig um 4 Uhr morgens auf, um den 7-Uhr-10-Flieger zu kriegen, denn wir wissen ja alle, DASS DER BEKNACKTE MÜNCHNER FLUGHAFEN RANT ENTFERNUNG EINE STUNDE S-BAHN ARSCH DER HEIDE WATZEFACK.

In Hamburg angekommen, gönnte ich mir als allererstes ein Franzbrötchen, das aber zu matschig aussah, um es zu instagrammen. Die Stadt hat mich auch schon mal enthusiastischer empfangen. Der Taxifahrer sprintete mich nach Winterhude, wo ich sogar noch zu früh ankam, was aber okay war. Ich wurde kurz rumgeführt, gab vielen Leuten die Hand (wie in der Zone, süß), mir wurden die wichtigen Stationen Küche, Klo und Drucker gezeigt und dann durfte ich in meinem Einzelbüro Platz nehmen, in dem sonst ein anderer Texter sitzt, der aber die ganze Woche frei hat. Ich hatte nicht mal als Festangestellte ein Einzelbüro und fühlte mich daher sofort wie eine kleine Prinzessin. Eine Prinzessin mit einem 21-Zoll-Mac vor der Nase, neben dem mein geliebtes MacBook auf einmal wie ein Puppenstubencomputer aussah und sich auch so anfühlte. Ich will jetzt auch einen 21-Zoll-Mac für zuhause. Man kriegt überraschend wenig Kopfschmerzen, wenn man den ganzen Tag geradeaus guckt anstatt komisch nach unten. (Ob ich den ins ZI tragen kann?)

Ich habe in den Jahren des Studiums nicht mehr viel auf der Langstrecke gearbeitet, musste also keine Broschüre mehr konzipieren oder Inhalte auf 24 bis 96 Seiten verteilen. Stattdessen bekam ich meist schon viele Vorgaben, die „nur noch“ ausgetextet werden mussten. Hier darf ich wieder konzipieren und verteilen, und ich habe es sehr genossen, dass die alten Fähigkeiten sofort wieder da waren. Ich hatte ein winziges bisschen Sorge, dass ich das verlernt haben könnte, aber anscheinend ist Verkaufsliteratur wie Fahrradfahren. So tippte ich gut gelaunt Headlines, Sublines und Copyinhalte vor mich hin, bastelte mit CDeuse und Arterin einen Seitenplan, stimmte Lines ab, korrigierte, holte mir zwischendurch einen Salat zum Mittag und einen Schokoriegel für den langen Nachmittag, verkniff mir ein „Mahlzeit“ in der Küche, versuchte mir viele Namen zu merken und musste wieder Stundenzettel ausfüllen. Deren Existenz hatte ich gnädig verdrängt.

Es ist seltsam, wieder in dieser Stadt zu sein. Ich mache hier Dinge, für die ich mal nach Hamburg gezogen bin und die ich danach fast ausschließlich in Hamburg gemacht habe. Es fühlt sich ein bisschen an, als wären die letzten fünf Jahre gar nicht passiert, ich stapfe wieder durch den Regen zu einem Bus, der mich in eine Agentur bringt. Die blöde Busansagestimme hat sich leider in den zwei Jahren meines Wegzugs nicht verändert, die ist immer noch grauenhaft. Aber gleichzeitig hat sie eben die vergangenen Jahre kurz völlig weggewischt. Ich höre sie und bin wieder die Werberin. Ich werde mich erst wieder wie eine Kunsthistorikerin fühlen, wenn ich die völlig vernuschelten Ansagen in der Münchner U-Bahn höre.

Was mich auch sofort wieder zurückholte: der Hamburger Regen. In München ist Regen so ein bisschen Wasser von oben, bei dem man theoretisch im T-Shirt rausgehen kann, auch wenn die Münchner*innen stets so tun, als ob die Welt untergeht. In Hamburg bringt Regen gerne noch seinen Kumpel Wind mit, der dafür sorgt, dass keine Kapuze hält und kein Schirm und man grundsätzlich immer nass wird, ganz egal, wie clever man sich anzieht. Das fand ich einerseits total nervig – aber seltsamerweise auch total schön.

Ich habe ohne nachzudenken eins der Motel Ones in der Stadt gebucht, weil ich weiß, dass die Betten da bequem sind, das Bad hübsch ist und das W-LAN funktioniert. Als ich am Mittwoch das erste Mal vom Motel aus in Richtung Bus ging, fiel mir auf, dass ich von der Bushaltestelle aus die Alster sehen kann. Auch die hatte ich völlig vergessen. Ich bin in München immer total verzückt, wenn ich die Isar sehe, das kleine Bächlein, mehr haben wir ja nicht. Das war schön, mal wieder auf eine richtige Wasserfläche zu gucken, souverän, präsent, groß und breit, da halt, Fresse, Flüsschen.

Und dann habe ich Kai getroffen, was mich einerseits glücklich und andererseits traurig gemacht hat, aber das war wohl zu erwarten und passt gerade ganz gut in die Gesamtstimmung, in der ich hier durch den Tag treibe. Heute wird noch gearbeitet, und morgen mache ich dann die Touristin, die sich endlich die renovierte Kunsthalle mit meinem geliebten Leibl und die Elphi anguckt (wenigstens von außen). Allerdings müssen die beiden sich schon sehr lang machen, denn gestern abend habe ich in charmanter Begleitung im ältesten Block House Deutschlands gegessen. Damit ist Hamburg quasi durchgespielt.