< very long quote because HACH>

This:

„München leuchtete. Über den festlichen Plätzen und weißen Säulentempeln, den antikisierenden Monumenten und Barockkirchen, den springenden Brunnen, Palästen und Gartenanlagen der Residenz spannte sich strahlend ein Himmel von blauer Seide, und ihre breiten und lichten, umgrünten und wohlberechneten Perspektiven lagen in dem Sonnendunst eines ersten, schönen Junitages. Vogelgeschwätz und heimlicher Jubel über allen Gassen. … Und auf Plätzen und Zeilen rollt, wallt und summt das unüberstürzte und amüsante Treiben der schönen und gemächlichen Stadt.“

This is why I like München so much.

Das ist der Anfang von Thomas Manns Gladius Dei, Volltext hier, auf gedruckten Seiten zum Beispiel hier. Und so geht’s (der besseren Lesbarkeit zuliebe ohne blockquotes) weiter:

„Reisende aller Nationen kutschieren in den kleinen, langsamen Droschken umher, indem sie rechts und links in wahlloser Neugier an den Wänden der Häuser hinaufschauen, und steigen die Freitreppen der Museen hinan…

Viele Fenster stehen geöffnet, und aus vielen klingt Musik auf die Straßen hinaus, Übungen auf dem Klavier, der Geige oder dem Violoncell, redliche und wohlgemeinte dilettantische Bemühungen. Im ‘Odeon’ aber wird, wie man vernimmt, an mehreren Flügeln ernstlich studiert.

Junge Leute, die das Nothung-Motiv pfeifen und abends die Hintergründe des modernen Schauspielhauses füllen, wandern, literarische Zeitschriften in den Seitentaschen ihrer Jacketts, in der Universität und der Staatsbibliothek aus und ein. Vor der Akademie der bildenden Künste, die ihre weißen Arme zwischen der Türkenstraße und dem Siegestor ausbreitet, hält eine Hofkarosse. Und auf der Höhe der Rampe stehen, sitzen und lagern in farbigen Gruppen die Modelle, pittoreske Greise, Kinder und Frauen in der Tracht der Albaner Berge.

Lässigkeit und hastloses Schlendern in all den langen Straßenzügen des Nordens… Man ist von Erwerbsgier nicht gerade gehetzt und verzehrt dortselbst, sondern lebt angenehmen Zwecken. Junge Künstler, runde Hütchen auf den Hinterköpfen, mit lockeren Krawatten und ohne Stock, unbesorgte Gesellen, die ihren Mietzins mit Farbenskizzen bezahlen, gehen spazieren, um diesen hellblauen Vormittag auf ihre Stimmung wirken zu lassen, und sehen den kleinen Mädchen nach, diesem hübschen, untersetzten Typus mit den brünetten Haarbandeaux, den etwas zu großen Füßen und den unbedenklichen Sitten. …Jedes fünfte Haus läßt Atelierfensterscheiben in der Sonne blinken. Manchmal tritt ein Kunstbau aus der Reihe der bürgerlichen hervor, das Werk eines phantasievollen jungen Architekten, breit und flachbogig, mit bizarrer Ornamentik, voll Witz und Stil. Und plötzlich ist irgendwo die Tür an einer allzu langweiligen Fassade von einer kecken Improvisation umrahmt, von fließenden Linien und sonnigen Farben, Bacchanten, Nixen, rosigen Nacktheiten…

Es ist stets aufs neue ergötzlich, vor den Auslagen der Kunstschreinereien und der Basare für moderne Luxusartikel zu verweilen. Wieviel phantasievoller Komfort, wieviel linearer Humor in der Gestalt aller Dinge! Überall sind die kleinen Skulptur-, Rahmen- und Antiquitätenhandlungen verstreut, aus deren Schaufenstern dir die Büsten der florentinischen Quattrocento-Frauen voll einer edlen Pikanterie entgegenschauen. Und der Besitzer des kleinsten und billigsten dieser Läden spricht dir von Donatello und Mino da Fiesole, als habe er das Vervielfältigungsrecht von ihnen persönlich empfangen…

Aber dort oben am Odeonsplatz, angesichts der gewaltigen Loggia, vor der sich die geräumige Mosaikfläche ausbreitet, und schräg gegenüber dem Palast des Regenten drängen sich die Leute um die breiten Fenster und Schaukästen des großen Kunstmagazins, des weitläufigen Schönheitsgeschäftes von M. Blüthenzweig. Welche freudige Pracht der Auslage! Reproduktionen von Meisterwerken aus allen Galerien der Erde, eingefaßt in kostbare, raffiniert getönte und ornamentierte Rahmen in einem Geschmack von preziöser Einfachheit; Abbildungen moderner Gemälde, sinnenfroher Phantasieen, in denen die Antike auf eine humorvolle und realistische Weise wiedergeboren zu sein scheint; die Plastik der Renaissance in vollendeten Abgüssen; nackte Bronzeleiber und zerbrechliche Ziergläser; irdene Vasen von steilem Stil, die aus Bädern von Metalldämpfen in einem schillernden Farbenmantel hervorgegangen sind; Prachtbände, Triumphe der neuen Ausstattungskunst, Werke modischer Lyriker, gehüllt in einen dekorativen und vornehmen Prunk; dazwischen die Porträts von Künstlern, Musikern, Philosophen, Schauspielern, Dichtern, der Volksneugier nach Persönlichem ausgehängt… In dem ersten Fenster, der anstoßenden Buchhandlung zunächst, steht auf einer Staffelei ein großes Bild, vor dem die Menge sich staut: eine wertvolle, in rotbraunem Tone ausgeführte Photographie in breitem, altgoldenem Rahmen, ein aufsehenerregendes Stück, eine Nachbildung des Clous der großen internationalen Ausstellung des Jahres, zu deren Besuch an den Litfaßsäulen, zwischen Konzertprospekten und künstlerisch ausgestatteten Empfehlungen von Toilettenmitteln, archaisierende und wirksame Plakate einladen.

Blick um dich, sich in die Fenster der Buchläden. Deinen Augen begegnen Titel wie ‘Die Wohnungskunst seit der Renaissance’, ‘Die Erziehung des Farbensinnes’, ‘Die Renaissance im modernen Kunstgewerbe’, ‘Das Buch als Kunstwerk’, ‘Die dekorative Kunst’, ‘Der Hunger nach Kunst’—und du mußt wissen, daß diese Weckschriften tausendfach gekauft und gelesen werden, und daß abends über ebendieselben Gegenstände vor vollen Sälen geredet wird…

Hast du Glück, so begegnet dir eine der berühmten Frauen in Person, die man durch das Medium der Kunst zu schauen gewohnt ist, eine jener reichen und schönen Damen von künstlich hergestelltem tizianischen Blond und im Brillantenschmuck, deren betörenden Zügen durch die Hand eines genialen Porträtisten die Ewigkeit zuteil geworden ist, und von deren Liebesleben die Stadt spricht—Königinnen der Künstlerfeste im Karneval, ein wenig geschminkt, ein wenig gemalt, voll einer edlen Pikanterie, gefallsüchtig und anbetungswürdig. Und sieh, dort fährt ein großer Maler mit seiner Geliebten in einem Wagen die Ludwigstraße hinauf. Man zeigt sich das Gefährt, man bleibt stehen und blickt den beiden nach. Viele Leute grüßen. Und es fehlt nicht viel, daß die Schutzleute Front machen.

Die Kunst blüht, die Kunst ist an der Herrschaft, die Kunst streckt ihr rosenumwundenes Zepter über die Stadt hin und lächelt. Eine allseitige respektvolle Anteilnahme an ihrem Gedeihen, eine allseitige, fleißige und hingebungsvolle Übung und Propaganda in ihrem Dienste, ein treuherziger Kultus der Linie, des Schmuckes, der Form, der Sinne, der Schönheit obwaltet… München leuchtete.“

Bücher Juli 2013

Ich habe im letzten Monat recht wenig gelesen; wenn, dann war es Kram für die Uni oder Kram, von dem ich das Gefühl hatte, es könne nicht schaden, ihn als Kunsthistorikerin in spe mal gelesen zu haben. Oder es war Kram, nach dem mein Hirn nach den ganzen wissenschaftlichen Texten lechzte. (Mein Hirn, haha. Ihr versteht den Scherz, wenn ihr am Ende vom Text seid.)

Uwe M. Schneede – Die Geschichte der Kunst im 20. Jahrhundert: Von den Avantgarden bis zur Gegenwart

Schönes Buch, guter Überblick, schlaue Kapitelaufteilung, viele, viele, viele bunte Bilder. Einziger Kritikpunk: An den Bildern stehen keine Maße dran. Das interessiert mich inzwischen schon, ob das Ding 40 oder 400 Zentimeter breit ist.

Ulrich Pfisterer (Hrsg.) – Klassiker der Kunstgeschichte 1: Von Winckelmann bis Warburg

Ulrich Pfisterer (Hrsg.) – Klassiker der Kunstgeschichte 2: Von Panofsky bis Greenberg

Beim Herausgeber der beiden Werke saß ich im letzten Semester in der Vorlesung und habe mich bestens unterhalten gefühlt (falls das der Anspruch an eine Vorlesung ist), und einige der Verfasser_innen der einzelnen Beiträge unterrichten ebenfalls an der LMU. Das war wirklich kein Kaufgrund, aber ich habe mich trotzdem immer wie die Streberin vor dem Herrn gefühlt, wenn ich das Ding in den Seminarpausen aus dem Rucksack zog und darin gelesen habe.

Zitat: „Das Hauptanliegen der Darstellungen gilt den wissenschaftlichen Leitfragen, -problemen und -themen der jeweiligen Kunsthistoriker – stets mit Blick auf ihre wissenschaftliche, institutionelle und gesellschaftspolitische Verflechtung sowie auf die inner- und interdisziplinäre Rezeption.“ Der Herausgeber entschuldigt sich zudem dafür, dass keine einzige Frau im Band vorkommt, weil aufgrund der fehlenden Distanz keine lebenden Kunsthistoriker oder Kunsthistorikerinnen betrachtet wurden. Und die ganzen toten Menschen, die in unserem Fach die Helden sind, waren eben Kerle.

Walter Benjamin – Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit

Klassiker. Liest sich übrigens in sehr kurzer Zeit durch und ist heute noch relevant. Guckt doch mal rein.

Lily Harlem – Shared

Lily Harlem – Shared Too

Haha. Ein kleiner erotischer Schundroman – und Herr Buddenbohm ist schuld. Diese Linkliste hat mich nämlich zu diesem Artikel geführt und zack! war der Schmuddelkram auf meinem Kindle. (Auf dem übrigens nur Schmuddelkram ist. Und die ganzen Klassiker, die nichts mehr kosten. Eine schöne Mischung.) Die Story ist nicht ganz so scheiße wie 50 Shades of Grey und auch nicht so fürchterlich geschrieben, aber sie ist natürlich trotzdem sinnfrei, weil egal, denn es geht ums Ficken und nicht um Weltliteratur. Dafür war’s aber ganz ordentlich. Nach einer Nacht mit sehr schönen Träumen habe ich mir auch den zweiten Teil runtergeladen, aber bei dem ging’s mir wie beim zweiten Teil von Grey: Den ersten konnte ich als guilty pleasure genießen, der zweite war nur noch langweilig. Nach wenigen Seiten bzw. 15 Prozent weggelegt.

Bonustrack: die ganzen Bücher in der Bibliothek, die ich für die Hausarbeit gelesen habe. Und die habe ich nicht mal alle fotografiert.



Wochenrückblick 22. bis 28. Juli

Montag, 22. Juli

Wie immer verheulte Abschiedsszenen an der Hamburger Wohnungstür. Mit Bus, U- und S-Bahn zum Flughafen, dort mal wieder den Anfängerfehler „Gürtel abgeben, aber Handy in der Hosentasche vergessen“ beim Security Check machen, Flug nach München, mit S- und U-Bahn nach Hause. Eigentlich wollte ich gleich in die Bibliothek, um mit meiner Hausarbeit anzufangen. Ich lege mich um 15 Uhr noch kurz aufs Ohr, weil ich die Nacht davor aus welchen Gründen auch immer kaum geschlafen hatte und dementsprechend müde war. Als ich aufwache, ist es kurz nach 20 Uhr. Ich lese Walter Benjamins Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit zuende und kann wieder nicht schlafen, weil der Text so toll ist.

Dienstag, 23. Juli

TOP 1: zur Studentenkanzlei radeln und meinen Fachwechsel beantragen. Im Gepäck die LMU-Bescheinigung mit dem bestandenen Geschichtstest, ohne den der Fachwechsel nicht möglich ist. Ich ziehe eine Wartemarke, komme gerade noch dazu, einen Schluck Wasser zu trinken, als meine Nummer schon aufgerufen wird. Name und Geburtstdatum aufsagen, Test abgeben, das war’s. Nach drei Minuten bin ich keine Musikwissenschaftsstudentin mehr.

TOP 2: ins Institut für Kunstwissenschaften radeln und mir meine Klausurnoten abholen. Die haben zwar keine Bedeutung (ich schrieb gerade darüber), aber ich will sie trotzdem wissen. Von den zwei Klausuren ist erst eine da und zwar die, vor der ich etwas mehr Respekt hatte als vor der Altniederländischen Kunst: Kunstgeschichte 1500–2000. Die Klausur setzte sich aus Fragen aus der Vorlesung sowie dem Propädeutikum zusammen und bestand nur zur Hälfte aus dem herrlich bequemen Multiple Choice, bei dem man notfalls raten kann und manchmal sogar richtig liegt. Hier war die Hälfte händisch zu beantworten und bei zwei Fragen wusste ich schon in der Klausur, dass die Antwort falsch ist. Das waren dann aber auch meine einzigen richtigen Fehler; bei zwei weiteren habe ich so halb danebengelegen und noch einen Mitleidspunkt gekriegt. Ergebnis: 1,3, eine von den drei höchstbenoteten Klausuren, wenn ich die Dozentin richtig verstanden habe. Ich bin piepsig und freue mich sehr. (Innere Beckerfaust.)

TOP 3: ein Stockwerk höher in die Bibliothek für Kunstwissenschaften gehen und mit der Hausarbeit beginnen.

Im letzten Semester musste ich zu meinem Memling-Referat eine Hausarbeit schreiben und bin da etwas naiv rangegangen. Beim Informationensammeln fürs Referat habe ich nie wirklich notiert, wo was stand, sondern hatte den lustigen Gedanken, ach, das weißte ja, welche Bücher du benutzt hast. Hmja. Fünf Minuten nach dem Referat vielleicht, aber nicht zwei Monate später, als ich mit der Hausarbeit begann. Dieses Mal war ich schlauer: Schon beim Referatanfertigen habe ich brav jedes Buch notiert, in dem ich rumwühlte, mit kompletter bibliografischer Angabe und, ha! der Signatur, unter der ich es in der Bibliothek finde. Zu jedem Buch habe ich seitenlange Zitate exzerpiert und hatte so schon eine zehnseitige Stoffsammlung, bevor es an die Hausarbeit ging. Jetzt vertiefe ich meine Recherche, lasse mir Bücher in der Unibibliothek und der Stabi zurücklegen und lese noch ein paar in der KuGi-Bib.

Am späten Nachmittag ist meine Stoffsammlung 15 Seiten lang.

Als ich gegen 16 Uhr nach Hause komme, klingelt das Handy: Herr @probek hätte überraschend noch eine Karte für die Mannschaftspräsentation des FC Bayern in der Allianz-Arena, ob ich mitwolle? Will ich. Rucksack ausräumen, aufs Rad setzen, zur Uni fahren, in die U-Bahn umsteigen, bis Nordfriedhof fahren, von wo der Herr mich abholt, um dann mit ihm und zwei Kollegen den Jungs in der Arena zuzujubeln. Wir beschließen den Abend auf @probeks Balkon mit den üblichen Kaltgetränken, ich fahre danach mit der U-Bahn zur Uni und radele nach Hause. Es gibt wenige Dinge, die ich inzwischen lieber mag als nachts durch München zu fahren.

Mittwoch, 24. Juli

Ich radele morgens um 7.30 Uhr zu meiner Hausärztin, wo ich mir Blut abnehmen lassen muss. Seit einigen Wochen nage ich einer Diagnose rum, die mich seelisch etwas anfrisst und für die meine Medikamente neu eingestellt werden mussten. Die ersten zwei Wochen danach waren fürchterlich für meine memmige Psyche, jetzt geht’s wieder deutlich besser. Daher hoffe ich, dass meine Werte okay sein werden. (Ich will bei der Krankheit nicht näher ins Detail gehen; ich sterbe nicht, alles ist gut. Im Rahmen der Parameter dieser Krankheit halt. Nebenbei: Sie hat nichts mit meinem Gewicht zu tun, höchstens in der Richtung, dass sie mein hohes Körpergewicht begünstigt. Vor fünf Jahren hätte ich mich über diese Diagnose gefreut; heute bin ich nachträglich darüber entsetzt. Verdammt Scheißgewichtsgehirnwäsche.)

Nach dem Arzttermin radele ich in die Stabi und lese und schreibe und lese und schreibe.

Abends lungere ich hirntot vor dem Macbook rum, auf dem zunächst der Kirmeskick Bayern gegen Barca läuft und danach #sweger der Damen. Der AC Florenz twittert, dass Gomez seine ersten beiden Tore für den Verein geschossen hat. Auch Kirmeskick, aber egal.

Donnerstag, 25. Juli

Stabi.

Unibliothek, drei Bücher abgeholt, im Vorraum der Bibliothek quergelesen, noch ein Zitat in die Arbeit gequetscht – und damit ein weiteres Buch ins Literaturverzeichnis. Bücher gleich wieder abgegeben.

Kugibibliothek, die letzten Quellen noch mal verifizieren. Im Prinzip ist die Arbeit fertig. Jetzt lasse ich sie einen Tag rumliegen und lese dann noch mal drüber.

Ich hole mir die zweite Klausurnote ab: 2,3. Da hat mich mein triumphales Gefühl direkt nach der Klausur etwas getrogen. Inneres Gequengel. Na gut, äußeres Gequengel.

Abends werden die Bayreuther Festspiele eröffnet; die ARD überträgt zeitversetzt den Fliegenden Holländer, den ich schon aus dem letzten Jahr kenne. Ich liege bei geöffnetem Fenster im Bett, gucke zu und bin wieder ein bisschen mehr mit der Welt versöhnt. (2,3. Verfickte Scheiße.) Okay, doch nicht.

Freitag, 26. Juli

Nach einem Tag Liegenlassen findet man ja doch immer noch fehlende Seitenzahlen oder stolpert über Dinge, die einem gestern total logisch vorkamen. Ein weiteres Mal in die Bibliothek, aber dann ist es auch gut.

Meine Ärztin ruft an und überbringt die unfrohe Kunde, dass meine Blutwerte eher immer noch mies seien. Meine Medikation wird dramatisch raufgesetzt, und ich bin wieder etwas wimmeriger.

Den Nachmittag verbringe ich in der abgedunkelten Wohnung, während draußen 33 Grad herrschen. Abends raffe ich mich trotzdem auf und gehe ins Kino – was eigentlich kein Kino ist, sondern ein abbruchreifes Gebäude, in dem ein BluRay-Player steht und wo das Abendlicht durchs undichte Dach fällt. Aber: Draußen steht ein Wigwam vor einem Lagerfeuer, es gibt selbstgebackenen Kuchen, und als ich nach den beiden Kurzfilmen wieder ins Freie trete, werden gerade dutzende von Teelichtern in Papiertüten auf dem Gelände verteilt. Eine Band spielt, die Temperaturen sind allmählich erträglich, und ich finde alles ganz großartig.

Danach radle ich zu Herrn @probek, wir gucken The Way, und ich bekomme diverse White Russians serviert. Fahre das erste Mal angeschickert Rad und finde sogar den Weg nach Hause.

Samstag, 27. Juli

Ich schleppe meinen neuen Ventilator vom Schlafzimmer in die Küche und stelle ihn auf Dauerbetrieb, weil ich eine Riesenschüssel Couscoussalat zubereite. Herr @surfin_bird hat nämlich zum Sommerfest geladen, wo ich abends hinradele – bei 35 Grad. Ich brauche eine gute halbe Stunde und bin entspannt und unverschwitzt, bis mich der Berg am Gasteig fertigmacht. Jetzt spüre ich doch mal meinen Kreislauf und trinke einen halben Liter Wasser in gefühlten fünf Sekunden. Erst dann betrete ich den heimeligen Innenhof, begrüße alle, die ich kenne und hocke mich dann mit anderen vor den Fernseher, um den Supercup zwischen Dortmund und Bayern zu gucken. Mein liebster Mitgucker ist der siebenjährige Nils, mit dem ich mich angeregt über Fußballerfrisuren unterhalten kann. Mein Uterus zuckt kurz, aber der Junge ist auch einfach die Knuffigkeit in Tüten. (Okay, Dortmundfan. Aber das kann man ihm ja abgewöhnen.) Den Rest der Feier sitze ich mit @probek, @el_loko74, dem @stadtneurotkr und diversen Menschen, die ich vorher noch nie gesehen habe, an einem Tisch, lache viel, trinke viel und bin trotz Bayernniederlage so entspannt wie selten. Ein wunderschöner Abend, den @probek und ich noch im Café Cord ausklingen lassen, inzwischen unser Standardwasserloch für den Absacker.

Sonntag, 28. Juli

Draußen sind es 37 Grad, ich umarme den Ventilator und gucke zwei Staffeln Episodes. In fünf Tagen geht mein Flieger nach Hamburg und ich fange an, München zu vermissen, obwohl ich noch hier bin.

„Und, Anke, wie war so dein zweites Semester?“

(1. Semester)

Ich habe gelernt, dass ich mich seit den Sommerferien in der Schule nicht viel weiterentwickelt habe: Wo ich früher schon mein gesamtes Lesebuch in der ersten Ferienwoche durchgelesen hatte und dem neuen Schuljahr entgegenhibbelte, stelle ich mir heute den Stundenplan fürs nächste Semester bereits in den letzten Tagen des laufenden zusammen. Und so toll es ist, in Hamburg am Kerl zu kletten – ich muss gestehen, ich habe die Tage im März und April gezählt, bis ich wieder im Flugzeug nach München saß bzw. endlich das erste Seminar anfing.

Ich habe gelernt, dass ich noch genauso ungeduldig auf Noten warte wie früher. Die Klausuren waren netterweise recht schnell korrigiert (die große einstündige bereits nach einem Tag!), aber auf die Benotung eines Protokolls in Musikwissenschaft und die meiner Hausarbeit in Kunstgeschichte musste ich recht lange warten. So lange, dass ich auf Twitter schon arme Dozentinnen an anderen Unis anquatschte, wie lange man denn warten müsse, bis man nachfragen (vulgo: drängeln) darf.

Ich habe gelernt, dass mein Anspruch an meine Arbeit an der Uni genauso hoch ist wie der für bezahlte Arbeit. Unsere Klausuren sind offiziell nicht benotet; im Notenspiegel steht nur bestanden oder nicht bestanden, und wenn ich mich richtig erinnere, kann man die Tests auch ewig und drei Tage wiederholen, bis da endlich bestanden steht, was das Ganze für mich etwas absurd macht, aber Absurdität scheint im Bologna-System kein Bug, sondern ein Feature zu sein.

Insofern müsste ich nur ein, zwei Stündchen lernen und entspannt die Hälfte der Punkte einfahren, um ein bestanden zu kassieren. Mache ich aber nicht. Stattdessen lerne ich wie blöde, damit in der inoffiziellen Note, die nie jemand außer mir sehen wird, gefälligst eine verdammte 1 vor dem Komma steht. Nein, das müsste ich nicht machen. Aber wenn ich das nicht mache, kann ich auch gleich in Hamburg auf dem Sofa liegen und Comics lesen.

Ich habe gelernt, dass mich kunsthistorische Theorien mehr interessieren als die Kunst selbst. Das hat mich etwas überrascht, denn in meinem letzten Studium war Sekundärliteratur eher ein Schmerz im Arsch. Das scheint sich netterweise geändert zu haben. Ich habe alle Texte, die uns die Dozierenden aufs Auge gedrückt haben, sehr gerne gelesen, aber vor allem die, die sich mit unserem Fach beschäftigen. Was ist Kunstgeschichte überhaupt, in welchen Ausprägungen existiert bzw. existierte sie, wie hat sie sich verändert, welche Historiker und Historikerinnen sollte man kennen, was haben sie gesagt, wann und warum und in welcher Münchner Bibliothek steht ihr Buch?

(Kleiner Anlesetipp: Caravaggio’s Deaths von Philip Sohm. Gibt’s für lau bei jstor und mit Hilfe von Google wahrscheinlich auch noch woanders. Der Text zeigt, wie sich die Kunstgeschichte von der wilden Biografie Caravaggios hat einnehmen lassen – und wie sich diese Wahrnehmung und die seiner Werke über die Jahre ändert.)

Ich habe gelernt, wie vielfältig man Musik hören kann, dass innere Wahrnehmung eine valide wissenschaftliche Aussage sein kann und dass Zuckerwasser aus Johann Strauß Champagner macht. Ich habe allerdings außerdem gelernt, dass meine Faszination für Musik nur für anderthalb Semester ausgereicht hat.

Im ersten Semester lernte ich ein paar Hintergründe zu Beethoven und lauschte der Musikgeschichte von 1700 bis 1830. In diesem Semester standen zusätzlich zur nächsten Runde Musikgeschichte Didaktik und Gehörbildung auf dem Plan. Und in den nächsten Semestern wären Kompositionslehre und Chor bzw. Orchester drangewesen. Vor letzterem hatte ich nicht so viel Panik, aber was ich mit ersterem soll, wusste ich nicht so genau. Und seit diesem Semester weiß ich, dass ich es auch nicht herausfinden möchte.

In Gehörbildung saß ich spürbarer mit Menschen zusammen, die jeden Tag musizieren als im ersten Semester. Einige kamen mit Geigen- oder Gitarrenkoffer in den Unterricht, andere erzählten von Proben mit ihrem Chor, wieder andere waren grundsätzlich zu früh da, damit sie noch zehn Minuten auf dem Klavier spielen konnten, das im Raum stand. Und ich? Ich dachte an die Kunst, an mein Blog, an Biergärten oder den Kerl. Der Unterricht selbst lief so: Intervalle hören, Rhythmen hören, Noten notieren, Musik von der CD vorgespielt bekommen und sie aufschreiben, Note für Note, nur nach Gehör. Das ist alles durchaus faszinierend, und manchmal habe ich selbst über mich gestaunt, was ich kann (oder auch nicht), aber mir wurde im Laufe des Semesters immer klarer, dass Musik für mich eher ein Hobby bleiben soll.

Das hört sich wahrscheinlich komisch an, aber ich betrachte meinen Gesangsunterricht nicht als Musizieren. (Das ist mir aber auch erst in diesem Semester klar geworden.) Es ist eher eine kleine Therapiestunde, etwas, das mich bewusst einmal pro Woche aus meiner Komfortzone jagt und mich Dinge machen lässt, die mich Überwindung kosten, die dabei aber so lohnend sind wie kaum etwas anderes. Der große Unterschied zu meinem Geigen- und Akkordeonunterricht früher ist, dass ich mit den beiden Instrumenten auf Publikum vorbereitet wurde. Ich bin solo aufgetreten, in Gruppen, im Orchester, habe Wettbewerbe gespielt und auf Weihnachtsfeiern; jede Übungseinheit habe ich im Bewusstsein absolviert, dass das irgendwer zu hören bekommt. Beim Singen ist das ganz anders. Das mache ich nur für mich, und das soll auch so bleiben. Ich will meine Musik nicht mehr teilen, und anscheinend will ich doch nicht so viel über sie wissen wie ich dachte, als ich mich an der LMU für ein Studium bewarb.

Deswegen gesellt sich ab dem nächsten Wintersemester ein neues Fach zu Kunstgeschichte, nämlich Geschichte, worauf ich mich sehr freue.

Ich habe gelernt, dass ich immer noch lieber alleine lerne als in Gruppen, dass ich wirklich gerne in Bibliotheken sitze und mich durch ein Buch nach dem anderen fresse, dass ich genau wie bei Kinoblockbustern bei einem wissenschaftlichen Text „Oh wow“ sagen und begeistert sein kann, und dass ich überhaupt wissenschaftliche Texte weitaus mehr zu schätzen weiß als früher, vor allem weil sie kein Briefing, keine Meetingagenda, kein Reiseplan und kein Kampagnenkonzept sind.

Ich habe gelernt, dass Wochenendbeziehungen so scheiße sind, wie ich sie in Erinnerung hatte, aber auch, dass das Internet Deutschland deutlich kleiner gemacht hat als es 1992 war. Ich habe gelernt, dass ich jetzt anscheinend zwei Wohnungen habe, die ich ohne Unterschied als Zuhause bezeichne. In der einen wohnt mein Herz, in der anderen der Kopf. Ich habe gelernt, dass man sich sehr in eine Stadt verlieben kann, mit der man gar nicht gerechnet hat.

Und in ein Studium, mit dem man auch nicht mehr gerechnet hat.

< quote >

„Aus einem lockenden Augenschein oder einem überredenden Klanggebilde wurde das Kunstwerk bei den Dadaisten zu einem Geschoß. Es stieß dem Betrachter zu. Es gewann eine taktile Qualität. Damit hat es die Nachfrage nach dem Film begünstigt, dessen ablenkendes Element ebenfalls in erster Linie ein taktiles ist, nämlich auf dem Wechsel der Schauplätze und Einstellungen beruht, welche stoßweise auf den Beschauer eindringen. Man vergleiche die Leinwand, auf der der Film abrollt, mit der Leinwand, auf der sich das Gemälde befindet. Das letztere lädt den Betrachter zur Kontemplation ein; vor ihm kann er sich seinem Assoziationsablauf überlassen. Vor der Filmaufnahme kann er das nicht. Kaum hat er sie ins Auge gefaßt, so hat sie sich schon verändert. Sie kann nicht fixiert werden.

Duhamel, der den Film haßt und von seiner Bedeutung nichts, aber manches von seiner Struktur begriffen hat, verzeichnet diesen Umstand mit der Notiz: „Ich kann schon nicht mehr denken, was ich denken will. Die beweglichen Bilder haben sich an den Platz meiner Gedanken gesetzt.“ (28) In der Tat wird der Assoziationsablauf dessen, der diese Bilder betrachtet, sofort durch ihre Veränderung unterbrochen. Darauf beruht die Chockwirkung des Films, die wie jede Chockwirkung durch gesteigerte Geistesgegenwart aufgefangen sein will (29). Kraft seiner technischen Struktur hat der Film die physische Chockwirkung, welche der Dadaismus gleichsam in der moralischen noch verpackt hielt, aus dieser Emballage befreit (30).“

28 Georges Duhamel: Scènes de la vie future. 2e éd., Paris 1930, P. 52.
29 Der Film ist die der gesteigerten Lebensgefahr, der die Heutigen ins Auge zu sehen haben, entsprechende Kunstform. Das Bedürfnis, sich Chockwirkungen auszusetzen, ist eine Anpassung der Menschen an die sie bedrohenden Gefahren. Der Film entspricht tiefgreifenden Veränderungen des Apperzeptionsapparates – Veränderungen, wie sie im Maßstab der Privatexistenz jeder Passant im Großstadtverkehr, wie sie im geschichtlichen Maßstab jeder heutige Staatsbürger erlebt.
30 Wie für den Dadaismus sind dem Film auch für den Kubismus und Futurismus wichtige Aufschlüsse abzugewinnen. Beide erscheinen als mangelhafte Versuche der Kunst, ihrerseits der Durchdringung der Wirklichkeit mit der Apparatur Rechnung zu tragen. Diese Schulen unternahmen ihren Versuch, zum Unterschied vom Film, nicht durch Verwertung der Apparatur für die künstlerische Darstellung der Realität, sondern durch eine Art von Legierung von dargestellter Wirklichkeit und dargestellter Apparatur. Dabei spielt die vorwiegende Rolle im Kubismus die Vorahnung von der Konstruktion dieser Apparatur, die auf der Optik beruht; im Futurismus die Vorahnung der Effekte dieser Apparatur, die im rapiden Ablauf des Filmbands zur Geltung kommen.

Benjamin, Walter: Das Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, Berlin 2010, S. 66–68.

Die Erstausgabe erschien 1936, der Volltext steht hier.

Wochenrückblick 14. bis 19. Juli

Sonntag, 14. Juli

Die erste Tageshälfte mit Lernen verbracht, die zweite mit Grillen.

Montag, 15. Juli

Nach dem erfolgreichen Geschichtseignungstest kann ich mir die erste von zwei Musikklausuren – Gehörbildung – sparen. Ich ringe noch etwas mit mir, trotzdem hinzugehen, so aus Spaß und als angemessener Semesterabschluss, entscheide mich dann aber für die nächste Runde Lernen. Vor mir liegen ungefähr 300 ausgedruckte Kunstwerke in halber Postkartengröße und 100 Karteikarten mit kunsthistorischen Begriffen und Namen – zum Beispiel zum barocken Schlossbau, zum Realismus oder zur Münchener Stadtgeschichte sowie wichtigen Büchern und Aufsätzen, die man kennen (oder noch besser: gelesen haben) sollte. Ungefähr ein Drittel der Bilder gehört zur Vorlesung Altniederländische Malerei; sie sind nach Malern geordnet anstatt nach Themen, weil ich sie so besser behalten kann. Die Themen wiederholen sich nämlich gerne: Lukas-Madonna, das Jüngste Gericht, Altäre für diverse Heilige und viele Porträts, wobei die nach Einzelporträt, Stifterporträt (Diptychon aus einem Flügel mit einer Madonna plus Flügel mit dem Menschen, der das Bild bezahlt hat, eben dem Stifter) und Gruppenbild getrennt sind. Ich bin schon so weit, die meisten Bilder bei einem flüchtigen Blick darauf wiederzuerkennen, bringe aber gerne Daten durcheinander und ignoriere zugegebenermaßen komplett die Aufbewahrungsorte. Die Punkte, die mir in der Klausur fehlen, wenn danach gefragt wird, werde ich verschmerzen, sag ich mir so locker. (Dieser Satz wird mich natürlich noch in den Arsch beißen.)

Die anderen Bilder gehören zur Vorlesung Kunstgeschichte 1500 bis 2000, und die lassen sich höchstens nach Jahrhunderten ordnen. So habe ich sie zunächst auch gelernt, denn mit einem geistigen roten Faden kann ich sie halbwegs behalten. Drei Tage vor der Klausur mische ich den großen Stapel erstmals und springe nun lustig zwischen Caravaggio, Stella, Chardin, Matisse, Cellini und Redon hin und her. Läuft.

Das neue Vorlesungsverzeichnis lenkt mich sehr vom Lernen ab: Social Media im Museum, Vorlesung und Seminar zu Kairo und Jerusalem mit Exkursion sowie amerikanische Kunst nach 1945 streiten sich mit meinen neuen Lieblingen Das Mittelalter im Überblick, Reisen in Zeiten der Aufklärung und Der dritte Kreuzzug. Das wird – natürlich! – ein tolles Wintersemester.

Abends wird Mario Gomez in Florenz auf einer Pressekonferenz vorgestellt, kriegt sein violettes Leibchen mit der 33 drauf und lernt seine neuen Fans kennen. Ich muss Italienisch lernen. Für die Kunst!

Dienstag, 16. Juli

Ein letztes Mal Skulptur und Plastik 1890 bis 1950 und das war’s dann in diesem Semester mit meinen Veranstaltungen. Ich schlendere sentimental, aber entspannt nach Hause, denn das Kunsthistorische Institut liegt nur fünf Fußminuten von meiner Wohnung weg (ich liebe sie so sehr!), überfresse mich an Kirschen, lerne weiter und schlendere ein paar Stunden später wieder zurück ins Institut, denn dort wartet ein Vortrag auf mich:

„Der Vortrag behandelt Potentiale, Grenzen sowie Randbedingungen des Einsatzes virtueller Modelle für das Erinnern an verlorene Architekturen. Im Focus stehen die virtuellen Rekonstruktionen von Synagogen, die in der NS-Zeit zerstört wurden. Dr.-Ing. Marc Grellert lehrt am Fachgebiet Informations- und Kommunikationstechnologie in der Architektur der TU Darmstadt und ist Mitbegründer der Firma Architectura Virtualis.“

Ich weiß immer noch nicht, warum mich seit zwei Semestern Architektur so fasziniert, denn vorher waren Häuser einfach nur Häuser für mich. Jetzt sind sie auf einmal eine hochspannende Ansammlung von Details, in denen ich mich zunächst verliere, sie dann einzeln mit den Augen abtaste und schließlich wieder zusammensetze.

Im Vortrag blickt Grellert zunächst zurück auf die umfangreiche Baugeschichte von Synagogen in Deutschland und erwähnt einige Bautypen wie maurisch in Berlin, neo-romanisch bzw. Rundbogenstil wie in Kassel und modern wie in Plauen – die Synagoge wurde erst 1930 gebaut und bereits 1938 während der Novemberpogrome teilweise zerstört. Was ich nicht wusste: Die Nazis vernichteten nicht nur Bausubstanz, sondern durchforsteten auch zum Beispiel Stadtarchive nach schriftlichen Zeugnissen der Synagogen, die ebenfalls zerstört wurden.

„Von den ca. 3.000 Synagogen und Beträumen, die im deutschen Reich bestanden, sind über 2.000 Synagogen in der NS-Zeit zerstört worden. Die genaue Anzahl sowohl der damals existenten Gebäude wie die Zahl der zerstörten Gotteshäuser ist immer noch nicht erforscht. Es wird davon ausgegangen, dass alleine in der Reichspogromnacht und den Tagen danach 1.400 Synagogen zerstört wurden. Selbst nach 1945 wurden Synagogen oder deren bauliche Reste in Deutschland noch abgetragen. Die Zahl kann mit über 350 angenommen werden. Erst in späterer Zeit setzte in verschieden Orten ein verstärktes Bemühen ein, an den noch vorhanden Gebäuden oder an den ehemaligen Standorten auf die frühere sakrale Nutzung hinzuweisen, und in unterschiedlicher Ausprägung wurde an Zerstörung, Vertreibung und Vernichtung erinnert.“

Das Zitat stammt von der Site synagogen.info, auf der viele der virtuellen Modelle zu sehen sind, über deren Erstellung Grellert im Vortrag berichtet. Das ganze Projekt begann als reguläres Seminar an der TU Darmstadt; die Studis lernten ein Semester lang etwas über die Bauformen von Synagogen, mit denen sie sich beschäftigen sollten, dann ein Semester lang den Umgang mit der CAD-Software, und im dritten Semester erstellten schließlich Teams aus vier bis fünf Studierenden jeweils eine Synagoge. Dafür stöberten sie in alten Quellen, suchten und fanden doch noch Material, das zur virtuellen Rekonstruktion benutzt werden konnte und sprachen mit überlebenden Augenzeugen. „Das wäre heute im Zeitalter des Bachelors gar nicht mehr möglich.“ Je länger ich studiere und den Klagen der Dozierenden zuhöre, desto öfter frage ich mich, wie sich dieses System jemals hat durchsetzen können, wo es doch anscheinend alle so richtig schön scheiße finden.

Der Vortrag endet mit einem kurzen Film über die Synagoge in Darmstadt (?), der dort im Museum läuft. Alte Aufnahmen werden überblendet mit der rekonstruierten Synagoge – und dem hässlichen Wohnblock, der heute dort steht. Einige Augenzeugen kommen zu Wort, und unterlegt ist alles mit synagogaler Musik. Was das Projekt vorhatte – Neugier wecken, Geschichte emotionalisieren –, hat bei mir zu gut funktioniert. Ich hatte da was im Auge irgendwie.

Auf Twitter unterhalte ich mich über den Vortrag mit André Anchuelo, @Donegal72 und @berlinschochise, der ein Foto aus dem Jüdischen Museum in Berlin postet. Auf diesen Tweet reagiert einen Tag später auch noch eben dieses Museum. (Ich mag so was.)

Mittwoch, 17. Juli

Klausurtag Altniederländische Malerei. Für die 30-minütige Klausur brauche ich die erwarteten 15 Minuten und gebe sehr entspannt ab. Im Überschwang twittere ich etwas von „müsste für ne schlechte 1 gereicht haben“, lösche den Tweet aber lieber wieder. Ich habe die Note noch nicht, rechne jetzt aber eher mit einer 2 – und bin deswegen pissig. Es wurde nach drei Daten gefragt, von denen ich eins richtig habe; bei den anderen hoffe ich auf plusminuszehnbiszwanzigjahre, um noch einen Punkt zu kriegen. Es wurde außerdem nach einem einzigen Standort gefragt – und ausgerechnet da hatte ich einen kompletten Blackout. Dass der Genter Altar in Gent ist, kriege ich noch hin, aber wie die VERDAMMTE KIRCHE heißt, fällt mir partout nicht ein. (St. Bavo. Werde ich nie wieder vergessen.)

Nach der Klausur gehe ich zum Entspannen in die Bibliothek. Einfach da sitzen und lesen, keine Zitate für eine Hausarbeit suchen, nicht für ein Referat exzerpieren, einfach ein paar von den Dutzenden Werken aus dem Regal ziehen, die uns die Dozierenden dauernd ans Herz legen und rumlesen.

(Die beiden schwer zu entziffernden Werke sind Werner Hofmanns Die Moderne im Rückspiegel, das ich dringend in der vorlesungsfreien Zeit zuende lesen will, sowie Hans Sedlmayrs Verlust der Mitte, das sich 1948 über abstrakte Kunst beschwerte und das ich ebenso dringend zuende lesen will. Und ja, selbst der anstrengende Adorno hat mir gefallen.)

Donnerstag, 18. Juli

Klausurtag Kunstgeschichte 1500 bis 2000. Vor dieser Klausur bin ich etwas nervöser (the Gent incident!), mache mich noch nervöser, indem ich ausgerechnet die Karteikarten mit in die Uni schleppe, deren Lösungen ich sowieso immer vergesse, und werde dann auch noch genervt, weil der Hörsaal recht voll ist. Das heißt, ich habe nicht so wie gestern eine halbe Reihe für mich und damit meine Ruhe, sondern vor und hinter und neben mir nervöse, quatschende Menschen, die ich doch gerade jetzt nicht brauchen kann. Dann ist auch der Professor recht redselig, dann dauert die Ausgabe der Blätter ziemlich lange, weil vier verschiedene Versionen der Klausur verteilt werden müssen, aber dann darf ich endlich anfangen.

60 Minuten habe ich Zeit, von denen ich fünf sinnlos darauf verschwende, nicht darauf zu kommen, zu welcher Kunstrichtung eines der vielen unbetitelten Bilder von Jannis Kounellis gehört. (Arte Povera. Werde ich nie wieder vergessen.) Weitere fünf Minuten höre ich einer Diskussion zwischen einer Fragenden und dem Prof zu, in der es um die Formulierung einer seiner Fragen geht, die missverständlich ist. Ich verstehe weder die Frage noch die Erläuterungen des Profs und schreibe beide Möglichkeiten einer Antwort hin. Nach weiteren 15 Minuten gebe ich entspannt ab. Zu dieser Klausur habe ich das Ergebnis bereits einen Tag später (was ich aber schon im Gefühl hatte): natürlich bestanden. Die Note finde ich allerdings erst Dienstag raus, wenn ich wieder in München bin. Wobei die egal ist, denn unsere Klausuren tauchen nur unter „bestanden“ oder „nicht bestanden“ im Gesamtnotenspiegel auf. Für meine persönliche Eitelkeit will ich aber natürlich wissen, was es genau ist. Wir sind ja nicht zum Spaß hier. (Doch, genau deswegen sind wir hier. Aber um mal wieder ein Friends-Zitat anzubringen: “Rules are good! Rules control the fun!”)

Abends: Getränke, nette Gesellschaft, 25 Grad, Balkon. Happy.

Freitag, 19. Juli

Rückflug nach Hamburg. Gesangsunterricht mit pinkfarbenen Flauschbällen: Wenn ich mit ihnen beworfen werde, singe ich verdammt hoch. Ab 18 Uhr ist der Kerl zuhause, und wenn ich nicht gerade blogge, klebe ich an ihm rum.

Diese Wochenendbeziehung, die eher eine „Wir sehen uns alle drei bis vier Wochen“–Beziehung ist, macht mir mürber als ich erwartet habe. Aber es sind ja nur noch zwei Jahre, denn bis auf die Hausarbeit für den Skulpturenkurs, für die ich die nächsten beiden Wochen noch mal in München sein werde, ist das erste Drittel des Studiums schon rum. How did this happen?

Flaucher-Grillen

Nasse Füße geholt, Nase eingecremt, Sonnenbrille verschmiert.

Teller vergessen, an den Würstchen verbrannt, vorgelesen bekommen.

Kühltasche leergeräumt, Biere verteilt, ins Wasser gelacht.

Zeichen hinterlassen, Lautstärke runtergedreht, dem Abend zugehört.

Mund gehalten, innegehalten, festgehalten.

Wochenrückblick 6. bis 13. Juli

Samstag, 6. Juli

Mit einer beglaubigten Kopie meines Abizeugnisses von 1989, einem zweiseitigen Personalfragebogen, in dem ich über meine Sprach- und Geschichtskenntnisse Auskunft gebe, und meinem Personalausweis stehe ich in der Schlange in der Schellingstraße 3, um zum Geschichtseignungstest anzutreten. Ich möchte gerne mein Nebenfach Musikwissenschaften ändern, aber wie so vieles an der LMU geht das nicht einfach so, sondern man muss erst mal über ein paar Hürden klettern. Das kenne ich ja schon von der Immatrikulation, rege mich also gar nicht groß auf, sondern setze mich in einen Hörsaal, beantworte gefühlt 6 von 10 Fragen aus 2000 Jahren Geschichte richtig und schreibe vor allem ein zweiseitiges Essay, das meine Studienwahl begründet. Unter anderem erwähne ich, dass ich schon einmal Geschichte studiert habe, dieses Studium aber abbrach und seitdem vor mich hin arbeite. Mein zweites Studium erlebe ich ganz anders und ich schreibe, dass meine guten bis sehr guten Noten im letzten Semester daher wahrscheinlich auch eher meine Motivation belegen als meine Französischnote von 1987, die eh nur geschätzt ist, weil nicht mal meine Eltern, die sonst alles archivieren, meine Zeugnisse aus der elften Klasse aufgehoben haben.

Laut der Berechnungsformel auf der Website müsste ich durchgefallen sein, aber ich hoffe, das Essay kann noch was rausreißen.

Sonntag, 7. Juli

Eigentlich wollten @probek und ich uns die Synagoge angucken. Das war eine Spontanidee, als wir Samstag abend im Stadtcafé gegenüber auf den Beginn von El Topo warteten und ich mich die ganze Zeit nicht von der tollen Fassade lösen konnte. Also stehen wir Sonntag morgen um halb elf am Museum nebenan und fragen, ob wir die öffentliche Führung noch mitmachen könnten. Können wir nicht, denn dafür muss man sich anmelden. Ich würde gerne sagen, dass ich das verstehen kann, aber ich will das nicht verstehen und ich will das nicht sagen. Es kotzt mich an, dass ich nicht mal eben so ein jüdisches Gotteshaus besichtigen kann so wie ich jede Kirche besichtigen kann. Es kotzt mich an, dass im Jahre 2013 vor der Synagoge in Hamburg ständig bewaffnete Polizei stehen muss und dort, genau wie in München, die Straße abgesperrt ist. Es kotzt mich an, dass man ins jüdische Museum nicht einfach reingehen kann, sondern man durch eine Panzerglasschleuse eingelassen wird, ähnlich wie im jüdischen Museum in Berlin, wo ich mich an Metalldetektoren erinnere und an Sicherheitsmaßnahmen wie am Flughafen.

Ein wunderschöner Bau. Ich krieg dich noch von innen zu sehen, keine Bange.

Statt Bildungsvormittag Fressvormittag: @probek und ich lungern zwei Stunden im Forum-Café rum und genießen das Frühstück, dann sonnen wir uns kurz auf dem Gärtnerplatz und beenden den ersten Teil des Tages mit einer Touristenattraktion: Tramfahren durch München. War sehr kurzweilig und spannend.

Am frühen Abend treffe ich mich mit der @kaltmamsell im Cinema, wo wir zwei Stunden lang hysterisch kichernd den Minions zusehen. HAPPY! Peinliches Geständnis: Das war mein erster 3D-Film, wenn man von James Camerons Reise zur Titanic im Londoner Science Museum 2003 absieht. Ich bin anscheinend die perfekte Zielgruppe für 3D, denn in den ersten Minuten konnte ich mich kaum beruhigen: IT’S LIKE YOU CAN TOUCH IT! Schon das Universal-Logo, das um die Weltkugel fliegt, hat mich fertig gemacht, und ja, als zum Schluss die Seifenblasen in Richtung Publikum schwebten, habe ich nach ihnen gegriffen, ja, schon gut.

Montag, 8. Juli

Letzte Stunde Gehörbildung. Das Zeug ist komplett Übungssache und bei mir sehr tagesformabhängig. Mal höre ich jedes Intervall, dann scheitere ich an einem Rhythmus mit vier Viertelnoten. Heute geht’s.

Mario Gomez wechselt zum AC Florenz. Erst mal deren Seite auf Facebook geliked.

Weiterhin viele Bilder und Fachbegriffe auswendig lernen, denn in der Woche vom 15. bis 19. finden meine Klausuren statt. Im Moment lerne ich nur Kunstgeschichte und ignoriere Musik, auch wenn ich eigentlich davon ausgehe, durch den Geschichtstest gefallen zu sein.

Meine Grafik- und Webdesign-Kollegin berichtet von unserer gemeinsamen Kundin, die am Telefon so was in der Richtung von „Ich hab da nen Studenten gefunden, der das viel billiger macht“ sagte. Facepalm, ignorieren, weiterlernen.

Dienstag, 9. Juli

Das vorletzte Mal im Kurs Skulptur und Plastik 1890 bis 1950 gesessen, das letzte Mal im Propädeutikum, das die Vorlesung Kunstgeschichte von 1500 bis 2000 begleitet. Mich bei der Dozentin für den Kurs bedankt; die Dame hatte ich schon im letzten Semester und habe sie bewusst wiedergewählt, weil sie die Veranstaltung erstens ziemlich abwechslungsreich und informativ gestaltet, zweitens uns immer die wichtigsten Begriffe, Bücher, Aufsätze, Kunstwerke als Übersicht schickt, damit wir wissen, was man möglichst behalten sollte, und weil sie drittens in jeder Stunde eine kurze Wiederholung der letzten macht. Das war für mich persönlich immer sehr hilfreich, weil ich faules Goldfischhirn natürlich auch gerne mal den Verlockungen Münchens (Bier, Radfahren, Bier, Biergärten, Bier) nachgebe anstatt zu lernen. Die Wiederholungen waren immer so ein kleiner moralischer Arschtritt, vor allem weil ich die Dame nicht so einsam da vorne rumsitzen sehen wollte, falls sich niemand meldet. Bei uns im Kurs waren es eh immer die fünf gleichen Menschen, die was sagen (ich zähle mich an guten Tagen dazu), was ich sehr bedauert habe.

Zwischen den beiden Kursen freut sich eine Dozentin verbal darüber, dass sie mich mit Karteikarten lernen sieht. Und dann läuft mir auch noch meine Kuratorinnenbekanntschaft aus dem Lenbachhaus über den Weg; die Dame hat @probek und mich ja mal durchs Haus geführt und, was ich bis letzte Woche noch nicht wusste, sie gibt gerade mit einer Dozentin zusammen bei uns ein Seminar. Ich hoffe, mich haben möglichst viele Dozierende gesehen. Ich bin auf Du mit einer Kuratorin des Lenbachhauses! Das muss doch Punkte geben!

Mittwoch, 10. Juli

Letzte Sitzung der Vorlesung Altniederländische Malerei. Der Dozent erwähnt, dass er im Wintersemester ein Forschungssemester hätte, was mich bedauernd seufzen lässt. Der Mann hat im letzten Semester meine Liebe zur Gotik erweckt und in diesem meine Faszination mit den Niederländern vertieft, daher hätte ich ihn gerne ein drittes Mal gewählt. Dann eben im Sommersemester 2014. (Traue mich nicht, ihm meine Sympathie mündlich zu gestehen. Schreibe vielleicht ne Groupie-Mail, wie gerne ich in seinen Vorlesungen gesessen habe. Mal gucken, wie fies seine Klausur wird.)

Mittagessen in the making. #obazda

Abends mit der @kaltmamsell in die Kammerspiele: Fegefeuer in Ingolstadt von Marieluise Fleißer. Groß-ar-tig! Eine sehr karge Bühne mit statisch agierenden Menschen, die totale Entfremdung, sehr simpel und doch sehr eindrucksvoll. Was mir besonders gefallen hat: Die Stimmen der Schauspieler und Schauspielerinnen kommen komplett vom Band – bis auf die in der letzten Szene, die den Abend sehr eindrucksvoll beschließt. An einem anderen Effekt habe ich mehr zu knabbern: Die einzelnen Tableaus – man kann es kaum Szenen nennen – werden von einem Blitz und einem sofort danach einsetzenden lauten Geräusch voneinander getrennt. Im Laufe des Stücks habe ich mich gefühlt 20 Mal zu Tode erschreckt, weil ich mit dem blöden Blitz nicht gerechnet habe. Das nervte, passte aber seltsamerweise auch. Große Empfehlung. (Hier die Nachtkritik zum Stück.)

Donnerstag, 11. Juli

Musik geschwänzt, um Kunst zu lernen. Letzte Vorlesung Kunstgeschichte 1500 bis 2000. Ich werde dich vermissen.

Freitag, 12. Juli

Am Telefon Tosca gesungen, die dieses Mal ein hysterischer Fraggle mit Federboa war. Am Telefon brauche ich motivierende Bilder, damit ich vergesse, dass ich in einer Küche mit recht dünnen Wänden singe und man mich garantiert über zwei Stockwerke hinweg hören kann.

Abends ins Zentralinstitut für Kunstgeschichte geradelt (der Nazibau an der Katharina-von-Bora-Straße), wo ich einem Roundtable aus drei Architekten und einer Architektin lauschte, die sich – total überraschend – über Architektur unterhielten. Es begann mit einer Klage über den Verlust der Regionalität – wenn man heute durch Deutschland fahre, könne man kaum noch erkennen, wo man sich befinde, weil moderne Architektur gesichtslos und austauschbar sei und ihre regionalen Bezüge meist vernachlässige. Was schade sei, denn jeder Landstrich hätte ja eine Art Gesicht, aber, halbwegs O-Ton, „jeder Bürgermeister will irgendeinen Glasturm bauen anstatt etwas Regionales“. Meinhard von Gerkan erwähnte in diesem Zusammenhang Dubai, wo bekanntermaßen das höchste Gebäude der Welt stehe – „in einem Land, das Platz wie nichts Gutes hat und daher in die Breite anstatt in die Höhe bauen könne“. Das sei dann doch eher Ausdruck von Macht anstatt regional und historisch sinnvolle Architektur.

Das Panel war sich grinsend einig, dass viele moderne Bauten aber eh in 25 Jahren anfingen zu bröckeln, weil sie aus günstigen Materialien blitzschnell in die Landschaft gekloppt werden, weswegen man nicht so lange unter ihnen leiden müsste. Es wurde ein niederländischer Architekt erwähnt, dessen Namen ich leider vergessen habe, der sich aber bitter über den Denkmalschutz beklagte: Angeblich seien bereits 20 Prozent der Weltoberfläche nicht mehr veränderbar, weil die Bauten unter Denkmalschutz stünden. Diese Zahl kam vor allem Uta Hassler viel zu hoch vor: „Da hat er sich wohl um eine Kommastelle vertan.“

Werner Sobek wagte einen Blick in die Zukunft, indem er zunächst in die Vergangenheit schaute. Um 1930 herum hätten wir 2,5 Milliarden Menschen auf der Welt gehabt, 1980 waren es fünf, inzwischen seien es sieben Milliarden (bin zu faul, die Zahlen nachzugoogeln). Die Bevölkerung wachse viel schneller als in den Jahrtausenden vorher, was natürlich neue Herausforderungen an die Architektur stelle. Theoretisch müssen wir in den nächsten zwanzig Jahren die Menge an Gebäuden von 1930 noch mal komplett nachbauen, um den Anforderungen der Welt von 2030 gerecht zu werden. Erwähnt wurde auch die durchschnittliche Quadratmeterzahl, die wir an Wohnraum zur Verfügung hätten. Um 1930 herum waren es ungefähr 20 Quadratmeter, heute seien es – in unseren Breiten – bereits 42. In Mumbai hingegen sind es zweieinhalb. „Wenn alle Menschen in Mumbai nur einen Quadratmeter Wohnraum mehr haben wollen, wird das schon eng.“ In diesem Zusammenhang ging es um Stadtentwicklung, wo meinem Gefühl nach ein bisschen der guten, alten Zeit hinterhergetrauert wurde, wo Stadtplaner noch große Würfe hinlegen konnten. Die Namen wurden nicht erwähnt, aber ich dachte sofort an Haussmann und Bernini oder in München an von Fischer, von Gärtner und von Klenze. Von Gerkan: „Eine Stadt braucht eine Partitur, keinen Bebauungsplan.“

Samstag, 13. Juli

Post von der Uni:

Jetzt lerne ich erst recht nicht mehr für Musik.

Radfahren

Das letzte Mal, dass ich auf einem Fahrrad saß, muss Ende der Neunziger in Hannover gewesen sein. Ich erinnere mich, ab und zu damit zum Einkaufen gefahren zu sein, weil der Weg zu meinem Lieblingssupermarkt zu kurz fürs Auto und zu lang für zu Fuß war, aber das war die einzige Gelegenheit, in der ich das Rad benutzte. Es war viel zu nervig, das Ding aus dem Fahrradkeller zu wuchten, außerdem hatte ich ein Motorrad, was viel cooler war (wenn auch nicht zum Einkaufen; ich zieh mir doch nicht die Kutte an, um ne Pizza kaufen zu fahren) und ein Auto, mit dem ich eh alles erledigte. Deswegen verstaubte mein Rad irgendwann. Ich schleppte es zwar noch nach Hamburg, wohin ich 1999 zog, saß aber nie mehr drauf.

Inzwischen ist es 2013, ich wohne zeitweise in München, und was mir an München neben der Uni, dem ehemaligen Mitbewohner, der @kaltmamsell, dem Bier, den Biergärten, der Oper, dem Residenztheater, den vielen Originalversionen in den Kinos, der Ludwigstraße zwischen Siegestor und Feldherrnhalle, dem Königsplatz, der Isar, der Tram, der Allianz-Arena, den Pinakotheken, dem Wetter, dem Essen, meiner Wohnung und dem Dialekt am besten gefällt, ist mein Fahrrad. Mir wurde schon im Winter zugeraunt, dass der Sommer nirgendwo schöner sei als in München und dass man dann auf jeden Fall ein Fahrrad brauche. Das nahm ich mal so hin, aber jedesmal, wenn ich an der Uni die Batterie an Rädern stehen sah, wurde meine Sehnsucht nach diesem Transportmittel größer. Der ehemalige Mitbewohner half mir netterweise beim Kauf und Einstellen, und dann kam der Moment der ersten Runde nach ungefähr 15 Jahren Abstinenz.

Ich wusste nicht mal mehr, wie man auf das Ding elegant raufkommt. Und auch nicht, wie ich nach 50 wackeligen Metern erschreckt feststellte, wieder runter.

In den letzten 15 Jahren ist nämlich einiges passiert. Unter anderem die verkackte Bandscheiben-OP, von der ich Nervenschäden im rechten Fuß zurückbehalten habe. Das Füßchen weiß nicht so genau, was es tut bzw. es sagt meinem Hirn nicht mehr, was es tut, weswegen ich immer gucken muss, wo es gerade ist, denn ich spüre es nicht mehr. Das ist beim Aufsteigen auf ein Rad ein bisschen seltsam, auf den rechten Fuß und das Pedal darunter zu gucken anstatt nach vorne, aber so mache ich das inzwischen und das geht ganz gut. Aber beim ersten Aufsteigen war das ein sehr neues Gefühl, dieses: Ich trete jetzt mal in diese Pedale oder glaube es zu tun, denn ich merke es nicht, aber ich komme vorwärts, also scheine ich zu treten. Abgestiegen bin ich früher, so glaube ich mich zu erinnern, mit dem rechten Fuß auf der Pedale. Das geht nicht mehr; ich verlagere mein Gewicht nie mehr nur auf den rechten Fuß (auf Leitern zum Beispiel), weil ich schlicht nicht merke, ob ich abrutsche. Das merke ich erst, wenn ich abgerutscht bin. Das ist mir einige Male auf schmalen Treppen passiert, und einmal bin ich wirklich nach rechts gefallen, weil ich dachte, mein Fuß hält mich. Hat er aber nicht, und so taumelte ich aus heiterem Himmel im Zimmer herum, bis ich eine Wand zu fassen bekam. Seitdem ist mein linker Fuß der Go-to-guy und der rechte Deko. Deswegen steige ich inzwischen andersherum ab als früher: abbremsen, den linken Fuß auf der Pedale lassen, den rechten beim Stillstand auf den Boden stellen und dann auf die Seite vom linken Fuß heben. Sieht wahrscheinlich ein bisschen umständlich aus, aber ich falle nicht um, und das ist super.

Mein Körpergedächtnis hat übrigens neben dem neuen Absteigen noch etwas anderes gelernt. Früher habe ich grundsätzlich die Rücktrittbremse genutzt. Beim Motorradfahren habe ich mir natürlich das Bremsen mit der Hand angewöhnt. Und als ich das erste Mal wieder auf dem Fahrrad saß, bremste ich unwillkürlich mit der Hand, ohne dass ich darüber nachdenken musste. Das fand ich sehr lustig, und ich musste an das Gefühl am Rücken denken, das ich früher hatte, als ich meine Geige noch auf dem Rücken getragen habe beim Radeln in den Unterricht. Ach, wo wir gerade bei Körper sind: Das ist als dicker Mensch natürlich auch klasse, dass man sein Gewicht mal kurz nicht tragen muss. Ich muss es bewegen, aber ich muss es nicht schleppen. Den Unterschied merke ich inzwischen sehr, wenn ich mal wieder zu Fuß unterwegs bin.

Was ich inzwischen aber selten bin, denn ich habe etwas Großartiges entdeckt: FAHRTWIND! OMG! Ich fahre seit gut zwei Jahren kein Auto mehr, sondern nutze Öffis oder gehe zu Fuß. Wobei Zufußgehen einen winzigen Nachteil hat: Ich gerate ein bisschen ins Schwitzen, wenn ich normales Tempo gehe. Das Konzept von Flanieren oder Bummeln hat sich mir nie erschlossen; wenn ich gehe, dann will ich irgendwo hin, das heißt, ich gehe zackig auf ein Ziel zu. Und weil ich relativ schwer bin, strengt das etwas mehr an als auf der Couch zu liegen, weswegen ich eben schwitze. Auf dem Fahrrad habe ich zwar dieses großartige, schon angesprochene Ding namens FAHRTWIND, das mich trotz aller Anstrengung abkühlt, aber weil ich auch hier rumhetze, schwitze ich trotzdem. Bzw. schwitzte. Imperfekt.

Denn: So sehr ich Bummeln zu Fuß hasse, so sehr mag ich es inzwischen auf dem Rad. Als der ehemalige Mitbewohner und ich die erste Ausfahrt unternahmen (natürlich in Richtung Biergarten), radelte er un.fass.bar.lang.sam vor mir her. Zunächst zuckelte ich mit, dann überholte ich genervt, aber da ich nicht wusste, wo es lang ging, musste ich ihn wieder vorlassen, wo er wieder un.fass.bar.lang.sam fuhr. Und nachdem wir im Biergarten ankamen und ich schon losquengeln wollte, warum wir ne halbe Stunde für fünf Kilometer gebraucht hätten, merkte ich erstaunt: Ich schwitze nicht. Ich bin entspannt von A nach B gekommen, habe mich bewegt – und bin unverschwitzt. Ein großartiges Konzept! WHY DIDN’T YOU TELL ME?

Seitdem lasse ich die U-Bahnen und Trams, so sehr ich sie liebe, weitgehend links liegen und radele durch München. Die Stadt ist gefühlt winzig; meist bin ich mit dem Fahrrad schneller am Ziel als mit den Öffis. (Wenn man die Zeit abzieht, die dafür draufgeht, dass ich anhalte, auf Google Maps auf dem iPhone gucke, wieder losfahre, fünf Minuten später noch mal nachgucke, umdrehe und dieses Mal hoffentlich den richtigen Weg nehme.) Vor dem Radeln kannte ich München nur aus der U-Bahn-Perspektive; meine Orientierungspunkte waren die blauen U-Schilder, und Himmelsrichtungen merkte ich mir an Stationsnamen. Inzwischen habe ich mehrere Punkte, die ich anradeln kann und von denen aus ich weiterfahre: die Uni natürlich bzw. die drei verschiedenen Gebäude, in denen ich studiere; den Königsplatz because OH SO PRETTY, den Marienplatz, denn an dem kommt man eh dauernd vorbei und die Isar, auch wenn ich es schon einmal bei einer meiner ersten Erkundungsfahrten geschafft habe, auf der falschen Seite des Flusses zu sein, ohne es zu bemerken. Ich erinnere mich an meine innere Konversation – „Okay, wenn das hier die Wittelsbacher Brücke ist, dann ist die nächste die Reichenbachbrücke“ –, hatte aber locker die Brücken verwechselt, weil ich eben auf der falschen Seite und dann war ich in Haidhausen statt im Lehel, aber … egal. Immerhin war ich entspannt und unverschwitzt und meine Moves-App konnte schön ein paar Kilometer runterzählen.

Was ich inzwischen auch mag: das Gefühl zu wissen, was man tut. Im Auto habe ich es sehr genossen, irgendwann die Stadt und ihren Verkehr so gut zu kennen, dass ich wusste, auf welcher Spur man im Feierabendverkehr am besten vorankommt, wo es sich lohnt, Gas zu geben, um das nächste Grün noch mitzunehmen und wo nicht, wo man am besten parkt usw. Dieses Wissen eigne ich mir langsam auf dem Rad in München an. So weiß ich inzwischen auf dem Weg zum Schweinchenbau an der Leopoldstraße, dass ich beim Überqueren der Nordendstraße an der roten Ampel dringend die Pole Position brauche. Denn dann kann ich, sobald die Ampel auf Grün springt, lossprinten, um die Grünphase der nächsten Kreuzung an der Kurfürstenstraße noch zu erwischen, die gefühlt fünf Sekunden lang ist, wonach man gefühlt fünf Minuten auf die nächste wartet. Ich weiß inzwischen, welche Straßen Radwege habe und welche nicht und wann sich welche eher lohnt. Ich weiß, dass es sicher ist, die Schellingstraße nach Hause zu fahren, wenn mein Seminar pünktlich zu Ende ist, denn dann fahren ALLE Studis der LMU die Schellingstraße lang und die Autofahrer müssen sich zähneknirschend hinter dem Pulk einreihen. Ich weiß außerdem, dass Kinder sehr unberechenbar sind, wenn sie auf Fußwegen nicht angeleint sind, dass Autofahrer keine Lust haben, mal den Kopf zu drehen und zu gucken, ob ich gerade angeschlichen komme, und dass „Schritttempo“ ein weiter Begriff ist, wenn es auf den Marienplatz geht. (Ich glaube, ich gehe da nie wieder als Fußgänger rüber.) Durch die letzten drei Dinge weiß ich leider auch, dass ich mir wahrscheinlich einen Helm zulegen werde.

Was aber das Wichtigste ist: Es macht so unfassbar viel Spaß! Ich gucke inzwischen bei neuen Adressen nicht mehr auf den U-Bahn-Fahrplan, sondern auf Google Maps und die Radfahranzeige. Ich fahre nach der Uni gerne einen Umweg, weil ich lieber die schöne Strecke an der Franz-Joseph- und Elisabethstraße langfahre als die schnelle Route an der Schellingstraße. Und wenn ich nachts unterwegs bin, fahre ich fast immer irgendwie zum Königsplatz, sei es, um ihn zu überqueren oder ihn rechts von mir zu lassen, einfach weil es so wunderschön ist, an ihm vorbeizukommen. Links leuchtet der Goldkubus des Lenbachhauses, rechts die angestrahlten Propyläen und die Glyptothek, das Pflaster ist relativ neu und gut befahrbar, und ab einer gewissen Uhrzeit sind kaum noch Autofahrer unterwegs. So gut wie jedesmal, wenn ich dort entlangfahre, will ich anhalten und ein Foto twittern. Aber dann spüre ich den Fahrtwind und meine Beine und mein glückliches Grinsen, weil ich gerade verdammt noch mal durch München radele. Und dann fahre ich weiter.

Filmfest München 2013 (3)

Nach zwei durchgeguckten Tagen am Wochenende hatte ich Montag den Durchhänger der Saison, an dem ich einen Flashback in meine zwanziger Jahre erlebte, in denen ich tagelang nur traurig im Bett gelegen habe. So ein Montag war das, und er war scheiße. Vier bestimmt wunderbare Filme mussten ohne mich auskommen, dann war wieder Uni (die rettet mich momentan sehr), dann war abends der Kerl da (der rettet mich immer), und deswegen saß ich erst Mittwoch, Freitag und Samstag wieder im Kino.

Touchy Feely, USA 2012
Drehbuch und Regie: Lynn Shelton; Hauptdarsteller_innen: Rosemarie Dewitt, Ellen Page, Josh Pais, Scoot McNairy, Allison Janney, Ron Livingston

Trailer

Zitat von der ffmuc-Website: „Abby ist eine erfolgreiche Masseurin, die auf einmal eine Aversion gegen Körperkontakt entwickelt. Ihr Bruder Paul führt ein geordnetes und konventionelles Leben als Zahnarzt, bis ihm magische Hände nachgesagt werden.“ Klingt nach Schablonendrehbuch, war es aber netterweise nicht. Die Lösung für die Probleme der beiden hat mich sehr breit grinsend im Kino sitzen lassen. Und nebenbei darf man neben Rosemarie Dewitt, deren Serie United States of Tara ich immer noch hinterhertrauere, endlich mal wieder die wundervolle Allison Janney anhimmeln. Ein kleiner Film, sehr behutsam zu seinen Figuren, mit wunderschönen Aufnahmen von Händen und Haut. (Ich mag das gerade sehr.)

Bechdel-Test bestanden: Mit gutem Willen so gerade. Rosemarie redet wenige Sätze mit ihrer Nichte Ellen Page und mehrere mit ihrer Freundin Janney – die drehen sich allerdings sehr um Männer. Wenn man den Spieß umdreht und fragt, ob die Kerle miteinander reden, sieht es aber ähnlich aus: Der Film lebt so ziemlich von gemischtgeschlechtlichen Dialogen. Ist ja auch was.

In the Dark Room, Deutschland 2012
Regie: Nadav Schirman; Darsteller_innen: Magdalena Kopp, Rosa Kopp, Jacques Vergès, Willi Dietl, Bassam Abu Sharif

Website

Dokumentarfilm über Magdalena Kopp, die mit Terrorist „Carlos“ verheiratet war und mit ihm eine Tocher hat. Der Film lässt Kopp unkommentiert zu Wort kommen, die sich ständig zu fragen scheint, wie ihr ihr Leben zustoßen konnte. Nur in wenigen Momenten ist die Einsicht da, ja, da habe ich eine Entscheidung getroffen, die im Nachhinein eher dämlich war, ja, dafür trage ich die Verantwortung und niemand sonst. Ansonsten gefällt sich Kopp in der Rolle des Opfers von Charlos’ Charme bzw. seinem kriminellem Potenzial, es wird nie so recht klar, was sie nun genau an ihm fand, und nach dem Film unterstelle ich ihr schlicht die Faszination der Macht.

Auch ihr Umfeld kommt zu Wort, vor allem ihre Schwester, die kleinstädtisch-schwäbischer nicht sein könnte und sehr deutlich macht, aus welchem Leben Kopp vielleicht entkommen wollte. Das ist ihr gelungen. Und auch wenn die Schwester absolut kein Verständnis für Kopps Taten hat, so gesteht sie ihr immerhin zu, im Gefängnis Französisch gelernt zu haben. „War das doch zu was gut.“

Klingt alles eher seltsam als lohnend, aber dann gibt es noch Kopps und Carlos’ Tochter, die ebenfalls vor der Kamera auftaucht und sich nach fast 20 Jahren zum ersten Mal wieder mit ihrem Vater im Gefängnis trifft. Und der Dialog von Mutter und Tochter am Telefon bzw. der eine Satz, den Rosa Kopp im Hotelzimmer direkt nach dem Gespräch sagt, diese beiden Szenen alleine machen den Film dann doch sehenswert. Weil die Geschichte einer Person eben nicht nur ihre ist, sondern auch die derer, mit denen sie in Kontakt kommt.

Bechdel-Test bestanden: Mutter und Tochter telefonieren miteinander, ansonsten ist es größtenteils eine Doku, in der jemand zu einer Kamera spricht. Daher ist die Frage schwer zu beantworten.

Die Trost-Bechdel: zwei weibliche Hauptfiguren zu den eher untergeordneten männlichen Nebenfiguren.

Stories We Tell, Kanada 2012
Regie: Sarah Polley

Website

Großartige Dokumentation von Sarah Polley, die ihrer eigenen Familiengeschichte nachspürt und dabei unter anderem ihre Geschwister und ihren Vater zu Wort kommen lässt, die von ihrer Mutter erzählen. Die Pointe liegt in der Formulierung „ihr Vater“, denn genau darum geht es: Ist der Mann, der sie großgezogen hat, ihr biologischer Vater oder nicht? Aber eigentlich ist das nur der Auslöser für viele kleine Geschichten mit großen Themen: Verantwortung, Selbstverwirklichung, Treue, Liebe, Loyalität. Die Erzählungen der durchweg äußerst charmanten Geschwister werden mit nachgedrehten Szenen und Archivmaterial bebildert. Das ist auch das einzige, an dem ich ein bisschen was zu nörgeln habe: Manchmal hätte ich gerne die Menschen, die mit Polley reden, weiter beobachtet anstatt wieder wackeliges Super-8-Zeug zu sehen. Die Story reicht nämlich auch so, um mich zum Lachen und zum Weinen und zum Mitfühlen zu bringen. Dafür brauche ich nicht mal Bilder, da reichen schon die Worte. Große Empfehlung.

Bechdel-Test bestanden: Ja. Polley spricht mit ihren Schwestern, und die Hauptfigur des Ganzen ist ihre Mutter.

Die Trost-Bechdel: brauchen wir eigentlich nicht, aber ich sag’s gerne noch mal: Der Film wurde von einer Frau gedreht.

Augustine, Frankreich 2012
Buch und Regie: Alice Winocour; Hauptdarsteller_innen: Soko, Vincent Lindon, Chiara Mastroianni, Olivier Rabourdin, Roxane Duran

Trailer

Der Trailer sieht spannender aus als der Film wirklich ist, und auch die Zusammenfassung auf der ffmuc-Website beschönigt die edle Langeweile sehr. Keine Lust darüber zu schreiben. Ich wär rausgegangen, wenn ich nicht so fies in der Mitte gesessen hätte.

Bechdel-Test bestanden: Augustine spricht kurz mit ihrer Kusine, ansonsten sagt sie gefühlt drei Worte im Film. Mir egal. (Ich bin wirklich genervt von dem Ding.)

Die Trost-Bechdel: Buch und Regie von Alice Winocour.

Love Steaks, Deutschland 2013
Regie: Jakob Lass; Hauptdarsteller_innen: Lana Cooper, Franz Rogowski

Website

Der beste Film des Festivals. Davor galt meine Liebe Stories We Tell, und für den habe ich auch beim Publikumspreis abgestimmt (leider vergeblich), aber einen Tag später gab’s Love Steaks, und der hatte mich innerhalb von wenigen Minuten und ließ mich nicht mehr los. Der Text im Presseheft machte sehr neugierig: „Ein Masseur. Eine Köchin. Ein junges Paar auf’s Maul.“ Der Trailer erschien mir dann wie der übliche deutsche Problemfilm, der ein bisschen crazy sein will, aber der Film selbst ist eine Offenbarung – an großartigen Figuren, einer schlichten, aber stimmigen Geschichte und an talentierten Amateuren und Improvisation, denn der Film kommt fast nur mit den zwei Hauptdarsteller_innen als Schauspielern aus. Der Rest sind echte Angestellte des Wellnesshotels, in dem gedreht wurde. Die spielen sich alle selbst, und das klappt wunderbar. Ich dachte in den ersten Minuten schon, ach herrlich, kein blödes Schauspielschuldeutsch und ebensolche Dialoge – kein Wunder. Der Text auf der ffmuc-Website fasst den Film sowohl inhaltlich als auch stilistisch sehr gut zusammen, daher klaue ich mal eben:

„Zwei Schauspieler in einem dokumentarischen Setting eines Wellnesshotels. Blut, Schweiß, Tränen, Körpersäfte und viel Liebe aus dem Unterbauch der Dienstleistungsgesellschaft. Er Masseur, sie Köchin, er sensibel, sie tough, er Ayurveda, sie Alkohol. Sie brauchen starke Reize, um aufzuwachen. Und der Zuschauer ist hellwach.“

Wenn der ins Kino kommt, dann stürmt bitte die Kassen. Ich komme gerne noch mal mit.

Bechdel-Test bestanden: Nein, leider nicht. Die meisten Kollegen von Lara und Clemens sind männlich, es gibt nur wenige weibliche Angestellte bzw. Hotelgäste, und die reden meist mit Clemens und nicht mit Lara.

Die Trost-Bechdel: gibt’s leider auch nicht. An der Story haben drei Männer und immerhin eine Frau gefeilt, das zählt aber nicht. (Jakob Lass, Ines Schiller, Timon Schäppi und Nico Woche.)

El Topo, Mexiko 1970
Regie: Alejandro Jodorowsky; Darsteller: Alejandro Jodorowsky, Brontis Jodorowsky, Robert John, Alfonso Arau

Trailer

Totaler Quatsch, aber immerhin passiert dauernd was in diesem, laut Programmheft, „spirituellen Western“. Wenn „spirituell“ viel Kunstblut heißt, dann passt das. Ansonsten habe ich zwei Stunden lang WTF gedacht, aber mich immerhin nicht gelangweilt. Trotzdem kann ich überhaupt nicht sagen, worum es geht. Aber die Wikipedia kann’s.

Bechdel-Test bestanden: haha.

Die Trost-Bechdel: haha.

Fazit: Genau wie im letzten Jahr sehr viele reizvolle Filme – wenn ich mehr Zeit gehabt hätte (oder mein Kopf mal die Fresse gehalten hätte), hätte ich mehr gesehen. Im nächsten Jahr werde ich darauf achten, eher in die Vorstellungen mit Q&A zu gehen, denn die waren immer toll, selbst wenn sie manchmal nur sehr kurz waren. Auch toll: Wenn der Regisseur oder die Regisseurin da ist und seinen bzw. ihren Film kurz selbst vorstellt. Das macht für mich die besondere Filmfest-Atmo aus, und die hätte ich gerne öfter gespürt. Nebenbei mag ich die Komplettplakatierung Münchens in der Festivalzeit – an dem Plakat kam man echt nirgends vorbei – und die roten Teppiche vor einigen Kinos. Einziger Kritikpunkt: Ich will das Cinemaxx am Isartor wiederhaben! Der Weg vom Rio in die Münchener Freiheit blieb mir immerhin erspart, aber auch sonst war das manchmal ein ziemliches Gehetze, um von einem Kino ins nächste zu kommen.

Kürzeres Fazit: gerne wieder. Und danke.

Bücher Juni 2013

Linn Ullmann – Das Verschwiegene

Mochte ich sehr. Anne-Dore Krohn vom Kulturradio sagt, warum.

„Jenny Brodal fängt an ihrem 75. Geburtstag, nach über zwanzig Jahren, wieder mit dem Trinken an. Ihre Tochter Siri und ihr Mann Jon stecken in einer Ehekrise. Siri weiß nicht, wohin mit ihrer Wut. Jons dritter Roman ist für das Herbstprogramm angekündigt, doch er kämpft mit einer Schreibblockade. Die Tochter Alma schneidet der Lehrerin den Zopf ab. Und dann ist da noch Mille, das 19-jährige Kindermädchen. Gleich zu Anfang ist klar: Mille wurde ermordet, an jenem Abend, an dem Siri für ihre Mutter ein Geburtstagsfest ausrichtete. Aber warum? Und von wem?“

Busch, Werner (Hrsg.): Funkkolleg Kunst II. Eine Geschichte der Kunst im Wandel ihrer Funktionen

Mochte ich sehr. Ich schrieb schon darüber.

Dana Arnold – Art History: A Very Short Introduction

Mochte ich sehr. Reißt Themen der Kunstgeschichte an, ist also keine Geschichte der Kunst, sondern eine Auseinandersetzung mit dem Fach. Sehr knapp, vergisst aber tollerweise nicht, dass es auch weibliche Künstler gibt, mit denen die Kunstgeschichte bis jetzt eher nölig umgegangen ist und ebenso außereuropäische Kunst, die in unserem Kanon auch gerne fehlt.

Und dann waren da noch die vielen pdfs, die ich gelesen habe, weswegen mal wieder keine Zeit für weitere Bücher war. Außer die, die ich für mein Archipenko-Referat in der Bibliothek gewälzt und nicht fotografiert habe.

Twitterlieblinge Juni 2013

Filmfest München 2013 (2)

Zweiter Tag – und schon bin ich im Filmfestflow. Von einem Kino zum nächsten fahren, radeln, laufen (ich vermisse das Cinemaxx am Isartor sehr, wo alles unter einem Dach war), wegen der über die Münchener Innenstadt verteilten Kinos kaum Zeit, wirklich einen Film Revue passieren zu lassen, weil der nächste schon wartet, rein in die U-Bahn, raus aus der U-Bahn, Marienplatz, Münchener Freiheit, Stachus, Universität. Vor jedem Film spricht jemand vom Festival und erzählt meist begeistert vom folgenden Werk, außerdem läuft stets der kurze Filmfestivaltrailer anstatt 20 Minuten hirnzellentötende Werbung, manchmal ist das Team im Saal und man kann ihm direkt Beifall spenden, meistens nicht, dann klatscht man nach dem Film eben in die Dunkelheit. Draußen ist es warm und hell, und immer wenn ich aus dem dunklen, kühlen Kino kam, ganz gleich, wo es war, musste ich mich kurz zurechtfinden in der Welt außerhalb des Flows. Ich liebe ihn sehr und ich habe mich daran erinnert, dass es eine Zeit gab, in der ich ständig darin war.

La Vie d’Adèle (Blue Is The Warmest Colour), Belgien/Frankreich/Spanien 2013
Regie: Abdellatif Kechiche; Drehbuch: Abdellatif Kechiche und Ghalya Lacroix nach dem Comic Le Bleu est une couleur chaude von Julie Maroh; Hauptdarsteller_innen: Léa Seydoux, Adèle Exarchopoulos

Wunderschön. Punkt.

Eigentlich möchte ich gar nicht großartig über diesen Film reden, obwohl er selber recht redselig ist. Der Gewinner der Goldenen Palme lief im französischen Original mit englischen Untertiteln, weswegen ich jetzt lustige Untertitelzitate im Kopf habe anstatt schöner Sätze. Aber egal. Es geht um die 15-jährige Adèle, die nach einigen Erfahrungen mit Jungs das Gefühl hat, irgendwas fehle ihr, sie fühle sich wie ein Fake (Untertitel), bis ihr ein lesbisches Pärchen über den Weg läuft, und ab da ist alles klar, auch wenn sie es in der Öffentlichkeit vehement bestreitet. Der Film zeigt ihre erste Beziehung zu einer Frau, wie und warum sie in die Brüche geht und dann, nach ein paar Jahren, das erneute Treffen der beiden. Das war’s. Und das dauert drei Stunden und ich wünschte, es wären fünf gewesen.

Ich weiß nicht genau, warum mir die Dialoge so gut gefallen habe, vor allem, weil ich sie ja quasi gar nicht verstanden habe, aber ich hätte gerade den beiden Damen ewig zuhören können. Oder Adèle und ihrem Freund. Oder Adèle und ihren Eltern, „Schwieger“eltern, den Freunden und Freundinnen der beiden, wem auch immer. Vielleicht höre ich Französisch auch einfach nur gerne. Sie reden über Bücher, Musik, Kunst, Reisen, Essen und die Liebe. Und wenn sie damit fertig sind, wird geküsst und geliebt und das genauso ausführlich, und auch hier hätte ich gerne weiter zugeschaut. Ich bin völlig vernarrt in den Mund von Adèle, und ich ahne, dass mir der Film auch deswegen so gut gefallen hat, weil ich der Frau schlicht gerne zusehe, ganz egal, was sie tut. (Außer essen, denn sie isst mit offenen Mund.)

Was mir außerdem sehr ans Herz ging: die Offenheit, die Zügellosigkeit, die Leidenschaft, mit der Adèle liebt und leidet. Jedes Gefühl wird ausgekostet, und das sieht man nicht nur, das spürt man. Ihr Satz „Ich habe keine Kontrolle darüber“, wenn sie sich nach Jahren der Trennung immer noch nach Emma verzehrt, klang überhaupt nicht nach Klischee, sondern nach tiefer, schmerzhafter Wahrheit. Wie das eben so ist, wenn man liebt.

Bechdel-Test bestanden: Aber hallo.

Museum Hours, Österreich/USA 2012
Regie und Drehbuch: Jem Cohen; Hauptdarsteller_innen: Mary Margaret O’Hara, Bobby Sommer

Website

Meh. Der hätte mir gefallen müssen. Es geht um einen Museumswärter im Kunsthistorischen Museum in Wien, der sich mit einer Besucherin aus Kanada anfreundet, die eine Verwandte besucht, die in einem Wiener Krankenhaus liegt. Dabei sprechen sie über Kunst, und der Film verknüpft Bilder des Museums mit Szenen außerhalb desselben.

Klingt toll, hat auch tolle Momente – aber zwischen diesen Momenten liegt bleierne Langeweile. Aber wie gesagt: tolle Momente. Eine Idee: den Ton der Audioguides, die ein Bild beschreiben, mit Bildern zu unterlegen, die gar nichts damit zu tun haben. Es entsteht ein ganz seltsamer Reiz, Dinge entdecken zu wollen, die nicht da sein können – und trotzdem sucht man nach ihnen. Darum geht es auch im Off-Text des Museumswärters, der erzählt, dass man immer Neues entdeckt in den Bildern, die einen tagtäglich umgeben. Er zählt ein paar Details eines Brueghel-Bilds auf: „… ein Knochen … ein zerbrochenes Ei …“, wir sehen diese Dinge, und ohne Übergang sind wir mit Bild und Ton außerhalb des Museums: „… ein verlorener Handschuh … eine Bierdose.“ Die Grundidee ist schnell klar: Wir sollten mit offenen Augen durch unseren Alltag gehen, um vielleicht Schönheit in ihm zu entdecken. Vielleicht hat sich Regisseur Cohen genau deshalb die belanglosesten Ecken von Wien ausgesucht, um dort minutenlang in einer Totalen zu verharren.

(Lustiger Nebeneffekt, Stichwort Flow: In La Vie d’Adèle streiten sich zwei Frauen darüber, ob Klimt oder Schiele jetzt toller wären – und in Museum Hours kündigt ein Plakat am Stephansdom eine Ausstellung mit Klimt und Schiele an. Ich mag sowas.)

Bechdel-Test bestanden: nein.

Die Trost-Bechdel: habe ich auch nicht anzubieten.

Our Nixon, USA 2013
Regie: Penny Lane

Website

Ich zitiere von der Website: „Throughout Richard Nixon’s presidency, three of his top White House aides obsessively documented their experiences with Super 8 home movie cameras. Young, idealistic and dedicated, they had no idea that a few years later they’d all be in prison. This unique and personal visual record, created by H.R. Haldeman, John Ehrlichman and Dwight Chapin, was seized by the FBI during the Watergate investigation, then filed away and forgotten for almost 40 years. Our Nixon is an all-archival documentary presenting those home movies for the first time, along with other rare footage, creating an intimate and complex portrait of the Nixon presidency as never seen before.“

Ich hatte mir ein bisschen mehr vom Film versprochen, denn die Aufnahmen sind weit weniger spektakulär als man vielleicht erwartet hatte. Aber: Zusammen mit den geheimen Tonaufnahmen aus dem Weißen Haus sind sie ein teilweise skurriles und größtenteils immer noch unglaubliches Dokument. Zu hören, wie Nixon darüber doziert, dass Sokrates und Aristoteles schwul waren und die letzten fünf römischen Kaiser auch und deswegen seien diese Weltreiche untergangen, während wir Bilder von Spatzen und Eichhörnchen auf dem Rasen des Weißen Hauses sehen, ist schon lustig. Leider weniger spannend, als ich es gerne gehabt hätte. Der Film bleibt schön brav in einer Zeitleiste, spickt die Super-8-Aufnahmen mit Nachrichten und Nixon-Werbespots aus der Zeit, aber das war’s dann. Ich mochte den Film trotzdem, denn ich bin immer noch fasziniert von dieser skrupellosen Präsidentschaft, und ich unterstelle immer noch allen Beteiligten, dass sie sich für unantastbar hielten. Genau deswegen ist der Film auch sehenswert. Man sollte sich ab und zu daran erinnern, dass niemand unantastbar ist.

Bechdel-Test bestanden: nein.

Die Trost-Bechdel: Der Film wurde von Regisseurin Penny Lane gedreht.

The Invisible War, USA 2012
Regie: Kirby Dick

Website

Ich zitiere wieder einmal (es ist 2 Uhr nachts und ich will schlafen!): „From Oscar and Emmy-nominated filmmakers Kirby Dick and Amy Ziering, The Invisible War is a groundbreaking investigation into the cover-up of rape in the U.S. military. Profoundly moving, the film follows the stories of several idealistic young servicewomen who were raped and then betrayed by their own officers when they courageously came forward to report. Both a rallying cry for the hundreds of thousands of men and women who’ve been assaulted and a hopeful road map for change, The Invisible War is one of those rare films so powerful it has already helped change military policy.“

Das hat er wirklich: „Secretary of Defense Leon Panetta viewed the film on April 14, 2012. On April 16, 2012, Secretary Panetta issued a directive ordering all sexual assault cases to be handled by senior officers at the rank of colonel or higher, which effectively ended the practice of commanders adjudicating these cases from within their own units. Panetta later told one of the film’s producers that watching The Invisible War contributed to his decision to revise this policy.“ (Link via Kai.)

Ich kann zu dem Film nicht viel sagen, außer dass er sehr schmerzhaft ist. Und immer wenn man denkt, jetzt kann nichts mehr kommen, packen die Opfer mit ihren Geschichten noch einen drauf, bis man sich, genau wie sie, nur noch ohnmächtig einem System ausgeliefert fühlt, in dem man anscheinend nicht gewinnen kann. Zwei Statistiken aus dem Film, die mit den geänderten Gesetzen hoffentlich Geschichte sind: 25% der attackierten Frauen zeigen ihren Vergewaltiger nicht an, weil ihr Vorgesetzter ein Freund des Täters ist. 30% zeigen ihren Vergewaltiger nicht an, weil er ihr Vorgesetzter ist.

Bechdel-Test bestanden: ja. Die vielen, verdammt noch mal zu vielen Frauen, denen Gewalt angetan wurde, reden im Laufe des Films teilweise miteinander und teilweise mit weiblichen Kongressabgeordneten. Wenn auch, ich traue es mich kaum zu sagen, über Männer.