Bücher im September 2012

Jürgen Trimborn – Ein Tag ist ein Jahr ist ein Leben

Biografie über Rainer Werner Fassbinder. Praktisch für mich, die noch nicht so viele Filme von Fassbinder gesehen hat: Jeder einzelne wird kompakt nacherzählt. Damit ist auch schon ein Großteil des Buchs rum, denn der gute Mann hat in 13 Jahren satte 40 Filme gedreht. Die Biografie liest sich so, als wäre dazwischen nicht so irre viel Zeit gewesen, weswegen die persönlichen Verhältnisse fast ein bisschen zu knapp wegkommen. Aber nur fast; die Grundhaltung Fassbinders zu seinem Leben und dem anderer wird deutlich genug. Seine ungezügelte Kreativität, seine Besessenheit, möglichst alles im ersten Take hinzukriegen, seine Themenauswahl, die so deutsch ist wie keine andere. Mir hat das Buch sehr gut gefallen, auch wenn ich die Sprache manchmal ein bisschen zu spröde fand für eine derartig schillernde Figur. Und es hat große Lust darauf gemacht, jetzt mal endlich die Fassbinder-Bibliothek durchzugucken.

Rona Jaffe (Susanne Höbel, Übers.) – Das Beste von allem

Das Buch wird mit einem Sticker auf dem Titelbild beworben: „Bekannt aus ‘Mad Men’. Don Drapers Bettlektüre“, worüber ich natürlich erstmal innerlich ablästerte. Anfangs fand ich es dann auch schräg, mich mit jungen Frauen in den 50er Jahren in New York und ihren ersten Schritten im Berufsleben zu befassen, aber unmerklich wuchsen mir die Damen ans Herz. Dazu trug sicher auch die schöne (neue) Übersetzung bei, die das 60 Jahre alte Buch sehr modern wirken lässt, ohne den Zeitkolorit völlig zu verleugnen. Natürlich stolperte ich über einige Dinge wie die brav ertragenen sexuellen Belästigungen von älteren Kollegen oder die Fixierung auf „Ich muss nicht lange arbeiten, nur bis ich einen Ehemann gefunden habe“, aber mit ein paar Folgen „Mad Men“ im Hinterkopf passt das schon alles. Ich bin wirklich selbst erstaunt darüber, dass mir das Buch gefallen hat, aber ja. Hat es. Sehr sogar.

(Leseprobe bei amazon.de.)

Martin Suter – Die dunkle Seite des Mondes

Herr Suter wurde mir von mehreren Kolleg_innen unabhängig voneinander empfohlen, und wer wäre ich, nicht auf meine schlauen Umgebungsmenschen zu hören. In Mondes geht es um einen Anwalt (schnarch), der sich eine junge Geliebte zulegt (schnarch) und mir ihr einen Pilztrip macht (äh … okay … weniger schnarch). Danach ist wenig wie zuvor, jedenfalls in seinem Kopf, und er tut Dinge, die er früher wahrscheinlich nicht getan hätte. Ab da wurde es für mich wieder schnarch; es treten nur Kerle auf bis auf die Exfreundin, die Geliebte und die Sekretärin (!), ansonsten gibt’s Testosteron und Kram, das man klischeeig mit Testosteron verbindet, im Überfluss (Jagden, große Anwaltskanzleien, harte Drinks, Rachegelüste, schnelle Autosssszzzz), und deswegen fand ich das Buch auch eher belanglos. Es war allerdings wirklich spannend geschrieben, und daher kriegt Herr Suter noch eine Chance.

(Leseprobe bei amazon.de.)

Arne Karsten – Bernini: Der Schöpfer des barocken Rom

Karsten ist studierter Kunstgeschichtler und Historiker und das merkt man dem Buch auch an. Als Biografie halte ich Bernini für grandios gescheitert, als Werk über das Papsttum, den Nepotismus, die Stadt Rom und ihre Bürger_innen im 17. Jahrhundert und als gute Unterhaltung für hervorragend gelungen. Über Bernini weiß ich kaum mehr als vorher, außer dass er vielleicht nicht gerade ein netter Mensch war. Dafür weiß ich jetzt, dass jeder neue Papst Rom und den Vatikan erst einmal in brachiale Unkosten stürzte, weil die Neuen sich künstlerisch verewigen lassen wollten und, ganz im Sinne der christlichen Nächstenliebe, sich um ihre Verwandten kümmerten, indem sie ihnen Posten und Pöstchen zuschoben, ganz gleich ob diejenigen dafür geeignet waren. Außerdem weiß ich jetzt mehr über die Verwaltung von Rom und Italien und die politische Grundhaltung sowie die Macht (oder den Mangel derselben) des Vatikans und dass Mussolini mit seinen Umbauten vor den Kolonnaden des Petersdom dessen Wirkung ziemlich ruinierte.

Zusätzlich hat mir Karsten einige ausgewählte Bauwerke oder Skulpturen Berninis mit klugen Beschreibungen und Interpretationen nähergebracht, und an viele von ihnen kann ich mich von meinem bisher einzigen Rombesuch erinnern, was aber nicht nötig ist, um sich von ihnen begeistern zu lassen. Der Haupteindruck, der mir geblieben ist: dass Bernini das Gesicht Roms entscheidend mitgestaltet hat und dass man dieses Gesicht noch heute sehen kann. Ich habe das Buch verschlungen, auch weil es sehr nahbar und komplett unwissenschaftlich geschrieben wurde, ohne mich aber für doof zu verkaufen. Wie gesagt: Eine gute Biografie ist es nicht. Aber ein wundervolles Buch.

(Leseprobe bei C.H. Beck.)

Markus Kavka – Rottenegg

Hm. Ich mag den Kavka ja. Ich mochte seinen Musikgeschmack zwar eher selten, aber ich hab trotzdem Viva Zwei geguckt, weil ich ihn halt mochte, ihn und seine lakonische Sprache, immer dieses halbe Grinsen im Gesicht, bei dem man nie wusste, ob er jetzt meinte, was er sagte oder nicht. Guter Mann. So ähnlich klingt Rottenegg, aber leider nicht ganz. Die Geschichte des Berliner VJs, der gefeuert wird und seine Freundin mit jemand anderem im Bett erwischt und sich daraufhin zum Wundenlecken ins oberbayerische Elternhaus zurückzieht, ist charmant und freundlich und der Kontrast zwischen dem Dauergekokse und der putzigen Ingolstädter Gesellschaft funktioniert. Aber dann passiert etwas, das mir persönlich einen Tick zu dick aufgetragen war. Auf einmal war klar, der Mann meint das doch ernst, und in dem Moment hätte ich gerne wieder das halbe Grinsen gehabt. Deswegen kriegt Rottenegg ein paar Sympathiepunkte, aber so richtig glücklich hat mich das Buch nicht zurückgelassen. (Ich würde aber trotzdem gerne ein weiteres Buch vom Kavka lesen wollen.)

(Leseprobe bei rowohlt.de.)

Martin Suter – Der Koch

Das war die zweite Chance für Herrn Suter, und so richtig genutzt hat er sie nicht. Im Koch geht es um einen Tamilen in der Schweiz, der als Spülhilfe arbeitet, aber hervorragend kochen kann. Eines Abends zaubert er seiner charmanten Restaurantkollegin ein erotisches Menü, woraufhin sie das Ganze sofort als Supergeschäft für Sextherapeut_innen anbietet. Schöne Idee, ein paar Restaurantgäste kommen auch noch vor, die tamilischen Freiheitskämpfer und ein paar weitere Menschen; ich hab alles brav gelesen, weil ich wissen wollte, wie es ausgeht, aber eigentlich war es mir genauso egal wie der pilzefressende Anwalt. Die Figuren hatten für mich alle eine halbgare Backstory und ein paar Adjektive, die sie grob skizzierten, aber keine Seele. Ich werde mit dem Suter nicht so recht warm, das ist mir alles zu knapp und huschhusch und schnell auf Pointe. Aber als Film sind seine Geschichten bestimmt toll.

(Leseprobe bei amazon.de.)

Hans Fallada – Jeder stirbt für sich allein

Ein großartiges Buch – und eins, das überhaupt keinen Spaß macht. Wäre auch etwas viel verlangt bei der Story: Ein älteres Ehepaar in Berlin erfährt, dass ihr Sohn gefallen ist. Aus Schmerz, Protest und dem Willen, menschlich zu bleiben, schreiben sie von 1940 bis 1942 Postkarten mit Botschaften gegen das Hitlerregime, die sie auslegen. Damit hoffen sie, eine Welle von Nachahmern zu schaffen, die sich ebenfalls gegen den Staat und seine Führung wenden. Im Buch treffen wir auch das verzweigte Umfeld des Paares, ihre Schwiegertochter, die nun keine mehr ist, ihre Nachbarn, Menschen, die die Karten finden, die Gestapo und die Menschen im Gefängnis und am Volksgerichtshof. Was jetzt kein Spoiler ist, denn der Tonfall macht recht schnell klar, dass dieses Buch kein gutes Ende haben wird. Ich kann nicht behaupten, dass es mir gefallen hat, denn dazu war es zu schmerzhaft; Fallada schrieb es bereits 1947, die Erinnerungen an die Nazizeit waren noch sehr frisch, und so liest es sich auch: sehr beklemmend, sehr klaustrophobisch, über allem und jedem schwebt die Angst, die in jeder Zeile fast körperlich spürbar ist. Gleichzeitig setzt das Buch den „kleinen Leuten“ Berlins ein Denkmal; die Sprache ist sehr oft wunderbarer Dialekt, den ich ein bisschen entziffern musste. Und ich habe festgestellt, dass ich in der Zeit, in der ich in Berlin gebucht war, in der Straße gewohnt habe, in der das literarische Paar lebte: die Jablonskistraße im Prenzlauer Berg. Ts.

Die Geschichte beruht auf dem wahren Fall des Ehepaars Hampel, die beide hingerichtet wurden.

(Leseprobe bei amazon.de.)

Stephan Thome – Fliehkräfte

Seit ich Thomes Grenzgang gelesen hatte, wartete ich auf sein neues Buch. Zu recht, denn Fliehkräfte hat mir noch besser gefallen als sein Erstling. Dieses Mal geht es um einen Universitätsprofessor, der nach 20 Jahren Ehe und mit einer erwachsenen Tochter über einen beruflichen Neuanfang nachdenkt. Das könnte auch daran liegen, dass er inzwischen alleine im Familienhaus sitzt, seine Frau wochenweise in Berlin arbeitet und Theater macht, seine Tochter in Portugal studiert und er selbst nicht so recht weiß, ob er die Familie überhaupt noch zusammenhalten kann oder will oder sich gerade alles auflöst. Auch hier hat mich die Sprache Thomes wieder begeistert; sie seziert, sie ist intim und gleichzeitig entwirft sie große Gedanken, die Dialoge – gerade zwischen den Eheleuten, die müde streiten und gar nicht streiten wollen – waren perfekt formuliert, voller Schmerz und Hoffnung und nie gleichgültig. Das Ende zieht sich für mich ein bisschen sehr, da hatte ich auf einmal das Gefühl, hier sollten noch ein paar Gedankensplitter aus dem Exposé untergebracht werden, aber die verlangsamten die Geschichte eher als dass sie ihr eine neue Tiefe gaben. Das verzeihe ich dem Buch aber gerne, auch weil es trotz einer klaren Hauptfigur niemals Partei für sie ergreift. Jede Stimme ist wichtig und wird gehört, und ich habe jede Stimme gerne gehört.

(Leseprobe bei amazon.de.)

Brigitte Hamann – Kronprinz Rudolf: Ein Leben

Sehr ausführliche Biografie über Sissis Sohnemann, der sich 1889 das Leben nahm. Traut man dem schmalen Buch gar nicht zu, was alles in ihm steckt, aber wir lesen über Rudolfs politische Einstellungen, Hoffnungen und Ideen sehr viel im O-Ton, denn Hamann zitiert gerne seitenlang aus Briefen und Tagebüchern. Zusätzlich bekommt auch seine intellektuelle Seite genug Raum, seine naturwissenschaftliche Neugier, seine Faszination mit der Ornithologie. Weswegen ich das Buch überhaupt gelesen habe: Mir ist erst mit der Wilhelm-II-Biografie aufgefallen, dass die beiden Herren, die die Geschicke von Deutschland prägten und die von Österreich prägen sollten, fast gleichaltrig waren (Rudolf wurde im August 1858, Wilhelm im Januar 1859 geboren). Die beiden waren sich zu Lebzeiten spinnefeind, weil Wilhelm mit Rudolf und dessen liberalen Ideen genauso wenig etwas anfangen konnte wie Rudolf mit Wilhelms Nationalismus, Antisemitismus und Tschingderassabumm. Im Nachhinein ist es sehr bedrückend, wenn man sich ausmalt, was passiert wäre, wenn Rudolf eine Chance gehabt hätte, Österreich zu führen und Wilhelms Vater, der nur wenige Monate regierte, bevor er an Krebs starb, das Deutsche Reich mit seinen liberalen Ideen hätte bewegen können.

(Alle Links, die zu amazon.de führen, sind Affiliate Links.)

Hachseufz

Wenn ich mal kurz das Vorlesungsverzeichnis Musikwissenschaft der LMU zitieren darf:

„Thematisiert werden die Grundlinien der Musikästhetik, von der Nachahmungsästhetik bis zur Romantischen Musikästhetik, und − jeweils exemplarisch anhand zentraler Komponisten und Werke − die wichtigsten Gattungen und Formen der Zeit: Da-capo-Arie, und Opera seria, Opernensemble und Opera buffa, Streichquartett, Klaviersonate und Streichquintett, Variationsform, Symphonie und Klavierkonzert.“

Oder das der Kunstgeschichte:

„Der Vielfalt der baukünstlerischen Strömungen und des sog. ‘Internationalen Stils’ in der Weimarer Republik steht die sog. ‘völkische Baukunst’ im NS-Regime kontrastierend gegenüber. In der Vorlesung sollen in einer chronologischen Abfolge sowohl die Gegensätze zwischen den beiden Phasen der deutschen Architektur als auch bestimmte Traditionslinien oder Herleitungsstränge erörtert werden, die beide Phasen wiederum miteinander verbinden. Grundlage der Vorlesung ist der historisch bedeutende Sachverhalt, dass Architektur und Politik in Deutschland zwischen 1918 und 1945 aufs Engste miteinander verwoben waren.“

Ach Kinnings, das wird so großartig. Jetzt darf ich mich ja endlich RICHTIG auf die ganzen Kurse freuen und sie nicht nur theoretisch im Vorlesungsverzeichnis anhimmeln.

Wie man sich mal eben in München immatrikuliert

Montag, 6. August, Hamburg

Eine Studienplatzzusage aus Dresden! Ich fasse mein Glück kaum, schreibe wie wild Mails und DMs und freue mir einen Wolf. Ich hatte mich in vier Städten beworben und ehrlich gesagt mit keiner einzigen positiven Antwort gerechnet, da mein Abischnitt für die jeweiligen internen NC zu schlecht ist. Völlig egal, ich habe einen Studienplatz! Theoretisch. Denn ich muss neben dem beglaubigten Abiturzeugnis auch meine Exmatrikulation aus Hannover vorlegen; Bremen scheint egal zu sein. Bei den Bewerbungen hatte ich brav angegeben, schon einmal in den beiden Städten studiert zu haben, und das hätte Dresden jetzt gerne belegt. Hm.

Bei meinem letzten Umzug 2004 hatte ich deutlich mehr Zeug als Kisten und so nahm ich brav alles unter die Lupe, was ich einpackte. Darunter auch mein gelbes Studienbuch der Uni Hannover, in das ich schon ewig nicht mehr reingeguckt hatte. Der letzte Schein war wahrscheinlich von ungefähr 1994, danach habe ich die Uni nicht mehr von innen gesehen, die letzte Einheftung war die Exmatrikulation von 2000. Ich wusste nicht, wozu ich den Quatsch noch mal brauchen sollte – und warf es weg. An diesen Augenblick werde ich mich in den nächsten sechs Wochen noch sehr oft erinnern.

Aber so ein Schrieb sollte ja kein Problem sein. Bevor ich die Uni Hannover anrufe, frage ich meine Eltern, die deutlich lieber und länger als ich Zeug aufheben – ob sie noch irgendwas von meiner Unizeit hätten, am besten eine Matrikelnummer? Das würde die Bearbeitung wahrscheinlich deutlich erleichtern. Mein Mütterchen ruft zehn Minuten später wieder an: „Ich habe hier deine Exmatrikulation, da steht deine Matrikelnummer drauf. Warte, ich diktiere …“ Ich so: „Waaaah, großartig, herschicken, dankedankedanke!“ Mama freut sich, wenn Töchterchen sich freut, und zwei Tage später habe ich meine Exmatrikulation im Briefkasten. Dresden, ich komme.

(Im Nachhinein bin ich stolz darauf, nie mein Abiturzeugnis weggeschmissen zu haben. Und: Ich wusste sofort, wo es ist.)

Freitag, 10. August, Hamburg

Ein Brief aus München informiert mich darüber, dass ich auch bei der Ludwig-Maximilians-Universität einen Studienplatz hätte. Aus vielerlei Gründen – über einige schrieb ich schon mal – freut mich das zwar, aber eigentlich hatte ich mich schon für Dresden entschieden. Über das Bayreuth-Wochenende neige ich aber immer mehr zu München und schwanke und grübele hin und her.

Mittwoch, 15. August, Hamburg

Eine Mail der Universität Hamburg sagt mir, dass ich nun noch eine dritte Auswahlmöglichkeit habe. Das ist toll, aber ich neige immer noch sehr stark zu München. Bleibt nur noch ein kleines Problem, nämlich das der Immatrikulation. Für ein Studium in Hamburg oder Dresden hätte meine Exmatrikulationsbescheinigung sowie eine beglaubigte Kopie des Abiturzeugnisses gereicht, um mich einzuschreiben. München nimmt es etwas genauer: Sie würden gerne einen, O-Ton, „vollständigen Studienverlauf“ sehen. Urks.

Ich rufe bei den Unis in Bremen und Hannover an und frage nach einem vollständigen Studienverlauf. Kein Problem, bitte schriftlich anfordern und einen frankierten Rückumschlag dazulegen, ist in drei bis vier Wochen da. Noch mal urks, denn ich habe keine drei bis vier Wochen, sondern nur noch knapp zwei. Meine vorgeschriebene Zeit zur Immatrikulation ist der 24. bis 29. August. Hm. Wird wohl doch Hamburg werden. Ich trauere um einen Studienplatz, den ich noch nie hatte, aber: Ganz aufgegeben habe ich noch nicht.

Donnerstag, 16. August, Hamburg

Mittwoch war Feiertag in München, daher kann ich erst jetzt bei der Uni anrufen und fragen, ob ihnen eine Exmatrikulation als Nachweis reiche. Da stünden ja auch meine Fächer drauf und wie lange ich da war. Der freundliche Mensch am Telefon bejaht, ich fiepse vor Freude, stelle mich seelisch auf München ein und warte auf meinen Immatrikulationstermin. Ich bin zwar etwas nervös, denn ich nehme es schließlich nicht nur mit Bürokratie auf, sondern mit bayerischer Bürokratie, aber wenn der freundliche Mensch am Telefon doch gesagt hat … meine ganze Umgebung ist auch super entspannt. Ich werfe trotzdem zwei Briefe an zwei Unis in den Briefkasten, man weiß ja nie. Auf die Nachfrage, ob Vorbeikommen in Hannover und Bremen nicht auch möglich wäre, heißt es bei beiden Unis, nee, bloß nicht, wir haben gerade Immatrikulation. Ach was. (Um mal die Pointe der Geschichte vorwegzunehmen: JETZT wäre der Zeitpunkt gewesen, trotzdem hinzufahren, auch wenn man vielleicht gerade etwas ungelegen kommt.)

Montag, 27. August, München

Meine Nervosität bestätigt sich leider: Obwohl ich – gefühlt als einzige in der Schlange von 20-Jährigen – alle erforderlichen Kopien von den vorzulegenden Originalen habe, reicht meine Exmatrikulation nicht. Auf ihr sind zwar meine *hust* 21 Hochschulsemester verzeichnet, aber von denen habe ich nur 16 in Hannover zugebracht. Dass ich davor in Bremen war, kann ich nicht nachweisen. Ich könnte auch Kunstgeschichte in München studiert haben und durch zig Prüfungen gefallen sein. Mein zaghafter Einwand, dass es den Bachelor 1989 noch gar nicht gab, zählt nicht. Alle sind sehr nett und verständnisvoll, bleiben aber knallhart bei den Belegen. Ich muss Bremen nachweisen, sonst ist der Platz weg. Aber sie verlängern meine Einschreibefrist bis zum 28. September. Genug Zeit also, um auf die Belege zu warten, die ich ja brav angefordert habe. Der Leiter des Sekretariats meint noch, ich solle mir keine Sorgen machen, der Platz sei mir sicher.

Dienstag, 28. August, Hamburg

Der Platz ist mir sicher, ich lasse die Einschreibefrist für Dresden verstreichen.

Mittwoch, 29. August, Hamburg

Der Platz ist mir sicher, ich lasse die Einschreibefrist für Hamburg verstreichen.

Donnerstag, 30. August, Hamburg

Ein Brief von der Uni München, in dem steht, dass sie meine Immatrikulationsfrist verlängern – bis zum 5. September. … Äh. … WATZEFACK?

Freitag, 31. August, Hamburg

Ich verbringe drei Stunden am Telefon, um die zuständige Sachbearbeiterin ans Telefon zu bekommen, die den Schrieb von gestern unterzeichnet hat. Um kurz nach 12 erfahre ich, dass die Dame heute gar nicht im Haus ist. Ich könne ihr aber gerne ein Fax schicken, auf dem ich mein Anliegen darlege, dann habe sie das Montag schon vorliegen, wenn ich noch mal anrufe. Nein, per Mail ginge das leider nicht. Ich schreibe mein Anliegen auf, drucke es aus, fahre drei Stationen mit dem Bus zum nächsten Copyshop und verschicke ein Fax.

Montag, 3. September, Hamburg

Ich verbringe drei Stunden am Telefon, um die zuständige Sachbearbeiterin ans Telefon zu bekommen. Um kurz nach 12 erfahre ich, dass die Dame heute gar nicht im Haus ist. Ich rufe meine Eltern an und bitte sie, ihr gesamtes Haus auf den Kopf zu stellen, ob sie noch IRGENDWAS aus Bremen finden würden, das ich notfalls in zwei Tagen in München vorlegen könnte. Ich rufe meine alte Krankenkasse an und frage nach den damaligen Belegen, die man ja immer abgeben musste. Antwort: Nix mehr da, wird alles nach zehn Jahren vernichtet.

Gegen 18 Uhr ruft meine Mama an, sie hätte unfassbarerweise noch zwei Immatrikulationsbescheinigungen gefunden – und sie könnte mir ihre Steuererklärungen von 1989 bis 1991 mitgeben, in denen ich als Studentin geführt werde. Dafür mussten meine Eltern damals Bescheinigungen abgeben, die offensichtlich anerkannt wurden. Meine Eltern haben zusätzlich noch ihren alten Steuerberater aus dem Ruhestand gescheucht und ihn nach Unterlagen gefragt. Er meinte, auch das Finanzamt hebe den Kram nur zehn Jahre auf.

Ich eile zum Bahnhof und setze mich in den nächsten Zug nach Hannover, wo mein Vater am Bahnsteig auf mich warten soll, damit ich gleich den nächsten Zug wieder nach Hamburg zurücknehmen kann.

Um 20.33 Uhr hält mein Zug auf Gleis 4. Ich sprinte zu Gleis 7, wo Papa oben am Bahnsteig auf mich warten soll. Erster Treppenaufgang – kein Papa Gröner. Zweiter Treppenaufgang – kein Papa Gröner. Ich rufe ihn an: „WO BIST DU?“ Er so: „UNTEN!“ Ich so: „KOMM RAUF!“ Lautsprecherdurchsage so: „ICE xyz nach Hamburg-Altona, bitte steigen Sie ein …“ Ich schicke flehende Blicke zum Zugpersonal, das schon in den Türen lehnt, renne Papa entgegen, der mit 75 immer noch recht flink ist, aber nicht mehr so flink, entreiße ihm die Dokumente und springe in den Zug. „… die Türen schließen jetzt. Vorsicht bei der Abfahrt.“ Um 20.36 Uhr setzt sich der Zug in Bewegung und ich bestelle erst mal Alkohol. Vor mir liegen zwei Immatrikulationsbescheinigungen von 1989 und 1990 mit Uni-Bremen-Signet und dem Beweis, dass ich anscheinend nicht Kunstgeschichte studiert habe. Ich möchte allerdings auch nicht mehr auf die Schnapsidee, Deutsch und Geschichte für das höhere Lehramt zu studieren, angesprochen werden.

Dienstag, 4. September, Hamburg

Ich verbringe eine Stunde am Telefon, um die zuständige Sachbearbeiterin ans Telefon zu bekommen. Unfassbarerweise erreiche ich sie irgendwann, und sie ist ziemlich pissig. Warum ich denn dauernd anrufen würde, mir wäre doch mündlich zugesichert worden, bis zum 28. Zeit zu haben. Ich denke so, fuck mündlich baby, frage aber trotzdem noch mal freundlich nach einer erneuten Bestätigung, worauf sie fassungslos meint, der Brief sei doch schon längst korrigiert und unterwegs und ich solle mir doch bitte keine Sorgen machen. Sie wünscht mir alles Gute und legt auf.

Mittwoch, 5. September, Hamburg

Ein Brief von der Uni München, in dem steht, dass sie meine Immatrikulationsfrist bis zum 28. September verlängern. Ich beginne, viel zu trinken.

Donnerstag, 13. September, Hamburg

Ich frage telefonisch in Hannover und in Bremen nach, wie das denn so mit den angeforderten Dokumenten sei. In Hannover behauptet man, irgendwer würde ich da schon drum kümmern, wenn ich alles brav schriftlich angefragt hätte. Nein, bloß nicht vorbeikommen. In Bremen sagt man mir, da kümmert sich zurzeit niemand drum, das Sekretariat für Studierende sei seit Wochen und bis zum 15. nicht besetzt, weil gerade Immatrikulation sei. Nein, bloß nicht vorbeikommen. Aber eine Mail könnte ich zusätzlich noch schicken. Ich schicke eine Mail, trinke viel und schlafe schlecht.

Freitag, 20. September, Hamburg

Ich warte seit fünf Wochen auf Belege und ahne, dass keine mehr kommen werden. Ich kopiere die Steuerunterlagen meiner Eltern und frage auf Twitter, ob irgendjemand irgendjemand an der Uni Bremen kennt. Keine Ahnung, was das bringen soll, aber mir fällt nichts mehr ein. Im Internet suche ich die Öffnungszeiten der jeweiligen Sekretariate heraus. Bremen ist Montag und Mittwoch vormittags für mich da, Hannover quasi immer. Ich kann keine Nacht mehr durchschlafen.

Montag, 24. September, 9.30 Uhr, Bremen

Da ich eine ewig lange Schlange vor dem Sekretariat erwarte – schließlich ist gerade Immatrikulation –, nehme ich einen frühen Zug aus Hamburg und bin um 8.23 in Bremen. Die Tramfahrt zur Uni dauert 15 Minuten, bis ich das Sekretariat gefunden habe, vergehen noch einmal 40. Das Gebäude ist nicht ausge- oder beschildert, die zehnte Person, die ich nach der Richtung frage, hat Recht, und ich entdecke innen im Halbdunkel hinten im Gang ein Schild, auf dem „Sekretariat für Studierende“ steht. Dort wartet mit mir ein einziger junger Mann vor den vier Türen, über denen ein rotes und ein grünes Licht darauf hinweisen, ob man eintreten darf oder nicht. Für den jungen Mann wird es grün, als ich neben ihm Platz nehme, für mich eine Minute später. Im Büro fragt mich die Sachbearbeiterin nach meiner Matrikelnummer, ich zücke die Kopie meiner alten Immatrikulationsbescheinigung – das Original liegt in 17 Sichthüllen verpackt zuhause und ich vergewissere mich jeden Abend, dass es noch da und nicht zu Staub zerfallen ist –, die Dame tippt, druckt und reicht mir nach nicht einmal drei Minuten meinen Studienverlauf, meine Exmatrikulation (kann ja nicht schaden) und als Bonus noch einen Bescheid für die Rentenkasse über den Tisch. Drei. Verdammte. Minuten.

Montag, 24. September, 11.30 Uhr, Hannover

Der IC nach Hannover fährt fünf Minuten, nachdem ich am Bahnhof ankomme. In Hannover gehe ich zum Hauptgebäude durch den Haupteingang und steuere direkt auf ein Riesenschild „Servicecenter“ zu. Dort trage ich mein Begehr vor, bekomme eine Wartemarke, setze mich und gehe nach zehn Minuten ins Nebenzimmer zu dem Schreibtisch, auf dem „Immatrikulationsamt“ steht. Dort sagt man mir, dass ich leider nicht mehr im System erfasst bin, weil meine Studienzeit schon zu lange her sei. Man würde aber im Archiv nach mir suchen und könne mir den Studienverlauf gerne zuschicken, das dauere ein paar Tage. Aber da würde auch nicht mehr draufstehen als jetzt schon auf der Exmatrikulation, und die habe ich ja. Misstrauisch verlasse ich das Sekretariat, und erst im Zug fällt mir ein, ich hätte ja mal nach einer Bescheinigung fragen können, dass ich dagewesen sei und dass das Zeug noch kommt. Zu spät.

Dienstag, 25. September, Hamburg

Ich beginne einen epischen Blogeintrag, in dem ich über meine lustigen Immatrikulationserlebnisse berichte. Ich kann nicht schlafen und glaube, mit dem Blogeintrag die Götter herausgefordert zu haben. Ich werde bestimmt nicht immatrikuliert.

Mittwoch, 26. September, München

Die schon bekannte Strecke, Flughafen, S8, Marienplatz, U3, Station Giselastraße, die Schlange für die Zweiteinschreiber. Ungefähr vier Plakate alle zehn Meter brüllen mir entgegen: „HABEN SIE WIRKLICH ALLE KOPIEN DABEI?“ Ich verneine innerlich und füge mich in mein Schicksal.

Nach zehn Minuten Wartezeit darf ich eintreten und bekomme den gleichen Tisch zugewiesen wie beim letzten Mal. Heute sitzen da aber keine zwei Mädels, von denen die eine ständig die andere fragt, ob das so richtig sei, sondern ein junger Mann, der ein bisschen den Eindruck vermittelt, schon alles gesehen zu haben.

„Ich bräuchte den Online-Immatrikulations-Antrag und den Personalausweis … dann den Nachweis für die Krankenkasse … dann Ihr Abiturzeugnis … dann die Zulassungsbescheide für Haupt- und Nebenfach … Sie haben schon mal studiert, sehe ich gerade … haben Sie ein Abschlusszeugnis? “

Ich so innerlich Nelson-Ha-ha, äußerlich: „Nein, ich habe nicht abgeschlossen.“

Er so: „Okay, dann bräuchte ich die Exmatrikulation aus Hannover … und aus Bremen … hm … in Ihrem Antrag haben Sie fünf Semester Bremen angegeben, ich sehe hier aber nur vier …“

„Da habe ich mich blöderweise verzählt, ist lange her.“

„Stimmt. Gut. Hm. Hier steht, dass Sie Ihr Studium in Bremen im Sommersemester begonnen haben?“

„Nee, da hat sich Bremen verschrieben. Ich hab hier noch eine alte Immatrikulationsbescheinigung, da steht, dass mein erstes Semester das Wintersemester war. Brauchen Sie davon eine Kopie?“

„Nein, ich seh’s ja … Haben Sie einen Studienverlauf aus Bremen dabei? … Danke …“

Und in dem Moment bin ich sicher, ich bin raus, denn jetzt kommt bestimmt die Frage nach dem Studienverlauf in Hannover, und den habe ich nicht und ich bin raus und wieso musste ich diesen Scheißblogeintrag vorschreiben? Aber:

Die Frage kommt nicht.

Der junge Mann greift zum Stapel der grauen Mappen neben sich, auf denen „Studienunterlagen“ steht und auf die ich schon seit Minuten hypnotisiert starre. Er zuzzelt einen Aufkleber aus einer langen Reihe Aufkleber, tippt die Nummer in den Rechner und klebt den dazu passenden Aufkleber auf ein Schriftstück, das er mit mehreren anderen in die Mappe legt. Ich halte inzwischen den Atem an, und da meinte der junge Mann, dem ich eigentlich in wenigen Sekunden einen Heiratsantrag machen wollte:

„Moment … ich muss mal eben was fragen gehen.“

Das war’s. Das waren genau die Worte, die letztes Mal der Anfang vom Ende waren. Der junge Mann geht raus und sucht nach jemandem mit mehr Ahnung, der oder die wird sofort bemerken, dass noch was fehlt und ich darf wieder nach Hause fliegen. Ich sitze stocksteif auf dem Stühlchen vor dem Tischchen mit dem Rechner und werde zum Chamäleon. Bloß nicht auffallen. Ich gehöre hierher, ich bin sowas von Unimaterial München, ich werde eins mit dem verdammten Büro.

Der junge Mann kommt mit einer Dame im Schlepptau wieder, die er mit dem Namen anspricht, der unter dem ersten Brief mit dem falschen Verlängerungsdatum stand. Ich setze mein bestes „Ich liebe euch doch alle“-Gesicht auf. Der junge Mann so: „Die Dame ist schon im Rechner erfasst …“ Die Sachbearbeiterin freundlich: „Ja, weil die Dame schon mal hier war und … (sie wirft einen Blick auf meinen Stapel Unterlagen) … anscheinend eine Verlängerung von uns bekommen hat. Wie schön.“

Ich so (piepsig): „Ja, total schön.“ (Fresse, Gröner.)

Der junge Mann nickt, tippt noch irgendwas ein, die Sachbearbeiterin verschwindet, und dann lehnt sich mein zukünftiger Gatte und Gebieter über den Tisch, reicht mir den Ordner mit den Studienunterlagen, erklärt mir, was da drin ist und begrüßt mich an der Universität München. Ich piepse nur „Dankeschön“ und renne so schnell wie möglich aus dem Gebäude, bevor sie es sich noch mal anders überlegen.

Donnerstag, 27. September, Hamburg

Post aus Hannover: Mein Studienverlauf ist da. Ich glaub, den schmeiß ich weg. Brauch ich garantiert nie wieder.

Links vom 25. September 2012

Die Fernsehsaison in den USA ist gestartet. Zeit für den Serienplaner der Serienjunkies, auch wenn nicht alle meine Lieblinge dabei sind. Ich vermisse zum Beispiel „Go On“ mit Matthew Perry, das mir bis jetzt ganz gut gefällt.

Die Reise von Konstantin ist leider vorbei. Danke fürs Queen-Mary-2-Reisetagebuch.

Galerie der schönsten Emmy-Kleider, nach Farben sortiert. Archie Panjabi! Hayden Panettiere! Kiernan Shipka!

Orangenkuchen

Der Orangenkuchen gehört seit Längerem zu meinem ständigen Repertoire, wenn mir nichts einfällt, was ich backen könnte, wenn der Herr des Hauses Sonntagnachmittag sein Kuchenböckchen ausquengelt. Das Rezept stammt von Pastasciutta, die ihn in einer Springform backt. Ich nicht, da bin ich eigen – Rührkuchen gehört in eine Kastenform.

250 g zimmerwarme Butter mit
250 g Zucker schaumig schlagen. Nach und nach
4 Eier dazugeben plus
250 g Mehl,
1 TL Backpulver und
1 Prise Salz.

Von 3 Bio-Orangen die Schale abreiben, 1 Teelöffel davon beiseite stellen, den brauchen wir für den Guss. Eine Orange auspressen und 7 EL Orangensaft plus die abgeriebene Schale ebenfalls in den Teig geben.

Alles in die gebutterte Form und dann für ungefähr eine Stunde in den auf 180° vorgeheizten Ofen. Nach dem Auskühlen kommt der schon angesprochene Guss oben drauf, den man aus

250 g Puderzucker,
3 EL frisch gepressten Orangensaft und dem zurückbehaltenen
1 TL Orangenzesten herstellt.

Tarte Tatin

Äpfel, Zimt, Karamell, Mürbeteig. Es wird Herbst, ich brauche was Warmes.

Das Rezept stammt von hier, wo deutlich mehr Phasenfotos zu sehen sind. Die braucht man aber eigentlich kaum, denn die Tarte ist sehr einfach zu machen. Gibt eigentlich nur einen Moment, der ein bisschen knifflig ist, aber dazu später. Erstmal machen wir Teig, der für eine Pfanne mit circa 23 Zentimeter Durchmesser reicht. Ach ja, wir brauchen eine ofenfeste Pfanne.

150 g Mehl mit
90 g kalter Butter, in kleinen Stücken,
1 TL Salz,
1 EL Zucker und
60 ml kaltem Wasser

im Zerkleinerer oder mit dem Mixer zu Bröseln verarbeiten. Diese dann blitzschnell mit kühlen Händen zu einem Teig kneten; nicht zu lange damit aufhalten, denn dann wird alles eine klebrige Masse. Den Teig grob flachpatschen und die Teigscheibe in Klarsichtfolie eingeschlagen im Kühlschrank parken. Den Ofen auf 175° vorheizen.

6 säuerliche, feste Äpfel, dürfen auch mehr sein, schälen, vom Kerngehäuse befreien und vierteln. Die müssen weder ins Wasser noch mit Zitronensaft beträufelt werden; selbst wenn sie braun werden – das merkt man später eh nicht mehr. Aber viel Zeit zum Braunwerden haben sie sowieso nicht.

In der Pfanne, die nachher in den Ofen kommt,
90 g Butter bei mittlerer Hitze schmelzen. Dann
100 g Zucker (ich habe braunen genommen) dazugeben, alles ein bisschen schwenken,
1 Zimtstange dazuwerfen und alles köcheln lassen, bis es goldbraun ist. Dauert nicht lange. Dann die geviertelten Äpfel dicht an dicht in einem hübschen Muster in die Pfanne legen. Vorsicht, heißes Butterkaramell. Nicht zu schwungvoll. Die Äpfel in der Sauce circa 15 Minuten vor sich hinkochen lassen. Durch die Hitze werden die Früchte kleiner, daher: Wenn noch Äpfel da sein, einfach später dazugeben. (Bei mir sind eindeutig zu wenige Früchte in der Pfanne, aber mehr waren halt nicht da. Immer dieses Spontankochen.)

Während die Äpfel kochen, den Teig aus dem Kühlschrank holen, auf Pfannengröße ausrollen und wieder in den Kühlschrank packen. Nach 15 Minuten die Pfanne vom Feuer nehmen und die Teigdecke auflegen. Das muss nicht hübsch sein, denn der Teig landet zuunterst auf dem Teller. Die Ränder sollten nicht am Pfannenrand hochklettern, es sollte alles möglichst eben sein.

Die Pfanne in den vorgeheizten Ofen geben und alles 30 Minuten backen lassen, bis die Kruste goldig ist. Das waren bei mir eher 40 Minuten, weswegen meine Tarte recht dunkel geworden ist. Rausnehmen und dringend zehn Minuten abkühlen lassen (nicht viel länger, denn dann wird das Karamell fest). Jetzt kommt das einzig Schwierige am Rezept: das Umdrehen der Pfanne. Hier gilt: no fear. Einen Teller auf die Pfanne geben, festdrücken und alles mit Schwung und ohne zu zögern umdrehen. Die Karamellsauce riecht deine Angst und quillt dir sofort entgegen, wenn du Schwäche zeigst. Sei Ironman! Oder Woman! Und dann sei Süßschnäbelchen, entferne die Zimtstange und servier die Tarte noch lauwarm. Vanilleeis passt dazu, muss aber nicht.

Ich mein ja nur

(Ein paar Ergänzungen zu PatschBellas Ratschlagsammlung, die sie zu ihrem Geburtstag bekommen hat. Jedenfalls hätte ich diese Ratschläge gerne gehabt, als ich noch in den Zwanzigern steckte.)

1. Du musst nicht auf diese blöden Unipartys gehen. Oder auf die blöden Arbeitspartys. Oder überhaupt auf blöde Partys. Es ist völlig in Ordnung, zuhause auf dem Sofa zu sitzen und ein Buch zu lesen. Und du musst dich auch nicht dafür rechtfertigen, nicht auf Partys gehen zu wollen. Dir entgehen allerdings eventuell ein paar One-Night-Stands.

2. Menschen, die gut küssen, können auch andere Dinge gut. Wenn du nicht gut geküsst wirst, kannst du dir den Rest gleich schenken.

3. Egal wie viele Flaschen Wein, Bier oder Wodka du intus hast – zum Abschminken und Zähneputzen ist immer Zeit, bevor du ins Bett fällst.

4. Du wirst nie so viel über die Menschheit und ihre Eigenarten lernen wie als Kellnerin und Barkeeperin in einer Kneipe, die bis morgens um 5 geöffnet hat. Aber du solltest da nicht zu lange bleiben.

5. Was du als selbstverständlich ansiehst, könnte ein Talent sein. Vor allem, wenn dir deine Freunde sagen, dass es eins ist. Glaub ihnen einfach mal.

6. Beweg dich, weil es dir Spaß macht, nicht weil es Kalorien verbrennt. In diesem Zusammenhang: Kalorien verbrennen macht nie Spaß und wird sehr überbewertet.

7. Wenn dir jemand mehr als einmal weh tut, wird er oder sie es immer wieder tun. Schmeiß ihn oder sie aus deinem Leben. Auch wenn das noch mal weh tut.

8. Freunde oder Geliebte kommen genau dann, wenn man es nicht darauf anlegt und nicht damit rechnet. Manche Freundschaften halten ewig. Andere hören einfach irgendwann auf. Beides ist völlig in Ordnung.

9. Frag deine Eltern, wie sie sich kennengelernt haben. Bitte deine Omi um dein Lieblingsrezept und schreib es auf. Schreib überhaupt viel auf.

10. Das Leben packt dir nie mehr auf die Schultern, als du tragen kannst.

Und:

11. WIRF DEINE UNI-UNTERLAGEN NICHT WEG!

< quote >

„Eines der Hauptreiseziele des jungen Kronprinzen war Bayern. Er besuchte hier seine Schwester Gisela, traf die bayrischen Verwandten seiner Mutter und selbstverständlich auch König Ludwig II. Die enthusiastische Zuneigung des exzentrischen Königs zu dem jungen Verwandten erregte Aufsehen, hatte sie doch einen starken politischen Unterton. Denn Ludwig, der an der Seite Österreichs 1866 von Preußen besiegt worden war und 1871 an der Seite Preußens seine Selbständigkeit verlor, wich mit Beharrlichkeit jeder Begnung mit dem deutschen Kaiser aus, verließ sogar München, als das deutsche Kronprinzenpaar sich dort aufhielt. Mit Rudolf dagegen demonstrierte er innige Freundschaft, fuhr ihm entgegen, begleitete ihn auf der Rückreise ein gutes Stück, sprach sich ihm gegenüber ‘sehr gut österreichisch’ aus, eine deutliche Spitze gegen Berlin. Schließlich bot Ludwig Rudolf, der an Musik kaum interessiert war, das Höchste, was er sich vorstellen konnte: Wagnermusik, in Privatvorstellungen nur den beiden ungleichen Freunden dargeboten.

In seiner Verachtung für Berlin und seiner Liebe zu Kaiserin Elisabeth und Kronprinz Rudolf verstieg sich Ludwig II. sogar so weit, Rudolf Bayern zu versprechen: ‘Ich hänge an Niemandem so fest und treu wie an Dir, und so ist es mein großer Wunsch, daß Du nach meinem Tode dereinst Bayern erhälst.’“

Brigitte Hamann, Kronprinz Rudolf: Ein Leben

Ein filmisches Dankeschön …

… an Anna, die mich mit Katja Eichingers Biografie ihres Mannes überraschte: BE. Ich bin momentan wieder verstärkt auf dem Biografientrip (wo ich schon einmal war und anscheinend gerne wieder hinkomme); vor ein paar Tagen habe ich die Lebensgeschichten von Fassbinder und Bernini durchgelesen und gerade jetzt lese ich die Biografie von Kronprinz Rudolf. Vielen Dank für das passende Geschenk, ich habe mich sehr gefreut.

Links vom 17. September 2012

Die FAZ sagt uns, was es heißt, ein Mann zu sein – am Beispiel von Christian Wulff. Ich hätte in der Überschrift gerne gelesen, was es heißt, ein Mensch zu sein, denn den Artikel finde ich sehr spannend. Ich weiß nur nicht, warum all das, was in ihm steht, nicht auch für Frauen gelten soll.

„Von heute aus wirken die neun Jahre, in denen Christian Wulff dreimal versucht hat, Ministerpräsident von Niedersachsen zu werden, wie das Beharren eines Mannes, dem die Idee fehlte, was er sonst werden könnte. Er wurde es dann doch noch, als Gerhard Schröder nach Berlin weitergezogen war. Schröder war ein Mann, der es wie Helmut Kohl und Joschka Fischer verstanden hatte, sich die Organisation zum Instrument zu machen. Bei Christian Wulff war es immer anders herum.“

Die geschätzte Frau PatschBella hatte gestern Geburtstag und wünschte sich Ratschläge. Mein bisher liebster kommt (natürlich) von Frau Kaltmamsell:

„Rat ist schwierig, weil Menschen derart verschieden sind.
Vielleicht hin und wieder ein kleines Spiel spielen: Stell dir vor, du blicktest als alte Frau zurück auf dein Leben. An welchen Erinnerungen würdest du dich am meisten freuen? Zeit, die du mit Freunden verbracht hast? Der Tag, an dem du endlich CvdJ wurdest (Chefin von det Janze)? Wie dein jüngster von fünfen endlich zu sprechen anfing? Die mühsame Durchquerung der Wüste Gobi per Pferd? Die Stunden, in denen du einfach nur von den Bergen ins Tal schautest?
Genau davon solltest du halt viel machen.“

Mein liebstes Kuschelnetzwerk Path hat ein wunderschönes 404.

Welche deutschen Worte haben sich weltweit durchgesetzt? Via @ShitGermansSay.

Wenn Sie die nächsten 135 Tage noch nichts vorhaben, können Sie jeden Tag ein Kapitel Moby Dick vorgelesen bekommen, unter anderem von Stephen Fry und Simon Callow.

„For the project, famous figures like Tilda Swinton, John Waters, China Miéville, Benedict Cumberbatch and even UK Prime Minister David Cameron will read sections of the novel aloud to be posted online, creating a delightfully patchwork audiobook. The project will post one new chapter per day — so welcome to your new morning ritual for the next 135 days — along with complementary artwork from a variety of contemporary artists.“

Flavorwire, The Guardian.

Stasis

Einer dieser Tage. Dieser lange ruhige Fluss, der nicht lang ist, sondern zu lang, der nicht ruhig ist, sondern zäh, der dich nicht weitertreibt, sondern in die Tiefe zieht. Einer dieser Tage. Meine Immatrikulation erweist sich als schwieriger als jedes Studium, und ich traue mich nicht, darüber zu bloggen, sondern twittere bloß Fetzen, aus Aberglaube, dass es doch nicht klappt, dass ich doch nicht studieren darf, lernen darf, Neues sehen darf, dass ich stattdessen weiterhin 40 Stunden in der Woche auf Monitore und in Briefings schaue, die mir nur deswegen nicht egal sind, weil sie die Miete zahlen. Einer meiner Herzmenschen gleitet ab und zu in eine Art Depression, er nennt sie nicht so, ich nenne sie so, und ich komme in diesen Tagen nicht an ihn heran, bleibe auf Armeslänge entfernt, kann ihn nicht gesundlachen und glücklichkuscheln, kann nichts tun als es auszusitzen, so wie ich meine Immatrikulation aussitze, weil ich auf Unterlagen von Universitäten warte, die ich zum letzten Mal vor über 20 Jahren von innen gesehen habe, aber genau das will die Münchner Uni bestätigt haben, und ich kann nichts tun außer warten; ich schrieb einen Brief und bat um die Unterlagen, und das ist vier Wochen her und seitdem warte ich und warte und warte und bastele schon meinen Stundenplan, ohne einen Studienplatz zu haben und wache jede Nacht gegen 3 auf und grübele, was ich meinem Herzen sage, wenn es doch nicht klappt, und dann ist es 4 und ich nehme ein Buch, weil ich sowieso nicht schlafen kann und dann ist es 7 und ich gehe bleischwer unter die Dusche, zur Espressomaschine, in die Agentur, in die Mittagspause, nach Hause, ins Bett, wo ich um 3 wieder aufwachen werde. Und der Herzmensch kann nicht trösten, weil er gerade nicht trösten kann und nicht ge-tröstet werden kann und ich kann nicht trösten, weil ich nicht nah genug an ihn herankomme, eine kilometerlange Armeslänge weit weg bin, ein Lichtjahr, ein Universum. Einen anderen Herzmenschen habe ich ebenfalls im Kopf, aus ganz anderen Gründen, und auch das tut weh und erschöpft mich und auch hier kann ich nur warten, warten, warten, bis Dinge sich ändern, bis sie besser werden, bis sich Situationen auflösen und alles wieder klar wird und der Fluss wieder eine Strömung hat und ich auf ihm schwimme. Im Moment bin ich bleiern und sinke und kann nichts tun, nur warten, bis ich wieder auftauche, weil andere Menschen und Institutionen mich an der Oberfläche ziehen. Einer dieser Tage, und ich habe Angst, dass daraus eine dieser Wochen wird oder ein Monat oder ein Jahr.

Kartoffelsalat mit Kräuterpesto

Ist zwar doof, dass man erst Herrn Ottolenghi dazu braucht, mal Pesto an Kartoffeln zu hauen anstatt wie sonst an Nudeln, aber so sei es. Das Rezept ist für vier bis sechs Personen, und das Küchenlicht-iPhone-aus-der-Hüfte-Foto sieht nur unscharf aus, ist es aber nicht. Oben links habe ich eine scharfe Erbse entdeckt. Echt.

800 g kleine Kartoffeln ungeschält kochen.
150 g TK-Erbsen kurz blanchieren.
1 Bund Sauerampfer oder Minze in dünne Streifen schneiden.

Dazu aus
20 g Basilikumblättern,
20 g glatter Petersilie,
60 g Pinienkernen,
60 g geriebenem Parmesan,
2 zerdrückten Knoblauchzehen und
200 ml Olivenöl

im Zerkleinerer oder Mörser ein Pesto machen. Ich ignoriere beim Pestoherstellen übrigens immer alle Mengenangaben und wie durch Zauberei wird’s trotzdem immer was.

Kartoffeln halbieren – dann nehmen sie angeblich mehr Geschmack an – und mit Erbsen, Pesto und Sauerampfer/Minze vermischen. Mit
1/2 TL Weißweinessig (habe ich vergessen, hat trotzdem geschmeckt),
Salz und
ordentlich schwarzem Pfeffer würzen.

Im Ottolenghi-Buch gab’s noch Wacheleier dazu; bei uns waren es Spiegel- bzw. gekochte Eier vom Huhn. Wobei ich Spiegelei besser fand, denn da hatte man noch ein bisschen Dotter als Flüssigkeit. Ohne könnte man, wenn man richtig schlecht gelaunt ist, den Salat ein winziges bisschen zu trocken finden. Aber dagegen hilft auch ein Schuss Olivenöl.

„Das Resultat seiner Mühen war eine Büste, in welcher der absolutistische Staatsgedanke seine vielleicht vollkommenste Verkörperung erfahren hat. Bereits bei den Porträtarbeiten für Urban VIII., Francesco I. d’Este und Innozenz X. hatte sich Berninis Fähigkeit zur idealistischen Verklärung des Herrschers bewährt. Doch niemals ist er in der Stilisierung weiter gegangen als bei der Ludwigsbüste. Die wallende Lockenpracht des Marmorbildes wurde sorgfältig in der Mitte gescheitelt, anders als beim lebenden Modell, dessen Haare als dichter Pony in die Stirn fielen. Der König selbst soll den Künstler auf diese Veränderung hingewiesen und von Bernini die schmeichelhafte Antwort erhalten haben: „Eure Majestät sind ein König, welcher der ganzen Welt die Stirn bieten kann.“ Ein Bonmot übrigens, das sich in Windeseile am Hofe verbreitete und eine neue Haarmode zur Folge hatte. Die „Frisur à la Bernini“ ist ein schönes Beispiel für das Leben, das die Kunst nachahmt.“

Arne Karsten, Bernini: Der Schöpfer des barocken Rom

Pizza

Braucht keine Einleitung. This – is – pizza.

Der Teig reicht für eine ziemlich üppige Pizza, die der Kerl locker schafft und ich eher selten. 150 g Mehl/Grieß tun’s auch, wer den Teig richtig dünn haben will, nimmt nur 100.

100 g Mehl, Type 550, mit
100 g Hartweizengrieß sowie
einer ordentliche Prise Salz,
einer Prise Zucker und
1/2 Tütchen Trockenhefe vermischen. Dazu
lauwarmes Wasser nach Augenmaß (ca. 150 ml); der Teig sollte beim Kneten nicht mehr an den Händen kleben. Also am besten Wasser nur in kleinen Schwappen dazugeben, kneten, gucken, nachgießen – und wenn zu viel Wasser im Teig ist, mit Mehl wieder trocken kriegen. Easypeasy. Den Teig ein paar Minuten lang liebevoll durchkneten, zu einer Kugel formen und in einer Schüssel parken, die mit Olivenöl ausgerieben wurde. So flutscht er nach dem Gehen widerstandslos auf die Arbeitsplatte. Den Teig abgedeckt an einem warmen Ort für ein Stündchen gehen lassen.

In der Zeit die Soße zubereiten. In einer Pfanne
1 Zwiebel und
2, 3 Knoblauchzehen in
Olivenöl anbraten. Mit
Rotwein ablöschen (den Schritt kann man auch weglassen), kurz einkochen lassen und dann
1 kleine Dose stückige Tomaten (ca. 400 g) dazugeben. Mit
Salz,
Pfeffer und
allen Kräutern und/oder Gewürzen, die irgendwie italienisch schmecken, würzen. Bei mir kommt gerne noch ein bisschen Chili in die Soße. Weiter einkochen lassen, bis es eine halbwegs feste Masse geworden ist, beiseite stellen.

Den aufgegangenen Teig noch mal kurz durchkneten, ausrollen und auf ein mit Backpapier ausgelegtes Backblech umsiedeln. Während er abgedeckt noch mal gehen darf, den Ofen auf volle Pulle vorheizen. Bei mir gehen nicht mehr als 250 Grad, und die sind’s dann halt. Jetzt den Belag nach Lust und Laune vorbereiten; ich werfe meist nicht mehr als rote Zwiebeln, in Ringe geschnitten, und viel, viel Käse oben drauf. Gestern war es Trüffelsalami, Parmaschinken ist auch super, frisches Basilikum, fein gehobelte Zucchini – ihr findet schon was zum Belegen. „Mein“ Käse ist meist Büffelmozzarella mit Parmesan, gestern musste der alte Gouda weg; geht alles.

Die Soße auf dem Pizzateig verstreichen, Belag drauf, Käse drauf, ab in den Ofen (unterste Schiene, dann wird der Boden schön knusprig), und nach ungefähr zehn Minuten ist die Köstlichkeit fertig.

Links vom 7. September 2012

In diesem Jahr habe ich zum ersten Mal die Paralympics etwas aufmerksamer verfolgt als sonst. Das liegt ehrlich gesagt vor allem daran, dass ich vor Kurzem die große Freude hatte, drei Athlet_innen zu porträtieren (darüber plaudere ich ausführlicher, wenn der Kram online ist), von denen zwei an den Spielen teilnehmen. Und wenn ich eh schon dabei bin, mir die Rennen im Handbike anzuschauen bzw. Rollstuhl-Basketball, dann gucke ich eben auch den Rest.

Was mich so fasziniert hat, waren die ungewohnten Bewegungsabläufe. Der Sport ist der gleiche, der Aufwand schlicht ein anderer. Was alleine bei der Leichtathletik alles anders aussieht, hat mich sehr verblüfft. Zum Beispiel sitzen die Werfer_innen (Diskus, Speer, Kugel), die sonst im Rollstuhl sitzen, in auf sie abgestimmten, fest montierten Geräten und stoßen nur aus dem Oberkörper heraus. Logisch. Dabei scheint das Alter nicht so sehr eine Rolle zu spielen wie bei den nichtbehinderten Athlet_innen; auf dem Siegerpodest finden sich ziemlich oft etwas ältere Damen und Herren.

Ebenfalls sehr spannend: die Läufe der Blinden. Bei den 100 m scherzten der Kerl und ich, naja, die rennen ja nur geradeaus, aber wie man blind mit großer Geschwindigkeit die Kurve bei den 200 m und aufwärts rennt, hat mich sehr begeistert. Dabei ist mir aufgefallen, dass die Damen ausschließlich mit männlichen Guides rannten. Ich stelle es mir recht schwer für die männlichen Athleten vor, einen Guide zu finden, der mit ihnen mithalten kann, denn die Zeiten waren nicht sehr viel langsamer als bei den Olympionik_innen.

Einer der Sprints, bei denen der Kerl und ich fast brüllend vor dem Fernseher saßen, war der hier bei den Herren in der Klasse T42 über 200m. Richard Whitehead ist der Mann auf einer der mittleren Bahnen, der stehend startet. Bei diesem Rennen sind mir zum ersten Mal die Bewegungsabläufe aufgefallen, die auftreten, wenn der Mensch keine Kniegelenke mehr hat. Die Federn, auf denen zum Beispiel Oscar Pistorius rennt, sehen so schick aus, weil seine Bewegungen nicht großartig anders sind als die von Menschen mit Unterschenkeln aus Fleisch und Blut. Whitehead muss logischerweise anders laufen. Beim Weitsprung der Damen habe ich diese Bewegung wiedergefunden: bei Vanessa Low, die mit mechanischen Beinen fast vier Meter weit springt.

Auch Rollstuhl-Basketball hat mich begeistert. Basketball selbst finde ich eher langweilig, hier habe ich den „chair skills“ der Damen sehr gerne zugeschaut. Es sind andere und vielfältigere Bewegungen, die ablaufen müssen, um den Ball in den Korb zu kriegen, und mir persönlich haben sie besser gefallen als das ewige Hin-und-Hergerenne der Nichtbehinderten.

Worauf ich hinauswollte: The Big Picture hat mal wieder sehr schöne Bilder. Ich habe einen der Sportler, über die ich schrieb, gefragt, ob Behindertensport den Blickwinkel von Nichtbehinderten ändern könne, was er absolut bejahte. Er meinte, wenn man einmal mitbekommen habe, was körperlich eingeschränkte Athlet_innen leisten, sehe man den Rollstuhlfahrer auf der Straße mit anderen Augen. Man habe nicht automatisch den nichtbehinderten Mitleidsblick, sondern wisse inzwischen, was alles aus diesem Stuhl heraus möglich ist.

Ja.

Mike Mignola, mein liebster Comiczeichner, gibt ein paar Buchtipps bei Barnes & Nobles. Via Comicgates Gezwitscher.

Falls ihr morgen noch nichts vorhabt (gibt ja keine Bundesliga): In Hamburg findet die Theaternacht statt.