Ein hungriges Dankeschön an …

… die Dachterrasse, die mich mit einem Geschenk von meinem Wunschzettel überrascht hat: einer Backform für Madeleines. Seit dem Besuch im St. John Bread & Wine dachte ich mir, dieses Gebäck musst du auch mal machen. Weil lecker und weil hübsch. Und jetzt habe ich das Werkzeug dafür. Vielen Dank, ich habe mich sehr über das Päckchen gefreut.

Scones

Das Rezept von delicious days habe ich vor gefühlt 100 Jahren angefangen zu backen, damals, als ich noch so gar nicht backen und kochen konnte. Samstag morgen hatte ich mal wieder unbändige Lust auf ein schönes Frühstücksgebäck, das malerisch neben dem Macbook aussieht, während ich mich kurz vor der Arbeit drücke und es noch warm mit Frischkäse und Marmelade genieße. (Das Frühstück, nicht das Macbook.)

Für sechs Scones

200 g Mehl, Type 405, mit
1 1/2 TL Backpulver,
2 1/2 EL Kristallzucker und
1/2 TL Salz vermischen. Darin
60 g kalte Butter in kleinen Stückchen einkneten, bis kein Butterklümpchen mehr größer ist als eine Erbse. (Das ganze geht auch im Zerkleinerer, aber ich knete so gerne rum.) Zum Schluss noch mit einem Kochlöffel

50 g kleingehackte getrocknete Früchte und
140–150 ml Milch oder Buttermilch

einrühren. Nicht zuviel umrühren, sonst werden die Scones zu hart. Ich habe diesmal getrocknete Kirschen genommen, sonst sind es meist Cranberrys. Buttermilch habe ich noch nie ausprobiert.

Den Teig ganz kurz auf der großzügig bemehlten Arbeitsfläche durchkneten und mit den Händen plattpatschen. So ungefähr zwei Zentimeter dick. Mit einem bemehlten Ausstecher (ich nehme immer ein Glas) Scones ausstechen, den restlichen Teig wieder ganz kurz zusammenkneten, plattpatschen, ausstechen, bis man sechs Scones auf dem mit Backpapier ausgelegten Backblech liegen hat. Den letzten steche ich nie aus, sondern knülle den übriggebliebenen Teig einfach zusammen.

1 Eigelb mit
1 EL Milch verrühren und die Scones damit bestreichen. (Dazu hatte ich diesmal keine Lust; schmeckt auch.)

Im auf 220° vorgeheizten Ofen für 13 bis 15 Minuten backen oder bis sie goldbraun sind. Leicht abkühlen lassen und dann noch warm mit clotted cream oder auf was immer du Lust hast servieren.

But still, like dust, I’ll rise.”

(via fragmente)

Als ich nach Deutschland kam.“

Lauchtarte

Ich hatte vorgestern aus heiterem Himmel einen fürchterlichen Jieper auf Lauch. Beim Rumgoogeln habe ich ein hübsch klingendes Rezept von Herrn Ottolenghi gefunden, das aber Korinthen wollte und vor allem den Lauch zerkochen. Da habe ich ihn lieber gut gewürzt auf einen Blätterteigboden geworfen.

Das Rezept stammt von Smitten Kitchen (eins der schönsten und ergiebigsten Kochblogs, das ich lese) und verlangt eigentlich noch nach Mangold. Den wollte ich aber nicht, und meine Form war auch mit dem Lauch schon sehr gut gefüllt.

3 Stangen Lauch vom Grün befreien und in feine Ringe schneiden. Den Lauch in
2 EL Butter bei mittlerer Hitze anbraten. Mit
Salz,
Pfeffer und
1 TL getrocknetem Thymian würzen. Abgedeckt für ungefähr zehn Minuten braten; der Lauch sollte nich braun werden. (Ist er bei mir ein bisschen, hat dem Geschmack nicht geschadet.) Den Lauch etwas abkühlen lassen und sich weiterhin am wunderbaren Duft erfreuen. Ich hau jetzt an alles teelöffelweise Thymian.

Eine gebutterte Tarteform mit TK-Blätterteig auskleiden. In einer Schüssel

300 ml Sahne,
3 Eier,
2 Eigelb,
1 TL Salz und
1/4 TL Pfeffer vermischen. Den Lauch dazugeben und alles auf den Tarteboden gießen. Im unteren Drittel des auf 220° vorgeheizten Backofens für ungefähr 15 Minuten backen. Die Temperatur auf 175° verringern und weitere 15 Minuten backen. Der Blätterteig sollte gebräunt und fluffig sein und die Füllung fest. Kurz abkühlen lassen und rauf auf die Teller.

Schmeckt am nächsten Tag in der Mikrowelle aufgewärmt auch noch, allerdings ist der Teig dann einen Hauch klietschig und nicht mehr so schön puffig. (Yes, I said puffig.)

The King’s Speech


@ The Weinstein Company

The King’s Speech (UK/Australien/USA 2010, 118 min)

Darsteller: Colin Firth, Geoffrey Rush, Helena Bonham Carter, Guy Pearce, Derek Jacobi, Michael Gambon, Jennifer Ehle, Timothy Spall, Anthony Andrews, Freya Wilson, Ramona Marquez
Musik: Alexandre Desplat
Kamera: Danny Cohen
Drehbuch: David Seidler
Regie: Tom Hooper

Trailer

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Es gibt Filme, die sich erst zehn, zwanzig Minuten an mich ranmachen müssen, damit ich sie mag. Es gibt solche, die mich zuballern mit Eindrücken, um mich zu gewinnen. Es gibt solche, die sich erst nach dem Sehen in mein Herz schleichen. Und es gibt solche, die mich nach 30 Sekunden haben. The King’s Speech ist einer dieser Filme.

Er beginnt in einer Sprecherkabine der BBC. Wir sehen ein Mikrofon und einen Angestellten, der ein Tablett hält. Darauf stehen ein Glas Wasser, ein Krug und ein Sprühflakon. Ein Sprecher nimmt das Glas, gurgelt mit dem Wasser und spuckt es in den Krug. Dann benetzt er sich den Mund mit dem Flakon, setzt sich ans Mikrofon und macht Stimmübungen. P-p-p, t-t-t, k-k-k. Und dann kündigt er mit wohlmodulierter Stimme, in geschliffenem British English und mit minutiösem Timing eine Rede des Herzogs von York an. Ich hätte dem Mann noch stundenlang zuhören können. Durfte ich aber leider nicht, denn dann kommt eben dieser Herzog (Colin Firth) ins Bild, der die Abschlussrede der British Empire Exhibition 1925 halten soll. Muss. Man merkt ihm an, dass er das öffentliche Sprechen am liebsten völlig vermeiden will. Er muss förmlich ans Mikrofon gedrängt werden – und sobald er anfängt zu sprechen, wissen wir warum. Er stottert nicht nur, er bringt fast kein Wort heraus, und wenn er eins herausbringt, dauert es scheinbar unendlich lange, bis das nächste kommt. Gerade im Kontrast mit dem wundervollen Sprecher eine Minute vorher wird das ganze Ausmaß dieser persönlichen Qual sehr deutlich.

The King’s Speech erzählt, wie die Frau des Herzogs (Helena Bonham Carter) einen Sprachtherapeuten (Geoffrey Rush) findet, der ihm helfen soll, sein Stottern zu überwinden. Ein großer Teil des Films zeigt die Methoden von Therapeut Lionel, der sich weigert, den Herzog mit seinem Titel anzureden und ihn stattdessen „Bertie“ nennt, um eine familiäre, freundschaftliche Atmosphäre zu schaffen. Gleichzeitig lässt der den Herzog singen, umherhüpfen, fluchen, und er fragt ihn persönliche Dinge – was eine Hoheit so gar nicht gewohnt ist. Gerade bei den Gesprächen zwischen den Männern nimmt sich der Film schön viel Zeit, tischt uns zwar auch ein bisschen Küchenpsychologie auf, aber man hat nie das Gefühl, dass hier ein simples Motiv gesucht wird, damit wir ein simples Ende kriegen und beim großen Finale die Taschentücher vollheulen. Stattdessen verläuft die Beziehung zwischen Bertie und Lionel in Wellen: Mal glaubt der Herzog an seine Heilung, dann wieder nicht, dann nimmt sich Lionel ein bisschen zu viel heraus, und beide müssen sich anstrengen, um die Freundschaft wieder zu kitten. Auch hier ein bisschen Drehbuch nach Plan, Hindernis, Überwindung, neues Hindernis, neue Überwindung, aber trotzdem schafft es der Film, immer noch eine weitere Ebene aufzumachen, ehe er in einen Zwei-Männer-und-ein-Problem-Film abgleitet.

Was The King’s Speech für mich so sehenswert gemacht hat, war seine Erdung. Die beiden Jungs bemühen sich nicht im luftleeren Raum darum, dass der eine endlich ein gutes Timing bei seinen Witzen hinkriegt. Nein, um sie herum ändert sich gerade eine ganze Welt. Berties Vater, George V, stirbt. Sein Bruder, Edward VIII, der ihm auf den Thron folgt, dankt nach wenigen Monaten als König ab, um seine Liebe, die bürgerliche und mehrfach geschiedene Amerikanerin Wallis Simpson zu heiraten. Der englische Premierminister Baldwin erklärt seinen Rücktritt, weil er Hitler unterschätzt habe. Und der Mann, der nun unwillig König George VI wird und der das britische Volk auf die schweren Zeiten vorbereiten soll, die zweifellos kommen werden, bekommt bei öffentlichen Auftritten immer noch kaum einen Ton heraus. Wieviel an Georges Reden hängen wird, wird bei einer Wochenschauaufnahme sehr deutlich, die sich der König mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern anschaut: Hitler spricht beim Nürnberger Reichsparteitag, und eine unfassbare Masse an Menschen jubelt ihm zu. Die kleine Elizabeth fragt: “What’s he saying?”, worauf George wissend antwortet: “I don’t know. But he seems to be saying it rather well.”

Ich mochte an dem Film sein Tempo, seine Schauspieler und Schauspielerinnen und vor allem seine Ausstattung und Kameraperspektiven. Die Farbigkeit ist matt und neblig, man sieht kaum satte, kräftige Farben. Alles scheint auf etwas zu warten, was drohend über allem hängt. Unser Blickwinkel ist meist involviert: Mal sehen wir den Protagonisten oder Protagonistinnen direkt in die Augen, dann sitzen sie leicht versetzt von uns vor der Kamera, so dass wir quasi den Platz des Gegenübers einnehmen und das Bild im Film ergänzen, das eben nicht gewohnt zentriert vor uns auf der Leinwand steht. Vielleicht war es auch das Thema Sprache, das Ringen um Worte, die Suche nach dem perfekten Ausdruck für eine Situation, das mir so gefallen hat. Ich fand die Dialoge durch die Bank weg brillant, kein Wort zu viel, keins zu wenig, Humor, wenn’s passte, Drama sowieso, aber immer ausgewogen und stimmig. Gut moduliert eben.

Was mich ein bisschen gestört hat, war der sehr berechnende Einsatz von Musik: Dass gerade ein dramatischer Filmmoment stattfindet, muss ich nicht immer mit Beethoven untermalt bekommen. Aber das ist das einzige, was ich zu beklagen habe. Der Rest des Films hatte mich, wie gesagt, nach 30 Sekunden in der Tasche, und er hat mich bis zum Schluss nicht wieder hergegeben.

Der Bechdel-Test:

1. Es müssen mindestens zwei Frauen mitspielen, die
2. miteinander reden
3. und zwar über etwas anderes als Männer.

Die beiden Ehefrauen von Lionel und Bertie haben zwar ein bisschen was zu sagen, aber zueinander recht wenig. Die beiden kleinen Töchter lasse ich nicht gelten.

Bechdel-Test bestanden: leider nein.

100 Jahre Frauentag

„Mein“ traditioneller Beitrag (der von Cathy Guisewite stammt aus ihrem Dauerbrenner „Cathy“) zum internationalen Frauentag:

Mehr zum Thema bei der Mädchenmannschaft oder dem Mädchenblog.

“Why Do Writers Abandon Novels?”

Die NYT über Romane, die von ihren Autoren und Autorinnen irgendwann im Stich gelassen wurden.

“”A book itself threatens to kill its author repeatedly during its composition,” Michael Chabon writes in the margins of his unfinished novel “Fountain City” – a novel, he adds, that he could feel “erasing me, breaking me down, burying me alive, drowning me, kicking me down the stairs.” And so Chabon fought back: he killed “Fountain City” in 1992. What was to be the follow-up to his first novel, “The Mysteries of Pittsburgh,” instead was a black mark on his hard drive, five and a half years of work wasted.

That’s why you’ve never read “Fountain City,” just as you’ve never read John Updike’s “Willow,” Junot Díaz’s “Dark America” or Jennifer Egan’s “Inland Souls” — all abandoned by their authors after years of toil and piles of pages. Chabon, though, has recently published the first four chapters of “Fountain City” in the literary magazine McSweeney’s, complete with annotations that in turn bemoan and belittle the book that stole so much of his life before he put his misery out of its misery. (…)

As for Chabon, the fragments of “Fountain City” published this year offer a glimpse into a writer’s process and progress. It’s evident Chabon still can’t believe the wrong turns his “wrecked” novel takes – disbelief that shades, at times, into disdain for his feckless former self. “Wow, what a coincidence!” he notes mockingly, when the reception clerk at a Paris flophouse happens to be the student of the very architect who had sent the hero’s father a mysterious postcard from Israel. “Life is rife with coincidence.” You sort of want to give him a hug and remind him that unsuccessful novels happen to everybody.”

(via Monis Gezwitscher)

Lemon Bars

Ein Rezept von David Lebovitz, von dem man auch so ziemlich alles nachkochen oder -backen kann: schmeckt quasi immer. Die Lemon Bars sind wieder ein großer Wurf – mild-knuspriger Mürbeteig, auf dem eine halbfeste, leicht säuerliche Zitronencreme lockt. Meine Schilde sind so weit unten, untener geht gar nicht mehr.

Wir brauchen eine quadratische Form mit circa 24 Zentimetern Kantenlänge, die mit Alufolie ausgekleidet werden muss. Ich nehme wieder meine 30-Zentimeter-Form und bastele ein Mäuerchen. Für den Boden

140 g Mehl, Type 405,
50 g Zucker,
1/4 TL Salz,
115 g flüssige Butter und
1/2 TL Vanillesirup

kurz mit einem Kochlöffel vermischen, bis sich ein fester Teig gebildet hat. Den dann möglichst gleichmäßig und eben in die Form drücken. Im auf 180° vorgeheizten Backofen für ungefähr 25 Minuten backen, bis er goldbraun ist. Lieber einen Tick zu lange drinlassen als zu früh rausholen.

Währenddessen die Zitronencreme herstellen. Dafür

1 Bio-Zitrone

gut waschen, vierteln und von den Kernen befreien. Die Zitrone kann auch in kleinere Stücke geschnitten werden, Hauptsache, die Kerne sind alle raus. Die Stücke in einen Zerkleinerer geben und mit

200 g Zucker und
3 EL Zitronensaft

pulverisieren. Kleine Stückchen dürfen gerne bleiben. Den Zitronenzucker mit ein paar weiteren Umdrehungen des Zerkleinerers mit

3 Eiern,
4 TL Speisestärke,
1/4 TL Salz und
45 g flüssiger Butter

zu einer recht flüssigen Creme vermischen. Die Form mit dem Boden aus dem Ofen holen und die Temperatur auf 150° verringern. Die Creme auf den Boden gießen, alles wieder in den Ofen und nochmals 25 Minuten backen. Die goldgelbe Pracht soll fest sein, aber nur so gerade eben. Komplett auskühlen lassen und mit Puderzucker bestreut servieren.

Ich habe den Boden einen Hauch zu kurz im Ofen gelassen, weswegen er sichtbar aus zwei Schichten besteht: Unten ist er perfekt knusprig, oben hat er noch den typischen Keksteiggeschmeck. Auch lecker, aber ich mochte den Kontrast aus „knusprig“ und „cremig“ deutlich lieber als „irgendwie alles eine Konsistenz“.

Indischer Möhrensalat

Naja, „indisch“ ist wahrscheinlich eher Wunschdenken. Ich habe das Rezept bei eat smarter gefunden und nenne es lieber „Warmer Möhrensalat, den ich jetzt dreimal die Woche essen werde, weil er so lecker und nicht, weil er so smart ist“.

Ich habe die Mengenangaben auf eat smarter total ignoriert und folgendes gemacht:

1 EL gelbe Senfkörner mit
1 EL Sonnenblumenöl anrösten, bis die Körner platzen und in der Küche rumspringen. (Deckel! Wie beim Popcorn! Wieso fällt dir das immer erst mittendrin ein?)

4–6 Mohrrüben in schmale Streifen schneiden (ich hobele die immer mit dem Sparschäler) und mit
1–2 roten Zwiebeln zur Senfsaat geben. Alles ein paar Minuten anrösten, so dass die Möhren noch schön bissfest sind.

Das Dressing besteht bei mir aus recht wenig Jogurt, weil ich damit nicht alles zukleistern will, sondern es eher zum Dippen nutze:
2 EL Joghurt,
1/2 TL gemahlener Kreuzkümmel,
Minze,
Zitronensaft,
Salz,
Pfeffer und
Chiliflocken.

Ich fand das ganze, wie man im Text über dem Bild ahnt, sehr, sehr lecker. Schön frisch durch Möhren, Minze, Zitrone und Joghurt und gleichzeitig warm-würzig durch Kreuzkümmel und Senfkörner. Tolles Zeug. Und: Es ist in zehn Minuten gemacht.

Black Swan


@ Fox Searchlight Pictures

Black Swan (USA 2010, 108 min)

Darsteller: Natalie Portman, Vincent Cassel, Mila Kunis, Barbara Hershey, Winona Ryder, Benjamin Millepied
Musik: Clint Mansell
Kamera: Matthew Libatique
Drehbuch: Mark Heyman, Andrés Heinz, John McLaughlin
Regie: Darren Aronofsky

Trailer

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Mit Black Swan ist es wie mit Ballett: Man liebt es oder man hasst es. Wenn man nölig drauf ist, könnte man am Film ziemlich rummäkeln: überspannter Psychoquatsch mit Pseudo-Horrorelementen, ein bisschen Rumgemache zwischen Frauen, auf Volume 10 aufgedrehte knackende Knochen, die sich wahrscheinlich nicht mal so anhören, wenn man sie mit einem Baseballschläger bearbeitet, die Eislaufmutti, der Regisseur als grabschender Diktator und die innerlich zerrissene Heldin, die allen gefallen will. Na super. Könnte man alles so stehen lassen. Kann man aber auch anders sehen.

Natalie Portman spielt, nein, erleidet die Rolle von Nina, einer Ballerina, die mit ihren Kolleginnen auf die Hauptrolle in Schwanensee hofft. Regisseur Thomas (Vincent Cassel) bestätigt ihr, dass sie für den weißen Schwan, die unschuldige, naive Odette, perfekt wäre. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn genau das will Nina mit jedem Schritt und jedem Plié und jeder Pirouette erreichen: Perfektion. Dafür trainiert sie nicht nur bei der Arbeit, sondern auch zuhause vor dem Spiegel, ernährt sich von Wasser und Grapefruits und ignoriert blutige Füße und schmerzende Gelenke. Aber selbst das reicht Thomas nicht, denn der schwarze Schwan, die Odile, ist das verführerische, gerissene Gegenbild zu Odette – und genau diese Wesenszüge fehlen Thomas in Ninas Tanz. Und auch die Zuschauer und Zuschauerinnen fragen sich zu diesem Zeitpunkt ebenfalls: Stecken diese zwei Seiten wirklich in Nina?

Wir lernen sie als piepsige junge Frau kennen, die kaum Blickkontakt erträgt, deren Stimme selten lauter als ein zaghaftes Wispern ist und die in einem fast vollständig pinkfarbenen Kinderzimmer bei Mutti (Barbara Hershey) wohnt. Zum Einschlafen zieht die Mutter eine Spieluhr auf, die, natürlich, Schwanensee spielt. Auf dem Fensterbrett sitzt eine Kompanie von Stofftieren, Mama pflückt Töchterchen zärtlich die Ohrringe aus den Läppchen, während diese sich in ihre Decke kuschelt, und nennt sie „sweet girl“. Diese schreckhafte Huschigkeit versaut Nina dann auch das Vortanzen, und als sie einen Tag später zu Thomas geht, um ihn nochmals um die Rolle zu bitten, wirft er ihr wieder vor, die Odile nicht in sich zu haben – greift sie sich und küsst sie. Woraufhin Nina erstmals aus ihrer Niedlichkeit ausbricht und ihn beißt – und sie die Rolle bekommt.

Ab hier gleitet Black Swan langsam in ein schräges Psychogramm ab. Die zwei Seiten, die Nina anscheinend doch in sich trägt, werden verstärkt durch Lily, eine weitere Ballerina, die gleichzeitig ihre Konkurrentin und Freundin zu sein scheint. Sie weckt in Nina Lust, Zorn, Verzweiflung und Wut. Wobei wir Ninas Lust schon vorher zu sehen bekommen haben. Thomas gibt ihr eine „Hausaufgabe“ zur Rollenvorbereitung: “I want you to go home and touch yourself.” Was sie auch brav tut, natürlich, sie tut ja alles, was man ihr sagt. Und bei der Szene hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, dass Nina die stahlharte, selbstverleugnende Disziplin, der sie sich ständig unterwirft, kurz hinter sich lässt. Ihr Gesichtsausdruck zeigt so viel: zunächst das zögernde, fast mürrische Herangehen an die „Aufgabe“, quasi ein schulterzuckendes „Muss ja“. Dann wird ihr Gesicht weicher, die Lippen öffnen sich, auf einmal ist sie nicht mehr Knochen und Sehnen und Muskeln, sondern Haut und Fleisch und Wärme, die Kamera verlässt ihr Gesicht, zeigt den ganzen Körper, der sich wohlig im Bett windet und streckt und genießt – und wie die Szene aufhört, verrate ich nicht, aber ich habe selten so viel von einer Persönlichkeit in so kurzer Zeit gesehen.

Überhaupt Persönlichkeit: Portman trägt den ganzen Film. Sie ist, wenn ich mich recht erinnere, in jeder Szene zu sehen. Die Kamera bleibt ihr immer sehr dicht auf den Fersen; wir blicken direkt über ihre Schuler, auf ihren Hinterkopf, mitten in ihr schutzloses Gesicht oder sehen das, was sie gerade sieht. Aber nicht nur unser eingeschränkter Blickwinkel macht Black Swan so konzentriert, so fokussiert auf eine Person und ihr Seelenleben. Der Film findet fast nur an zwei Schauplätzen statt, dem Theater und der Wohnung. Die wenigen anderen Sets – ein Club, die Wohnung von Thomas, ein Krankenhaus – sowie Ninas Wohnung wirken fast wie Bühnenbilder, wie inszeniert, während das Theater, die eigentliche Bühne, echter aussieht als alles andere. Genau dort liegen schließlich Ninas Prioritäten. Und dort beginnt auch ihre Verwandlung: von der piepsigen Odette zur besessenen Odile. Mit Betonung auf „besessen“. Sie sieht plötzlich ihr eigenes Gesicht, wo eigentlich andere sein sollten, Gemälde der Mutter bewegen sich, unerklärliche Schrammen zieren ihren Rücken. Der Film nutzt noch weitere Metaphern, um Ninas Geisteszustand zu verdeutlichen, wobei ihr Körper die eindringlichste ist. Blutige Finger, rote Augen, zerbrechende Knochen und schließlich eine schwarze Feder, die sie sich aus der Schulter zieht – klingt alles völlig bescheuert, ergibt im Kontext aber einen brutalen und verstörenden Sinn.

Auch die Beziehung zu den anderen Personen ändert sich. Als Nina ihrer Mutter zum ersten Mal ein “No!” entgegenschleudert, kommt das so tief und dunkel aus dem Bauch, das ich kurz geglaubt habe, in Alien zu sitzen. Und wo sich Thomas früher Übergriffe herausgenommen hat, dreht sie nun den Spieß um – und auf einmal ist der herrische, arrogante Schreihals ein kleiner, dümmlich grinsender Junge.

Man kann Black Swan all das vorwerfen, was ich im ersten Absatz geschrieben habe, aber ich persönlich habe ihn anders empfunden. Er ist sehr intensiv; ich habe jedes Zeitgefühl verloren, und mir kam nach dem Kino die Welt um mich herum sehr banal und pudrig vor, nachdem ich eben zwei Stunden verdichteten Emotionen ausgesetzt war. Um mal das ganz große Fass aufzumachen: Vielleicht ist das auch ein Frauending, dieses Streben nach Perfektion, das Alles-richtig-machen-Wollen, das Gefallenwollen, das Bitten statt Verlangen, das Hoffen auf die Entdeckung statt des Forderns. Und vielleicht ist Ballett nur eine sehr weibliche Metapher für den blöden Kampf, den wir dauernd führen und uns dabei blutige Füße holen. Vielleicht spielt das ganze aber auch nur am Theater, weil Schwanensee nun mal eine klasse Musik ist. Ich behaupte, man kann in den Film eine Menge reininterpretieren, wenn man möchte. Oder ihn völlig bescheuert finden. Ich fand ihn großartig.

Der Bechdel-Test:

1. Es müssen mindestens zwei Frauen mitspielen, die
2. miteinander reden
3. und zwar über etwas anderes als Männer.

Von den vier Hauptfiguren sind drei Frauen, und auch in den Nebenrollen gibt es weitaus mehr Frauen als Männer. Und alle reden über viele Dinge, aber sehr selten über Männer.

Bechdel-Test bestanden: mit Bravour. Endlich mal wieder – Black Swan ist nach The Blind Side erst der zweite von den Filmen, die ich seitdem gesehen habe, die den Test geschafft haben.

Kroketten

Nix ist mit Tüte auf, Backofen an, Zeug rein – nein, nein. Wir machen das heute mal anständig. Lohnt sich nämlich.

Mein Mittagessen ging so:

3 große Kartoffeln kochen und sie zu Püree zerstampfen. Dazu
1 Eigelb,
1 EL Butter und
ordentlich Salz geben.

Aus dem Klump eine zwei Zentimeter dicke Rolle formen und von dieser Stücke mit circa vier Zentimeter Länge abschneiden. Die kleinen Racker zunächst in

Mehl, dann in
verquirltem Ei und zum Schluss in
Paniermehl wenden und in reichlich
Sonnenblumenöl frittieren.

Bei mir sind 16 Kroketten rausgekommen, und ich war nach der Hälfte schon ziemlich satt. Kann aber auch am leckeren Salat gelegen haben, der sich auf dem Bild im Hintergrund hält. Dazu

1 Zucchini und
2 Karotten in Streifen schneiden (Sparschäler ist super).
1 kleine Knoblauchzehe,
1 kleine Schalotte und
4, 5, 6 Walnüsse fein hacken. Das Dressing besteht aus
1 TL Honigessig,
2 TL Zitronensaft,
1 TL Walnussöl,
2 TL Olivenöl und
einem kleinen Klecks Honig.

Nächstes Projekt: Zwiebelringe. Königsdisziplin: Mozzarella Sticks. Ich brauch jetzt ein Bier.

Der kleine begeisterte Nachwuchsleser.

Meine Twitter-Lieblinge im Februar 2011

(Bitte beachten Sie den thematischen Bogen zwischen dem fast ersten und dem letzten Tweet.)

Bücher Februar 2011

Naomi Wolf – The Beauty Myth: How Images of Beauty Are Used Against Women

20 Jahre alt und leider immer noch aktuell. The Beauty Myth beschreibt die seltsamen und sich ständig ändernden optischen Standards, denen Frauen genügen müssen, um als „wertvoll“ anerkannt zu werden, sei es am Arbeitsplatz, als Mutter oder als Partnerin. Die ganzen Mechanismen, die Wolf beschreibt, sind ermüdend und anstrengend, weil man sich selbst als medienaffine Frau nie so recht davon freimachen kann. Wenn ich tagtäglich dutzende von sehr dünnen Models und Schauspielerinnen präsentiert bekomme, gewöhne ich mich irgendwann an dieses Körperbild und nehme es als „normal“ hin – und eventuell fühle ich mich dann in einem „normalen“ Körper plötzlich fett und hässlich. („Normal“ ist ein schwieriges Wort, weil ich Menschen eben nicht in Normen packen möchte. Und dass „fett“ automatisch „hässlich“ ist, ist auch eine relativ neue, westliche Idee.) Was mir Wolf allerdings auch nicht sagen konnte: warum wir Frauen uns diesen doofen Schuh anziehen. Warum wir weiterhin in Konkurrenz zueinander stehen anstatt gemeinsam diesen Rotz hinter uns zu lassen. Sie vertritt die These, dass die Schönheitsdiktatur eine der letzten patriarchalischen Festungen ist: Jetzt, wo wir wählen dürfen und theoretisch jeden Beruf ergreifen dürfen, werden wir trotzdem noch kleingehalten, weil wir uns um Körperenthaarung und Kalorienzählen kümmern anstatt unsere Fähigkeiten für Sinnvolleres einzusetzen.

(Leseprobe bei amazon.de)

Dieter Moor – Was wir nicht haben, brauchen Sie nicht: Geschichten aus der arschlochfreien Zone

Moor kauft mit seiner Frau zusammen einen Bauernhof in Brandenburg, um daraus einen demeter-Hof zu machen. Klingt einfacher als es ist, denn erstmal muss man mit den knurrigen Einwohnern und Einwohnerinnen klarkommen, dann damit, dass es nicht mal Frischmilch oder eine vernünftige Zeitung in dem Kaff gibt und dann mit den Technopartys, die auf einem nahegelegenen Flugfeld stattfinden, das die Russen hinterlassen haben. Und nebenbei verlangen die Tiere Aufmerksamkeit und der gebraucht gekaufte Traktor. Moor erzählt das ganze in einem Tonfall, den man abends gerne draufhat, wenn man sich mit Freunden und Freundinnen beim dritten Glas Wein die nervigsten Storys aus Arztpraxen oder der Kundenhölle erzählt, und das macht den Zuhörern und Zuhörerinnen meist mehr Spaß als denjenigen, die die Nervereien hinter sich gebracht haben. Aber danach kann man prima Witze darüber machen, und alle haben eine gute Zeit. Hatte ich mit diesem kleinen Charmebolzen von Buch auch.

Michael Köhlmeier – Abendland

Was für lange Winterabende, ewige Busfahrten und den Aufenthalt auf dem Zauberberg. Abendland ist ein ganz großes Panorama; eigentlich geht es „nur“ um zwei Familien, aber an den Menschen hängt ein ganzes Jahrhundert. Der Ich-Erzähler Sebastian, ein Mann um die 60, wird von seinem „Ersatzvater“ Carl (ein Freund seines biologischen Vaters) gebeten, seine Biografie zu schreiben. Carl liegt quasi schon im Sterben und erzählt Sebastian nun die Bruchstücke seines Lebens, die dieser noch nicht kennt. Das geht nicht linear vor sich und vermischt sich mit Sebastians eigenen Erinnerungen. Im Zusammenspiel entsteht ein Kaleidoskop aus Charakteren, historischen Begebenheiten und einem schmerzlichen Abriss über das letzte Jahrhundert, es geht einmal durch ganz Europa und die Welt, thematisch verknüpft mit Mathematik, Philosophie und Musik. Hört sich an wie ein zerpflückter Bildungsroman, las sich aber wie ein modernisiertes und globalisiertes Krieg und Frieden ohne Kampfhandlungen. I like.

(Leseprobe bei amazon.de)

Thilo Bode – Abgespeist. Wie wir bei Essen betrogen werden und was wir dagegen tun können

Thilo Bode ist Geschäftsführer von Foodwatch, einer Organisation, die unter anderem gegen den leider üblichen Etikettenschwindel von Lebensmitteln kämpft. (Also Quatsch wie die Milchschnitte eine gesunde Zwischenmahlzeit zu nennen.) In Abgespeist macht er das ganz große Fass auf und kommt vom Hölzchen aufs Stöckchen. Es geht nicht nur um die seltsamen Inhaltsangaben und Werbeversprechen von Lebensmitteln, sondern auch um deren Herstellung (bio, konventionell), die Auswirkungen auf Europa und die Welt (Einfuhrzölle aus Dritte-Welt-Ländern, sinnlose EU-Subventionen) und den ganzen Lobbyirrsinn wie z.B. den „Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde“ (BLL), der rund 300 Unternehmen vertritt und praktischerweise bei neuen Gesetzesinitiativen gleich mitschreibt. Was logischerweise dazu führt, dass z.B. Separatorenfleisch, das im Verdacht steht, mit für BSE verantwortlich zu sein, nicht mehr gesondert ausgewiesen werden muss, weil das die armen Verbraucher_innen ja nur verwirrt. Also ungefähr die gleiche Logik, als wenn die Pharmaindustrie Nebenwirkungen auf Beipackzetteln nicht mehr ausweisen würde, weil die Patient_innen das Medikament sonst nicht nehmen würden.

Das Buch wiederholt sich für meinen (haha) Geschmack etwas zu häufig und bringt immer wieder die gleichen Argumente, aber die sind leider auch deprimierend genug. „Was wir dagegen tun können“ bleibt allerdings ziemlich unbeantwortet. Außer „Tut euch zusammen und kauft mehr Öko“ war da nicht viel.

Miles Gunther, Brian Augustyn, Mike Mignola, Geoff Johns, Joe Harris/Michael Avon Oeming, Adam Pollina, Guy Davis, Scott Kolins, Cameron Stewart – B.P.R.D. 2 – The Soul of Venice & Other Stories

Och … hm … las sich für mich ein bisschen sehr zusammengewürfelt, wie die Masse an Autoren und Zeichnern da oben auch vermuten lässt. Ich glaube, das Hellboy-Universum wird mir immer gefallen, aber manchmal sind die Storylines ein bisschen faul und die Zeichnungen dann eben nur Augenpulver. Halbgarer Band. Egal. Gibt ja noch genug, die hoffentlich besser sind.

(Leseprobe bei amazon.de)

Warren Ellis/Darick Robertson – Transmetropolitan 5: Lonely City

Ähnliches Problem wie bei B.P.R.D. – so langsam läuft sich Spider Jerusalems Genervtheit ein bisschen tot. Auch hier deckt er als Reporter wieder irgendeine Scheußlichkeit der Oberen auf, aber ich habe so langsam das Gefühl, da kommt nicht mehr viel Neues. Aber Ellis hat wieder wunderbare Sätze parat, die mich wahrscheinlich den Rest der Serie eben doch erstehen lassen. Hier jammert der kindliche Spider im Augenblick der großen Erkenntnis seine Mutter voll:

“And I remember saying, hold everything right fucking there. You went to all the trouble of conceiving me, and giving birth to me, and raising me and feeding me and clothing me and all … and, yeah, whipping me from time to time, and making me live in a house that’s freezing fucking cold all the goddamn time … and you make me cry and things hurt so much and disappointment crushes my heart every day and I can’t do half the things I want to do and sometimes I just want to scream … and what I’ve got to look forward to is my body breaking and something flipping off the switch in my head … I go through all this – and then there’s DEATH? What is the MOTHERFUCKING deal here?”