Lesestoff vom 8. März 2017

Ein paar Leseempfehlungen, die mich in den letzten Tagen beschäftigt haben.

When Things Go Missing

Ein langes Essay aus dem New Yorker, das Fakten über Vergesslichkeit mit einer persönlichen Erfahrung mischt. Hat mir sehr gut gefallen. Und mit seltsamen Statistiken kriegt man mich ja immer.

„Plenty of parents, self-help gurus, and psychics will offer to assist you in finding lost stuff, but most of their suggestions are either obvious (calm down, clean up), suspect (the “eighteen-inch rule,” whereby the majority of missing items are supposedly lurking less than two feet from where you first thought they would be), or New Agey. (“Picture a silvery cord reaching from your chest all the way out to your lost object.”) Advice on how to find missing things also abounds online, but as a rule it is useful only in proportion to the strangeness of whatever you’ve lost. Thus, the Internet is middling on your lost credit card or Kindle, but edifying on your lost Roomba (look inside upholstered furniture), your lost marijuana (your high self probably hid it in a fit of paranoia; try your sock drawer), your lost drone (you’ll need a specially designed G.P.S.), or your lost bitcoins (good luck with that). The same basic dynamic applies to the countless Web sites devoted to recovering lost pets, which are largely useless when it comes to your missing Lab mix but surprisingly helpful when it comes to your missing ball python. Such Web sites can also be counted on for excellent anecdotes, like the one about the cat that vanished in Nottinghamshire, England, and was found, fourteen months later, in a pet-food warehouse, twice its original size. [...]

Passwords, passports, umbrellas, scarves, earrings, earbuds, musical instruments, W-2s, that letter you meant to answer, the permission slip for your daughter’s field trip, the can of paint you scrupulously set aside three years ago for the touch-up job you knew you’d someday need: the range of things we lose and the readiness with which we do so are staggering. Data from one insurance-company survey suggest that the average person misplaces up to nine objects a day, which means that, by the time we turn sixty, we will have lost up to two hundred thousand things. (These figures seem preposterous until you reflect on all those times you holler up the stairs to ask your partner if she’s seen your jacket, or on how often you search the couch cushions for the pen you were just using, or on that daily almost-out-the-door flurry when you can’t find your kid’s lunchbox or your car keys.) Granted, you’ll get many of those items back, but you’ll never get back the time you wasted looking for them.”

Eines meiner historischen Interessensgebiete neben der NS-Zeit ist der amerikanische Bürgerkrieg sowie die Zeit danach (Reconstruction, hier noch der englische Wikipedia-Eintrag zum gleichen Stichwort, der deutlich ausführlicher als der deutsche ist, der sich unter dem ersten Link befindet). Dementsprechend interessiert mich auch die Sklaverei. In der NYT las ich einen Artikel, der mich auf ein Thema stieß, das ich noch nicht im Hinterkopf hatte: die Verbindung von Universitäten zur Sklaverei. Im Artikel fand ich – natürlich – mal wieder ein paar schöne Buchtipps; Ebony and Ivy: Race, Slavery, and the Troubled History of America’s Universities liegt in ein paar Tagen in meinem Ausleihfach der Stabi. Hier lohnen sich sogar die Kommentare (NYT Picks).

Der im Artikel verlinkte Atlantic-Text ist übrigens auch sehr lesenswert, weil er den systemischen Rassismus der USA und die daraus resultierende, immer noch nicht gleichgestellte Situation der schwarzen Bevölkerung gut erklärt. Im Text geht es nebenbei auch um die Reparationen, die die Bundesrepublik an Israel gezahlt hat und wie diese das Land beeinflusst haben. #longread

Confronting Academia’s Ties to Slavery

„Research on the topic has been shadowed by the specter of reparations. In his address, Mr. Coates, who wrote “The Case for Reparations,” a widely discussed 2014 article in The Atlantic, recalled when whites reacted to the mere mention of reparations as if “you’d just suggested human sacrifice or something.” [...]

“I think every one of these universities needs to give reparations,” he said. “I don’t know how you conduct research showing your very existence is rooted in a great crime, and then you just say, ‘Well, sorry’ and walk away.”

No other speakers explicitly endorsed financial reparations, but it was a sentiment shared by some in the audience.

One panelist, Adam Rothman, a Georgetown University historian, asked the audience if that school — which has offered preference in admissions to the descendants of 272 enslaved people who were sold in 1838 to keep the university afloat — should provide scholarships to descendants who attend other colleges. Many hands went up.“

Zum Abschluss eine der Kolumnen „Wie erkläre ich’s meinem Kind?“ aus der FAZ:

Warum kann nicht jeder moderne Kunst machen?

Dieser Absatz hat es mir besonders angetan:

„Eltern mögen die Bilder ihrer Kinder, weil es eben ihre Kinder sind. Und weil diese Bilder zeigen, wie sie die Welt sehen. Die Bilder der anderen Kinder sind dann nicht so interessant. Dafür müssten die anderen Kinder noch ein bisschen mehr machen. Zum Beispiel könnten ihre Eltern mit ihnen ins Museum gehen und Kunstbücher und Dokumentationen über Künstler anschauen. Dann würden sie sehen, wie andere Menschen, die in ganz anderen Zeiten gelebt haben, die Welt gesehen haben. Dann würden sie lernen, mit deren Augen zu sehen und ihre Bilder würden nicht nur von ihnen handeln, sondern auch von allen anderen Bildern, die es gibt.

Denn Kunstwerke sprechen nie nur mit dem Betrachter, der sie gerade anschaut. Sie unterhalten sich gleichzeitig mit allen anderen Kunstwerken, die es je gab und die es noch irgendwann geben könnte. Sie sind wie die Bewohner einer riesigen Stadt, die sich streiten oder lieb haben und sich immer wieder treffen, einander etwas zeigen oder etwas beibringen. Und wenn man viel Zeit in dieser Stadt verbringt, dann lernt man immer besser sich in ihr zu bewegen und die unendlich vielen Sprachen zu verstehen, in denen die Kunstwerke sprechen. Das gibt einem Freiheit, weil man sieht, dass die Welt, in der man lebt, nur eine von vielen möglichen ist und weil man auf neue Ideen kommt, wie man gerne leben möchte.“

Nebenbei: Ich habe The Unwinding: Thirty Years of American Decline jetzt durchgelesen und kann es immer noch empfehlen. Die Art Packers, auf Pointe zu schreiben, wird zwar irgendwann etwas anstrengend, aber es ist schon sehr spannend, ein Buch von 2013 zu lesen, das einem so weit weg und gleichzeitig so prophetisch vorkommt, wenn man sich so im Jahr 2017 umguckt.