Wochenrückblick 19. bis 24. August

Montag, 19. August

Ich bin seit gut zwei Wochen wieder in Hamburg und genieße die Semesterferien. Aus der Stabi in Hamburg, für die ich mir gleich als allererste Tat in der vorlesungsfreien Zeit einen Benutzerausweis geholt habe, habe ich mir zwei Klassiker der Kunstgeschichte geliehen, für die ich während des Semesters keine Zeit hatte: Werner Haftmanns Malerei im 20. Jahrhundert und Hans Sedlmayrs Verlust der Mitte. (Prof: „Wenn Sie in der Klausur den Namen von Sedlmayr falsch schreiben, ziehe ich keine Punkte ab. Das überblickt in Bayern ja keiner mehr, wie sich der eine oder andere Meier schreibt.“)

Zum Sedlmayr bin ich immer noch nicht gekommen, weil der Haftmann so lange dauert. Das Buch ist toll und liest sich auch nach 60 Jahren großartig (ich zitiere hier im Blog ausgiebig, habt ihr schon mitgekriegt, oder?), aber ich kann nicht lange darin lesen, bevor alle Künstler, Künstlerinnen und Stile in meinem Kopf ineinanderlaufen. Zwischendurch lese ich immer einzelne Aufsätze in Texte zur Kunst, von denen ich mir drei Ausgaben gegönnt habe und die mir sehr viel Freude bereiten. Es ist für mich immer noch sehr neu, sich wissenschaftlich mit einem Thema zu befassen anstatt aus Spaß oder als Werberin. Wenn ich etwas aus Spaß mache, achte ich darauf, wie’s mir dabei geht und ob ich das noch mal machen möchte. Wenn ich etwas als Werberin angehe, habe ich Kram wie Unique Selling Points und „Was hat der Kunde davon“ im Hinterkopf, ich denke an Überzeugungsstrategien, Aktivierung von Interesse oder wenigstens Reaktionsmöglichkeiten nach. Neuerdings überlege ich aber, wenn ich vor einem Kunstwerk stehe, was genau ich an diesem Bild erörtern möchte bzw. was wohl noch nicht erörtert worden ist.

In der Vorlesung über niederländische Malerei wies der Prof zum Beispiel auf Architektur in den Bildern von Jan Gossaert hin – wir sprachen unter anderem über Neptun und Amphitrite (1516, hängt in Berlin) oder die Lukas-Madonna aus Prag (1513/15), bei denen die Personen noch recht gotisch aussehen, wir aber schon Renaissance-Architektur im Hintergrund haben. Vor allem bei Neptun und Amphitrite konnte sich mein angebeteter Professor kaum darüber beruhigen, wie beknackt das Fantasiegebäude sei, in dem die Götter stehen: „Schauen Sie sich doch nur mal die Triglyphen über den Tierschädeln an! Das gibt es doch gar nicht! Wieso malt der so was? Darüber könnte man auch mal eine Bachelorarbeit schreiben.“ Und zack, hatte ich wieder ein Glühbirnchen über dem Kopf. Den Satz „Darüber könnte man auch mal eine Bachelorarbeit schreiben“ höre ich übrigens dauernd an der Uni, und ich freue mich jedesmal über ihn, weil ich natürlich denke, der ganze alte Kram ist doch garantiert schon totgeforscht. Aber nein, anscheinend gibt es noch genug, worüber ich nachdenken könnte. Und so gucke ich neuerdings in Museen oder Bildbänden nicht mehr nur nach „Sieht toll aus“ oder „Ah, das ist dieser Klassiker, den ich kennen muss“, sondern auch nach „Ob das mal jemandem aufgefallen ist, dass das Grün hier seltsam aussieht“?

So habe ich den Tag auf dem Sofa verbracht, gelesen und natürlich das Netz leergesurft. Dabei bin ich über einen Artikel über die Demoiselles d’Avignon gestoßen, die ich hier bereits erwähnte. Der Artikel behauptet, man müsse mit einer Erfindung halt am rechten Ort zur rechten Zeit sein, dann werde das schon klappen, und nennt als Beispiel Picassos Bild von 1907. Dumm nur, dass das Bild erst 1916 ausgestellt wurde; davor war die Zeit eben noch nicht reif. (Im Artikel ist das Bild nicht mal komplett abgebildet – Sakrileg! –, deswegen hier der Link zum vollständigen Werk.)

Dienstag, 20. August

Ein Spontananruf des besten Freundes, seines Zeichens Kreativdirektor, ob ich ein bisschen Zeit zum Geldverdienen hätte. Hatte ich. Rechner gepackt und in die Agentur gefahren, wo sich mir ein freundlicher Herr mit den Worten vorstellte: „Ich les dich seit Jahren – ich hab sogar noch bei dir kommentiert!“ Ich war spontan verliebt, musste aber erstmal wieder Werbung machen. Als Abwechslung zwischen der Kunst geht das inzwischen wieder, die bewusste Pause von der Branche hat mir sehr gut getan.

Artikel im Netz, über die ich gestolpert bin:
Wieviel würdest du als Wagnerianer bezahlen, um eine Wagner-Oper NICHT zu sehen?
– ein Tumblr mit Fotos der Feldherrnhalle, die mein Heimweh nicht wirklich besser machen
– Lesley Kinzel schreibt über ihre traurige Zeit auf Diät und ihre glückliche Zeit ohne den Scheiß

Mittwoch, 21. August

Ich gucke spaßeshalber mal wieder ins Onlinetool der LMU und entdecke, dass ich dort bereits als Geschichtsstudi geführt werde. Mein neuer Ausweis ist noch nicht da, und bevor ich nichts Schwarz auf Weiß sehe, glaube ich ja nicht daran, dass der Fachwechsel so reibungslos funktioniert hat. Hat er aber anscheinend. Ich wühle mich zum wiederholten Mal durch den Berg aus Kursangeboten in Geschichte und schmeiße ebenfalls zum wiederholten Male den Stundenplan um.

Die erste Wahl gehört natürlich der Kunstgeschichte, das ist mein Hauptfach und da wähle ich alles, was ich will. Erst danach fülle ich die Lücken mit dem kleinen niedlichen Nebenfach, mit dem ich in den nächsten zwei Semestern allerdings viel zu tun haben werde, denn ich will den Stoff vom 1. bis 4. Semester in den nächsten beiden Halbjahren runterrocken. Dann bin ich im 5. wieder in beiden Fächern auf dem gleichen Stand und kann im 6. entspannt meine Bachelorarbeit schreiben. (Und dann ist mein Konto leer und ich muss wieder nach Hamburg. Damn you, München. Why do you have to be so pretty? Ich habe zwar im letzten Semester noch ein wenig darüber nachgedacht, mitten im Studium die Uni zu wechseln – das geht mit der neuen Fächerkombi ja –, aber ganz ehrlich: Die LMU ist so toll, ich will da nicht weg. Und seit ich die Hamburger Stabi von innen gesehen habe … bei aller Liebe, da ist unser Marmorpalast in München dann doch ne andere Hausnummer. Bei Frau Gröner lernen die Augen mit.)

Wenn die Unigötter und -göttinnen mir gnädig sind und ich alle Kurse kriege, die ich haben will, sitze ich in KuGi in Vorlesungen zur amerikanischen Kunst nach 1945 und zu Ausstellungskonzepten in Europa nach 1960. Meine Seminare befassen sich mit Museen und Social Media sowie Frauen in der Kunst. Dazu kommt noch ein Lektürekurs, auf den ich mich sehr freue. Lesen! In Geschichte hätte ich gerne die Vorlesung „Die Stadt in Süddeutschland. Von den Anfängen urbaner Kultur bis ins 20. Jahrhundert“ sowie das Seminar „Geschlecht im Zeitalter der Extreme 1900–1939“. Und bei den Übungen würde ich gerne in „Traum und Albtraum in Israel: Utopien und Distopien des jüdischen Staats“, „Geschichte und Journalismus“ sowie „Die Medien der Aufklärung: Zeitschriften und Journale in Europa, 1660-1800“ sitzen. Bitte mal bis Mitte Oktober die Daumen drücken.

Mittagessen.

Donnerstag, 22. August

Eigentlich will ich in die Hamburger Kunsthalle bzw. deren Galerie der Gegenwart, aber ich entdecke, dass im Bucerius Kunst Forum, dem Ding OHNE BINDESTRICHE HERRGOTTNOCHMAL, eine Ausstellung über Alexander Rodtschenko läuft. Da gehe ich hin.

Abends gucke ich Mario Gomez bei seinem ersten Pflichtspiel für die Fiorentina gegen die Grashoppers Zürich zu. Fußball ist wieder schön! Und der Schweizer Kommentator sagt so hübsche Dinge wie „Dass ich hier seit Minuten vor mich hinschweige, liegt daran, dass es nichts zu sagen gibt.“ Oder: „Das Spiel ist so zäh wie ein stehengelassenes Fondue.“ Mit Betonung auf Fon- statt auf -due, wie sich’s gehört.

Freitag, 23. August

Morgens um 11 zum Singen. Ging überraschend gut. Inzwischen hat meine Gesangslehrerin eine Methode gefunden, mich auch bei Musicals dazuzukriegen, gefälligst laut zu sein: „Stell dir vor, es ist ne Oper.“ Da bin ich nämlich laut, weil ich sonst nicht so hoch komme wie ich will. Und wenn ich mal wieder rumkrampfe und nicht locker bin, kommt der Satz: „Stell dir vor, du wärst noch von gestern betrunken.“ Die Dame kennt mich zu gut.

Der schönste Twitter-Reply, nachdem ich dieses Bild von Ach, ich fühl’s aus der Zauberflöte gepostet habe, kommt von @AndreGottwald:

In meinen Ohren klinge ich natürlich immer noch fürchterlich, wenn ich Oper singe (Lehrerin: „Du sollst dir auch nicht zuhören, dafür bin ich da. Du sollst bloß singen“), aber so ganz langsam fühlt es sich nicht mehr nach Schreien an, wenn ich da oben am B kratze. In den richtig guten Momenten wird der Hals ganz plüschig und dann kommt ein schöner, weicher Ton. Blöderweise bin ich davon immer so begeistert, dass ich sofort aufhöre zu singen, um beglückt zu grinsen. Das muss ich irgendwie noch abstellen.

Artikel, über die ich gestolpert bin:
– der Wikipedia beim Arbeiten zuhören (via @peterglaser)
– Herr Stefanowitsch erklärt, warum der Fake-Mercedes-Hitler-Spot so doof ist (dazu hatte Felix noch was Gutes zu sagen: „ich verstehe die logik des clips aber auch nicht. man sieht dort ein auto, das adolf hitler als kind überfährt. die erklärung dafür ist, dass das auto ein assistenzsystem habe, dass gefahren erkenne, bevor sie entstehen. wenn das so wäre, müsste das system sich eigentlich selbst zerstören. nicht nur wegen asimov, auch aus logischen gründen, denn jedes system das unschuldige tötet stellt eine gefahr dar.“
– Dances With Fat schreibt: „To the Guys Who Threw Eggs at Me Tonight“. #fat-hate

Samstag, 24. August

Der Topf voll Gold am Ende des Regenbogens steht in meinem Edeka: