2011 revisited

(2010, 2009, 2008, 2007, 2006, 2005, 2004, 2003, 23. Dezember)

1. Zugenommen oder abgenommen?

Zum ersten Mal, seit ich ungefähr zwölf bin, kann ich auf diese Frage antworten: keine Ahnung. Und ich find’s großartig.

2. Haare länger oder kürzer?

Bisschen länger.

3. Kurzsichtiger oder weitsichtiger?

4. Mehr Kohle oder weniger?

Mehr. Ein ganzes Jahr komplett durchgebucht gewesen, und zu den lustigen Werbehonoraren kam dieses Jahr noch ein lustiges Buch.

5. Mehr ausgegeben oder weniger?

Mehr. In den letzten drei Jahren habe ich versucht, so viel wie möglich auf dem Konto zu lassen, weil ich für etwas Größeres spare. In diesem Jahr war aber die Lust auf Heute so groß, dass ich Morgen mal in den Hinterkopf gepackt habe. Deswegen bin ich gefühlt in jedem Monat irgendwo gewesen, habe von jetzt auf gleich Flüge, Hotels, Opernkarten und Fußballspiele gebucht, ohne auf den jeweiligen Preis zu gucken – beziehungsweise habe den Nutzen vor die Kosten gestellt. Also: viel Spaß, viel Gutes für die Seele, scheiß auf den Kontostand. Wozu gehe ich denn arbeiten.

6. Mehr bewegt oder weniger?

Mehr. Ich fahre überhaupt kein Auto mehr, benutze die Öffis, und wo das nicht geht, gehe ich eben zu Fuß hin. Läuft. (Haha.)

7. Der hirnrissigste Plan?

Über ein sehr persönliches Thema schreiben und glauben, dass das a) total einfach ist und b) ü-ber-haupt keine Kraft kostet.

8. Die gefährlichste Unternehmung?

Im Gomez-Trikot in die AWD-Arena gehen. Dachte ich jedenfalls vorher. War aber gar nicht schlimm.

9. Der beste Sex?

Kannnichklagen.

10. Die teuerste Anschaffung?

Ein Bild. Knappes halbes Monatseinkommen.

11. Das leckerste Essen?

All’Oro in Rom, dicht gefolgt vom Broeding in München.

12. Das beeindruckendste Buch?

Comic: Ein Mann geht an die Decke von Katharina Greve; Runner-up: Fantastic Four Legends – Unstable Molecules von James Sturm und Guy Davis.

Sachbuch: Nudeldicke Deern – Free your mind and your fat ass will follow. (Bescheidenheit, my fat ass.) Okay, ernsthaft. Ganz vorne: Paradox of Plenty: A Social History of Eating in Modern America von Harvey Levenstein sowie The Beauty Myth: How Images of Beauty Are Used Against Women von Naomi Wolf. Runner-up: Die Fußball-Matrix von Christoph Biermann und Walküre in Detmold von Ralph Bollmann.

Kochbuch: Genussvoll vegetarisch von Yotam Ottolenghi. Runner-up: die Go-Veggie!-App von Nutriculinary.

Fiktion: Die Herrenausstatterin von Mariana Leky. The Fortress of Solitude von Jonathan Lethem. Bestattung eines Hundes von Thomas Pletzinger. Die Erfindung des Lebens von Hanns-Josef Ortheil. Eine exklusive Liebe von Johanna Adorján. Libidissi von Georg Klein.

13. Der ergreifendste Film?

The King’s Speech.

14. Die beste CD? Der beste Download?

Am häufigsten gehört habe ich Dream on von Scala.

15. Das schönste Konzert?

Ich nehme den Publikumsjoker und antworte mit der schönsten Oper: Parsifal in Bayreuth, direkt dahinter Lohengrin in Bayreuth, direkt dahinter Tannhäuser in Bremen (aus Faulheit nicht verbloggt, aber äußerst empfehlenswert. Kommt im Januar und Februar nochmal – hingehen, bitte).

16. Die meiste Zeit verbracht mit …?

Schreiben und grübeln.

17. Die schönste Zeit verbracht mit …?

Zuhören. Augen aufmachen. Singen. Lächeln. Und schreiben.

18. Vorherrschendes Gefühl 2011?

Yay! Fuck! Yay! Fuck! YAY! WASDENNJETZT?

19. 2011 zum ersten Mal getan?

Ein Buch veröffentlicht, auf dem vorne nur mein Name steht. Bayern München und Champions-League-Spiele live gesehen. Mit Altona 93 einen Oberligaverein für mich entdeckt. In Rom, auf dem Oktoberfest und in der Bremer Oper gewesen. In einem Sterne-Restaurant gegessen. Mehr private Flug- als Bahnkilometer zurückgelegt.

20. 2011 nach langer Zeit wieder getan?

Kunst gekauft. Eine Studienreise gemacht. Gesangsunterricht genommen. In Bayreuth, Dresden und im Niedersachsenstadion gewesen, das inzwischen AWD-Arena heißt. Liebeskummer gehabt. Lungenfunktionstests gemacht.

21. Drei Dinge, auf die ich gut hätte verzichten können?

Buchschreib- und -veröffentlichungs-Sinnkrisen-Deprischeiß. Herzschmerzscheiß. Asthmascheiß.

22. Die wichtigste Sache, von der ich jemanden überzeugen wollte?

Meine Lunge, mit dem verdammten Husten aufzuhören.

23. Das schönste Geschenk, das ich jemandem gemacht habe?

Eine neue Chance.

24. Das schönste Geschenk, das mir jemand gemacht hat?

Eine neue Chance. Und jede glückliche Leser_innenmail, die sich für Blog oder Buch bedankt.

25. Der schönste Satz, den jemand zu mir gesagt hat?

„Dein Blog hat mein Leben verändert.“

26. Der schönste Satz, den ich zu jemandem gesagt habe?

„Ich liebe dich.“

27. 2011 war mit einem Wort …?

Aufwühlend.

Ein langhalsiges Dankeschön …

… an den Usedomspotter, der mich mit Der Hals der Giraffe von Judith Schalansky überrascht hat. Das Buch kannte ich vorgestern noch nicht, aber gestern hatte @zeitonline ein fieses Quiz mit letzten Sätzen aus Büchern, und mit so etwas kann man mich ja immer ködern. Ich erkannte gerade einen Satz von zwölf wieder, aber von den anderen elf Büchern musste ich mir erstmal ein paar auf den Wunschzettel werfen. Drei habe ich gleich gestern selbst bestellt, das vierte kam eben an. Vielen Dank, ich habe mich sehr gefreut.

Bücher Dezember 2011

Kindle-Edition: Nicci French – What to Do When Someone Dies

Eigentlich hatte ich mir den Kindle für den dicken Wälzer Gotham gekauft, damit ich ihn endlich im Bus und in der Mittagspause lesen kann, aber dann dachte ich, kaufste doch erstmal ein Spaßbuch, um zu gucken, wie es sich so auf dem Kindle lesen lässt. Auf ITV hatte ich mehrfach einen Trailer für einen scheinbar spannenden Dreiteiler gesehen, und What to do when someone dies ist die Buchvorlage, die es für sieben Dollar als erstes Buch auf den Kindle schaffte.

„Spaßbuch“ trifft es ganz gut, denn es ist ein schön geradeaus erzählter Krimi. Ellie erfährt, dass ihr Ehemann Greg einen tödlichen Autounfall hatte – und er war nicht alleine im Wagen. Neben ihm eine Frau, von der Ellie noch nie gehört hatte, genauso wenig wie ihre Freunde. Sie glaubt als einzige nicht, dass Greg eine Affäre hatte und stöbert ein bisschen in seiner Vergangenheit. Das übliche „Eine gegen alle“, dazwischen ein bisschen Trauerarbeit, alles recht unaufgeregt, aber dann doch so spannend, dass ich das Ding an drei Tagen weggelesen hatte.

Kindle-Edition: Douglas Coupland – Player One

Ich nutze faul die Amazon-Beschreibung, die ich um einige Bindestriche und Kommata ergänzt und liebevoll lektoriert habe: „Der Schauplatz des Romans ist eine Flughafen-Cocktaillounge während einer globalen Katastrophe. Fünf Menschen sitzen dort fest, und während die Welt, wie sie sie kannten, untergeht, offenbart ein jeder die Wahrheit über sich.“ Das ganze in der üblichen, mir angenehmen Coupland-Sprache. Klingt manchmal ein bisschen nach Creative-Writing-Seminar, weil der Aufbau des Romans wichtiger erscheint als der Inhalt, aber mir hat er trotzdem sehr gut gefallen. Weniger Internet- und Techno-Schnickschnack als sonst, mehr Charakterfülle.

Frank Goosen – Weil Samstag ist: Fußballgeschichten

Auf den ersten Seiten dachte ich, uh, wir beide werden keine Freunde werden, was wirklich nicht daran liegt, dass Goosen VfL-Bochum-Fan ist und Bayern-Fans doof findet, sondern daran, dass die ersten Seiten ein paar dämliche Witze über Frauen und Schwule reißen. Danach wird’s aber doch ganz freundlich; hübsch, liest sich schnell weg, und ich habe mich gut unterhalten und verstanden gefühlt in meiner neuen Liebe zum Fußball.

Georg Klein – Libidissi

Ein Tipp von Herrn ronsens, für den ich ihm sehr dankbar bin. Er meinte auf Twitter, wenn mir Sand von Herrndorf gefallen habe, dann wär das auch ein Buch für mich. Volltreffer. Libidissi spielt in einem fiktiven Land, und es geht um einen ebenso fiktiven Geheimdienst, aber das Buch ist immer so nah dran an echten Ländern und Fakten, die wir über sie und ihre Historie wissen, dass es sich viel zu real anfühlt. Wir bekommen die Handlung von zwei Seiten präsentiert; einmal von Agent Spaik und einmal von zwei seiner Nachfolger, die ihn gewaltsam von seinem Posten entfernen sollen. Liest sich wie verschwitzter Kafka, der zu viele Drogen geschluckt hat. Großartig.

Anna Mitgutsch – Wenn du wiederkommst

Och. (Das habe ich wirklich über die fast 300 Seiten lang gedacht.) Die namenlose Ich-Erzählerin lässt uns an der Trauer an ihrem geschiedenen Mann teilhaben, von dem sie sich vor 15 Jahren getrennt hat. Die beiden fanden kurz vor seinem Tod nochmal zusammen, weswegen sie sich als Witwe fühlt, während die Verwandtschaft das ganz anders sieht. Mehr passiert dann auch nicht, und obwohl ich die Sprache mochte und die Einblicke in jüdische Lebensweisen und Trauerrituale, fand ich das ganze Ding seltsam belanglos.

Elizabeth Keckley – Behind the Scenes in the Lincoln White House: Memoirs of an African-American Seamstress

Ich zitiere die Wikipedia: „Elizabeth Hobbs Keckley (February 1818 – May 1907) was a former slave turned successful seamstress who is most notably known as being Mary Todd Lincoln’s personal modiste and confidante. Mrs. Keckley utilized her intelligence, keen business savvy, and sewing and design skills to arrange and ultimately buy her freedom (and that of her son George as well), and later enjoyed regular business with the wives of the government elite as her base clientele.“ In ihrer Autobiografie erzählt sie trotz des reißerischen Titels recht wenig über das Leben im Weißen Haus, aber dafür mehr über ihr Leben als Sklavin und wie sie sich freikaufen konnte. Das Buch hätte von mir aus gerne doppelt so dick sein dürfen.

Jeffrey Eugenides – The Marriage Plot

Nicht so toll wie Middlesex, aber immer noch sehr gut. Hat mich sehr an Franzens Freedom erinnert; die Art, wie Beziehungen beschrieben werden, das Aufwachsen, die Familien. Es geht um ein Mädchen zwischen zwei Jungs, und alle drei bekommen ihren Teil der Aufmerksamkeit. Das einzige, was mich richtig genervt hat, war, dass die Jungs eine Entwicklung durchmachen, während das Mädchen weiterhin nur Objekt der Begierde bleibt. Trotzdem eine Empfehlung.

Dietrich Schulze-Marmeling – Die Bayern: Die Geschichte des Rekordmeisters

Ausführlich, ausführlich, ausführlich und ausführlich. Informativ, ein bisschen trocken, aber sowas von ausführlich. Fragt mich, wie das Torverhältnis des FCB in der Saison 1978/79 war oder wie sie im DFB-Pokal 1966 abgeschnitten haben, und ich könnte es auswendig nachschlagen. (Keine Farbfotos von Schnucki. Ich prangere das an.)

(Die Links unter den Buchtiteln führen zu Amazon und sind Affiliate Links.)

Wie man sich in Gegenwart einer Kamera wohlfühlt, …

…, vor allem als dicker Mensch, habe ich im „Deern“-Blog beschrieben.

The Ides of March


@ Columbia Pictures

The Ides of March (The Ides of March – Tage des Verrats, USA 2011, 101 min)

Darsteller: Ryan Gosling, George Clooney, Philip Seymour Hoffman, Evan Rachel Wood, Paul Giamatti, Marisa Tomei, Jeffrey Wright, Max Minghella, Jennifer Ehle
Musik: Alexandre Desplat
Kamera: Phedon Papamichael
Drehbuch: George Clooney, Grant Heslov, Beau Willimon, nach dem Theaterstück „Farragut North“ von Beau Willimon
Regie: George Clooney

Trailer

Offizielle Seite

Gut, dass ich nicht direkt nach dem Kino meine Meinung zu einem Film rauspusten muss. Denn dann hätte ich gesagt, tolles Ding, alle angucken, sofort. Ich bin aber erstmal 40 Minuten zu Fuß nach Hause gegangen, habe mir den Kopf ein bisschen von Musik freipusten lassen und mich dann an den Rechner gesetzt, um noch einmal brav über das Gesehene nachzudenken. Und da fiel mir auf: hm. Eigentlich ist er bloß gut gemachtes Augenpulver mit fein ausgearbeiteten Dialogen, aber einer recht dünnen Geschichte, die eine sehr dusselige Wendung hat und mit zwei Hauptpersonen Dinge anstellt, die ich recht unglaubwürdig fand. Jetzt, wo ich Zeit hatte, darüber nachzudenken. Interessanterweise erzählt The Ides of March die Geschichte eines Wahlkampfteams, das für einen Gouverneur die demokratischen Vorwahlen in Ohio gewinnen soll. Also Politik. Ein Thema, das mit ner Menge Augenpulver arbeitet, wo viele Reden gehalten werden, die fein ausgearbeitet wurden und wo gerade vor Wahlen Dinge über Personen bekannt werden, die wir vielleicht erstmal unglaubwürdig finden – bis wir sie so lange in der Zeitung gesehen haben, dass an ihnen vielleicht doch etwas dran ist …? Und so dachte ich nochmals: hm. Vielleicht ist der Film cleverer als ich dachte. Oder ich bin cleverer als der Film, weil ich ihm auf die Schliche gekommen bin. Und in dieser Gedankenschleife verharrte ich noch ne Runde, und so fühlt sich auch der Film an.

Ryan Gosling spielt den campaign manager Stephen, der Philip Seymour Hoffmans Charakter Paul unterstellt ist. Dieser macht den Job seit Jahrzehnten, während Stephen noch recht frisch dabei ist. So erzählt er der Times-Reporterin Ida (Marisa Tomei) auch brav die hoffnungsvollen Sprüche, wie sehr sich das Land ändern wird, wenn Gouverneur Mike Morris (George Clooney) erstmal im Weißen Haus sitzt. Ida grinst nur und meint, he, früher hast du diesen Quatsch nicht geglaubt, woher kommt der Sinneswandel? Nichts würde sich ändern für die gemeine Bevölkerung, aber dafür hätten die Organisatoren der Kampagne einen schönen Job bei der Regierung. Stephen wird uns präsentiert als jemand, der noch Ideale hat, die andere, die schon länger dabei sind, längst verloren haben.

Sein Talent bemerkt auch die Gegenseite: Tom (Paul Giamatti) ruft ihn eines Abends an und bittet ihn zu einem Gespräch. Stephen ahnt, dass das eine dämliche Idee ist, ist aber gleichzeitig zu neugierig, um abzusagen. Natürlich kommt das Treffen raus, Ida droht die Story zu veröffentlichen, und auf einmal hat Stephen mehr Probleme als ihm lieb ist. Denn das ist nicht die einzige Baustelle, um die er sich kümmern muss. Eine Praktikantin, die für ein paar ungezwungene Nächte sein Bett teilt, erzählt ihm ebenfalls etwas, das so gar nicht für die Öffentlichkeit bestimmt ist.

Nach den ersten zehn Minuten des Films dachte ich, den müsste man sich eigentlich nicht anschauen, wenn man drei Folgen The West Wing gesehen oder Primary Colors gelesen hat. Es beginnt mit den üblichen Phrasen, der Beteuerung des Kandidaten, niemals schmutzige Wäsche zu waschen, dem Politikerlächeln für die Kamera (das Clooney äußerst überzeugend drauf hat) und dem hektischen Telefonieren hinter den Kulissen. Alles nicht besonders neu oder aufregend. Was The Ides of March dann über weite Teile rettet, sind seine Darsteller und Darstellerinnen. Clooney bleibt seltsam fassungslos, was ich sehr faszinierend fand; natürlich hat er immer noch seinen Charme, dem ich persönlich widerstandslos ausgeliefert bin, aber man merkt bei jedem Lächeln, dass dahinter pures Kalkül steckt. Er wird nie als der warmherzige Händeschüttler inszeniert, damit wir sofort auf seiner Seite sind; er ist aber gleichzeitig auch nie der eiskalte Machtmensch, von dem wir erwarten, dass er in jedem Politiker und in jeder Politikerin steckt.

Am liebsten habe ich den drei campaign managern bei ihren Dialogen zugeschaut und zugehört. Vor allem Philip Seymour Hofmann, der faszinierenderweise selbst übelste Schimpfwörter raushauen kann – es klingt immer noch nach Shakespeare. Für meine Ohren jedenfalls. Ich mochte seine leise, klare Intonation, mit der er nicht nur mich, sondern auch den Gouverneur langsam, aber bestimmt auf seine Seite ziehen kann. Ich mochte Paul Giamatti, der als einziger mal laut werden durfte, als er über die Untiefen des Wahlkampfs schimpfte, nur um eine Sekunde später darüber zu grinsen, weil er wusste, dass er diesen Untiefen gerade sauber und trocken entstiegen ist. Wer allerdings noch im Schlamm hockt, ist Ryan Gosling, dessen Wandlung mir im Prinzip sehr gefallen hat. Im Prinzip, denn: So ganz habe ich dem Film seine Wendungen und Haken zum Schluss nicht abgekauft.

The Ides of March bleibt spannend, was toll ist, aber er tut es auf Kosten von zwei seiner Figuren. Die eine ist Evan Rachel Wood als die oben angesprochene Praktikantin, die als starke Frau des 21. Jahrhunderts beginnt, sich dann aber immer mehr verhält wie in einer Moralität von 1850, was mir äußerst übel aufgestoßen ist. Die zweite Figur ist Gosling, der ebenfalls eine Wandlung durchläuft, die ich etwas verwundert zur Kenntnis genommen habe. Ja, ich verstehe das Motiv des „mit dem Rücken zur Wand stehen“, aber die Konsequenz, die er zieht, will ich ihm einfach nicht abnehmen.

Aber wie gesagt, vielleicht ist das gerade das Schlaue am Film, dass er mich überraschen konnte und mir Menschen anders präsentiert als ich sie erwartet habe. Ich bin mir selbst noch nicht ganz sicher. Sicher bin ich mir allerdings beim effektvollen Schlussbild, das man zwar meilenweit kommen sieht, das einem aber trotzdem noch lange im Kopf bleibt. Bis man wieder anfängt, über den Film nachzudenken.

Der Bechdel-Test:

1. Es müssen mindestens zwei Frauen mitspielen, die
2. miteinander reden
3. und zwar über etwas anderes als Männer.

Sechs Hauptfiguren, davon zwei Frauen, die natürlich nicht miteinander reden. Und was ich zusätzlich doof fand: Mindestens zwei der anderen vier Figuren hätten locker Frauen sein können, ohne dass es die Geschichte verändert. Mit viel gutem Willen, heterosexuelle Vorstellungen zu brechen, hätten auch drei der vier anderen Frauen sein können. Den Film hätte ich übrigens sehr gerne gesehen, fällt mir gerade auf.

Bechdel-Test bestanden: nein.

“How Luther went viral”

Der Economist über die Rolle von neuen Medien wie der Druckerpresse und sozialen Netzwerken (vulgo: Freunde und Bekannte) in der Reformation:

“Although they were written in Latin, the “95 Theses” caused an immediate stir, first within academic circles in Wittenberg and then farther afield. In December 1517 printed editions of the theses, in the form of pamphlets and broadsheets, appeared simultaneously in Leipzig, Nuremberg and Basel, paid for by Luther’s friends to whom he had sent copies. German translations, which could be read by a wider public than Latin-speaking academics and clergy, soon followed and quickly spread throughout the German-speaking lands. Luther’s friend Friedrich Myconius later wrote that “hardly 14 days had passed when these propositions were known throughout Germany and within four weeks almost all of Christendom was familiar with them.”

The unintentional but rapid spread of the “95 Theses” alerted Luther to the way in which media passed from one person to another could quickly reach a wide audience. “They are printed and circulated far beyond my expectation,” he wrote in March 1518 to a publisher in Nuremberg who had published a German translation of the theses. But writing in scholarly Latin and then translating it into German was not the best way to address the wider public. Luther wrote that he “should have spoken far differently and more distinctly had I known what was going to happen.” For the publication later that month of his “Sermon on Indulgences and Grace”, he switched to German, avoiding regional vocabulary to ensure that his words were intelligible from the Rhineland to Saxony. The pamphlet, an instant hit, is regarded by many as the true starting point of the Reformation.“

Irgendwas mit irgendwas

Damit ihr schon wisst, was im nächsten Jahr so an Tweets von mir auf euch wartet, haben Isa und Merlix gemeinsam einen Blogeintrag verfasst. Von mir aus geht das klar.

What Anke ate in 2011

„Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde. Und diese Schätzung war die allererste und geschah zur Zeit, da Quirinius Statthalter in Syrien war. Und jedermann ging, dass er sich schätzen ließe, ein jeder in seine Stadt. Da machte sich auf auch Josef aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das jüdische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, weil er aus dem Hause und Geschlechte Davids war, damit er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe; die war schwanger. Und als sie dort waren, kam die Zeit, dass sie gebären sollte. Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.

Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde. Und der Engel des Herrn trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr. Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen: ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen. Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.“

Ich wünsche euch allen ein friedliches, fröhliches, besinnliches, schönes, gesegnetes Weihnachtsfest. Danke fürs Lesen.

“It feels so good to give a present”

Bester Zeitpunkt ever für dieses Lied.

„My body is not a representation of my failures, sins, or mistakes. My body is not a sign that I am in poor health, or that I am not physically fit. My body is not up for public discussion, debate or judgment. My body is not a signal that I need your help or input to make decisions about my health or life. My body is the constant companion that helps me do every single thing that I do every second of every day and it deserves respect and admiration. If you are incapable of appreciating my body that is your deficiency, not mine, and I do not care.“

Thank you, Ragen.

„Das Schweigen der Hühner“

Schon etwas älter, aber immer noch sehr lesenswert: ein Bericht des Spiegel, wo Industriefutter herkommt.

„Der SPIEGEL ist in verschiedene Discounter gegangen und hat eingekauft für ein zufälliges Menü mit drei Gängen, Massenware für den Massenkonsum. Das Menü kostet 7,19 Euro für vier Personen.

Die Vorspeise: Pilzsuppe.

Der Hauptgang: Nudeln mit Hackfleischsauce.

Das Getränk: spanischer Rotwein.

Die Nachspeise: Waffeln mit Vanilleeis.

In den Regalen der Supermärkte begann die Suche nach einer Antwort auf die Frage, warum der Verbraucher nicht weiß, was er isst. Um die Menschen zu treffen, die die Bestandteile des Menüs herstellen, mussten 89 E-Mails geschrieben werden, und manchmal vergingen Wochen, bis eine Antwort kam.

Die Suche führt aus Deutschland hinaus nach Spanien, Italien, Holland, Belgien und dann wieder quer durch Deutschland, es ist die Reise in eine Welt mit einer eigenen Sprache und mit Regeln, die nur der kennt, der dazugehört. Es ist der Trip in eine Unterwelt.

Wer diesen Trip erlebt hat, wird daraus die Lehre ziehen: Essen schmeckt besser, wenn man nicht weiß, wo es herkommt.“

(via Foodfreak auf G+)

Ein Post für Fußball- und Opernfans zugleich

Der Herr @jungspund hatte versucht, mir eine Karte für das gestrige DFB-Pokalspiel Bochum vs. MEINE JUNGS zu besorgen. Hat leider nicht geklappt – aber stattdessen hatte ich gestern diesen Schal in der Post, der für das Spiel aufgelegt wurde. Vielen Dank, ich habe beim Auspacken extrem gut gelaunt gequietscht und das gute Stück natürlich brav überm Gomeztrikot getragen. Beim 1:0 etwas muffig, aber als es zum Schluss 1:2 stand, war alles wieder gut. Wir zwei Fans-von-verschiedenen-Vereinen gehen dann demnächst mal zu Altona 93. Ich lass auch nen Schal springen.

Und das zweite Geschenk machte mir mein Papa mit seinem Anruf gestern abend: „Post aus Bayreuth. Wir haben wieder Karten, Parsifal und den Holländer.“ Wer am 11. August Zeit für einen Pausenkaffee hat – ich stehe irgendwo im Schatten und halte mich aufgewühlt an einem Sektglas fest.

“Performances of the Year”

Der Boulezian listet seine persönlichen Klassik-Highlights auf. Bei den Opernaufführungen schreibt er auch über Herheims Parsifal, der mich in Bayreuth so fertiggemacht hat (in a good way):

Stefan Herheim’s Bayreuth production of Parsifal is, not to beat about the bush, one of the great Wagner stagings of all time. It remains electrifying; it remains faithful; it remains questioning; it remains far more than anyone could possibly take in on a single viewing, which is why I felt properly blessed to be granted a second helping. The tightrope remains precarious: can he really simultaneously tell the story of Parsifal both in Wagner’s terms and those of its reception? Yes he can. Daniele Gatti’s masterly pacing upset some impatient souls, but the score unfolded as if in a single breath: the only true measure of Wagner performance. If only the roles of Gurnemanz and Parsifal himself had been better filled, this would have been my opera, and not just my Bühnenweihfestspiel, of the year.“

(via @TheWagnerian)

„Der Anpfiff zur neuen Oberliga erfolgte am 4. November 1945. Der FC Bayern musste zum 1. FC Nürnberg reisen, wo er vor 16.000 Zuschauern mit 1:2 unterlag. Trotz der teilweise chaotischen Umstände im Nachkriegsdeutschland konnte die Saison 1945/46 ohne Spielausfälle durchgeführt werden. Da aus der Kriegsgefangenschaft laufend neue Spieler zu den Mannschaften stießen, änderte sich deren Gesicht häufig. (…) Was den Zuschauerzuspruch anbetraf, so war die neue Liga eine Erfolgsstory. Die 240 Spiele wurden von rund zwei Millionen Fans besucht. Im Unterhaltungssektor war der Fußball im zerstörten und demoralisierten Land nahezu konkurrenzlos.“

Dietrich Schulze-Marmeling, Die Bayern: Die Geschichte des Rekordmeisters