Wenn meine Kamera jetzt keinen leeren Akku hätte, würde hier ein toller *hust* Blogeintrag stehen. So müssen wir uns alle noch einen Hauch gedulden. Bis dahin etwas Musik.

(YouTube-Direktmütterchen)

„Wasn?“

Ich kann nicht mehr. (Ganzes Album.)


© Walt Disney Pictures/Pixar

WALL·E (WALL·E – Der Letzte räumt die Erde auf, USA 2008, 98 min)

Originalstimmen: Ben Burtt, Elissa Knight, Jeff Garlin, Fred Willard, John Ratzenberger, Kathy Najimy, Sigourney Weaver und das Programm MacInTalk von Apple
Musik: Thomas Newman
Drehbuch: Andrew Stanton & Jim Reardon
Regie: Andrew Stanton

Trailer

Offizielle Seite

Wall·e ist ein kleiner, knuffiger Roboter, der den ganzen Müll der Erde zu kleinen Würfeln presst und daraus riesige Berge stapelt. Die Menschen haben die Erde vor hunderten von Jahren verlassen; sie haben es sich inzwischen in einem Raumschiff gemütlich gemacht, bis die ganzen wuseligen Roboter, die sie gebaut haben, ihren Planeten wieder aufgeräumt haben. Leider war der Plan nicht ganz ausgereift – die Menschen sitzen immer noch gemütlich im Raumschiff und haben völlig vergessen, dass sie irgendwann mal wieder „nach Hause“ fliegen wollten. Und auf der Erde ist nur noch Wall·e damit beschäftigt, Ordnung zu schaffen.

Das macht er aber sehr menschlich: Er geht morgens mit seiner kleinen Box zur Arbeit, presst Müll, sammelt nebenbei Kram ein, den er zu faszinierend findet, um ihn zu würfeln und guckt abends Hello, Dolly auf einer schraddeligen Videokassette. Sein kleines Heim – ein alter Müllwagen – ist mit Lichterketten geschmückt, und eine Kakerlake leistet ihm Gesellschaft. Und natürlich hat er im Laufe der Jahrhunderte Gefühle entwickelt. Sonst wäre der Film ziemlich doof bzw. könnte gar nicht anfangen.

Denn eines Tages landet ein Raumschiff auf der Erde, dem ein weiblicher Roboter entfliegt: Eve. Überirdisch schön, glatt und weiß – und gut bewaffnet, wie Wall·e schnell erfahren muss. Er selbst ist ein rostiger Klumpen auf rumpeligen Ketten, aber wie jeder Kerl, der über optische Mängel verfügt, weiß er sich zu helfen: Die Mädels müssen anderweitig beeindruckt werden. So gucken die beiden gemeinsam romantisch ins Feuer (das Eve gelegt hat, als sie – wie immer sehr fix mit der Knarre – aus Versehen ein paar alte Öltanker in Brand gesetzt hat), schauen sich Wall·es skurrile Sammlung an menschlichem Müll an und amüsieren sich anscheinend ganz prächtig, bis Wall·e Eve eine kleine, zarte Pflanze zeigt, die er gerade ein paar Tage vorher gefunden hat. Anscheinend die erste Pflanze, die Wall·e jemals gesehen hat.

Daraufhin verwandelt sich Eve in pures Pflichtbewusstsein: Aus dem flirtenden Roboter wird eine weiße Kapsel, die die Pflanze schützt und von ihrem Raumschiff wieder abgeholt wird. Und das kann Wall·e natürlich nicht einfach so geschehen lassen, jetzt, wo er endlich jemanden gefunden hat, mit dem er fernsehen kann und der ihm seinen Zauberwürfel löst.

Die Geschichte von Wall·e und Eve geht dann im Weltraum weiter. Bis eben waren sie nur auf der schrottigen Erde – und alles, was sie gesagt haben, war „Wall·e“ und „Eve“. Die komplette erste Hälfte des Films funktioniert ohne Dialoge, und sie funktioniert hervorragend. Sie ist wundervoller Slapstick, durchbrochen mit herzigen Momenten und lebt natürlich von den Pixar-typischen Charakteren, die kurz vor diabeteszuckersüß sind und die man alle sofort mit nach Hause nehmen möchte. Das weiß man aber vorher, und wer sich in einem Pixar-Film darüber aufregt, wie niedlich und vermenschlicht alles ist, der sollte weiter Rambo gucken. Alle Teile.

Ich glaube, ich sitze in jedem Pixar-Film wie ein Kind, mit offenem Mund auf die Leinwand starrend, lächelnd und staunend. (Und ich glaube, ich schreibe das auch in jede Kritik; ich guck gleich mal nach.) WALL·E ist genauso. Ich war wie immer begeistert von Einfallsreichtum der Szenerie, den vielen liebevollen Details und den kleinen versteckten Witzen, wie z.B. das Geräusch, das Wall·e macht, wenn er seine Solarzellen aufgefüllt hat; dann klingt er nämlich wie der Startton eines Macs. Schade, dass dieser Witz am Großteil der Kinobesucher vorbeigeht. (Buy a Mac! BUY A MAC!)

Der Flug durch den Weltraum war dann eher was für die Taschentücher. Wall·e klammert sich außen am Raumschiff fest, in dem Eve ist. So hat er nicht nur die Gelegenheit, mit seinem Quadratschädel an Satelliten hängenzubleiben, sondern auch mit seinen Fingern durch Sternenstaub zu fassen und sich seinen Planeten mal von oben anzuschauen. Hier nimmt sich der Film ein paar Momente der Ruhe, während er vorher ein irrsinniges Tempo vorgelegt hat, das im Folgenden auch wieder aufgenommen wird. Denn mit dem Andockmanöver am Riesenraumschiff der Menschen ist die Rührseligkeit wieder vorbei. Hier haben die Menschen zwar im Prinzip das Sagen, aber die komplette Arbeit wird von Robotern erledigt: surrenden, quietschenden, piepsenden, gleitenden, fliegenden, rollenden, röhrenden, schlauen, dumpfbackigen, eindimensionalen, HAL-ähnlichen, unglaublich klasse aussehenden Robotern. Die Maschinen haben mehr Charaktere als die Menschen, und alle von ihnen sind so vielschichtig und faszinierend, dass man aus dem Staunen gar nicht mehr herauskommt.

Das beginnt beim Identifizieren des Raumschiffinhalts – ist da Dreck mitgekommen, der nicht an Bord gehört? Kein Problem, die Putzbrigade steht bereit. Allen voran der kleine wuselige M·o, der mit einer rotierenden Bürste alles abputzt, was nicht schnell genug von ihm wegkommt. Auch Wall·e macht mit ihm Bekanntschaft, und diese kurze Sequenz war eine meiner liebsten im Film. Wie der knarrende, gutherzige – und dreckige – Würfelpresser mit dem wieselflinken Streber aneinandergerät, ist so voller blitzschneller Pointen, das ich mir kaum eine merken konnte. Ich war aber auch viel zu sehr mit Lachen beschäftigt. (Danke, YouTube.)

M·o bleibt natürlich nicht der einzige Roboter, mit dem Wall·e unfreiwillig Bekanntschaft macht. Da sind noch die ganzen schrägen Roboter, die repariert werden müssen, der Autopilot des gesamten Raumschiffs, Polizeiroboter, Wall·es große Verwandte, die sich an Bord um den Müll kümmern … und ein paar Menschen trifft er auch. Und bei ihnen hinterlässt er mehr Eindruck, als er sich hätte träumen lassen. Wenn er träumen kann, was ich inzwischen glaube. Wahrscheinlich sind die Traumsequenzen auch mit Apple-Systemtönen ausgestattet.

Der ganze Film fühlt sich trotz seiner modernen Oberfläche ganz altmodisch an. Der komische Kauz in der Großstadt, der naive Tor, der allen intelligenten Menschen – und Maschinen – zeigt, was ihnen fehlt, das gute Herz gegen das starre Programm. Alles total kitschige Versatzstücke, die aber in WALL·E so knuffig dargeboten werden, dass man sogar über die allzu offensichtliche Moral hinwegsieht. Ja, klar, wir sollten dem Götzen Konsum weniger huldigen (lustig, das ausgerechnet von Disney zu hören), ja, klar, wir müssen uns mehr um unseren Planeten kümmern, ist ja gut. War mir nach dem Film, ehrlich gesagt, nicht viel wichtiger als vorher, weil ich die Roboter viel zu toll fand, um mir über die doofen Menschen Gedanken zu machen.

Ich hatte in einigen Pro-Fat-Weblogs gelesen, dass viele mit der Darstellung der Menschen Probleme gehabt hätten. Denn nach hunderten von Jahren, in denen Maschinen alles machen, sind die Menschen nur noch damit beschäftigt, in Hoover Chairs durch die Gegend zu zoomen, über Bildschirme zu kommunizieren und fett zu werden. Ich bin ziemlich sensibel, wenn es um die Darstellung von Dicken in Filmen geht und reagiere sehr kratzbürstig, wenn die Dicken mal wieder die Idioten sind und nichts gebacken kriegen. So gibt es in WALL·E eine Szene, in der ein Mensch aus seinem fliegenden Stuhl fällt, wie eine blöde Qualle auf dem Rücken liegt und von Robotern zurück in sein Stühlchen gehoben werden muss. Unterschwellige Botschaft ist klar: Wenn wir schlank wären, könnte uns das nicht passieren. Mal abgesehen davon, dass auch schlanke Menschen sich was brechen können und dann ebenso unfähig rumliegen, war das aber auch so ziemlich die einzige Szene, bei der ich dachte, näh, da hättest du drauf verzichten können. Denn im Endeffekt sorgen die Menschen für ihre eigene Rettung; Wall·e ist „nur“ der Gedankenanstoß.

Ich merke beim Schreiben gerade, dass ich kaum mehr mache, als den Film nachzuerzählen, was ich eigentlich gar nicht will. Aber WALL·E ist mal wieder einer dieser Filme, aus denen man rauskommt und dann sofort mit allen Freunden die Lieblingsszenen nochmal durchkauen will, so gut hat man sich amüsiert, so verstohlen hat man das Taschentuch gezückt und so sehnsüchtig wartet man jetzt auf die DVD. Man = ich. Aber sowas von.

PS: Außerdem will ich jetzt sofort alle Roboter in Lebensgröße haben, ganz egal, ob sie irgendwas können. Vor allem Eve würde ich mir einfach in die Zimmerecke stellen und sie den ganzen Tag anschauen, weil sie so wunderschön ist. Ich frag mich gerade, ob das total frauenfeindlich ist, weil ich die Plastikdame damit nur auf ihr Äußeres reduziere, ich Chauvi.

Mad Men

Um Mad Men habe ich mich länger rumgedrückt, obwohl die erste Staffel bereits 2007 lief. Die Serie spielt in den 60er Jahren in den USA (warum soll ich das heute gucken?) – und in der Werbung (muss ich gucken). In den 60er Jahren hatten Frauen ja noch nicht so wahnwitzig viel zu sagen, weswegen ich einfach mal angenommen habe, dass ich mich wieder schrecklich über die doofen Frauenrollen aufregen werde. Und Filme über Werbung erzählen ja auch immer Müll. Dank der Satellitenschüssel des Kerls können wir BBC/ITV empfangen, wo Mad Men lief, und so habe ich es immerhin bei zwei Folgen mal geschafft, reinzugucken. Und war not overwhelmed. Fantastisch ausgestattet, ja gut, aber ansonsten passierte nicht viel. Jedenfalls nichts, womit ich etwas anfangen konnte.

Ich glaube, ich habe mich schlicht vom frisch verliehenen Emmy für die beste dramatische Serie (und einer bezahlten Rechnung = gut aussehendes Konto) beeinflussen lassen und vor einigen Tagen spontan die erste Staffel bestellt. Am Wochenende hab ich mich hingesetzt – und bin erst wieder vom DVD-Player weggegangen, als ich alle zwölf Folgen durch hatte.

Ja, die Frauenrollen tun weh, aber nicht, weil sie doof angelegt sind, sondern weil die meisten Mädels sich deswegen mehr Sorgen um ihre Frisur als ihre Karriere machen, weil sie gar keine andere Wahl haben. Und die, die eine Wahl haben, sehen meist auch nicht viel glücklicher aus. Überhaupt sieht man recht wenige glückliche Menschen in Mad Men – aber dafür sehen sie unglaublich gut aus. Die Ausstattung, gerade die Kleidung, hat mich in jeder Sekunde fasziniert. Und auch wenn ich selbst nie Pumps und Petticoats oder Bleistiftröcke tragen möchte, hätte ich nichts dagegen, wenn alle Männer das wunderbare Accessoire „Manschettenknöpfe“ wiederentdecken würden. (Und die Zigarettenetuis! Die Halsketten der Frauen! Die Tapetenmuster! Die Lampen!)

Mad Men hat beim mir im Fernsehen nicht funktioniert, und ich ahne, dass auch Serien wie The Wire oder 24 bei mir nicht funktioniert hätten, wenn immer eine Woche Zeit zwischen den Folgen gelegen hätte. In einer Mad-Men-Folge passiert nicht so wahnsinnig viel, aber alle Folgen zusammen zeichnen ein sehr dichtes Bild: die Jungs in der Madison Avenue, ihre Gattinnen, die zuhause die Kinder hüten und den Braten pünktlich auf den Tisch bringen, die Affären, die ausgesprochene oder stumme Geringschätzung von Frauen und Farbigen, die Machtspielchen, die kleinen Freiräume. Es entsteht gemeinerweise genau das Bild, das die selbsternannten mad men, die Werber aus New York, Amerika verkaufen wollen: Kauf dir den amerikanischen Traum. Und entdecke erst nach dem Kauf, ob dieser Traum wirklich einer ist.

Nebenbei: Wie Werbung geht, erfährt man natürlich auch nicht aus Mad Men. Aber immerhin zeigt die Serie in Meetings echte Spots aus der Zeit; die heute unfassbare Diskussion um Tabak und die damaligen, legalen medizinischen Testimonials („Rauchen ist gesund“) wird geführt, es gibt Wahlwerbung von Kennedy und Nixon zu sehen – und die legendäre Lemon-Anzeige von Bill Bernbach, die noch heute jedem Texter mit der Anmerkung „So geht gute Copy“ unter die Nase gehalten wird. Zu recht.

Hallo Genius. Danke für die inspirierende Musikbegleitung im Zug von Hamburch nach Balin. Ich wäre von alleine nie auf die Idee gekommen, Stabbing Westward und Mazzy Star in eine Playlist zu packen. Hat aber wunderbar funktioniert. Allet Liebe, Deine Anke.

Flight of the Conchords

Flight of the Conchords ist ein musikalisches Comedy-Duo aus Neuseeland – und gleichzeitig eine kleine, schrullige Serie, in der die zwei Jungs des Duos sich selbst spielen, wie sie zusammen in einem Appartement in New York wohnen und auf ihren Durchbruch in den USA warten, den ihr schräger Manager Murray sicherlich nicht zustande bringen wird. Das Besondere an der Serie ist die Mischung aus Songs der Band und der Rahmenhandlung rund um die Lieder. Die Songs sind dabei genauso seltsam wie die Figuren, die Dialoge und sogar die Teekannen in der WG-Küche oder die Sweatshirts, die einer der Jungs trägt. Und das war dann auch mein Problem mit der Serie: Ich kann mit lustigem Liedgut nicht so wahnsinnig viel anfangen, auch wenn die Conchords natürlich in einer anderen Liga spielen als Mike Krüger. Leider aber auch nicht in einer Liga mit den Pythons.

Laut Wikipedia wollten die Jungs mal ernsthafte Musik machen, sind dann aber doch bei albernen Texten und knuffigen Arrangements hängengeblieben. So wie hier, wo die beiden nicht weinen („I’ve just been cutting onions, I’m making a lasagna – for one“) oder hier, wo Bret seiner Freundin eigentlich ein Lied schreiben wollte, dass er den höchsten Berg für sie bezwingen will und ähnliche Klischees, bis Jermaine ihn fragt, ob er das wirklich wolle. Was Bret nicht will und sich deshalb für die Variante „Sag du doch erstmal, was du willst“ entscheidet.

Flight of the Conchords fühlt sich meist an wie die schönen Sinnlosserien à la The IT Crowd oder Extras, wo man sich auch immer fragt, was die Autoren geraucht haben, bevor sie sich über die Dialoge Gedanken gemacht haben. Manchmal wird’s etwas sehr belanglos, und dann habe ich mir immer gewünscht, dass die Songs kürzer wären und die Jungs lieber wieder band meetings mit Murray haben, der neben seinem Managerjob noch Kulturattaché für Neuseeland ist. Sein Büro ist mein liebstes Setting der Serie, denn in seiner Sperrholzbutze hängen wunderbare Reiseplakate für Neuseeland – mit Kracherslogans wie „New Zealand – It’s not part of Australia“ und ähnliche Herrlichkeiten. Davon hätte ich gerne mehr gehabt.

Sarah Palin Debate Flow Chart. Via Kikis Gezwitscher.

Großartige Baader-Meinhof-Kompott-(©argh)-Kritik von bov:

„Um die zweite und dritte Generation der RAF darzustellen, wurden alle Jungschauspieler der Geburtsjahrgänge 1980 bis 85 von den Stadttheatern abgezogen. Ein zeitgeschichtliches Panorama der Extraklasse, und auch die Nebenrollen sind durchaus prominent besetzt: Johannes Heesters als Erster Weltkrieg. Iris Berben und Hannelore Elsner als Zweiter Weltkrieg (Ostfront und Westfront). Ben Becker als Bruno Ganz, Uwe Ochsenknecht als Heiner Lauterbach und Moritz Bleibtreu als Moritz Bleibtreu.

Absolut brilliant: das Braunkohlekraftwerk Jänschwalde als Bundeskanzler Helmut Schmidt.“

(via affectionista)

Berlin, only ten weeks to go

Ich bin jetzt mit Unterbrechungen seit Mai, Juni, richtig als Wochenendpendler seit Juli in der Stadt. In dieser Zeit habe ich dieses kleine ranzige Städtchen mehr in mein hanseatisches Herz geschlossen als ich mir das vorher hätte träumen lassen. Vor einigen Wochen stieg ich am Montagmorgen wie immer um kurz nach 9 am Hauptbahnhof aus, um die S-Bahn zum Hackeschen Markt zu nehmen. Vom Bahnhof aus kann man schon den Fernsehturm sehen, den ich auch mit ein bisschen Halsrecken aus meinem Agenturfenster sehen kann, und ganz plötzlich dachte ich: zuhause.

Normalerweise denke ich „zuhause“, wenn ich mit dem Auto über die Elbbrücken in die Stadt fahre. Oder wenn ich aus der S-Bahn die Fontäne in der Binnenalster sehe. Oder wenn der Zug nach dem doofen Hamburger Hauptbahnhof, an dem ich nur aussteige, wenn’s nicht anders geht, im kuscheligen Altona ankommt, wo meine erste Hamburger Wohnung war. Neuerdings bin ich aber meist nur noch zwei Tage die Woche in Hamburg, und auf einmal ist die Stadt, in der ich fünf Tage verbringe, zuhause. Beim Anblick des Fernsehturms habe ich gelächelt – und mir sofort gesagt, neinnein, böse Anke, das ist nicht zuhause, ditte ist zwar Balin, wa, wo alle Leute so lustig reden, dass mir immer das Herz aufgeht, aber ditte ist nicht zuhause.

Um Hamburg, meine Perle, nicht zu verstimmen, bezeichne ich Berlin jetzt als mein zweites Zuhause. Das liegt aber nicht nur daran, dass ich neuerdings mehr Zeit an der Spree verbringe als an der Alster. Das liegt auch daran, dass ich hier ein anderes Leben führe als zuhause (ihr wisst schon, das erste).

Ich wohne seit zwei Jahren zum ersten Mal wieder alleine. Das ist mir anfangs gar nicht so aufgefallen, weil ich da in Hotels und Youth Hostels und was sonst noch so frei war, genächtigt habe. Seit Mitte August habe ich aber eine Wohnung – und damit einen Kühlschrank statt Starbucks, einen Staubsauger statt Zimmermädchen und einen Einkaufszettel statt Foodcourt im Alexa. Auf einmal habe ich zwei Haushalte, und einer davon gehört mir ganz alleine. Der Kerl und ich sind jetzt seit fast fünf Jahren zusammen, und heute auf den Tag genau vor zwei Jahren sind wir zusammengezogen. Auf einmal schlafe ich aber wieder alleine ein, ich muss die Daily Show alleine im Internet gucken anstatt mit ihm zusammen im Bett, und ich kann nicht mal eben nach nebenan gehen, um an ihm rumzupuscheln. Mir fällt jetzt erst auf, wieviel Zeit wir miteinander verbringen, wenn ich in Hamburg bin, jetzt, wo ich es eben nicht mehr bin.

Aber so sehr ich diese gemütliche Zweisamkeit vermisse, so sehr genieße ich es auch, wieder allein zu sein. Ich war schon immer gerne allein; ich mag die Ruhe, ich mag es zu wissen, dass niemand um mich rumwuselt. Daher freue ich mich tagsüber immer sehr auf die kleine Butze im Prenzlauer Berg, in der inzwischen ein Berg an DVDs steht, meine Lieblingsmarmelade und mein Körnerkissen für den memmigen Rücken. Und wenn ich da bin und mit dem Kissen im Rücken DVDs gucke, freue ich mich aufs Wochenende, wenn wieder jemand um mich rumwuselt.

Und noch etwas gibt es, was mir die Zeit hier versüßt: Ich sehe Menschen wieder, die ich schon lange nicht mehr oder noch nie gesehen habe. Ein festes Mittagspausendate habe ich mit Herrn ix, der irgendwann angefangen hat, das Nuf mitzubringen. Seitdem testen wir jede Location rund um die Hackeschen Höfe und sehen uns jede Woche. Außerdem tauschen Felix und ich wild DVDs hin- und her, woran auch Herr Niggemeier inzwischen beteiligt ist, mit dem ich übrigens die bisher gackerintensivste Mittagspause verbringen durfte. Gerne wieder. Mit Maike war ich neulich im Kino, mit Frank im Blauen Band, heute abend gehen wir endlich mal zusammen essen, was wir irgendwie seit Mai planen, und ich finde es großartig, Leute wiederzusehen, die ich das letzte Mal vor vier Jahren auf der Blogs!-Lesung gesehen habe. Alexander ist mein Lieblingskinopartner geworden, und vor kurzem habe ich Stefan zum ersten Mal getroffen, dessen (inzwischen eingestelltes) Blog ich vor fünf Jahren immer gelesen habe. Vielleicht schaffen es auch Herr Dahlmann und ich mal, zur gleichen Zeit in Berlin zu sein; wir arbeiten dran. Ein Berliner Blogger, den ich vorher noch nicht kannte, hat mal geschrieben, dass er es lustig findet, dass ich anscheinend jeden Tag unter seinem Bürofenster langlaufe – was ich spannend finde, dass nicht nur die Berliner Einfluss auf mich haben, sondern ich auch auf sie.

Ich lerne gerade vieles zu schätzen, das mir gar nicht mehr aufgefallen ist. Ich lerne durch die Selbständigkeit wieder zu schätzen, wieviel Spaß mir mein Job macht. Ich gehe morgens nicht mehr in die Agentur, weil ich muss, sondern weil ich es mir ausgesucht habe, weil ich bewusst ja zu dieser bestimmten Buchungszeit gesagt habe. Ich lerne meine Beziehung wieder zu schätzen, aber ich finde es auch sehr beruhigend zu wissen, dass ich alleine noch wunderbar klarkomme. Ich merke, dass ich eine viel zu große Wohnung in Hamburg habe – und wie wenig ich mein Auto eigentlich brauche, auf das ich hier in Berlin freiwillig verzichte. Ich bin verliebt in die Berliner Tram und finde die Hamburger S-Bahnen auf einmal total doof. Ich merke, wie sehr es mir fehlt, täglich mit dem Kerl über Blödsinn zu reden, aber ich finde es schön, dass ich hier wieder etwas mehr Sozialleben habe bzw. mehr mache, um eben nicht nur DVDs auf dem Sofa zu gucken (not that there’s anything wrong with that). Ich merke auf einmal, wie gut ich es in vielen Belangen habe. Balin, wa? Du alte Rotznase. Dit jeht auf deine Kappe.