Das dramatische Ende eines entspannten ESC-Abends

Der Eurovision Song Contest ist eine der Gelegenheiten, bei denen ich Twitter liebe. Im Sekundentakt kommentiert meine Timeline liebevoll gesangliche oder bekleidungstechnische Ausfälle, erwähnt Mettigel und Käsehäppchen mit Länderflaggen und überhaupt ist alles voller Flausch. Ich war mittendrin und twitterte, retweetete und hatte einen schönen Abend, bis um 23.30 Uhr mein Twitter-Client plötzlich behauptete, ich hätte mein tägliches Limit überschritten und könnte nichts mehr sagen.

Äh …

WAS? JETZT? WO GLEICH DAS VOTING ANFÄNGT? WATZEFUCK? Hysterie brach aus.

Der Kerl stand natürlich nicht tatenlos neben mir (einzelne Screenshots von unten nach oben lesen, bis auf den mit Jens und meinem Herzblatt:)

Inzwischen weiß ich, dass das System die Tweethäufigkeit halbstündlich misst und gnadenlos hochrechnet. Heißt: Wenn man innerhalb von drei Stunden gefühlt 150 Tweets absetzt, ist man erstmal raus. Aber: Um Mitternacht durfte ich wieder. War dann aber fast egal, denn bis dahin hatte mein Lieblingstitel keine Chance mehr auf den Sieg. Der hier wäre es gewesen:

Die Macht von Musik

Wir sitzen mal wieder im Didaktikkurs. Dieses Mal lautet die Aufgabe, sich drei kurze Musikstücke anzuhören und ein sogenanntes Hörtagebuch zu führen. Das heißt, wir lauschen gemeinsam einem Stück, das uns nicht bekannt ist und schreiben auf, was uns spontan dazu einfällt. „Ganz egal, was. Gefühle, Stimmungen, was für Instrumente Sie hören, egal. Und los.“

Zum Mithören: das erste Stück, das zweite, das dritte. Die Links öffnen Spotify, und ihr müsstet mal versuchen, NICHT zu gucken, was ihr da gerade hört.

Das erste Stück. Hört sich an wie Bach, aber zu jung für Bach. Ich notiere Dinge wie Bläser, Gott, getragen, fängt in moll an und hört in Dur auf. Nachdem wir alle Stücke gehört haben, sollen wir die drei Begriffe, die uns am charakteristischsten vorkommen, an die Tafel schreiben. In der Sammlung tauchen Worte auf wie Beerdigung, christlich, Kirche, Ensemble.

Das zweite Stück dauert etwas länger. Mir kommt es fast zu lang vor; der Chor dialogisiert vor sich hin, dann trifft man sich, und immer wenn ich denke, jetzt ist Schluss, kommt noch eine Schleife. Ich treibe etwas orientierungslos dahin und schreibe „Dialog, Frieden, es leuchtet“ an die Tafel. Andere notieren Choral, Bach, Kantate, Lösung, concerto grosso, mehrstimmig, Sopran, Tenor.

Das dritte ist wieder kurz. Meine Stichworte lauten „Bekräftigung, Vertrauen, zart“, meine Mitstudierenden notieren unter anderem Ensemblebesetzungen, raten Komponistennamen, schreiben Fachbegriffe an die Tafel.

Wir lassen das alles so stehen, kommentieren nicht, lesen nur, stellen fest, was alles an der Tafel steht: Da haben wir Gattungsbegriffe, Ideen zur Struktur der Stücke, Dynamikangaben wie forte oder piano, Besetzungen und Stimmungen, die transportiert werden. Am Ende der Stunde, nachdem wir die Stücke alle dreimal gehört haben und inzwischen wissen, was es ist, meint unsere Dozentin, dass sie immer wieder fasziniert davon ist, dass beim ersten Hören alle „was richtig machen wollen“. Wir seien so verschult, dass wir eher auf wissenschaftliche Dinge achten als auf Emotionen; wir analysierten sofort, anstatt einfach zuzuhören.

Das machen wir dafür beim zweiten Durchgang. Wir beginnen mit einem bisschen autogenen Training. Für mehrere Minuten sitzen wir bequem da, haben die Augen geschlossen, hören auf die leisen Ansagen der Dozentin und spüren unseren Gliedmaßen nach, ballen die Faust, entspannen wieder, fühlen der Energie nach, die dadurch entsteht. Völlig entspannt und darauf geschult, auf den Körper zu achten, hören wir die Stücke ein zweites Mal und versuchen uns wieder ein bisschen was zu merken, das wir danach aufschreiben.

Das erste Stück beginnt mit ein paar Takten Instrumentalmusik, bevor eine männliche Stimme einsetzt. Und ohne, dass ich es darauf angelegt hätte, gehen meine Schultern nach hinten und ich atme tief ein, ganz so, als ob ich selbst singen wollte. Ich spüre auf einmal den Raum in mir, den die Stimme mir verleiht, und das Getragene, was ich beim ersten Hören empfand, wird nun zu einer Aussage, Selbstbewusstsein, Stärke. Ich merke gleichzeitig, wie glücklich mich dieses körperliche Empfinden macht.

Das fühle ich noch stärker im zweiten Stück. Wo ich mich vorher als treibend empfunden habe, will ich nun meine Arme wie beim Schwimmen bewegen, ich will mit der Musik mitgehen, sie mitnehmen anstatt mich von ihr mitnehmen zu lassen. Mir fällt es sehr schwer, weiter ruhig sitzenzubleiben, wo ich doch viel lieber einen Kopfsprung in Richtung CD-Player machen würde. Das Stück ist nicht mehr zu lang, sondern genau richtig.

Das dritte Stück bremst mich dagegen völlig aus. Jeder Bewegungsdrang ist verstummt, ich will mich auf den Fußboden legen und mich mit der Melodie zudecken, schlafen, träumen. Wundervoll.

Auch hier erfahren wir erst am Ende der Stunde die „Auflösung“, als wir alle gemeinsam unsere Eindrücke schildern. Den meisten ging es wie mir: Es war ungewohnt, als Student oder Studentin der Musikwissenschaft bewusst unwissenschaftlich zu denken, sondern nur zu fühlen. Alle, die sich melden, meinen, sie hätten die Musik viel mehr genießen können und sich ihr ohne schlechtes Gewissen hingeben können. Viele hatten ähnliche körperliche Reaktionen wie ich. Genereller Grundon des Feedbacks: „Das war einfach schön.“

Vor dem dritten Hören informierte uns die Dozentin über die Musikfeste in Deutschland, die während der Napoleonischen Besatzung entstanden. Die Befreiungskriege wurden unter einer stark religiös motivierten Propaganda geführt. In den Gottesdiensten wurden Bibeltexte gerne auf die aktuelle Situation hin umgedeutet und ermutigten das Volk zum Krieg und zu persönlichen Opfern, zum Beispiel als Soldat oder als Angehörige. Dabei spielte der gemeinsame Gesang eine große Rolle, denn Singen schafft unwillkürlich eine Gemeinschaft, die flugs zur Volksgemeinschaft umgedeutet wurde.

Mit diesen Informationen im Hinterkopf hörten wir das ganze noch mal – und jetzt war ich schlecht gelaunt! Was ich eben noch als eine getragene Weise empfunden hatte, hörte sich nun für mich an wie gezielt komponierter Trost für Gefallene. Wo ich mich eben noch in die Musik fallenlassen wollte, empfand ich sie plötzlich als billige Propaganda, die mich bloß einlullen will. Nur das dritte Stück konnte mir auch die blöde Info nicht verderben, dass ich manipuliert werden soll, das war auch beim dritten Hören schlicht wunderschön.

Auch hier sammelten wir Eindrücke: Die anderen waren nicht ganz so pampig wie ich, hörten nun aber auch das, was sie hören sollten und empfanden es ähnlich wie ich: Schade, dass wir wissen, worum es geht.

Und das war dann auch der Punkt, den die Dozentin machen wollte: Manchmal lässt es sich besser über Musik sprechen, wenn man keine Ahnung hat, wenn man nicht sofort eine Biografie im Kopf hat, wenn man den Namen des Komponisten hört (bewusstes Maskulinum, ich habe noch von keiner Komponistin im bisherigen Studium gehört), wenn man nicht sofort nach der Motivation fragt, nach der Form des Stücks, nach Regeln und Strukturen.

Im Nachhinein war ich etwas stinkig auf die Dozentin, denn das Stück, was mir erst sehr gut gefiel und dann gar nicht mehr, war der Elias von Mendelssohn. Der wurde aber erst 1846 komponiert und in Birmingham uraufgeführt, hatte also mit den deutschen Nationalismus 1813/14 so gar nichts am Hut. Um ihren Punkt klarzumachen, hat er natürlich funktioniert, aber ich fühlte mich ein bisschen doppelt beschissen. Das hielt aber nur kurz an, denn der Elias ist schlicht zu schön, um ihn scheiße zu finden. (Eat this, Wagner.)

Wir warten auf Gomez

Mit debilem Gesichtsausdruck, wie sich’s gehört. Also ich, nicht der sich still freuende @probek vor oder der twitternde @fcblogin hinter mir. (Danke an @gnetzer für das Foto.)

Hat sich gelohnt. Aber dass ich „Korso“ falsch geschrieben habe, trübt die Freude natürlich gewaltig.

Edit:

This is how I work

Frau Donnerhall hat mich zwar nicht gefragt, aber ich antworte trotzdem.

Bloggerinnen-Typ: alles geht. Früher Filme und Golf, dann Opern und Futter, jetzt Kunstgeschichte und Fußball. Und München. Und Feminismus. Und Bücher.

Gerätschaften digital: MacBook Air, iPhone 4, Nikon S1 für die Futterfotos, iPad zum SkyGo-Gucken, Kindle als eReader (wird sehr selten genutzt).

Gerätschaften analog: Moleskine in A6 (immer im Rucksack für spontane Notizen), Moleskine in A5 für die Uni und die Werbung. Ich hatte im letzten Semester, als ich merkte, dass der Moleskine-Verbrauch recht hoch wird, mal eine Billovariante angetestet, bin aber reumütig zu meinen Lieblingen zurückgekehrt. Zum Schreiben irgendein Kugelschreiber, irgendein Tintenroller, ein neongelber LUCY-Bleistift (weil er neongelb ist), ein neongelber Textmarker. Ich kann bedauerlicherweise nicht mehr mit Füllern schreiben; mehrfach versucht, mehrfach genervt zu Kuli und Tintenroller zurückgekehrt. Ich hätte hier aber noch einen Old-School-Pelikan und einen schicken Lamy rumliegen. Auf meinem Nachttisch in Hamburg liegt mein geliebter arte-Bleistift, mit dem ich abends im Bett in meine Bücher reinmale. In München liegt irgendein Bleistift, aber der malt auch super in Bücher.

Arbeitsweise: konzentriert. Alles brav erledigen, dann kann ich entspannt surfen und lesen und kochen.

Welche Tools nutzt du zum Bloggen, Recherchieren und Bookmark-Verwaltung?

Ich blogge in WordPress und lasse mich dabei vom Kerl und von Herrn Fischer technisch bepuscheln. Ich weiß immer noch nicht, wie mein Weblog funktioniert und ich will es auch nicht wissen. Ich will nur schreiben, und die Jungs sorgen dafür, dass ich das stressfrei kann. Wunderbar.

Ich recherchiere mit Google und allem anderen, was das Netz so hergibt. Ich liebe es, von einem Link zum anderen zu hüpfen, genau wie ich gerade wiederentdecke, wie toll es in Büchern in der Bibliothek ist, sich von einer Bibliografie zur nächsten zu hangeln.

Meine Bookmarks liegen schlicht im Browser (Chrome) oder auf Pinboard. Da verwalte ich aber nicht groß was; meine Bookmarks sind relativ überschaubar und werden in regelmäßigen Abständen entrümpelt. Bei Pinboard lasse ich meist alles rumliegen.

Wo sammelst du deine Blogideen?

Gar nicht. Wenn ich etwas verbloggen will, mache ich das sofort. Die Artikel, die ich in WordPress anfange und nicht sofort beende, erblicken nie das Licht der Welt.

Was ist dein bester Zeitspar-Trick/Shortcut fürs Bloggen/im Internet?

Haha. Zeitsparen im Internet? Ich lachte.

Ach doch, einen habe ich: Wenn du was in die WordPress-Maske eingibst, schmeiß es vor dem Speichern mit Apfel-C in die Zwischenablage. Das rettet beim üblichen WP-Schluckauf oder Neu-Einlog-Zwang oder was auch immer dieses System von dir will, einen langen, schönen Blogeintrag und du musst deinen Rechner nicht anschreien.

Benutzt du eine To-Do List-App? Welche?

Nein. Vielleicht habe ich schlicht weniger zu tun als ihr, aber mir hat sich der Sinn von To-Do-Listen nie erschlossen. Die einzigen Male, wo ich mir notiere, was ich zu tun habe, sind die Tage in der Agentur, an denen zu meinen drei, vier normalen Jobs auf einmal fünfzehn Kleinscheißjobs kommen, die alle heute noch rausmüssen. Dann schreibe ich sie auf ein Post-it, arbeite sie ab und streiche sie durch. Zweite Gelegenheit für Listen: große Reisen, für die ein großer Koffer gepackt werden muss. Kommt selten vor, aber da fühle ich mich sicherer, wenn ich auf einer Liste überprüfen kann, ob ich auch alles dabei habe. Dritte Gelegenheit: Einkaufsliste. Die mache ich brav mit Bleistift und einem dieser bunten Würfelblöcke. Termine stehen im MacBook- und iPhone-Kalender, Rest habe ich im Kopf.

Gibt es neben Telefon und Computer ein Gerät, ohne das du nicht leben kannst?

Kühlschrank, Herd, Korkenzieher.

Gibt es etwas, das du besser kannst als andere?

Schreiben. Bücher auf die Amazon-Wunschliste packen und sie erst nach fünf Jahren wieder löschen. Hoffentlich irgendwann Ariensingen und Kunstgeschichte.

Was begleitet dich musikalisch beim Bloggen?

Meistens nichts. Ich kann beim Schreiben keine Musik mit Text ertragen, weil mich Worte ablenken. Wenn ich das Großraumbüro ausblenden muss, läuft Elektrokram oder eine russische Oper, deren Text ich nicht verstehe. Wenn ich über Musikwissenschaften blogge, läuft meist das Stück, über das ich schreibe.

Wie ist dein Schlafrhythmus – Eule oder Nachtigall?

Weder noch. Zu Agenturzeiten stehe ich um 7 auf, für die Uni um 8, und wie ich im letzten Semester gemerkt habe, kommt 8 meinem natürlichen Schlafrhythmus deutlich mehr entgegen. Deswegen bin ich am Wochenende auch so um diese Zeit wach. Um Mitternacht fallen mir spätestens die Augen zu, außer wenn mir jemand White Russians vor die Nase stellt.

Eher introvertiert oder extrovertiert?

Ich höre lieber zu als rumzuquatschen, aber wenn ich auf eine Bühne muss, mache ich gnadenlos die Rampensau.

Wer sollte diese Fragen auch beantworten?

Jeder der mag.

Der beste Rat, den du je bekommen hast?

„Wenn Sie mit Bauchentscheidungen besser leben, sollten Sie einfach öfter auf Ihren Bauch hören.“ (Schlaue Therapeutin war schlau.)

Noch irgendwas wichtiges?

Immer nett zu Empfangsdamen, Hausmeistern und IT-Admins sein.

Ich, das ist eine andere

Ich denke über Bilder nach, über Farben, Formen, über Raum, Persönlichkeiten, Ideen, Konstrukte. Ich lerne Geschichten, Biografien, Theorien und noch mehr Theorien und noch mehr. Und dann lerne ich, was alles schon nicht mehr gilt und lerne was Neues. Ich schreibe auf Notenpapier und in ein Moleskine, ich habe mir einen neuen Kugelschreiber gekauft und meine uralten Tintenroller wiederentdeckt. Ich nutze mein Federmäppchen, das 20 Jahre lang in einer Schublade auf mich gewartet hat. Ich sitze in großen Sälen auf harten Holzstühlen und schleppe Wasser und Jogurt und Apfelspalten mit mir herum anstatt in Konferenzräumen in Meetings zu sein und an Keksen zu knabbern und Latte Macchiato zu trinken. Ich höre Musik, die ich noch nie gehört habe, analysiere sie, lasse mich in sie fallen, schwimme auf ihr, darf die Augen dabei schließen und es Wissenschaft nennen. Ich gehe in Fußballstadien und treffe Menschen, die das auch tun. Ich trinke Maßkrüge voll Bier, wo ich in Hamburg gerade mal 0,33l schaffe. Ich habe ein Fahrrad gekauft und mich daran erinnert, wie toll Fahrtwind ist und kam mir nach einer Woche darauf total komisch vor, wieder meine Füße zu benutzen, um in Altona und Eimsbüttel und in der Hafencity von A nach B zu kommen. Ich gehe ins Theater und ins Kino, ich wühle mich durch Bibliotheken, ich lerne von 20-Jährigen und bewundere sie für ihre Bildung und ihr Wissen und all das, was sie gerade in der Schule in ihre Köpfe gestopft bekommen haben und was sie gar nicht zu würdigen wissen; ich schon, denn ich lese mir das alles wieder an, diesen ganzen Kram, den ich sicher schon einmal im Musikunterricht gehört habe, damals, oder in Geschichte, damals. Ich halte Referate statt Präsentationen, ich esse Leberkäse statt Fischbrötchen, ich sage Grüßgott statt Moin, und wenn ich nicht aufpasse, sage ich das in Hamburg auch. Ich, das ist eine andere als die im Norden. Ich, das ist jemand, die entdeckt und erlebt und fühlt und spürt und riecht und hört und dauernd vor etwas Neuem steht. Ich, das ist aber immer noch die gleiche, die fragt und hinterfragt und zweifelt. Und manchmal hat sie Angst, sich zu verlieren, obwohl sie gerade soviel gewinnt.

< quote >

Wilhelm Lehmbruck, Gestürzter (1915), Stiftung Wilhem Lehmbruck Duisburg, Foto: Bernd Kirtz

„Der Rhythmus ist es also, der als Prinzip höchsten überpersönlichen Seins die Gestalten Lehmbrucks von der Last individueller Existenz erlöste. (…) Wie der Mensch im gotischen Dome unwiderruflich sein Ich verlieren muss, um aufgenommen in einen unaufhaltsamen Vertikalismus seine Seele in schrankenlose Weiten zu heben, so verlässt der Lehmbrucksche Mensch diese Welt harter Gegensätze (…), um allein im Rhythmus als dem stärksten kosmischen Prinzip ein Dasein reiner Geistigkeit zu führen.“

Kuhn, Alfred, Die neuere Plastik, München 1922, zitiert bei: Melcher, Ralph (Hrsg.), Alexander Archipenko, München 2008, S. 12.

Alexander Archipenko, Liegende Figur (1957), Privatsammlung (Sydney).

Protokoll der Sitzung vom 17. Januar 2013

Damit ihr mal mitkriegt, wie anders mein Schreiben klingt, wenn ich es weder für Autos noch fürs Blog noch für Antidiätbücher nutze. Das Protokoll wurde mit 2,0 benotet; ich habe leider kein weiteres Feedback bekommen, daher weiß ich nicht genau, was nicht „sehr gut“ daran war oder wo ich Fehler gemacht habe. Aber wir sind hier ja unter uns.

Die Noten zum Klaviertrio Op. 70,1 stehen hier (der letzte Downloadlink hat Taktzahlen), für Op. 70,2 hier (der dritte Complete-Score-Link hat Taktzahlen).

Ludwig-Maximilians-Universität München
Institut für Musikwissenschaft
WS 2012/13
Dozent: xxx
Beethovens Klaviertrios
Protokoll der Sitzung am 17.01.2013
Protokollantin: Anke Gröner, B.A. Kunstgeschichte/Kunst – Musik – Theater, 1. Semester

Auszüge aus Opus 70,1 (Geistertrio) und Opus 70,2 von Ludwig van Beethoven

Opus 70,1 – 2. Satz: Largo assai ed espressivo

In der Sitzung wird zunächst der zweite Satz von Opus 70,1 in D-Dur besprochen und die Frage gestellt, was das „Geisterhafte“ am sogenannten Geistertrio sei bzw. ob man die „geisterhafte Stimmung“ musikalisch belegen könne. Kritisch anzumerken ist, dass Stimmungen etwas sehr Persönliches sind, angesiedelt noch unterhalb von benennbaren Gefühlen; eine Stimmung entgleitet sofort, sie ist nicht so intensiv wie eine Emotion.

Eine Meinung ist, dass die vage, unspezifische Form des Satzes eine diffuse Stimmung verbreite, eine weitere, dass die Stimmung eher gespannt sei. Als Beleg für diese Aussage wird die Streicherphrase in Takt 1 angesprochen, bei der es unklar bleibt, wie sie sich entwickelt, der Zuhörer also gespannt wartet.

Während der Satz größtenteils den üblichen kompositorischen Gepflogenheiten entspricht, fällt die Vielzahl an Dominantseptakkorden auf. Der Satzbeginn bzw. die Vortragsbezeichnungen (auch sie in großer Zahl) sind ebenfalls ungewöhnlich: sotto voce in Takt 1 sowie cantabile in Takt 9 für die Streicher bzw. das Cello weisen auf stimmliche Qualitäten hin. Die menschliche Stimme gilt als das aussdrucksstärkste „Instrument“ – vielleicht hat Beethoven deshalb diese Vortragsbezeichnungen gewählt.

Das Klavier hingegen dient als „Klanginstrument“. Es schafft einen Hintergrund, eine nicht genau zu ortende Fläche, auf der „Melodiefetzen“ schweben. Diese Klangteppiche dienen auch dazu, seelische Befindlichkeiten des Menschen darzustellen. Als Beispiel für ähnliche Klangteppiche werden Richard Wagners Feuerzauber aus der Walküre sowie der Beginn des Rheingold erwähnt, in denen Naturereignisse anthropomorphisiert werden. Franz Schubert arbeitete in seinem Opus 99 und 100 ebenfalls mit „Klangbändern“ und erzeugte fast orchestrale Anmutungen.

Im vorliegenden Satz wird zu diesem Thema unter anderem Takt 18 erwähnt, in dem das Klavier durch sein Tremolo eine Art Zitterbewegung erzeugt, die akustisch instabil klingt und Assoziationen zu Geistern hervorruft. In Takt 37 wird in einer kleinen Sekunde tremoliert, und in Takt 24 erzeugt der Tritonus aus fis und c Spannung, genau wie derjenige aus f und h in Takt 25.

Trotz der nicht exakt zu definierenden Stimmung ist der Gesamteindruck des Satzes schlüssig; jeder Klangmoment verfügt über etwas Funktionales, das aufgelöst wird. Stefan Kunze bescheinigt dem Satz angeblich „geistige Tiefe“, wobei nicht klar ist, auf was sich Kunze bezieht. Man kann sicherlich vom Intellekt der Formästhetik beeindruckt sein; trotzdem bleibt der Begriff problematisch. Auch das Stichwort „poetisch“ fällt, vor allem im Hinblick auf die romantische Musikästhetik. Dieser Begriff kann ebenfalls nicht eindeutig musikalisch belegt werden.

Über das literarische Vorbild zum Geistertrio kann nur spekuliert werden. Vermutlich hatte Beethoven Kenntnis von William Shakespeares Macbeth, wo gerade der Hexensabbat zu Beginn sowie der Weg in den Wahnsinn von Lady Macbeth Vorlagen zu „schauriger“ Musik sein können.

Opus 70,2 – 1. Satz: Poco sostenuto, Allegro ma non troppo

Der erste Satz des Klaviertrios in Es-Dur beginnt mit einer Einleitung, die nach 19 Takten in das Hauptthema mündet. Das Charakteristische des Werks ist die Zurückhaltung des Klaviers, das den Streichern die meiste Zeit die Melodie überlasst.

Der Kopfsatz erscheint nicht eindeutig angelegt, er wirkt „im Fluss, prozesshaft“, als würde man einzelne Stadien der Komposition besichtigen. Seine langsame Einleitung prägt den gesamten Satz; E.T.A. Hoffmann nannte ihn angeblich „labyrinthisch“, man spüre „verschlungene Gärten“ und „Verworrenheit“. In ihm vereinen sich zwei unterschiedliche Charaktere: ein fassbares Hauptthema mit einem stark variierenden Seitenthema.

Weitere Rezensenten erinnert die Einleitung an ein Madrigal (1) bzw. Choräle (2) von Johann Sebastian Bach, an letztere besonders durch das übereinander gelagerte Motiv aus Takt 1 bis 4, das von Cello, Violine und schließlich vom Klavier kanonartig gespielt wird. Ob diese Komposition ein bewusster Rekurs auf Bach ist, lässt sich nicht mehr sagen. Man kann das Motiv der Einleitung auch als fugenhaft bezeichnen, was eher auf Joseph Haydn hinweisen würde. Es erscheint mehrere Male im Satz, zum Beispiel in der Coda in Takt 224, wo zusätzlich das langsame Tempo wieder aufgegriffen wird (Tempo I). Der Bach-Bezug bleibt auch aus anderen Gründen kritisch zu bewerten: Sein homophones, akkordisches Komponieren (als Beispiel) ist hier nicht zu finden.

Die Einleitung geht nahtlos ins Hauptthema des ersten Satzes über: In Takt 18 und 19 finden wir in der Violinstimme zunächst einen Sext-, dann einen Septimsprung (von b nach g bzw. von b nach a), der in Takt 20 seinen Abschluss findet, wo ein vollständiger Oktavsprung von b nach b vollzogen wird. Das zweitaktige Thema kehrt des Öfteren in Bruchstücken und Variationen wieder; durch seine Klarheit ist es stets wiederzuerkennen.

Das Seitenthema in B-Dur beginnt in Takt 64/65. Der Übergang dorthin ist bemerkenswert, denn das Motiv der Einleitung erklingt. Allerdings ist nicht zu klären, in welcher Tonart: Es könnte weiterhin Es-Dur sein, aber auch Ges-Dur sowie dessen Paralleltonart es-moll sind vorstellbar. Im Gegensatz zu Opus 70,1, wo das Seitenthema eher „fleckenhaft“ vorhanden ist, das heißt, fast versprengt und eher selten, findet es hier sehr starke Beachtung in der Durchführung.

Tonleiterläufe im Klavier sowie in den Streichern leiten in Takt 82 die Schlussgruppe ein. In Takt 95 beginnt die Durchführung, wo sich das Klavier zunächst durch diverse Akkorde arpeggiert. Unter anderem werden ein F7-, ein B7- sowie ein C7-Akkord gespielt, die aber keine Auflösung finden, bis die Phrase in Takt 106 mit dem Seitenthema in B-Dur endet. Franz Schuberts Wanderer-Fantasie wird erwähnt, aber ob Schubert sich damit wirklich vor diesem Arpeggio verbeugen wollte, kann nicht beantwortet werden.

Die Einleitung wird abermals in den Takten 121, 123 und 125 zitiert, als das Klavier in der hohen Lage trillert – ein „Show-Effekt“, der keinen Bezug zur Melodie der Streicher hat und ihr einen bisher ungehörten Klangcharakter verleiht.

In Takt 129 stellt sich die Frage, ob die Reprise bereits begonnen hat. Ansätze des Hauptthemas erklingen, allerdings nicht notengenau. Stattdessen wird auf Bruchstücke der Durchführung zurückgegriffen (z.B. die Sechzehntel in der Begleitung), die so diesen Satzteil unerwartet anreichern. Man kommt überein, dass diese „Schein-Reprise“ doch eine echte sei.

Der Satz endet mit der Coda ab Takt 209. Wiederum werden, im Tempo II, die Sechzehntel aufgegriffen, genau wie die Triller aus der Einleitung. Kurz vor Schluss erklingt nochmals das Tempo I – vielleicht ein Grund, warum E.T.A. Hoffmann das Ende als „versöhnlich“ und „adlig“ (3) bezeichnet hat. Nach dem „Labyrinth“ endet der Satz mit einem klaren und gleichzeitig zurückhaltenden Eindruck. Auch die Dynamik schließt den imaginären Kreis: Beginn und Ende des Satzes stehen im piano – ein klarer Gegensatz zu den eher „brachialen“ Enden anderer Kopfsätze.

Das Satzende kann aber auch anders empfunden werden: Man erwartet das nochmalige Erklingen des Themas, wird aber enttäuscht. Der Satz verebbt geradezu, er läuft scheinbar ins Nichts aus.

Ausblick

In der folgenden Sitzung sollen die drei weiteren Sätze behandelt werden.

Der 2. Satz: Allegretto erinnert an einen Rondosatz. Cello und Violine wechseln sich mit kleinen virtuosen Motiven ab. Der Satz ist nicht in Sonatensatzform verfasst.

Der 3. Satz: Allegretto ma non troppo könnte als Menuett gedeutet werden. Angeblich sei die Skizze Beethovens dementsprechend überschrieben gewesen sein.

Der 4. Satz: Allegro beschließt das Trio schließlich mit viel Witz und ist wieder von Unterbrechungen geprägt, die nochmals an Hoffmanns „Labyrinth“ erinnern.

Fußnoten

(1) Löhr, Martin: Der „andere“ Beethoven, in: Booklet zu: Beethoven Klaviertrios, Trio Jean Paul. Redaktion: Dr. Jens Markowsky, WDR 2002/2009, S. 5.
(2) Ringer, Alexander L.: Ein „Trio Caracteristico“? – Randglossen zu Beethovens Op. 70, Nr. 2, in: Laubenthal, Annegrit (Hrsg.), Studien zur Musikgeschichte – Eine Festschrift für Ludwig Finscher, Kassel 1995.
(3) Hoffmann, E.T.A., Schriften zur Musik, München 1963, S. 132.

“Why I don’t diet”

“I am my father’s daughter. I too am a giant, built of strength and flesh. And I am strong enough to carry myself and others, even when they can’t carry themselves.”

Tiffany schreibt über ihren Vater. Via schwakas quote.fm.

Links vom 5. Mai 2013

Wer war Hilma af Klint?

Katia Kelm (Künstlerin, falls Sie das nicht wussten) sammelt auf ihrem Blog ab und zu Links aus der Kunstszene, was für mich persönlich gerade sehr spannend ist, weil ich die Geschichte hinter der Szene studiere. Daher verlinke ich natürlich zum thematisch passenden Artikel, lege euch den Rest aus ihrer aktuellen Liste aber auch dringend ans Hirn.

Im Artikel Die Kunstgeschichte muss umgeschrieben werden schreibt Julia Voss über die schwedische Malerin Hilma af Klint, die lange vor Kandinsky begann, surreal zu malen. Es geht außerdem um die Stellung der Frau kurz vor der Jahrhundertwende und die Idee der modernen Kunst:

„Die Welt war eine andere geworden, sie war gefüllt mit Wellen, Strahlen, Feldern, sie war im Fluss – und die Kunst mit ihr. Die illusionistische Malerei hatte ihre Grenzen erreicht, die Themen, die Künstler nun umtrieben, kannten keine Zentralperspektive, keine Schlag- oder Körperschatten, keinen dreidimensionalen Raum. Kann man nur ein Orchester malen – oder auch Musik? Nur eine Pflanze – oder auch Wachstum? Nur einen Denkenden – oder auch einen Gedanken?“

Nebenbei: Ich lese so ziemlich alles, was Julia Voss schreibt, recht gerne.

Wandering Around an Albuquerque Airport Terminal

Naomi Shihab Nye schreibt über eine Begegnung auf einem Flughafen:

„After learning my flight was detained 4 hours, I heard the announcement: If anyone in the vicinity of gate 4-A understands any Arabic, please come to the gate immediately.

Well — one pauses these days. Gate 4-A was my own gate. I went there.“

Via dooce. Das Essay stammt laut der Kommentare aus Nyes Buch Never in a Hurry: Essays on People and Places.

„Things no-one will tell fat girls – so I will.“

Und genau das macht die Dame hinter The Militant Baker dann auch.

„You’re allowed to fall in love with yourself. I promise. This will be the scariest thing you will ever do, and that’s okay. It will also be the most amazing (albeit super gradual) experience you will ever have. It doesn’t make you narcissistic. It doesn’t make you vain. It is liberating in every form of the word.“

Und mein Liebling aus dem Beitrag: „Fat chicks bang hot guys. All. The. Time.“

Girls showed what society thinks about that when Hannah’s character has a weekend romance with an attractive and wealthy doctor. People flipped their shit. “Patrick Wilson is so hot he would never do Lena Dunham” was the most eye catching. Wilson’s wife responded to that rubbish here, but the tweet speaks volumes about what the majority of people think unconventional women deserve. Jesus christ, it’s annoying. I won’t spill the details of my bedroom coming and goings, but lets just say this: the hottest guys in Tucson and I get along just fine.”

Ein doppeltes Dankeschön …

an Henning, der mich mit Nicola Nürnbergers Westschrippe und Walter Slezaks Wann geht der nächste Schwan? überraschte. Das Imperfekt passt hier perfekt (Entschuldigung), weil das Buchpäckchen seit dem 24. April auf der Post lag und auf mich wartete. Aber ich untreue Seele muss ja wieder in München rumstudieren, weswegen ich es heute erst in Hamburg abholen konnte. Danke an die Post, dass es noch nicht zurückgegangen ist und natürlich ein noch größeres Danke an den edlen Spender. Ich habe mich sehr gefreut. (Und hätte vielleicht mal ins Päckchen gucken sollen, bevor ich gegenüber eingekauft habe. Egal. Schlepp’ ich halt sieben Bücher statt fünf nach Bayern.)

< quote >

„Es ging ja nie um die große Welt, es ging immer nur um einen selbst und das, was wir fühlten und sahen und dachten, diese kleinen Dinge, die aber wichtig waren, die uns wichtig waren, nein: mir wichtig waren, radikale Subjektivität schließlich, so nannten sie es, also diese Zwischengefühle, für die bisher niemand Worte fand, die nicht wichtig genug waren für Romane und zu wichtig, um sie einfach zu verschweigen und zu groß für 140 Zeichen.“

Twitter-Lieblinge April 2013



Bücher April 2013

Pierre Bourdieu (Bernd Schwibs/Achim Russer, Übers.) – Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft

Mein erster Bourdieu, wo-hoo! Deswegen habe ich auch ungefähr vier Monate dafür gebraucht, die 900 Seiten auf Bibelpapier durchzulesen. Sieht von außen wie ein unschuldiger Suhrkamp aus, verzettelt sich aber brav-soziologisch in tausend kleine Ästchen, die alle irgendwie spannend sind. In einem Einführungsbuch zur Kunstgeschichte las ich, dass man dieses Buch als Kunsthistoriker oder -historikerin gefälligst gelesen haben sollte, also hab ich das gemacht. Ich bin mir immer noch nicht sicher, was ich mit 30 Jahre alten Daten anfangen soll, von denen einige durch die Digitaltechnologien garantiert veraltet sind, aber interessant war’s schon, sich mal mit Klasse und Stand, ökonomischem und kulturellem Kapital, Ästhetik, Bildung und Distinktionsbedürfnissen zu befassen.

(Leseprobe bei amazon.de.)

Yasmina Reza (Eugen Helmlé/Frank Heibert/Hinrich Schmidt-Henkel, Übers.) – Nirgendwo

Reza kannte ich bisher nur als Theaterautorin, mit der ich, das muss ich zugeben, manchmal meine Schwierigkeiten habe. Aus meinem ersten Stück von ihr ging ich raus – das ist allerdings auch schon 20 Jahre her und ich weiß nicht einmal mehr, wie es hieß –, die letzte Begegnung mit ihren Worten war Carnage, der mich auch nur so halb überzeugen konnte. Umso mehr haben mir die kleinen Texte gefallen, die in Nirgendwo zusammengefasst werden. Kaum eine „Geschichte“ ist länger als zwei Seiten, es sind eher Beobachtungen, Gedanken, wir Internet-People würden vielleicht sogar Blogeinträge dazu sagen. Ich mochte die Sprache sehr gerne, dieses stets Sinn-Suchende, das Fragende, das offene Auge, mit dem Reza durch ihre Welt geht.

(Leseprobe bei amazon.de.)

Peter Buwalda (Gregor Seferens, Übers.) – Bonita Avenue

Hier schicke ich euch faul zum Perlentaucher, dessen Kritiksammlung netterweise vom Verriss bis zur Lobhudelei geht. Mir hat das Buch leider nicht gefallen, nach 250 Seiten hatte ich genug von den gefühlt ein Dutzend Handlungssträngen, die nicht zusammenkommen wollten, den Figuren, von denen mich keine wirklich neugierig machen konnte und den, jetzt kommt wieder was Persönliches, wofür das Buch nichts kann, aber trotzdem, vielen ekligen Metaphern über dicke Frauenkörper. War so gar nicht meins.

(Leseprobe bei amazon.de.)

Dagmar Täube/Miriam Verena Fleck (Hrsg.) – Glanz und Größe des Mittelalters: Katalogbuch zur Ausstellung in Köln, Museum Schnütgen, 4.11.2011-26.2.2012

„Katalogbuch“ kannte ich noch nicht als Wort, aber das trifft’s ziemlich gut. Das Buch ist kein reiner Ausstellungskatalog mit ein paar Alibi-Vorworten oder -Einleitungstexten, sondern besteht zur Hälfte aus Einführungen in verschiedene Aspekte mittelalterlicher Kunst. So erfahren wir auf 244 Seiten etwas über den Standort Köln und seine Funktion als Kunstproduzent im Mittelalter, über Buchmalerei, Goldschmiedearbeiten, Elfenbeinschnitzerei, Teppich- und Glaskunst und natürlich Skulptur und Malerei. Abgerundet wird alles durch Texte, in denen das gotische Köln als Wissenschaftsstandort untersucht wird sowie mehrere Texte, die sich mit der Verbindung der verschiedenen Künste befassen. Der reine Ausstellungskatalogteil ist dann nochmal 200 Seiten lang, wobei ich nicht beurteilen kann, ob alle Ausstellungsstücke erfasst wurden (laut der einzigen Amazon-Kritik ist dem nicht so). Da ich die Ausstellung aber eh nicht gesehen habe, ist mir das egal, denn die vielen Einzeltexte haben mich größtenteils begeistert; die wenigen, die das nicht konnten, waren schnarchig formuliert, aber natürlich inhaltlich genauso spannend.

Zweites Semester, zweite Woche

Montag

Der Gehörbildungskurs fällt wieder aus, und wieder erfahre ich es erst, als ich vor der Tür zum Seminarraum stehe und den dort angeklebten Zettel lese. Gut, dann ziehe ich den geplanten Bibliotheksbesuch um eine Stunde vor, gehe aus dem fünften in den ersten Stock des Schweinchenbaus und suche dort den Handapparat der Dozentin des Werkhörenkurses. (Nebenbemerkung zum Link: Ich kichere seit Minuten darüber, dass auf einer offiziellen LMU-Seite dieser Begriff verwendet wird, wenn auch in Anführungszeichen. Das Gebäude heißt übrigens wegen seiner fiesen pinkfarbenen Fassade so. Armes Ding.)

Ich finde den Handapparat nicht, aber da kommt schon ein Kommilitone auf mich zu, der mich vor dem Regal hat herumirren sehen: „Wir kopieren den Ordner gerade. Sollen wir dir was mitkopieren?“ Ich bejahre, zücke Kleingeld, dann bezahlt wieder jemand anders von uns vieren, dann ich wieder, gerade wie’s halt so passt, und warte auf meine Kopien. Als wir alle mit jeweils 40 Seiten versorgt sind, fragt eine Kommilitonin, was sie mir schulde. Ich bin kurz davor, ihr den Kopf zu tätscheln und meine, die 80 Cent wären schon okay so.

(Das ist nicht der Schweinchenbau, sondern das wunderschöne Hauptgebäude, und ich stehe gerade vor Raum A 214.)

Dienstag

Die erste Sitzung im Kurs „Skulptur und Plastik 1890–1950“. Bei der Dozentin hatte ich letztes Mal den Porträtkurs, und weil ich ihre Kodderschnauze so mag, war schon vor dem Erscheinen des Vorlesungsverzeichnisses klar, dass ich wieder bei ihr sitzen werde. Dieses Mal lerne ich also was über Skulpturen, und das habe ich bitter nötig, denn davon habe ich noch weniger Ahnung als von Bildern. Einer ihrer ersten Sätze ist, dass man sich bei Plastik eh nur um die Jahre 1900 bis 1930 kümmern müsste, davor wäre alles traditionell und danach alles „Jeder ist ein Künstler“. Ich lerne, dass abstrakte Kunst immer noch die Natur als Bezugspunkt hat und sie, ta-daa, abstrahiert, während konkrete Kunst keinen Bezugsrahmen mehr habe. Warum sie dann „konkret“ heißt, habe ich vergessen. (Danke, percanta weiß es: „Bei konkreter Lyrik wird das Prinzip der Autoreferentialität ins Extrem getrieben, Sprache verweist auf sich selbst bzw. stellt sich in der konkreten Lyrik selbst dar.“ So ist es bei der Kunst auch.)

Bei der Referatvergabe schnappe ich mir einen Künstler, von dem ich noch nie gehört habe, mit einem Werk, dass ich noch nie sah. Das hat im letzten Semester mit Hans Memling wunderbar geklappt – ich bin seitdem ein Groupie der alten Niederländer –, das klappt dieses Mal mit Herrn Archipenko und seiner Schreitenden hoffentlich auch.

Im Propädeutikum, das die Vorlesung „Kunstgeschichte 1500–2000“ begleitet und über das ich hier schon einmal schrieb, befassen wir uns dieses Mal mit der Baugeschichte des Petersdoms. Ich lerne Namen und Begriffe wie Sangallo und UA 1 und stelle erfreut fest, dass ich noch eine Menge der architektonischen Begriffe kenne, die ich für die Klausur auswendig lernen musste. Ich stelle allerdings auch fest, was ich schon wieder alles vergessen habe. (Kolossalordnung! Weiß ich doch!)

Abends gab’s Fußball im Fernsehen, da schlug so ein bayerischer Verein einen aus Barcelona. Vor meinem Fenster in der äußerst spießigen Maxvorstadt hupten einige Menschen zaghaft, während andere im Vereinstrikot sich lautstark freuten. Ich widerstand dem Drang, mein Gomez-Trikot triumphal aus dem Fenster zu hängen, und prostete anderen Fans imaginär und auf Twitter zu.

Mittwoch

Zweite Stunde Werkhören, in der ich mich etwas dämlicher anstellte als im Skulpturenkurs. Als die Referate vergeben wurden, war ich gänzlich unvorbereitet (ich hätte beim Kopieren am Montag mal die anderen Seiten im Ordner angucken sollen, wo die Themenvorschläge lagen), bat die Dozentin, mir einfach ein Thema zu geben und darf jetzt im Juni bei wahrscheinlich 30 Grad über das Weihnachtsoratorium referieren. Jauchzet, frohlocket.

Nach dem Kurs trug mich mein Fahrrad mit dem schönen Namen Grane (das googeln Sie bitte mal selbst, am sinnigsten im Zusammenhang mit Wagners Ring) vom Schweinchenbau ins Hauptgebäude, wo ein weiterer Lieblingsdozent mit der Vorlesung „Altniederländische Malerei“ auf mich wartete. Auch bei ihm war klar, den wähle ich, ganz egal worüber er redet, aber dass es ausgerechnet meine neuen Lieblinge sind, macht das ganze natürlich noch toller. In der letzten Stunde meinte er zur Einleitung: „Ich kann Sie nur zu Ihrer hervorragenden Kurswahl beglückwünschen. Die Geschichte der europäischen Malerei ist ohne die Niederländer nicht nachzuvollziehen.“ Nach den schmeichelhaften Worten folgten allerdings 90 Minuten lang verschiedene Stammbäume aus Burgund und Flandern aus 200 Jahren und der dringende Hinweis, das auswendig zu lernen, „das begegnet Ihnen immer wieder.“ Ächz.

In dieser Stunde kamen zu den Namen wie Johann Ohnefurcht, Philipp der Gute, Maria von Burgund und Maximilian von Österreich die passenden Ländereien dazu. Wir streiften per Powerpoint durch Brügge, Antwerpen, Breda, Utrecht, Brüssel und Gent, ich lernte die Lukas-Madonna (Lukas hat ein Buch in der Hand; er gilt als der Evangelist, der die erste Biografie der Mutter Gottes schrieb) und Maria lactans als Überbegriff kennen und ergötzte mich zum wiederholten Male an allem, was Jan van Eyck jemals gemalt hatte.

Abends gab’s Fußball im Fernsehen, da schlug so ein Verein aus Dortmund einen aus Madrid, was ich aber erst ab der zweiten Halbzeit bewusst mitbekam, weil ich davor unplanmäßig viel arbeiten musste. So für Geld. Mach ich ja auch noch.

Donnerstag

Erste Sitzung in Musikwissenschaft bzw. der Ringvorlesung Musikgeschichte. In diesem Semester befassen wir uns mit allem zwischen 1830 und heute, was ich für ein ziemlich gewagtes Unterfangen hielt, weil das alles in meinem Kopf noch nicht recht zusammenpassen will, so von Wagner zu Cage und so. Aber: Der Professor begann schlauerweise damit, uns einen kurzen gesellschaftspolitischen Abriss über das 19. und 20. Jahrhundert zu geben und so Strömungen aufzuzeigen, die sich auch musikalisch niederschlugen und die sich teilweise sogar glichen. Also zum Beispiel die vielen technischen Neuerungen, die das 19. Jahrhundert mit sich brachte und so neue Instrumente schuf; unser heutiges Klavier ist ein Kind des 19. Jahrhunderts, und die Bläser arbeiten auf einmal mit Ventilen anstatt mit Klappen. Der Klang verändert sich, die Möglichkeiten für das Orchester verändern sich – genau wie im 20. Jahrhundert, wo auf einmal Synthesizer und Computer zum Instrumentarium gehörten. Technik bedeutete auch, dass durch Schallplatten, CDs und MP3s aus dem ephemeren Kunstwerk Musik auf einmal ein ständig präsentes wurde. Die Arbeitsbedingungen von Künstlern änderten sich; sie wurden von Hofkomponisten zu eigenständigen Unternehmern und sind es bis heute. Wagner legte mit seinem soganannten „Kunstwerk der Zukunft“ und seiner „unendlichen Melodie“ den Grundstein für die Zwölftonmusik, den Bruch von Dur- und Moll-Tonalitäten und das „Gesamtkunstwerk“. Im 20. Jahrhundert begann Schönberg mit Farben die „Befreiung von Klang und Geräusch“ – es gibt keine Melodie mehr, der man folgt, sondern nur noch „changierende Klänge“. Weitere Stichworte: Filmmusik, politische Musik, populäre Musik, Globalisierung. Okay, sold. Gimme more.

(Dress like a MuWi-student.)

Theoretisch hätte ich jetzt zwei Stunden Pause bis zur Vorlesung in KuGi, aber wer sind wir denn, im Café rumsitzen kann ich auch wann anders: Ich setze mich stattdessen in die Vorlesung „Französische Kunst des 17. Jahrhunderts: Architektur, Skulptur, Malerei“. Tolles Thema – eher untoller Dozent. Das ist nämlich der Herr, bei dem ich im letzten Semester was über die Romanik lernen durfte, und er ist der einzige, bei dem ich mal eingeschlafen bin. Und: Er rückt seine Folien erst nach Aufforderung heraus, was im Wintersemester so aussah: Zu Weihnachten, also zwei Monate nach Vorlesungsbeginn, standen sie zum Download bereit, jedenfalls der erste Teil – 250 Seiten unbeschriftete Bilder, 300 MB. Ist klar. Wenn ich nicht einen riesigen Bildband zum Thema besessen hätte, aus dem nebenbei fast alle Bilder stammten, wäre ich mit Pauken und Trompeten durch die Klausur gefallen. Ich habe in der VL nie einen roten Faden gesehen, wir sprangen von Kirche zu Kirche, hier ein Kapitell, da ein Tympanon, dort ein Kreuzgang, ich wusste nie, warum und wieso und ich war dauernd genervt. Aber: Nach der letzten Stunde dachte ich nicht mehr, schnarch, Romanik, sondern WOW, ROMANIK! Anscheinend hat er mir doch etwas beibringen können bzw., noch besser, die Liebe zu einer Epoche in mir wecken können, ohne dass ich es gemerkt habe.

Daher setze ich mich jetzt in seine neue Vorlesung, in der wieder zu 95 Prozent Senior_innen sitzen (letztes Mal waren wir 14 Leute in der Klausur aus einem Hörsaal, in den 150 Menschen reinpassen und der immer gut gefüllt war) und versuche wachzubleiben. Das klappt bis jetzt, aber genau wie beim letzten Mal springen wir gerade von einer Schlossfassade zur nächsten, dann ne Kirche in Paris, dann ein Platz in habichvergessen … egal, ich muss nicht mitschreiben, ich kriege hier keine Punkte, und irgendwas wird schon hängenbleiben.

Und dann endlich die Vorlesung zur Kunstgeschichte, Renaissance bis heute, bei einem neuen Dozenten. Eine meiner Kommilitoninnen beschwerte sich im Skulpturenkurs bei mir, dass sie ihn nicht so toll fände, woraufhin ich händewedelnd widersprach. Der gute Mann hat es nämlich drauf, seine Folien fast werbisch zu verfassen. Immer schön Dinge anteasern, die man nur versteht, wenn man ihm zuhört – Zusammenhänge, Details, Künstler und was die mit anderen Künstlern zu tun haben. Oder mit diesem Bild, was wir gerade sehen. Oder mit dem, was wir vor fünf Minuten gesehen haben. Ich persönlich habe 20 Aha-Effekte in jeder Sitzung und hänge an seinen Lippen. Außerdem bewundere ich ihn für seine Contenance, denn in der ersten Sitzung meldete sich mitten im Satz eine Dame in der ersten Reihe und hielt ihre Hand stoisch fünf Minuten hoch, bis er sie sah, woraufhin sie die Kracherfrage losließ, ob das klausurrelevant sei. Klausurrelevant. Erste Sitzung. Ich war schon beim Fremdschämen, als er meinte, über die „technischen Details“ des Kurses sprächen wir am Ende, als sie noch mal nachlegte: „Wann ist denn die Klausur?“ Und daraufhin wurde er ein bisschen lauter und meinte, wenn das unsere einzige Sorge wäre, ob irgendwas klausurrelevant sei, dann sollten wir unsere Studienwahl bitte noch mal überdenken. An mein Herz!

(Die LMU eröffnet den Sommer: Die Springbrunnen sind an.)

Freitag

Wie Montag ein sehr kurzer Unitag, der nur aus einem Kurs besteht, nämlich der Übung zur Vorlesung in Musikgeschichte. Auch wieder ein neuer Dozent, und der wird es etwas schwerer haben, an mein Herz zu kommen: Er kann nämlich nicht stillhalten. Wenn er nicht in der Gegend rumwandert und gestikuliert, steht er vorne am Pult oder am Overheadprojektor oder am Rechner oder am CD-Spieler und daddelt mit irgendwas rum, mit Kreide, mit der Beamer-Fernbedienung, mit einem Stift, mit seinen Unterlagen. Es. Macht. Mich. Wahnsinnig. Ich habe irgendwann nur noch in mein Moleskine geguckt, auch wenn ich gerade nichts zur Symphonie Fantastique von Berlioz zu notieren hatte, aber sonst wäre ich irgendwann aufgesprungen und hätte ihn an irgendwas gefesselt.

Müsli mit Kokos, Nüssen, Schokolade und Banane

Das Rezept stammt aus Nickys Kochbuch Sweets: Himmlische Verführungen für den ganzen Tag und dort heißt es „BaNuSchoKo-Granola“, aber den Begriff wollte ich nicht für die Überschrift klauen. Das Rezept allerdings mit Kusshand, denn es ist sehr einfach zu machen, beduftet die ganze Küche und schmeckt traumhaft.

In den Pausen zwischen den Vorlesungen oder in der Agenturmittagspause esse ich ungesüßtes Müsli und schneide säuerliche Äpfel rein. Deswegen wird Nickys Mischung auch eher die Sonntagnachmittagsvariante werden, denn sie ist deutlich süßer als meine normale Mischung.

Für ungefähr 700 Gramm Müsli
250 g zarte Haferflocken in einer Schüssel mit
50 g Kokosraspeln und
1/4 TL feinem Meersalz mischen.

75 g Mandeln und
50 g Pekan- oder Walnüsse grob hacken und zu den anderen trockenen Zutaten geben.

In einem Rührbecher
75 ml Ahornsirup,
1 EL Rohrohrzucker (z.B. Muscovado) und
1 sehr reife Banane mit einem Pürierstab vermixen.

Den Bananenbrei nun gut (!) mit den trockenen Zutaten vermischen, es sollte alles was von der Flüssigkeit abbekommen. Ich habe zum Schluss nochmal alles kurz mit den Händen durchgemischt. (Es ist weitaus weniger klebrig als gedacht.) Die Mischung gleichmäßig auf einem mit Backpapier ausgelegten Backblech verteilen und im auf 160° vorgeheizten Backofen für 25 bis 35 Minuten backen. Alle zehn Minuten die Mischung durchrühren, damit alles gleichmäßig gebräunt wird. (Das ist mir nicht ganz gelungen.)

75 g zartbittere Schokolade (50–60 % Kakaoanteil) nicht allzu fein hacken, circa erbsengroße Stücke sind perfekt. Das Blech aus dem Ofen nehmen und die Schokobröckchen sofort über das Müsli streuen, um sie zu schmelzen. Nach fünf Minuten nochmal durchmischen, alles zu einem Päckchen zusammenfalten und in einer Schüssel für zwei Stunden in den Kühlschrank geben.

Eine Variante, die ich nicht ausprobiert habe – ich mag es, wenn alles nach Schokolade schmeckt, und das tut es mit der obenstehenden Methode –, ist, das Müsli erst auskühlen zu lassen und dann die gehackte Schokolade darüberzustreuen. Dann gibt es halt normale Schokostückchen.

Wie auch immer: Alles in einem luftdichten Behälter aufbewahren. Oder an einem Wochenende aufessen. Das ist jedenfalls mein Plan.